Ausgabe: 6/2012, Seite 34   -  Leben & Umwelt

KOPFLOSE ANGST

EHEC, Gentechnik, Flugzeugabstürze – ob Bildung Menschen dabei hilft, derartige Alltagsrisiken besser einzuschätzen, ist umstritten.

von Kathrin Burger
 

Dieser Tage jährt sich der EHEC-Skandal. Über mehrere Wochen verzichtete die Hälfte der deutschen Verbraucher auf Salat, Tomaten und Gurken, bis man endlich die Quelle der Kontamination fand: Bockshornklee-Samen aus Ägypten, die an deutsche Sprossenproduzenten geliefert worden waren. Mehr als 50 Menschen sind wegen des gefährlichen Colibakteriums gestorben.

Gifte im Essen taugen immer wieder für Schlagzeilen, auch wenn sie bei Weitem nicht so gefährlich sind wie der EHEC-Erreger vom Sommer 2011. Die Dioxin-Funde in Viehfutter, die die Republik nur wenige Monate vorher paralysiert hatten, stellten laut Experten zu keiner Zeit eine Gesundheitsgefährdung dar. „Trotzdem beherrschte das Thema über vier Wochen die Schlagzeilen“, beobachtete Walter Krämer, Statistik-Professor an der Universität Dortmund. (Mehr zur Dioxingefahr lesen Sie im Beitrag „Gift im Schredder“ ab Seite 102.)

PESTIZIDE SPIELEN KEINE ROLLE

Tatsächlich klaffen die Risikowahrnehmung in der Bevölkerung und das von Wissenschaftlern errechnete Risiko oft stark auseinander. In Sachen Ernährung fürchten sich die meisten Menschen vor Pestiziden. „Dabei spielen Rückstände aus Pflanzenschutzmitteln in der Gesundheitsstatistik keine Rolle“, sagt Krämer. Nur etwa ein Prozent der Krebserkrankungen zum Beispiel geht auf das Konto von Umweltschadstoffen, belegen Statistiken.

Dafür sehen Experten Ernährungsrisiken eher beim Übergewicht und beim Alkoholkonsum. An den Folgen von übermäßigem Alkohol-Genuss starben im Jahr 2010 mehr als 74 000 Deutsche. Starkes Übergewicht kann zu Diabetes und Herzbeschwerden führen. „Risiken, die die Menschen selber beeinflussen können, werden immer unterschätzt“, meint die Gesundheitsforscherin Gaby-Fleur Böl vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR).

Zudem gibt es Unterschiede von Land zu Land. So sind die Deutschen etwa gegenüber der Atomkraft sehr kritisch eingestellt, worüber unsere Nachbarn in Frankreich nur den Kopf schütteln. Dafür sind die Franzosen skeptisch, wenn es um Nanotechnologie geht, hat eine Studie der TU München 2011 aufgedeckt. Diese wiederum ist hierzulande kein Angst-Thema. Tatsächlich sind die Deutschen technikfreundlicher, als das oft dargestellt wird.

Doch wie kann man erreichen, dass die Bevölkerung besser mit Risiken im Alltag umgehen kann? Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung glaubt, dass man den Menschen beibringen kann, eine gute Entscheidung anhand von wissenschaftlichen Informationen zu fällen – in Fachkreisen spricht man von „Risikomündigkeit“. Der Psychologe fordert etwa, den Mathematik-Unterricht an Schulen zu verbessern, um Kinder frühzeitig mit Prozentzahlen vertraut zu machen.

WIE SCHWIERIG IST STATISTIK?

Schließlich gibt es beim Verständnis von Wahrscheinlichkeiten erhebliche Defizite: Erst 2011 hat eine Studie der Technischen Universität und der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München statistische Verständnisprobleme bei 160 Schülern der 2., 4. und 6. Klasse offengelegt. Die Pennäler sollten etwa folgende Denkaufgabe lösen: Wenn 12 von 24 Bäumen mit blauem Dünger eingehen und 1 von 3 mit gelbem Dünger, welcher Dünger ist dann besser? Die meisten Kinder tippten fälschlich auf die blaue Chemikalie. Auch den Unterschied zwischen „unmöglich“ und „unwahrscheinlich“ kannten viele nicht. Dabei ist die Denkfähigkeit in diesem Alter zur Genüge ausgereift. „Schon in der zweiten Klasse wissen Schüler zum Beispiel intuitiv, dass eine große Datenmenge aussagekräftiger ist als eine kleine“, sagt Beate Sodian, Entwicklungspsychologin an der LMU.

Auch im Erwachsenenalter ist es noch möglich, die Risikowahrnehmung zu schärfen, glaubt Gigerenzer. Er bildet Ärzte und Journalisten an seinem Berliner „Harding Zentrum für Risikokompetenz“ aus. Zudem arbeitet er mit Krankenkassen zusammen. Gerade in Gesundheitsbroschüren hat der Berliner Psychologe zahlreiche Aussagen entdeckt, die Erkrankungsrisiken und die Chancen auf Heilung verzerren. Dort werden zum Beispiel oft relative anstatt absoluter Risiken benannt.

So warnte die Britische Gesundheitsbehörde im Jahr 1995 vor einer neuen Anti-Baby-Pille, weil sie das Thrombose-Risiko im Vergleich zur ersten Pillen-Generation um 100 Prozent erhöhe. Durch die Warnung nahm die Zahl ungewollter Geburten und Abtreibungen im folgenden Jahr um jeweils 13 000 zu. Dabei bekamen von der Pille der zweiten Generation nur 2 von 7000 Frauen eine Thrombose – statt eine von 7000 wie zuvor. „Diese Zahlen hätten den Frauen wahrscheinlich keine Angst eingejagt“, meint Gigerenzer.

Doch nicht alle Risiko-Experten halten Bildung für erfolgreich. Vor allem Gigerenzers US-amerikanische Kollegen Richard Thaler und Cass Sunstein vom Center of Decision Research in Chicago meinen, man könne die Öffentlichkeit mithilfe von Anreizen („nudges“) dazu bringen, weniger Risiken einzugehen. In den USA gibt es etwa ein Projekt, bei dem Teenager-Mädchen aus dem Risikomilieu einen Dollar für jeden Tag erhalten, an dem sie nicht schwanger werden. Eine andere Idee: In Schul-Cafeterias soll Obst vorn in der Auslage liegen, damit sich die Kinder gesünder ernähren.

Aber vielleicht hilft das auch alles nichts: Die libertären Paternalisten, die auch Barack Obama beraten – sie folgen der Leitidee, man müsse manche Menschen „zu ihrem Glück zwingen“ –, sind überzeugt, dass menschliche Entscheidungen im modernen Alltag immer fehlerbehaftet sind. Denn: „Das Gefühl mischt sich bei der Ratio ein, es gehört zur menschlichen Natur und ist schwer zu verändern“, meint Daniel Kahnemann, Nobelpreisträger und Psychologe an der Princeton University. Darum bringe eine Risiko-Schulung nichts. Auch Walter Krämer ist pessimistisch: „Das menschliche Gehirn ist für den korrekten Umgang mit Wahrscheinlichkeiten schlecht verdrahtet.“

VERGOLDEN STATT VERKOHLEN

Das BfR geht deshalb einen Mittelweg. Es setzt in der Risiko-Kommunikation vor allem auf leicht verständliche Faustformeln. Als im Jahr 2006 der Giftstoff Acrylamid die Verbraucher beunruhigte, lautete die Empfehlung: „Vergolden statt verkohlen“. Man solle etwa Toast oder Bratkartoffeln nur so lange rösten, bis die Oberfläche golden erscheint. In einer späteren Befragung deckten die BfR-Experten auf, dass sich immerhin 30 Prozent der Deutschen daran halten. ■


MEHR ZUM THEMA

Lesen

Gerd Gigerenzer Das Einmaleins der Skepsis Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken Berliner Taschenbuch Verlag Berlin 2007, € 12,95

Walter Krämer DIE ANGST DER WOCHE Piper, München 2011, € 19,99

Richard Thaler Nudge Wie man kluge Entscheidungen anstößt Ullstein Taschenbuch, Berlin 2011, € 9,95

Internet

Diskussion über beide Denkansätze zur Risikokompetenz-Vermittlung an der Stanford University, 2011, Teil 1: www.youtube.com/watch?v=6bCnir-o8xw Teil 2: www.youtube.com/watch?v=WBALIQZWOI4



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