Ausgabe: 4/2012, Seite 80   -  Kultur & Gesellschaft

GEMETZEL IM TOLLENSE-TAL

In der Bronzezeit tobte am Ufer der Tollense im heutigen Mecklenburg-Vorpommern eine gewaltige Schlacht. Die Ausgräber haben eine Vermutung, welche Gegner hier aufeinander trafen – und suchen im Schlamm nach Indizien.

von Angelika Franz
 

„Vorsicht!! Freilaufender Bulle! Lebensgefahr“ warnt ein Schild den Wanderer an der Sandpiste hinunter zum Ufer der Tollense. Die Eindringlichkeit der Warnung wird unterstrichen durch das Bild eines zum Angriff geduckten Longhorn-Bullen, der kleine Dampfwolken aus den Nüstern schnaubt.

Dabei sieht hier alles so friedlich aus. Sanft fällt das Gelände zum Fluss hin ab, saftige Wiesen, leuchtend grün, laden zum Spaziergang ein, gelegentlich taumelt ein Schmetterling von Feldblume zu Feldblume. Der Fluss glitzert in der Sommersonne und mäandert gemächlich durch die Senke, die er sich im Laufe der Jahrtausende als bequemes Bett in die Landschaft gegraben hat. Für Stadtmenschen ist es ungewohnt still.

Doch so friedlich war es nicht immer in der Flussaue. Hier unten, in den weiten Schlaufen der Tollense, liegen Tote. Über 100 haben die Archäologen bereits aus dem nassen Boden unter den Wiesen und vom schlammigen Grund des Flusses heraufgeholt. Dabei haben sie erst einen kleinen Teil der Niederung erforscht. Es waren aber keine wütenden Rinder, die dem Leben der Menschen ein Ende setzten. Es waren die Waffen, die noch in den Knochen stecken oder dazwischen liegen: Dolche, Lanzenspitzen, hölzerne Keulen und Hämmer sowie Pfeilspitzen aus Bronze und Stein – das Waffenarsenal der Bronzezeit. An einer Reihe von Tagen vor rund 3200 Jahren muss das Tal widergehallt haben von Kampfeslärm. Männer brüllten beim Angriff. Verwundete schrien vor Schmerzen. Pferde wieherten panisch im Chaos des Nahkampfs.

Wer waren die Menschen, deren Leichen niemand bestattete, als die Schlacht vorbei war? Und worum kämpften sie? Diese Fragen stellen sich die Archäologen Detlef Jantzen vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern und Thomas Terberger von der Universität Greifswald. „Die beachtliche Zahl an Toten spricht nicht für einen Lokalkonflikt zwischen Bauern oder Probleme mit umherziehenden Banden“, gibt Terberger zu bedenken. Hier muss eine große Auseinandersetzung stattgefunden haben. Dabei ging es wohl nicht um Vieh, nicht um Weideland und auch nicht um Metall oder Frauen, sondern vielmehr um Weltbilder, um Lebenskonzepte, um Religion. Die Bevölkerungszahl war gestiegen, und es hatten sich große organisierte Siedlungen gebildet. Es stand viel auf dem Spiel – und das wurde nicht allein am Ufer der Tollense ausgefochten. Und auch nicht an einem Tag in einer einzigen Schlacht. Die Knochen aus der Flussaue dienen als Puzzleteile, die zusammengesetzt ein Bild jener Konflikte ergeben, die damals Europa erschütterten.

Ausgelöst hatte diesen Sturm wahrscheinlich das Klima. Die Ältere Bronzezeit war mild und trocken gewesen. Doch im 14. Jahrhundert v.Chr. verschlechterten sich die Bedingungen deutlich. Schon kurzfristige Klimaschwankungen dürften zu erheblichen Versorgungsproblemen geführt haben. Und die verursachten soziale Spannungen – der Hunger nährte den Krieg.

NEUE SITTEN UND BRÄUCHE

Mit den Konflikten kommen neue Sitten und Bräuche auf: So werden die Toten nicht mehr unter Erdhügeln bestattet, sondern auf Scheiterhaufen verbrannt und in Urnen beigesetzt. Oft liegen mehrere Hundert in einem Gräberfeld. Hinter diesem neuen Umgang mit den Toten verbirgt sich ein Wandel des Glaubens und der Vorstellungen vom Nachleben. Im Osten zwischen Saale, Spree, Donau, Weichsel und dem slowakischen Erzgebirge entsteht die sogenannte Lausitzer Kultur, im Westen zwischen dem Pariser Becken und dem heutigen Niederösterreich die Urnenfelderkultur. Diese Umwälzung geht nicht immer friedlich vonstatten: „Das Schlachtfeld im Tollense-Tal kann als Manifestation dieser Veränderungen gedeutet werden“, erklärt Terberger.

Im Tollense-Tal kommen schon seit Jahrzehnten aus dem Aushub von Flussbaggerungen immer wieder hübsche Bronzefunde ans Tageslicht: Gefäße wie Fibeln und Gürteldosen, zudem Werkzeuge wie Beile und Sicheln. Die meisten davon stammen vom Ende der Nordischen Älteren Bronzezeit, dem 13. Jahrhundert v.Chr. Einige wurden in der Region hergestellt, andere stammen aus weiter entfernten Gebieten wie dem Erzgebirge und dem Ostalpenraum.

Die Menschen, die hier wohnten, waren Teil eines weitreichenden Handelsnetzwerks, sind sich Jantzen und Terberger einig. Ein wichtiger Transportweg für die Güter war die Tollense. Sie verbindet den Tollense-See bei Neubrandenburg im Süden mit der Peene rund 40 Kilometer nördlich. Von dort aus führt der Handelsweg weiter bis zur Ostsee.

Große Städte sucht man hier in der Bronzezeit vergeblich. Die Menschen lebten in kleinen Weilern mit wenigen Höfen. Der bislang einzige Hinweis darauf, dass es entlang des Flusses trotzdem alles andere als einsam war, liegt etwa fünf Kilometer flussabwärts: ein Gräberfeld mit rund 35 Grabhügeln aus der Älteren Bronzezeit. Im kommenden Frühjahr wollen die Archäologen es sich genauer ansehen. Mittelalterliche Quellen berichten von Salzgewinnung in der Gegend. Auch wenn sich das bislang archäologisch nicht nachweisen lässt, ist es denkbar, dass Salz die Menschen bereits in der Bronzezeit ins Tal der Tollense lockte.

TAUCHEN NACH DEN TOTEN

Nahe einer neonroten Boje im Fluss beginnt das Wasser sich zu kräuseln. Ein Taucherkopf bricht durch die Oberfläche, gefolgt von einer Hand, die triumphierend einen Langknochen schwenkt. Noch ein Toter! Kopf und Hand gehören zu Sonja Nagel. Gemeinsam mit ihrem Mann Frank, der wie sie geprüfter Forschungstaucher ist, verbringt sie wieder einmal ihre freien Tage im Dienst der Wissenschaft: Tauchen nach bronzezeitlichen Knochen auf dem Grund der Tollense – die hier rund drei Meter tief ist. „Unsere Arbeit wäre ohne die Unterstützung von Freiwilligen wie den Nagels nicht möglich“, gibt Thomas Terberger zu.

Sonja Nagel stapft triefend ans Ufer und leert ihren blauen Tauchbeutel auf eine ausgebreitete Matte. Neben dem Langknochen liegen ein Schädelfragment, eine Rippe und mehrere kleine, vom Schlamm zusammengebackene Knochenklumpen. Wahrscheinlich werden sich diese Knochen nicht sehr von den übrigen unterscheiden. Auch sie werden zu männlichen Individuen gehören, die zum Zeitpunkt ihres Todes zwischen 20 und 40 Jahre alt waren – die typische Altersspanne für Krieger. Zwar fanden die Archäologen auch Gebeine von Frauen und Kindern am Ufer der Tollense, doch die sind eindeutig in der Minderzahl.

Und noch etwas haben die Knochen gemeinsam: Spuren roher Gewalt. Von den 83 bisher sorgfältig analysierten Individuen zeigen acht schwere Verletzungen am Skelett, fünf davon am Schädel. Einem zerschmetterte ein Schlag die Stirn. Ein zweiter Schädel erlitt eine Verletzung an einer ähnlichen Stelle. Zwar ist die Delle nicht so tief, doch an den Bruchrändern fehlen Anzeichen für eine Heilung des Knochens – ein starkes Indiz dafür, dass der Kämpfer den Schlag nicht überlebte. Schädel Nummer drei hat ein kleines Loch am rechten Scheitelbein, wie es durch den Einschlag einer Pfeilspitze entsteht. Der Besitzer des Schädels hatte zweifelhaftes Glück: Der Heilungsprozess am Knochen zeigt, dass er nach dem Treffer noch einige Tage weiterlebte.

Eine Pfeil- oder Speerspitze schädigte auch Schädel Nummer vier am linken Schläfenbein – jedoch nicht mit tödlichen Folgen. Die Verletzung lag zum Todeszeitpunkt bereits zwei bis fünf Jahre zurück, sie stammte wohl aus einer früheren Schlacht. Ein fünfter Schädel schließlich trägt Spuren gleich mehrerer schwerer Schläge, die der Krieger aber einige Jahre überlebt hatte – bis er am Ende doch tot in der Tollense trieb. Ein eindeutiges Zeugnis gewaltsamer Auseinandersetzungen ist auch der Knochen, der die Archäologen überhaupt erst auf die Spur brachte. Gefunden hat ihn – bei einer Bootstour im Sommer 1996 – der ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger Ronald Borgwardt mit seinem Vater.

Menschenknochen am Ufer

Bereits seit Ronalds Kindheit durchstreift die archäologisch interessierte Familie die Gegend und kennt Fluss und Uferwiesen genau: Wenn jemand weiß, auf welchem Feld immer wieder Scherben aus der Erde gepflügt werden, sind es die Borgwardts. Und sie kennen auch die Stellen, wo man beim Spaziergang eine Pfeilspitze finden kann.

Bei jener denkwürdigen Bootstour fielen ihnen einige Knochen auf, die in der Uferböschung steckten. Als sie die Fundstelle genauer inspizierten, erkannten sie, dass es Menschenknochen waren. In der Abenddämmerung und am folgenden Morgen suchte Roland Borgwardt die Fundstelle ab. Neben den Knochen stieß er auf eine Holzkeule – und bei der Durchsicht der Funde entdeckte er noch etwas: Tief im Gelenkende eines Oberarmknochens steckte eine Flint-Pfeilspitze. Frisch war die Wunde allerdings zum Todeszeitpunkt nicht mehr. Der Knochen hatte bereits begonnen zu heilen. Die Pfeilspitze musste also seit mehreren Wochen im Gelenk gesteckt haben.

Auch andere Knochen aus der Tollense und den Uferwiesen zeigen Spuren von Gewalt: eine verheilte Pfeilwunde in einem Beckenknochen und ein frischer Oberschenkelbruch, wie er beim Sturz von einem Pferd entstanden sein könnte. Rund zehn Prozent der Knochen sind eindeutig von schweren Kämpfen gezeichnet. Etwa die Hälfte der Verletzungen erlitten die Krieger unmittelbar oder wenige Tage bis Wochen vor ihrem Tod. Das bedeutet: Es muss über einen längeren Zeitraum – vielleicht einige Wochen, vielleicht auch Monate – in kurzer Folge immer wieder heftige Scharmützel gegeben haben. Die Zahl der Skelette, die bei den bisherigen Grabungen ans Licht kamen, lässt Finsteres ahnen: „Wir können mit mehreren Hundert Toten rechnen“, ist Terberger überzeugt.

An der Lage der Knochen können er und seine Kollegen ablesen, was in den Tagen nach der Schlacht geschah. „Vermutlich warf man die Toten einfach in den Fluss.“ Die Tollense war nie ein reißender Strom, sondern mäanderte auch in der Bronzezeit gemächlich durch die Auen. Sie trug die grausige Last nicht weit. In Altarmen, an Sandbänken oder im Ufergestrüpp blieben die Leichen hängen und stauten sich in Gruppen. Der Streifen, in dem die bisher gefundenen Toten liegen, ist mindestens 1,5 Kilometer lang. „Ursprünglich sind wir davon ausgegangen, dass die Schlacht ein kleines Stück flussaufwärts stattgefunden hat, oberhalb jener Stelle, an der die ersten Toten hängen blieben. Inzwischen häufen sich aber die Hinweise auf Kampfgeschehen an mehreren Stellen“, sagt Terberger.

Es gibt keine Bissspuren

Erhalten geblieben sind nicht nur die großen Langknochen und Schädel, sondern auch filigranere Hand- und Fußknochen. Das bedeutet: Die Leichen sind noch relativ frisch gewesen, als sie an ihrer endgültigen Position im Fluss zur Ruhe kamen. Denn wenn ein Körper verwest, geben die dünnen Gelenkstellen zuerst nach – Hände und Füße fallen ab.

Ein weiteres Indiz dafür, dass die Toten nicht lange an der Luft lagen: Es gibt keine Bissspuren. „Offenbar hatten Tiere keine Gelegenheit, die Körper zu zerlegen“, erklärt Terberger. Wahrscheinlich wurden die Leichenberge zu Sedimentfängern, und die Ablagerungen des Flusses hüllten die Toten schnell in ein braunes Leichentuch.

Die Knochen erzählen noch mehr von den Menschen, die am Ufer der Tollense fielen. Ungewöhnlich hoch ist in einigen der Gehalt von C-13. Dieser Kohlenstoff-13 ist ein stabiles Isotop des chemischen Elements, das etwa 1,1 Prozent des natürlichen Kohlenstoffs der Erde ausmacht. Menschen nehmen es mit der Nahrung auf, vor allem mit den sogenannten C4-Pflanzen. Doch in der frühen Bronzezeit wuchs an den Ufern der Tollense nichts Essbares, was diesen hohen Wert erklären könnte.

Im heutigen süddeutschen Raum bauten die Menschen allerdings ein C4- Getreide an: Hirse. Kamen die Krieger, die Tod und Verderben über die Tollense-Siedler brachten, also aus dem Süden? „Wir spekulieren manchmal scherzhaft über eine ‚Invasion der Hirsefresser‘“, gesteht Terberger. „Doch ob tatsächlich ein Zusammenhang zwischen den hohen C-13-Werten einiger Knochen und dem Hirseanbau im Süden besteht, muss durch Kontrolldaten noch geprüft werden. Wir wissen zu wenig über den Bronzezeit-Menschen im Norden.“

Es gibt aber einen weiteren Hinweis auf Vorstöße aus dem Süden: Im Tollense-Tal wurde eine Reihe von Bronzenadeln entdeckt, wie sie in der Älteren Bronzezeit im heutigen Schlesien, 400 Kilometer südöstlich der Fundstelle, in Mode waren. Der Verdacht erhärtet sich mit jedem weiteren Fund: Hier, inmitten der Idylle, tobte ein Nord-Süd-Konflikt. ■


ANGELIKA FRANZ, Journalistin und Archäologin, hat schon einmal miterlebt, wie neugierige Kühe und liebestolle Bullen eine Ausgrabung behinderten.

MEHR ZUM THEMA

LESEN

Detlef Jantzen, Thomas Terberger Gewaltsamer Tod im Tollensetal vor 3200 Jahren In: Archäologie in Deutschland 4/2011, S. 6–11

Detlef Jantzen et al. A Bronze Age battlefield? Weapons and trauma in the Tollense Valley, north-eastern Germany In: Antiquity 85, 2011, S. 417–433

INTERNET

Das Projekt der Universität Greifswald: www.phil.uni-greifswald.de/bereich2/ histin/ls/ufg/projekte/tollensetal.html



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