Ausgabe: 7/2012, Seite 8 - Nachrichten

KINDER
GEWALT MACHT ALT
Hans Groth
Schläge erzeugen bei Kindern nicht nur äußere und innere Verletzungen – die Gewalterfahrung lässt sie auch körperlich schneller altern. Das berichtet ein amerikanisch-britisches Forscherteam um den US-Neurologen Idan Shalev von der Duke University in Durham.
Für ihre Untersuchung hatten die Wissenschaftler auf eine britische Langzeitstudie an Zwillingen zurückgegriffen, deren Geburtsjahr zwischen 1994 und 1996 lag. Man hatte die Kinder nach der Geburt sowie im Alter von fünf, sieben und zehn Jahren untersucht und sie dabei auch einer DNA-Analyse unterzogen. Außerdem wurden Interviews mit ihnen und ihren Eltern geführt. In den Gesprächen ging es auch darum, ob die Kinder familiärer oder äußerer Gewalt ausgesetzt waren – etwa Schlägen oder Mobbing.
Shalev analysierte dann die Daten von 236 Kindern, von denen 49 Prozent Mädchen waren. 42 Prozent der Kinder hatten in irgendeiner Form Gewalt erlitten. Als die Wissenschaftler deren DNA genauer betrachteten, stellten sie fest, dass die Telomere der Chromosomen kürzer waren als in der gewaltfreien Vergleichsgruppe.
Telomere sitzen wie Schutzkappen an den Enden der Chromosomen. Je älter ein Mensch wird, desto kürzer sind seine Telomere, da sie bei jeder Zellteilung kleiner werden und auf natürlichem Weg nicht nachwachsen können. Die Länge der Telomere bei den misshandelten Fünf- bis Zehnjährigen entsprach der von sieben bis zehn Jahre älteren Menschen. Dabei war die Abnutzung proportional zur Häufigkeit der Gewalterfahrung.
Frühere Studien hatten zwar schon vermuten lassen, dass Misshandlungen zu verkürzten Telomeren führen, doch ging man bisher davon aus, dass dies ein Langzeiteffekt ist, der erst im Erwachsenenalter auftritt – und unter anderem dafür verantwortlich ist, dass diese Menschen häufiger krank werden. Shalevs Ergebnisse zeigen nun erstmals, dass schon die Kinder durch Gewalt biologisch altern. Woran das liegt, ist den Wissenschaftlern noch unklar. Möglich wäre laut Shalev, dass der erlittene Stress zu Entzündungsreaktionen führt, die das Immunsystem schädigen.
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