Ausgabe: 1/2013, Seite 82   -  Kultur & Gesellschaft

„HALLO HERR MEIER ICH BIN ES“

Ein schnödes „Hallo“ zur Begrüßung, flapsige E-Mails – für viele junge Leute ist das normal. Weiß keiner mehr, was sich gehört? So einfach ist es nicht.

von Susanne Donner
 

Im Frühjahr 2011 war der Gießener Jura-Professor Martin Gutzeit die E-Mails von „big daddy“ und „lord“ endgültig leid, die ihn mit „Hi“ oder „Servus, Prof“ begrüßten und denen jegliche Schlussformel fehlte. Als Krönung der Anstandslosigkeit empfand er: „Hi, Prof, wann schreiben wir die Klausur?“. Auf seiner Web-Seite platzierte Gutzeit die Anmerkung: „Wir weisen höflich darauf hin, dass E-Mails, bei denen die Form nicht gewahrt ist, nicht beantwortet werden.“

Gutzeit ist nicht der Einzige, der junge Leute bisweilen als unhöflich empfindet. Auch der Jugendforscher Klaus Hurrelmann von der Berliner Hertie School of Governance beklagt das mangelhafte Benehmen „einer wachsenden Minderheit“. Beim Schlangestehen in der Mensa würden Studenten immer wieder nicht den gebührenden Abstand wahren, ihn anrempeln oder sich vordrängeln.

Durch die zunehmenden Klagen über den Verfall der Manieren hat die Höflichkeitsforschung einen neuen Schub erfahren. Welches Zeugnis stellen Wissenschaftler den Jugendlichen aus?

Die meisten Forscher berufen sich auf die Definition von Höflichkeit der Linguisten Penelope Brown und Stephen Levinson von 1987. Demnach bezeichnet Höflichkeit ein Verhalten, bei dem das Gesicht des Gegenübers gewahrt wird. Dieser Respekt vor dem anderen befriedigt zwei grundlegende Bedürfnisse: zum einen das Verlangen nach Ungestörtheit und Handlungsfreiheit, zum anderen das nach Anerkennung. Handlungsfreiheit wird beispielsweise eingeräumt, wenn man in einer Warteschlange ausreichend Abstand hält. Berührt man den Vordermann aus Versehen und entschuldigt sich dafür, so trägt man dessen Bedürfnis nach Anerkennung Rechnung.

Die meisten Studien untersuchen die Höflichkeit der Sprache, aber nur wenige das Verhalten der Jugendlichen. Der Freiburger Soziologe Baldo Blinkert hat 2405 Schüler aus dem Landkreis Waldshut im Schwarzwald nach ihrem Benehmen befragt. Zum Beispiel: „Hast du schon einmal Dinge von anderen zerstört?“ oder „Hast du schon einmal andere verspottet?“ Die vorgegebenen Antworten ordnete er einer Skala von „zivilisiert“ bis „unzivilisiert“ zu. Das Ergebnis nimmt die Jugend aus der Schusslinie: Die meisten Schüler lehnen Gewalt ab, haben ihre Impulse unter Kontrolle und gehen würdig mit Mitmenschen um. Bloß fünf Prozent beantworteten die 17 Fragen so, dass Blinkert sie als unzivilisiert einstufte.

Weniger erfreulich sieht es bei der Sprache aus. Untereinander pflegen Jugendliche einen Umgangston, der nach den Kriterien von Brown und Levinson hochgradig unhöflich ist. Dies dokumentierte Martin Hartung vom Mannheimer Institut für Gesprächsforschung, als er die Dialoge von acht bis zwölf Jugendlichen aufzeichnete, die sich regelmäßig trafen. Damit bereicherte er die Forschung um eine Studie, die als erster Beleg für einen abweichenden Höflichkeitsstil unter Jugendlichen gilt. Eine Kostprobe:

Markus schnappt sich Denis’ Feuerzeug und macht sich daran so zu schaffen, dass es beschädigt werden könnte.

Denis: „Markus, bitte, mein blaues Feuerzeug! Markus, ich kann darüber nicht mehr lachen. Das ist mein absolutes Lieblingsfeuerzeug. Markus, das hab ich vom Bernd geschenkt bekommen.“

Michaela lacht.

Denis: „Gib es mir jetzt mal bitte.“

Statt Denis das Feuerzeug zu geben, wirft Markus es in seine Richtung. Es fliegt aus dem Fenster. Denis: „Du Pisser!“

Markus: „Ich hab wirklich gedacht, du fängst es, aber … dass es aus dem Fenster fliegt, hätte ich nicht gedacht.“

Eine Bitte, so analysierte Hartung, verstehen die Jugendlichen als Herausforderung, den Wunsch dem Bittsteller so lange wie möglich auszuschlagen. Er wird ignoriert, oder die Jugendlichen erfinden fiktive Gegenargumente. Je unterhaltsamer diese sind, sprich: je mehr es zu lachen gibt, umso besser.

Nach Brown und Levinson ist jede ausgeschlagene Bitte eine massive Gesichtsverletzung. Doch: „Die Jugendlichen empfinden das Gefrotzel untereinander nicht als unhöflich“, weiß Hartung. „Es ist ihre Form der alltäglichen Kommunikation.“ Und sie wissen sehr wohl, dass sie nur in der Clique so miteinander umspringen können. Wenn die Jugendlichen einander mobben, sind die Gesichtsverletzungen viel massiver und bewusst boshaft.

Bei der Begrüßung und Verabschiedung unterscheiden Jugendliche zwischen Gleichaltrigen und Lehrern, fand die Linguistin Eva Neuland von der Bergischen Universität Wuppertal in einer Studie mit knapp 300 Schülern heraus. Die Lehrkraft begrüßen sie vorzugsweise mit „Guten Tag“, „Hallo“ oder „Morgen“. Untereinander sind dagegen „Hi“, „Was geht?“ oder auch „Ey, du Penner“ beliebt. Das herkömmliche Händeschütteln wird durch Handschlag oder Berühren der Fäuste ersetzt. Wenn sich die Wege trennen, ist „Hau rein“ bei 40 Prozent üblich, gefolgt von „Ciao“ und „Tschüss“. Die Lehrer werden ebenfalls mit „Tschüss“ oder auch „Schönen Tag“ und „Auf Wiedersehen“ verabschiedet. Das tradierte „Guten Morgen, Frau Müller“ oder „Auf Wiedersehen, Herr Müller“ gab kein einziger Schüler an.

„Die Jugendlichen lehnen althergebrachte Formen der Höflichkeit zum Teil aus dem Grund ab, weil sie diese als unehrlich und ‚schleimig‘ empfinden“, erfuhr Neulands Team, als es nachhakte. Neuland zweifelt nicht daran, dass den Jugendlichen die Formalien konventioneller Höflichkeit bekannt sind. An sich schätzen sie höfliche Umgangsformen sogar, wie die Erhebungen ergaben. Nur: Warum verwenden sie diese dann nicht?

„Seit alters her ist die Jugend eine Phase des Aufbegehrens“, sagt Hurrelmann. Heranwachsende lehnen sich auf, indem sie die Umgangsformen neu definieren. Dazu passt: Je älter sie werden, desto mehr ähneln ihre Umgangsformen denen der Erwachsenen, wie Studien ergaben. „Jugendliche haben außerdem eine ausgeprägte Lust am Spiel mit Sprache“, meint Neuland. Mit Wortschöpfungen – und indem sie Wörter umdeuten – ersinnen sie ihre eigene Sprache. So wurde „Penner“, eigentlich ein Schimpfwort, unter Jugendlichen zum Synonym für „Kumpel“.

Jede Generation hat ihre Kraftwörter mit kurzer Konjunktur: Was vorgestern „heiß“ genannt wurde, war gestern „cool“, dann „geil“, schließlich „krass“ und seit Kurzem „vallah“ – türkisch für „wirklich, bei Gott“. „Deutsche Jugendliche übernehmen die gebrochene Sprache von Idolen mit Migrationshintergrund, weil sie sich mit diesen identifizieren und sich so von den Erwachsenen abheben können“, erklärt Hartung.

Als die Linguistin Carmen Spiegel von der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe mit der Züricher Sprachwissenschaftlerin Ulla Kleinberger Universitätsdozenten und Lehrer zur Höflichkeit von E-Mails aus deren Umfeld befragte, wurden beide mit einer Litanei überschüttet. Als besonders gebeutelt erwiesen sich die Lehrer. Ein Beispiel:

„Betreff: Hi.

Hallo herr meier ich bin es hatice aus der 5a ich wollte fragen wegen Freitag da war ich nicht bei bio ich hatte bauchweh und musste dringend nach hause und ich möchte die hausaufgaben wissen also falls wir hausaufgaben hatten.“ Keine Schlussformel, kein „Bitte“.

„Die E-Mail als neue Form der Kommunikation verursacht eine Vermischung von Privatem und Geschäftlichem“, urteilt Spiegel. „Die Distanz gegenüber Statushöheren wird dadurch aufgelöst. Und es fehlen Muster, die den Heranwachsenden verdeutlichen, wie sie sich per E-Mail an einen Professor oder an eine Lehrkraft wenden.“ Während es für Briefe inzwischen Bücher und zuhauf vorformulierte Standardschreiben gibt, fehlen bei E-Mails entsprechende Vorlagen. Bis vor einem halben Jahr fand Spiegel im Internet sogar noch Ratgeber, die als Anrede ‚Hallo‘ empfahlen. „Das geht in vielen beruflichen Situationen gar nicht“, kritisiert sie.

Die Linguistin analysierte auch den Umgang in Internet-Foren, zum Beispiel auf maedchen.de oder bravo.de. Dort gehen die Jugendlichen durchschnittlich höflich, „manchmal fast kuschelig miteinander um“, findet Spiegel. Auf Beleidigungen stieß sie selten. Kritik wird oft durch Ironie abgemildert. Je nach Forum sind die Gepflogenheiten aber unterschiedlich. Meistens gibt der erste Eintrag den Ton vor. Die Anrede bleibt aufgrund des unbekannten Adressatenkreises anonym und besteht aus einem schlichten „Hallo“ oder „Hi“. Verabschiedungen fehlen oft. Auch das Bedanken ist selten. Und: „Lob ist sogar riskant. Es zieht oft Spott nach sich“, weiß Spiegel.

Die Bilanz solcher Studien: Die neuen Medien tragen zu einem Wandel der alltäglichen Höflichkeit bei. Der Trend zum Informellen ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Ihm sind Ausdrücke wie „Sehr verehrte Dame“, „Durchlaucht“ oder „Ihr Ergebenster“ längst zum Opfer gefallen.

Im Übrigen ist wortkarge Kühle keineswegs nur der jungen Generation eigen, wie folgendes Erlebnis zeigt: Eine etwa 70-jährige Frau mit Krücke öffnet die Tür des Zugabteils, stellt sich vor eine etwa 40-Jährige, die offenbar auf dem von ihr reservierten Platz sitzt und sagt: „102“. Die Angesprochene erwidert: „Haben Sie reserviert?“ „Ja“, brummt die Ältere. Die Jüngere steht wortlos auf und geht. ■


SUSANNE DONNER sagt zum Abschied „Auf Wiedersehen“ – und nur zu ihrer Schwiegermutter „Adieu“, eine Gepflogenheit der beiden.

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Normann Jörgensen Vallah Gurkensalat 4U & Me! Current Perspectives in the Study of Youth Language Peter Lang, Bern 2010, € 59,95

Claus Ehrhardt, Eva Neuland, Hitoshi Yamashita Sprachliche Höflichkeit zwischen Etikette und kommunikativer Kompetenz Peter Lang, Bern 2011, € 54,80

Klaus Hurrelmann Lebensphase Jugend Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung Juventa, Weinheim 2009, € 16,95

INTERNET

Lernprogramm für Höflichkeit in Schulen: www.hoeflichkeit-macht-schule.de

Was Jugendliche bewegt: www.shell.de/jugendstudie

Wie Jugendliche ticken: www.sinus-institut.de



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