Ausgabe: 5/2015, Seite 24   -  Leben & Umwelt

WIR SOLLTEN WIEDER TRÄUMEN

Der Psychologe Stephan Grünewald ist überzeugt: Blinder Leistungsdruck und ständiges Streben nach „mehr“ rauben uns die Kreativität und treiben uns in die Erschöpfung.

Das Gespräch führte Claudia Christine Wolf
 

Wir leben im Zeitalter der digitalen Medien. Wer Bus oder Bahn fährt, schaut nicht aus dem Fenster, sondern klickt sich mit dem Smartphone durchs Internet. Halten wir es nicht aus, nichts zu tun, Herr Grünewald?

Ständige online zu sein spiegelt den Zustand unserer Gesellschaft wider. Wir sind von einer inneren Unruhe befallen, die wir in besinnungslose Betriebsamkeit umwandeln. Gleich nach dem Aufwachen checken wir unsere E-Mails, auf dem Weg zur Arbeit treffen wir Terminabsprachen, Überstunden sind völlig normal, und wer am Abend erschöpft auf sein Sofa sinkt, meint Lob und Anerkennung zu verdienen.

Wohin führt uns die Maximierungskultur mit ihrem „höher, schneller, weiter“?

Das weiß keiner so genau – und da steckt auch das Problem. Viele haben das Gefühl, an einem Punkt angekommen zu sein, an dem es nicht mehr weiter geht. Das erzeugt eine diffuse Angst. Doch statt unseren Sorgen Raum zu lassen oder unser Tun zu hinterfragen, stürzen wir uns Tag für Tag erneut ins Hamsterrad.

Fördern Smartphone & Co diesen wilden Aktionismus?

Mit dem Smartphone gelangen wir quasi per Knopfdruck ins Paradies der tausend Möglichkeiten. Auch in allen anderen Lebensbereichen haben wir die Qual der Wahl. Früher gab es nur eine Handvoll lohnenswerte Ziele, die man über einen mühevollen Weg erreichen konnte. Seit Ende der 1980er-Jahre erleben wir einen Paradigmenwechsel. Uns scheinen heute fast unendlich viele Möglichkeiten offen zu stehen, die wir im Prinzip nur anzu-klicken brauchen. Das überfordert und erschöpft uns. Es fällt uns sehr schwer, uns für eine Sache wirklich zu entscheiden.

Welche Rolle spielen Konsumprodukte in unserer Gesellschaft?

Ohne das Gegenständliche ist seelisches Leben nicht möglich. All unser Tun hat eine Produktseite: Wir schlürfen unseren Kaffee, kauen unser Brötchen oder lesen die Zeitung. Was sich gewandelt hat, ist die Vielfalt der Produktmöglichkeiten. Heute gibt es Tausende Versuchungen am Wegesrand, die uns dazu auffordern, einen Kreuzzug gegen die Langeweile zu führen.

Was sind die Folgen?

Der Körper signalisiert uns, wenn wir in ein Zuviel hineingeraten sind. Unsere Studien am Rheingold-Institut belegen, dass Kopfschmerzen ein Warnsignal sein können, eine Art seelische Verdauungsstörung, die uns zeigt, dass wir all die parallel laufenden Programme nicht verarbeiten können. Im besten Fall zwingen uns die Kopfschmerzen zur Ruhe. Wenn wir das Warnsignal aber ignorieren, indem wir es mit einer Tablette betäuben, kann es irgendwann zu Bandscheibenproblemen, einer Magenschleimhautentzündung oder sogar zum Burnout kommen.

In Ihrem Buch „Die erschöpfte Gesellschaft“ beschreiben Sie den Traum als Weg aus dem Hamsterrad. Was passiert beim Träumen?

Im Traum liegt unsere Motorik still, wir befinden uns nicht mehr in einem Zustand besinnungsloser Betriebsamkeit, sondern sind vielmehr besinnungsvoll unbetriebsam. Das erlaubt eine gewisse Narrenfreiheit. Der Traum stürzt uns ins Ungewisse, spielt in seinen Sinnbildern all das durch, was in der Tagesaktivität untergegangen ist, unsere versteckten Ängste, Wünsche und Sehnsüchte. Der Traum schafft deshalb eine Korrekturmöglichkeit: Er rückt ins Blickfeld, was wir tagsüber nicht wahrnehmen konnten oder wollten. Das kann auch Angst machen.

Warum?

Weil der Traum seinen Finger in die Wunde legt. Er fordert uns auf, unser Leben zu ändern. Das ist ungeheuer anstrengend und kann am Selbstwertgefühl nagen. Aber wenn wir nicht mehr träumen und uns immer stärker dem Effizienzdiktat unterwerfen, verlieren wir unsere Kreativität, unsere Schöpfer- und Erfindungsgabe.

Deutschland als „Land der Dichter und Denker“ – ist es damit vorbei?

Es besteht zumindest in Gefahr. Zwei Weltkriege und unsere geografische Lage – mitten in Europa sind wir ungeheuer vielen Einflüssen ausgesetzt – haben dazu geführt, dass wir keine feste nationale Identität mehr haben. Wir sind gewissermaßen Suchende. Gerade dies könnte auch große Erfindungen, Patente, Kunst und Dichtung hervorbringen. Doch wenn wir dem Suchen keinen Raum einräumen und unsere Unruhe mit dem Smartphone ableiten, verlieren wir unsere Schöpferkraft.

Mal ganz praktisch: Wenn der Wecker um sechs klingelt, sind unsere Träume zu Ende …

… und genau da setzt meine Kritik an: Wir geben der Traumlogik gar keine Chance, weil wir morgens direkt in den Betriebsmodus springen. Wenn wir noch ein bisschen liegen bleiben, können wir mit dem unbewussten Gedankenstrom Kontakt aufnehmen.

Gibt es Alternativen zum nächtlichen Träumen, zum Beispiel Tagträume, Tagebuch schreiben oder andere Hobbys wie Malen oder Yoga?

Ihre Frage zeigt im Grunde, dass wir Gefahr laufen, sogar den Traum dem Effizienzdiktat zu unterwerfen, indem wir uns zum Träumen verpflichten wollen. Trotzdem sind die Dinge, die Sie nennen, Möglichkeiten, mit unserem unbewussten Gedankenstrom Kontakt aufzunehmen. Das klappt aber nicht, wenn wir versuchen, eine Liste abzuarbeiten. Wir müssen uns tatsächlich öfter einfach mal treiben lassen.

Haben Sie ein paar simple Empfehlungen, mit denen man zu mehr Ruhe findet?

Das Smartphone einfach mal zu Hause lassen, wenn man morgens zur Arbeit geht. Und: Man sollte nicht alle Aufgaben des Tages ineinander packen. Wir brauchen Dehnungsfugen, um innezuhalten. Wenn wir uns hin und wieder entspannt zurücklehnen, in der Mittagspause Zeitung lesen oder einfach aus dem Fenster schauen, kann sich etwas entwickeln.

Wie haben soziale Medien wie Facebook unser Leben verändert?

Immer, wenn ein neues Medium eingeführt wird, kommt es zu einem Wechselspiel zwischen Untergangsszenarien und Erlösungsverheißungen. Das war schon früher so – erst beim Radio, dann beim Fernsehen und jetzt beim Internet. Heute gibt es die sozialen Medien, das „Web 2.0“. Ich glaube, man muss da nüchtern sein: Mit Facebook geht die Welt nicht unter. Unsere Studien belegen aber auch, dass Facebook uns nicht glücklicher macht. Das Sammeln von „Likes“ zeigt zum Beispiel, dass die Suche nach Applaus an die Stelle einer „Werkgesinnung“ getreten ist.

Was meinen Sie damit?

Wir sind süchtig nach Applaus – nach „Likes“, wenn man so will –, weil wir selbst kein Gefühl mehr dafür haben, ob wir etwas gut gemacht haben. Das führt dazu, dass die Leute auf Facebook posten und posten, aber merken, dass eigentlich gar keiner richtig hinschaut. Vielleicht kriegt man mal fünf oder sechs „Likes“, aber faktisch hat man trotzdem nicht mehr Freunde. Aufs Berufsleben bezogen bedeutet das: Ein Schreiner, der ein Möbelstück anfertigt, befindet sich in einem Prozess, in dem er ein Gefühl dafür entwickelt, ob sein Werk gut wird oder nicht, und woran er noch arbeiten muss. Irgendwann weiß er, dass er fertig ist – und dann ist er stolz. Ich nenne das Werkstolz. In unserem Alltag haben wir diesen Werkbezug nicht mehr.

Woran liegt das?

Daran, dass wir auf zig Veranstaltungen gleichzeitig unterwegs sind, ganze Mail-Hundertschaften abrufen und von einem Meeting ins nächste hasten. Am Ende des Tages wissen wir nicht, was wir geschafft haben und ob das gut und sinnvoll war. Den fehlenden Werkstolz kompensieren wir durch den Erschöpfungsstolz oder das Feedback unserer Kollegen: Je erschöpfter wir am Abend aufs Sofa sinken, desto mehr Applaus hoffen wir zu bekommen.

Warum wehrt sich niemand gegen das ständige Streben nach „mehr“?

Es gibt durchaus Gegenbewegungen, die Sehnsucht nach einem entschleunigten Leben, nach mehr Achtsamkeit. Wir beobachten heute die Renaissance des Schrebergartens, und die Jugend schätzt die Biedermeier- Tugenden: Sie legt wieder Wert auf Verlässlichkeit, Treue und eine vernünftige „Work-Life-Balance“.

Wie bringt man seinem Chef bei, dass man ab und zu träumen muss, ohne seinen Arbeitsplatz zu riskieren?

Zum Beispiel, indem man ihm mein Buch schenkt (lacht). Mit Arbeitsbedingungen, die erschöpfend statt schöpferisch sind, schneidet man sich nur ins eigene Fleisch. Beim Träumen entstehen Ideen, die die Firma voranbringen können. Einige Unternehmen haben das durchaus begriffen. VW zum Beispiel schaltet den Mailserver ab 18 Uhr ab, da man an den zunehmenden Krankenständen festgestellt hat, dass niemand etwas davon hat, wenn sich die Mitarbeiter nicht erholen können.

Manche Menschen ändern ihr Leben radikal und leben als „Aussteiger“ in einer kanadischen Blockhütte oder in einem Wohnwagen. Ist das eine Lösung oder eher eine Flucht?

Es ist zumindest eine Möglichkeit, die eingefahrenen Gleise zu verlassen und eine Revision zu machen: Bin ich eigentlich zufrieden mit meinem Leben? Gibt es etwas, das ich ändern möchte? Solche Fragen kann man bei „laufendem Motor“ nicht beantworten.



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