Ausgabe: 6/2014, Seite 60   -  Erde & Weltall

ALARMISTEN STEHEN IM REGEN

Die Zeiten der Horrorszenarien sind vorbei. Immer mehr Klimaforscher setzen auf eine nüchterne Betrachtung – und auf Konzepte, wie die Menschheit mit wärmeren Zeiten fertig werden kann.

von Nils Ehrenberg
 

Am 27. September 2013 um 10 Uhr war es soweit: In Stockholm trat der Klimarat der Vereinten Nationen vor die Weltöffentlichkeit und präsentierte den ersten Teil von „AR5“, dem neuen – nun schon fünften – großen UN-Report zum Weltklima. Traditionell befasst sich dieser erste Teil mit den wissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels. Im März und April 2014 wurden auch Teil 2 zu den Folgen und Teil 3 zu möglichen Strategien gegen den Klimawandel veröffentlicht.

Wie schon der Vorgänger-Bericht wird auch dieser UN-Report in den kommenden Jahren die zentrale Diskussionsgrundlage für Wissenschaftler und Klimapolitiker sein. Ein gefundenes Fressen also für die Medien, sollte man meinen. Doch die große Berichterstattungsflut blieb aus. Nur wenige Artikel gab es für kurze Zeit auf den Startseiten der großen Informationsportale, aber sie versanken schnell wieder in den Tiefen der Online-Archive.

Jochem Marotzke ist einer der koordinierenden Autoren des 1535 Seiten starken ersten Teils des Mammutwerks, für den 259 internationale Experten mehr als 9000 wissenschaftliche Studien ausgewertet haben. „In den wesentlichen Punkten bekräftigt der aktuelle Bericht die Aussagen aus dem vierten Sachstandsbericht von 2007“, sagt der Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. „Deshalb wundert mich die geringe Aufmerksamkeit der Medien nicht.“

Im Bericht von 2007 war sich der Klimarat zu 90 Prozent sicher, dass der Haupttreiber des Klimawandels das von Menschen in die Atmosphäre geblasene Kohlendioxid ist. Die nun in Stockholm verkündete, auf 95 Prozent gestiegen Sicherheit mutet da an wie eine Marginalie. „Doch ein zweiter Blick lohnt sich“, meint Marotzke. „Denn die Ergebnisse zu Wärmebudget und Meeresspiegelanstieg sind außerordentlich bedeutsam.“

Viel diskutiert wurde in den letzten Jahren vor allem die „Erwärmungspause“ an der Erdoberfläche, wo die Wissenschaftler seit 15 Jahren keinen wesentlichen Temperaturanstieg mehr nachweisen können. Klimawandelskeptiker führten diesen Umstand als Beweis gegen die globale Erwärmung ins Feld. „Dieses Argument hat sich nun in Luft aufgelöst. Denn den Fehlbetrag der Erwärmung an der Oberfläche finden wir deutlich in den Ozeanen, die sich weiter ungebremst aufheizen“, erläutert Marotzke. „Und entscheidend ist nun einmal der Wärmeinhalt des gesamten Klimasystems.“ Auch die Ergebnisse zum Meeresspiegelanstieg sind brisant. Denn der Klimarat korrigierte das bis zum Ende des Jahrhunderts erwartete Anschwellen des weltweiten Pegels von 18 bis 59 Zentimeter deutlich nach oben: auf 26 bis 82 Zentimeter.

Symptom einer Trendwende?

Warum dann also das geringe Interesse der Öffentlichkeit? „Der vierte Sachstandsbericht von 2007 hat das Thema Klimawandel vom politischen Rand in den Mainstream geführt. Heute ist das Thema Tagesgeschäft. Eine Aufmerksamkeit wie 2007 gibt es nur einmal“, meint Jochem Marotzke. „In der Politik aber, das kann ich aus eigener Erfahrung versichern, ist der neue Bericht sehr wohl angekommen.“ Die in Stockholm vertretenen Regierungen und Ministerien hätten die Informatio-nen mit großem Interesse aufgenommen. Möglicherweise ist die Berichtflaute von Stockholm aber auch das erste Symptom einer großen Trendwende in der gesellschaftlichen Wahrnehmung des Klimawandels und seiner Folgen.

Die Fakten sprechen für diese These. Kommunikationswissenschaftler Mike S. Schäfer hat sie gesammelt. Er untersucht an der Universität Zürich, wie die Medien das Bild des Klimawandels in der Gesellschaft prägen und damit Politik und Forschung beeinflussen. „Wir haben in einer Studie die Entwicklung der Medienaufmerksamkeit bezüglich des Klimawandels in 27 Staaten der Welt untersucht. Das Resultat: In fast allen Ländern zeigt sich ein ähnliches Bild“, berichtet Schäfer. Von einem niedrigen Niveau während der 1990er-Jahre stieg die Berichterstattung ab dem Jahr 2000 bis spätestens 2005 sprunghaft an. Der Höhepunkt 2009 fiel zeitlich mit der Klimakonferenz in Kopenhagen zusammen. Seither ist die Aufmerksamkeit langsam gesunken, sie liegt heute aber immer noch deutlich über dem Niveau der 1990er-Jahre.

Kaum Neuigkeiten

Den Grund für das schwindende Interesse sieht Schäfer ähnlich wie Marotzke: „Die wissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels sind heute in den wesentlichen Punkten bekannt. Die Journalisten können meist nur wenig wirklich Neues darüber berichten, weshalb sich bei ihnen eine gewisse Klimamüdigkeit zeigt“, meint er. „Deshalb beobachten wir einen sukzessiven Verlust an Aufmerksamkeit.“ Mehr noch: Nach Ansicht von Mike Schäfer hat sich auch die Art der Berichterstattung deutlich verändert. So finden zwar Klimaskeptiker und Klimaleugner in Deutschland nach wie vor kaum ein Forum in der Presse. Deutlich häufiger als noch vor einigen Jahren wählen Journalisten jedoch sogenannte Klimarealisten als Gesprächspartner – also Wissenschaftler, die sich eher zurückhaltend und vorsichtig zum Thema äußern und vor Alarmismus warnen.

„Lange wurde das Thema Klimawandel vor allem von Wissenschaftsjournalisten bearbeitet, die oft selbst eine gewisse Forscherkarriere hinter sich haben“, erklärt Mike S. Schäfer. Durch ihre Nähe zum Forschungsbetrieb und seinen Akteuren fühlten sich viele dieser Journalisten eher als Wissensvermittler denn als kritische „Aufpasser“. Doch nun kämen immer stärker Journalisten aus anderen Ressorts hinzu, die sich vor allem mit den gesellschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels befassen. „Die Folge ist, dass die Berichterstattung über die Klimawissenschaft deutlich kritischer wird.“

Ein kritischer Wissenschaftler ist der Direktor des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht bei Hamburg, Hans von Storch. Zu einseitig, so sein Vorwurf, hätten einige Forscher die katastrophalen Folgen des Klimawandels in den Vordergrund gerückt, Horrorszenarien gezeichnet und dabei viele wissenschaftlichen Unsicherheiten in Sachen Klimawandel außer Acht gelassen. Der Meteorologe machte sich damit zur Zielscheibe für teils heftige Kritik aus den eigenen Reihen.

Wissenschaftler als Weltenretter

Von Storchs Position zur Rolle der Medien ist klar: „Viele haben in der Vergangenheit eine regelrech-te Hofberichterstattung betrieben. Forscher gelten da per se als gut: Sie kämpfen an der Seite der Umweltschutzorganisationen für die Rettung der Welt und dürfen deshalb nicht kritisiert werden.“

Hans von Storch spricht sich für eine Gleichbehandlung von Personen des öffentlichen Lebens aus: „Bischöfe kaufen sich teure Badewannen, Schauspieler haben Affären, Politiker gucken fragwürdige Filme.“ Sie alle würden dafür von der Presse zu Recht hart angefasst. „Peer Steinbrück musste sich wegen seiner Vortragshonorare öffentlich rechtfertigen. Aber fragt jemand bei Klimawissenschaftlern nach, ob sie in fragwürdige wirtschaftliche oder politische Interessen verstrickt sind? Nein.“ Dabei meine er nicht „die dumme Behauptung, Skeptiker seien samt und sonders von der Kohle- und Ölindustrie gekauft“.

Die Vorwürfe treffen nicht nur bei Journalisten, sondern auch bei Wissenschaftlern einen wunden Punkt. Denn was verleitet einen Wissenschaftler zu einer einseitigen Beurteilung der eigenen Forschungsergebnisse? Von Storchs Analyse: „Es gibt in der Gesellschaft eine tief verwurzelte Vorstellung von einer Natur oder einer höheren Macht, die zurückschlägt und uns bestraft, wenn wir ihr etwas antun. Retten können wir uns nur, wenn wir umkehren und unser Verhalten grundlegend ändern. Ich zweifle nicht daran, dass viele alarmistische Wissenschaftler wirklich glauben, etwas Gutes zu tun.“

Doch den größten Fehler sieht er bei der Politik. Diese, meint von Storch, habe schließlich die Linie „alternativloser Klimaschutz“ vorgegeben. „Fatal ist, dass man auf Regierungsebene versucht hat, die politische Debatte abzukürzen, indem man auf die Wissenschaft verwiesen hat.“ Einige Forscher hätten sich dazu verleiten lassen, hier und da für die „gute Sache“ die wissenschaftliche Objektivität flexibel zu handhaben und eine Sicherheit bei den katastrophalen Folgen des Klimawandels vorzugeben, die es vom wissenschaftlichen Standpunkt aus gar nicht gibt.

„In der Folge gerieten – mit politischer Rückendeckung – verstärkt Experten mit alarmistischen Tendenzen ins Rampenlicht, die im Stil einer Politikberatung den nötigen wissenschaftlichen Unterbau lieferten. Wer Kritik daran äußerte, war ein Ketzer und stand alleine da“, sagt Hans von Storch. „Letztlich hat die Politik von der Wissenschaft etwas verlangt, was diese gar nicht leisten kann.“ Sie sollte den Kampf zwischen Skeptikern und Alarmisten austragen. Es galt: schwarz oder weiß. Die Gegenpole: Der Klimawandel sei mörderisch wirksam und bedrohe unser aller Leben. Oder er sei erstunken und erlogen und behindere den Fortschritt. „Dazwischen gab es nichts“, betont von Storch.

Doch die Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß, sondern bietet Grautöne. Sie liefert viele Ergebnisse, die deutlich für massive und zum Teil katastrophale Folgen des Klimawandels sprechen, zeigt aber auch Mechanismen auf, die diesen entgegenwirken oder sie zumindest dämpfen könnten. Am Ende sollte im Sinne einer Orientierung an den Fakten eine nüchterne „Unter-dem-Strich-Analyse“ der Ergebnisse stehen. „Was wir mit diesen Erkenntnissen dann anfangen, ist eine gesellschaftspolitische Frage, die nicht von der Wissenschaft selbst beantwortet werden kann“, findet Hans von Storch. „Wollen wir uns an den Klimawandel anpassen? Oder wollen wir mit größtmöglicher Anstrengung Treibhausgas-Emissionen reduzieren? Oder kombinieren wir beides? Das muss im öffentlichen Diskurs entschieden werden.“ Die Wissenschaft sollte kein Schlachtfeld sein.

Und genau dieser öffentliche Diskurs scheint nach einem beispiellosen Hype in den letzten 15 Jahren jetzt auf Normalmaß zuzusteuern. Auf medialer Ebene geht die Berichterstattung nach Mike S. Schäfers Analysen zwar zurück, wird aber ausgewogener und vielfältiger. „Den Alarmisten hört kaum noch jemand zu“, ist Hans von Storch überzeugt.

Auch die Wissenschaft selbst scheint die Kritik ernst zu nehmen und sich mehr und mehr in Bodenständigkeit zu üben. Das zeigt sich eindrucksvoll am Beispiel des zweiten Teils des neuen fünften Sachstandberichts, der am 31. März 2014 in Yokohama präsentiert wurde und sich mit Prognosen zu den Folgen des Klimawandels beschäftigt.

Eklat im Klimarat

Im Vorfeld der Veröffentlichung kam es zum Eklat, als der renommierte Umweltökonom Richard Tol aus dem Klimarat zurücktrat, weil der neue Bericht seiner Einschätzung nach in Richtung Alarmismus drifte. Einige Formulierungen, so Tols Vorwurf, seien zugunsten der „apokalyptischen Reiter“ aus dem Entwurf gestrichen worden – etwa der Hinweis, dass Klimarisiken mit erheblichem Aufwand „gemanagt“ werden könnten.

Trotz aller Kritik aus den eigenen Reihen: Der neue Bericht markiert einen Wendepunkt. Er beschäftigt sich erstmals ausführlich mit Anpassungsmaßnahmen, konstatiert Fortschritte im Kampf gegen den Klimawandel und benennt konkret die Unsicherheiten bei den Vorhersagen. So weist der Klimarat darauf hin, dass sich Gesellschaften in der Geschichte schon immer an Klimaschwankungen anpassen mussten – mit unterschiedlichem Erfolg. Die Aussage, dass Anpassung funktionieren kann, hätte noch vor einigen Jahren einen Sturm der Entrüstung ausgelöst, denn Alarmisten wiesen immer wieder darauf hin, dass allein schon die Diskussion darüber den Klimaschutz bedrohe: Regierungen könnten darin einen Ausweg ohne kostspielige Reduktion von Treibhausgasen sehen.

Ausdrücklich betont der Bericht, dass der Klimawandel immer nur ein Faktor unter vielen ist. Besonders deutlich wird der neue nüchternere Weg des Klimarates beim Thema Küstenschutz. Die Überschwemmungen an den Küsten von Bangladesch etwa seien neben den steigenden Pegeln vor allem eine Folge der Staudämme – denn die halten Sand zurück, der früher als „natürlicher Küstenschutz“ über die Flüsse an die Küste gespült wurde. Viele Forscher sehen die Trendwende bei Journalisten und Forschern positiv. Doch eine Frage bleibt offen: Schaden weniger Aufmerksamkeit und mehr Kritik nicht dem Klimaschutz, weil sie den Handlungsdruck auf die Politiker reduzieren – etwa bei internationalen Klimakonferenzen? „Das kann schon sein“, meint Hans von Storch. „Aber auch mit großem Druck auf die Politiker wird es kein wirksames internationales Klimaschutzabkommen geben. Dazu sind zu viele Akteure und wirtschaftliche Interessen im Spiel.“

Doch der Meteorologe ist überzeugt, dass in einigen Jahrzehnten auch ohne harte Reduktionsmaßnahmen viel weniger fossile Energieträger verbraucht werden als heute – allein aufgrund des technologischen Fortschritts. „Für diese innovative Dynamik, die anders als eine rigide Planwirtschaft nicht von oben aufgedrückt wird, ist eine offene Debatte wichtig.“ Hans von Storch ist überzeugt: „Die Gesellschaft wird sich da rauswinden – nicht elegant, aber besser ungelenk als gar nicht.“


Der Bremer Meeresbiologe NILS EHRENBERG berichtet für bdw häufig über die Folgen des Klimawandels.

WARUM PAUSIERT DER KLIMAWANDEL?

Seit 1850 hat sich die Erdoberfläche – genauer: die bodennahe Luft – weltweit um durchschnittlich 0,8 Grad Celsius erwärmt. Während die Fieberkurve der Erde vor 1970 noch deutlich auf und ab pendelte, zeigte der Trend seit 1970 bis zur Jahrtausendwende klar nach oben. Seither ist die Temperatur auf hohem Niveau. Zwar gehören seit 1998 alle Jahre zu den wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen, doch ein starker Anstieg ist ausgeblieben. Die Mehrheit der Klimaforscher geht davon aus, dass sich der Klimawandel nicht abschwächen wird und dass die Temperaturen weiter steigen werden. Doch warum diese Pause, obwohl weiterhin ungebremst CO2 in die Atmosphäre gelangt? Der neue Klimabericht nennt zur Erklärung drei mögliche Gründe:

  • Kurzfristige interne Schwankungen des Klimasystems, zum Beispiel eine verstärkte Aufnahme von Wärmeenergie durch die Ozeane.
  • Ein Minimum im Sonnenfleckenzyklus und eine damit einhergehende leicht verringerte Sonnenstrahlung.
  • Einen deutlichen Kühleffekt durch Aerosole aus mehreren Vulkanausbrüchen der letzten Jahre.

Manche Wissenschaftler halten die Erwärmungspause auch bloß für einen scheinbaren Effekt. Denn im globalen Datensatz klafft in der Arktis eine Lücke, da es dort kaum Messstationen gibt. Weil sich die Arktis stärker erwärmt als der Rest der Welt, könnte die mittlere Temperatur seit 2000 global gestiegen sein, ohne dass die Messkurven das zeigen.



MEHR ZUM THEMA

Internet

Aktueller Sachstandsbericht des Weltklimarats: www.ipcc.ch/report/ar5

Klimadaten und künftige Klimaszenarien vom Deutschen Wetterdienst: www.dwd.de/klima_umwelt

Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg: www.mpimet.mpg.de

Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht: www.hzg.de/institute/coastal_research

Infoseiten der NASA zum Klimawandel: climate.nasa.gov

Infoportal der österreichischen Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik zum Klimawandel: www.zamg.ac.at/cms/de/klima/ informationsportal-klimawandel

Klimaportal des Bundesamts für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz: www.meteoswiss.admin.ch/web/de/klima.html



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