Ausgabe: 9/2012, Seite 30   -  Leben & Umwelt

TÖDLICHE IMITATE

Kriminelle, die Handel mit gefälschten Medikamenten treiben, gefährden Menschenleben und verdienen Milliarden. Wissenschaftler entwickeln jetzt Methoden, um ihnen das Handwerk zu legen.

von Ingrid Glomp
 

Gefälschte Medikamente – viele denken dabei zuerst an Potenz- und Schlankheitspillen aus dem Internet. Wirklich dramatisch sind die Probleme jedoch in Afrika und Südostasien: Dort sterben Menschen, weil lebenswichtige Arzneien wie Malaria-Mittel und Antibiotika zu wenig oder gar keine Wirkstoffe enthalten – oder sogar Gift.

Selbst in der westlichen Welt sind keineswegs nur Lifestyle-Präparate gefälscht. Ein aktuelles Beispiel ist das Krebsmedikament Avastin von Genentech. Die Firma, die zum Schweizer Pharmariesen Roche gehört, gab im Februar 2012 bekannt, dass Fälschungen im Umlauf seien. 19 amerikanische Arztpraxen und Kliniken, hauptsächlich in Kalifornien, hatten die Nachahmungen gekauft: Sie enthielten nicht einmal eine Spur der heilenden Substanz. Patienten kamen, soweit man weiß, nicht zu Schaden. Allerdings: Wenn ein schwer kranker Krebspatient stirbt, verdächtigt niemand das Medikament.

Die Spur verliert sich in Kairo

In den USA ist nur Avastin zugelassen, das von Genentech im Land hergestellt wurde. Wie gelangten die Fälschungen dann in die Arztpraxen? Offenbar bekamen die Kliniken die Ampullen von einem Lieferanten mit Sitz in Gainesboro, Tennessee, der die Ware über eine kanadische Firma von einem britischen Zwischenhändler erhalten hatte. Nach Großbritannien kam das Avastin über ein dänisches Unternehmen, das es von einem Schweizer Zwischenhändler bezogen hatte. Der hatte das Mittel von einer ägyptischen Firma gekauft. Die Spur verliert sich in Kairo, wo die Nachrichtenagentur Reuters einen ägyptischen Geschäftsmann aufspürte, der angab, er habe das Avastin über einen syrischen Händler aus der Türkei bekommen. Einem Bericht des Wall Street Journal zufolge zahlten die Ärzte nur knapp 2000 Dollar für das importierte statt 2400 Dollar für das in den USA hergestellte Präparat.

Das gefälschte Krebsmedikament Avastin ist nur die Spitze eines gigantischen Eisbergs. Das vermutlich größte Problem sind Mittel gegen Malaria. 2010 erkrankten 216 Millionen Menschen neu an der Tropenkrankheit, die von einzelligen Parasiten der Gattung Plasmodium ausgelöst wird. Mehr als eine halbe Million Menschen starben, hauptsächlich in Afrika und meistens Kinder unter fünf Jahren. Anders als Touristen schlucken die Einheimischen die Tabletten nicht vorbeugend, weil ihnen das Geld dafür fehlt. „Die Menschen im Malaria-Gürtel brauchen die Mittel immer akut“, erklärt Richard Jähnke vom Global Pharma Health Fund (GPHF), einer gemeinnützigen Initiative von Merck, Darmstadt. „Wenn sie Fieber haben, nehmen sie sie vorsichtshalber ein. Die ärztliche Diagnose sparen sie sich, denn die kostet richtig Geld.“ Viele kaufen die Tabletten von fliegenden Händlern, auf Märkten und in Läden. Bekommt ein Kind ein wirkungsloses Mittel, kann es innerhalb von 48 Stunden an der unbehandelten Malaria sterben.

ZU WENIG WIRKSTOFF

Einer der führenden Experten in Sachen gefälschte Malaria-Medikamente ist Paul Newton. Der Dozent für Tropenmedizin an der University of Oxford arbeitet im Mahosot Hospital in Vientiane, Laos. 2006 veröffentlichte er mit Kollegen einen Forschungsartikel, dessen Titel übersetzt „Totschlag durch gefälschtes Artesunat in Asien“ lautet. Darin erzählen die Mediziner folgende, leider typische Geschichte: Im Februar 2005 wurde ein 23-Jähriger in einem Krankenhaus im Osten Burmas mit dem dort üblichen Artesunat behandelt, einem Abkömmling des Pflanzenstoffs Artemisinin. In der dritten Nacht fiel er in ein Koma und starb kurz darauf. In den Tabletten fanden sich statt 50 nur 10 Milligramm Artesunat. Hauptsächlich bestanden sie aus Paracetamol, das zwar Fieber senken kann, gegen Malaria aber nicht wirkt.

Newton und seine Co-Autoren beschrieben mindestens zwölf verschiedene Fälschungen von Artesunat, die seinerzeit auf dem südostasiatischen Festland in Umlauf waren. Zwischen 38 und 51 Prozent der untersuchten Folienpackungen enthielten keinen Wirkstoff. Abbildungen in der Veröffentlichung zeigen, wie geschickt die Fälscher sogar Hologramme auf den Schachteln nachahmen.

In Ostburma tauchten außerdem – wie die Geschichte des jungen Mannes zeigt – Präparate auf, die geringe Mengen des Wirkstoffs enthielten. Experten vermuten, dass manche Fälscher ihren Produkten kleine Mengen der echten Substanzen beimischen, um einfache Farbtests zu überlisten, die nur anzeigen, ob ein Stoff vorhanden ist oder nicht. Das Fatale: Ist das Medikament nicht stark genug, um sofort alle Erreger zu töten, steigt das Risiko, dass einige Parasiten resistent werden. Das ist gefürchtet, weil die Substanz dann nutzlos wird.

Manche Malaria-Erreger lassen sich bereits durch ältere Medikamente wie Chloroquin nicht mehr bekämpfen. Wenn auch noch Artemisinin seine Wirkung verlieren sollte, wäre das verheerend. In Südostasien gab es bereits erste Fälle von Resistenzen.

Zwischen 2002 und 2010 sammelten und testeten Paul Newton und weitere Wissenschaftler verdächtige Medikamente aus Afrika. In Proben aus Ghana, Nigeria, Tschad, Kamerun, der Demokratischen Republik Kongo, Tansania und Kenia fanden sie gefälschte Mono- und Kombinationspräparate von Artemisinin-Derivaten. Diese enthielten entweder keinen oder zu wenig Wirkstoff. Manchmal fanden sie in den Tabletten auch Sildenafil (die Wirksubstanz von Viagra) oder andere Arzneistoffe, die ernste Nebenwirkungen haben können. Bei manchen Proben handelte es sich um echte, jedoch nachlässig produzierte und daher minderwertige Medikamente. Die Analyse von Blütenpollen in den Tabletten ergab, dass die Imitate vermutlich aus China stammten.

PUDER, KREIDE, KOfFEIN

Bei einer Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2008 genügten in Nigeria 64 Prozent der Malaria-Mittel nicht den Qualitätsstandards, in Ghana waren es 40 und in Kamerun 37 Prozent. Der britische Experte Roger Bate und seine Kollegen haben seit Mitte 2007 mehr als 2000 Medikamentenproben aus Apotheken in 17 Ländern untersucht, hauptsächlich in Afrika und Indien. Etwa jede achte entsprach nicht den Qualitätsanforderungen, angefangen von eindeutig gefälschten Verpackungen bis hin zu einer falschen Dosierung. Dabei versagten Malaria-Mittel häufiger (etwa jedes Fünfte) als Antibiotika (etwa jedes Dreizehnte). 6 Prozent der Proben enthielten überhaupt keinen Wirkstoff. Dafür fanden die Forscher Paracetamol in 36 Prozent der Fälschungen, Talkumpuder in 25 Prozent sowie Mehl in 23 Prozent, außerdem in einigen Kreide, Aspirin, Koffein, Milchsäure, Titanoxid (einen weißen Farbstoff) oder Borosilikat (feuerfestes Glas). In Afrika wies im Schnitt jedes fünfte Präparat Qualitätsmängel auf, zwischen 9 Prozent in Kairo und 49 Prozent in Lubumbashi in der Demokratischen Republik Kongo. „Ich würde in Afrika niemals Arzneimittel kaufen, sondern die Medikamente, die ich brauche, immer aus Deutschland mitnehmen“, sagt Ulrike Holzgrabe, Pharmazieprofessorin und Expertin für Arzneimittelsicherheit. „Denn die Fälschungen können so perfekt sein, dass auch ich sie nicht erkenne.“

Wenn es irgendeine Möglichkeit gibt, durch Betrug mit Arzneimitteln zu Geld zu kommen, hat es vermutlich schon irgendwer irgendwo versucht:

  • 2003 starben in einer Universitäts- klinik in Nigeria zwei Kinder bei Herzoperationen, weil das bei der Narkose verwendete Mittel zur Muskelentspannung nicht dem Standard entsprach und außerdem gefälschtes Adrenalin ohne Wirkstoff verabreicht wurde.
  • 2005 und 2006 wurden in britischen Apotheken gefälschte Cholesterin senkende Mittel entdeckt, die eine zu geringe Dosis des Wirkstoffs enthielten.
  • 2006 warnte das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) vor gefälschten Injektionskanülen. Weil diese nicht genau auf die Spritze passten, bestand Verletzungsgefahr für das Klinikpersonal.
  • Ebenfalls 2006 führte in Panama Hustensaft bei 31 Menschen zu teils tödlichem Nierenversagen, weil die Hersteller den Saft mit Diethylenglykol versetzt hatten, das ihnen über mehrere Zwischenhändler als das teurere Glycerin verkauft worden war und wohl aus China stammte.
  • 2009 bestachen Kriminelle in Ägypten Krankenhauspersonal, um an gebrauchte Fläschchen von Knochenkrebsmedizin zu kommen. Diese füllten sie mit Wasser und verkauften sie für jeweils über 1000 Dollar.
  • Anfang 2012 beschlagnahmte die russische Polizei gefälschte Grippetabletten, die in der Umgebung von Moskau produziert worden waren.

GEWINNe von über 1000 PROZENT

Für Kriminelle ist es ein Milliardengeschäft. „Die Gewinnspannen beim Handel mit gefälschten Arzneimitteln liegen weltweit höher als beim Rauschgift-, Waffen- oder Zigarettenhandel, Gewinne von mehr als 1000 Prozent sind keine Seltenheit“, zitiert das Deutsche Ärzteblatt den Sprecher des Zollkriminalamts, Wolfgang Schmitz.

Gleichzeitig ist das Risiko, erwischt und bestraft zu werden, ausgesprochen gering. In einer Reihe von Ländern ist das Nachahmen von Medikamenten nicht strafbar oder wird dem Imitieren von Markenartikeln wie Handtaschen oder Uhren gleichgestellt. In manchen Ländern versagt die Strafverfolgung mangels Personal oder wegen Korruption. In Deutschland sorgt das Arzneimittelgesetz dafür, dass das Fälschen von Medikamenten mit hohen Strafen geahndet wird, den Tätern drohen bis zu zehn Jahre Freiheitsentzug. Auch die Kontrollen sind besser als anderswo. „In Deutschland und den anderen EU-Mitgliedstaaten werden gefälschte und andere illegale Arzneimittel in erster Linie über den Internethandel vertrieben. Die legale Vertriebskette erwies sich gegenüber Fälschungen als weitgehend sicher“, heißt es in einem Bulletin zur Arzneimittelsicherheit des BfArM und des Paul-Ehrlich-Instituts von Dezember 2011. Das verdanken wir unter anderem verschiedenen Aufsichtsbehörden, die Arzneimittel zulassen, Firmen überprüfen und Medikamente testen.

Hauptquelle: Indien und China

Die meisten gefälschten Arzneien stammen aus Indien und China. Das mag daran liegen, dass in beiden Staaten auch riesige Mengen legaler Präparate produziert werden, etwa die Mehrzahl der Wirkstoffe für amerikanische und deutsche Medikamente. Fälschungen werden in jeder Art von Betrieben hergestellt – von schmuddeligen Baracken bis zu legalen Fabriken, in denen Inhaber oder Angestellte in Nachtschichten Imitationen anfertigen. In China und Indien gibt es Produzenten, die „nach Maß“ liefern. Der Auftraggeber bestimmt, was die Nachahmungen enthalten und welche Aufschrift die Packungen tragen sollen. Roger Bate wünscht sich ein internationales Abkommen zur Bekämpfung gefälschter Medikamente, wie es dies seit 1929 für Falschgeld gibt. Doch das scheitert bereits daran, dass die verschiedenen Staaten sich nicht auf eine Definition für „gefälschte Medikamente“ einigen können.

Paul Newton hofft, dass preisgünstige Malaria-Mittel in Zukunft den Handel mit Imitaten erschweren werden, indem sie den Profit der Fälscher erheblich verringern. Ulrike Holzgrabe gibt jedoch zu bedenken: „Wenn Sie gar nichts in die Tabletten hineintun, ist das immer noch billiger.“ Gerade bei einem riesigen Markt wie dem der Malaria- Medikamente summieren sich auch kleine Gewinne rasch zu ansehnlichen Beträgen.

Was in Entwicklungsländern vor allem fehlt, sind gut funktionierende Aufsichtsbehörden, die Medikamente zulassen und kontrollieren, wie in Deutschland das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte BfArM. Roger Bates Studie ergab, dass in dem jeweiligen Staat zugelassene Medikamente deutlich seltener minderwertig waren (7 Prozent) als nicht zugelassene (48 Prozent). Außerdem benötigen die betroffenen Länder einfache preisgünstige Methoden, um gefälschte Präparate zu identifizieren.

Beliebt sind die sogenannten Minilabs des GPHF (Global Pharma Health Fund). Jeweils zwei Koffer enthalten ein komplettes Labor, von Glasgeräten bis zu Reagenzien und Vergleichsproben. Damit lässt sich die Echtheit von Medikamenten praktisch überall prüfen. „Wir bringen die Technik, und Sponsoren wie die WHO oder die US-amerikanische Entwicklungshilfeagentur bringen die Organisation und das Geld“, erklärt Richard Jähnke, Projektleiter beim GPHF. Wichtigster Bestandteil des Kleinlabors ist die Dünnschichtchromatografie: Damit lassen sich knapp 60 Wirkstoffe untersuchen, und es werden ständig mehr. Die Ergebnisse sind semi-quantitativ, das heißt, man kann auch feststellen, ob zu wenig von einer Substanz vorhanden ist. Allerdings sind die Messungen nicht genau genug, um als Beweis vor Gericht zu gelten.

PREISWERT UND MODULAR

Dafür benötigt man eine Methode, die auch kleinere Abweichungen vom Original aufdecken kann: die Hochleistungsflüssigkeitschromatografie (HPLC). Ulrike Holzgrabe und ihre Mitarbeiter arbeiten gemeinsam mit einer Firma daran, eine kleine preisgünstige HPLC-Anlage zu entwickeln: „Doch das beste Gerät nützt nichts, wenn es defekt ist und niemand es reparieren kann. Wir versuchen dieses Problem durch eine modulare Bauweise in den Griff zu bekommen, sodass man Einzelteile einfach austauschen kann.“

Ende 2009 erklärte der damalige Vizepräsident der EU-Kommission Günter Verheugen in der Zeitung „Die Welt“: „Jede Fälschung von Medikamenten ist ein versuchter Massenmord.“ Ihn zu verhindern lohnt jede Anstrengung, sei es im Labor oder bei der Stärkung rechtsstaatlicher Strukturen. ■


INGRID GLOMP, Wissenschaftsjournalistin, schrieb aus Empörung über kriminelle Arzneimittelfälscher den Thriller „Ohne Skrupel“.

MEHR ZUM THEMA

Lesen

Roger Bate Phake The Deadly World of Falsified and Substandard Medicines AEI Press, Washington 2012, etwa 50 Euro

Ingrid Glomp Ohne Skrupel Ein Cori-Stein-Thriller E-Book bei Amazon, 2011, € 2,99

Internet

Augen auf beim Arzneimittelkauf Fragen und Antworten zum Thema Arzneimittelfälschungen Faltblatt, herausgegeben vom Global Pharma Health Fund e.V. (GPHF) und vom Aktionskreis gegen Produkt- und Markenpiraterie e. V. (APM) www.gphf.org/images/downloads/ faltblatt_arzneimittelfaelschungen.pdf



SO SCHÜTZEN SIE SICH VOR GEFÄLSCHTEN ARZNEIMITTELN

  • Kaufen Sie Arzneimittel grundsätzlich nur in der Apotheke.
  • Kaufen Sie Medikamente im Internet nur, wenn sie von einer in Deutschland zertifizierten Online-Apotheke angeboten werden. Welche Apotheken das sind, erfahren Sie im Versandapothekenregister auf der Internetseite www.dimdi.de.
  • Kaufen Sie Arzneimittel nie auf Märkten, bei fliegenden Händlern, im Fitnessstudio oder bei sonstigen „günstigen“ Gelegenheiten.
  • Kaufen Sie Medikamente für den Urlaub oder für die Geschäftsreise ins Ausland schon vor Antritt der Reise hier in Deutschland.
  • Verwenden Sie kein Arzneimittel, dessen Verpackung mangelhaft, beschädigt oder verschmutzt ist.
  • Verwenden Sie kein Arzneimittel, wenn der Name, das Verfallsdatum, die Chargennummer oder der Herstellername fehlt oder fehlerhaft erscheint.



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