Ausgabe: 11/2011, Seite 84   -  Kultur & Gesellschaft

GLÜCKSFALL PROBLEMKIND

Die meisten Kinder sind robust, manche aber auch hochsensibel gegenüber äußeren Einflüssen. Jetzt zeigt eine Studie: Im richtigen Umfeld entwickeln sich solche „Problemkinder“ sogar besser als andere.

von Ingrid Glomp
 

Ein Befund von Forschern aus Budapest ließ den niederländischen Erziehungswissenschaftler Marinus van IJzendoorn nicht mehr los: Ein Gen sollte die Eltern-Kind-Beziehung beeinflussen, und zwar eines, das am Stoffwechsel des Gehirnbotenstoffs Dopamin beteiligt ist. Mit seinem Kollegen Marian Bakermans-Kranenburg überprüfte er in einer eigenen Studie die Ergebnisse der anderen Forscher, konnte aber zunächst keinen derartigen Einfluss entdecken. Das ist etwa zehn Jahre her.

„Doch dann gingen wir einen Schritt weiter und betrachteten die Wechselwirkung des besagten Gens DRD4 mit der Umgebung“, erklärt van IJzendoorn, der seit 30 Jahren am Centre for Child and Family Studies an der Universität Leiden forscht. Und es zeigte sich: Der Einfluss auf die Eltern-Kind-Bindung bestand tatsächlich. „Trugen die Kinder die sogenannte 7-Repeat-Variante des Gens, und die Mütter waren mit nicht verarbeiteten traumatischen Erfahrungen belastet, war das Risiko für eine sehr unsichere Bindung am größten.“

Überraschend war das für van IJzendoorn nicht. Denn die 7-Repeat-Version (kurz: 7R) des DRD4-Gens ist dafür bekannt, das Risiko für ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) und andere Verhaltensprobleme zu erhöhen. Spannend war eine andere Erkenntnis: „Trugen die Kinder diese Gen-Variante, die Mütter hatten aber ihre traumatischen Erfahrungen bewältigt, so entwickelten sie sogar die sicherste Bindung“, erklärt der Erziehungswissenschaftler. Das angebliche Risiko-Gen kann sich also in einem stabilen sozialen Umfeld positiv auswirken.

Einfach nicht hingeschaut

„Die Erkenntnis eröffnete uns eine völlig neue Sichtweise“, erklärt van IJzendoorn. Seine weiteren Studien ergaben: Kinder mit der DRD4–7R-Variante waren im Alter von etwa drei Jahren entweder besonders aggressiv, schlugen beispielsweise andere Kinder oder zerstörten Spielzeug, oder sie waren besonders umgänglich – je nach dem Erziehungsstil der Eltern. Als die Wissenschaftler die Mütter dazu brachten, feinfühliger auf ihre Kinder einzugehen, wirkte sich dies bei den Sprösslingen mit DRD4–7R-Gen positiv auf das Verhalten aus. Zudem nahm die Konzentration des Stresshormons Cortisol im Blut bei ihnen stärker ab als in der Vergleichsgruppe. Kinder ohne die Gen-Variante änderten ihr Verhalten dagegen nicht.

Eine solche besonders stressarme und liebevolle Umgebung hatten sich Forscher bisher einfach nicht angeschaut. Sie waren davon ausgegangen, dass eine fördernde Erziehung mit viel Zuwendung bei schwierigen Jungen und Mädchen das Defizit bestenfalls halbwegs ausgleichen kann. Van IJzendoorn erklärt: „Wir waren die Ersten, die entdeckt und experimentell überprüft haben, dass Gene einen Einfluss darauf haben, ob Kinder auf ihre Umgebung stärker oder schwächer reagieren – sowohl zum Schlechteren als auch zum Besseren. Dabei haben wir DRD4 als Indikator für eine Vielfalt von Dopamin-Genen betrachtet.“ Der Botenstoff Dopamin spielt eine wichtige Rolle bei Aufmerksamkeits- und Belohnungsmechanismen des Gehirns, auch beim Lernen.

Andere Forscher haben bei weiteren Erbanlagen Ähnliches gefunden:

  • MAOA, ein angebliches Risiko-Gen für aggressives Verhalten: Jungen mit der weniger aktiven Variante haben nur dann größere Verhaltensprobleme, wenn sie Opfer von Misshandlungen geworden sind. Sind sie davon verschont geblieben, haben sie weniger Schwierigkeiten als Jungen mit der aktiveren Gen-Version.
  • Vom „Depressions-Risiko-Gen“ 5-HTTLPR gibt es eine lange und eine kurze Version. Die kurze Variante erhöht das Risiko, Depressionen zu entwickeln – jedoch nur bei belastenden Erlebnissen in der Vergangenheit. Fehlen diese, werden Träger der kurzen Form sogar seltener depressiv als Träger der langen.
  • Mehrere Varianten von CHRM2 sind Risiko-Gene für sozial unerwünschtes Verhalten wie Aggressivität, Regelverletzungen und Alkoholismus. Im März 2011 berichteten amerikanische Forscher: Jugendliche, die diese Varianten trugen und deren Eltern sich zudem wenig um sie kümmerten, fielen am meisten durch Verhaltensprobleme auf. Engagierten sich die Eltern jedoch stark für sie, waren die Jugendlichen mit der angeblich ungünstigsten Gen-Form sogar die Unproblematischsten von allen.

NICHT SCHWIERIG, SONDERN FORMBAR

Jay Belsky, Psychologe an der University of California in Davis, prägte für das Phänomen den Begriff „differential susceptibility“ (unterschiedliche Empfänglichkeit). Das bedeutet: Manche Kinder sind besonders sensibel für jegliche Art von Erfahrungen, schlechte wie gute. Gene wie DRD4 bezeichnet Belsky entsprechend nicht als Risiko-Gene, sondern als Plastizitäts-, also Formbarkeits-Gene. Ob sich Kinder leichter beeinflussen lassen, wenn mehrere Gene zusammenkommen, ließ sich bisher nicht klären.

Nicht nur Analysen von Erbanlagen geben einen Hinweis darauf, wie sehr die Umgebung die Entwicklung eines Kindes beeinflusst, sondern auch die Berücksichtigung seines Temperaments. Dies zeigt eine Langzeitstudie des amerikanischen National Institute of Child Health and Human Development in Bethesda, Maryland, die 1991 begonnen hat. Sie verfolgt den Werdegang von mehr als 1000 Teilnehmern ab dem ersten Lebensmonat. Wie sich herausstellte, zeigten Kinder, deren Temperament mit sechs Monaten als „schwierig“ eingeschätzt worden war, bei einer schlechten Betreuung durch ihre Eltern oder in einer Einrichtung später mehr Verhaltensauffälligkeiten als „einfache“ Kinder. Bei einer guten, liebevollen Betreuung erwarben sie dagegen mehr soziale Fähigkeiten und hatten weniger Probleme als ihre „einfachen“ Altersgenossen. Der gleiche Effekt wurde bei der Denkfähigkeit und den schulischen Leistungen beobachtet. Als Jay Belsky Daten der Studie von Kindern im Alter zwischen zehn und elf Jahren auswertete, erkannte er: Die unterschiedliche Empfänglichkeit für Einflüsse von außen haben die Kinder nicht nur in ganz frühen Jahren, sondern sie behalten sie mindestens bis in die frühe Pubertät.

BESONDERS ANFÄLLIG FÜR STRESS

Eine ausgeprägte körperliche Reaktion auf Stress kann ebenfalls ein Zeichen für eine starke Empfänglichkeit für äußere Einflüsse sein. Tom Boyce, Professor für Kinderheilkunde an der University of British Columbia in Vancouver, berichtete 2010 von einer Studie mit fünf- bis sechsjährigen Vorschulkindern. An der Herzschlagrate und der Cortisolausschüttung las Boyce ab, dass manche der kleinen Probanden besonders stark auf Stress reagierten. Bei diesen Kindern hatte die Familie einen größeren Einfluss auf das Verhalten als bei ihren normal reagierenden Altersgenossen. Gab es Probleme im Elternhaus, etwa Geldsorgen, eheliche Konflikte, eine strenge Erziehung oder Depressionen der Mutter, waren diese Kinder aggressiver als ihre Altersgenossen. Gab es solche Probleme jedoch nicht, verhielten sich die stressempfindlichen Kinder sozialer als die robusteren. Sie schlugen seltener über die Stränge und engagierten sich mehr in der Schule.

Tom Boyce und sein Kollege Bruce Ellis von der University of Arizona in Tucson haben für die zwei unterschiedlichen Gruppen die Begriffe „Löwenzahnkinder“ und „Orchideenkinder“ geprägt. Ellis erklärt: „Die meisten Kinder gedeihen, egal welche Bedingungen sie vorfinden – wie Löwenzahn. Anders Orchideenkinder: Sie können zu den glücklichsten und produktivsten Menschen aufblühen, wenn sie durch die gute Betreuung ihrer Eltern unterstützt werden. Umgekehrt sind sie bei einer schlechten Erziehung und einer zweifelhaften Umgebung stärker anfällig für Depressionen oder Drogenmissbrauch.“ Boyce und Ellis schätzen, dass zwischen 80 und 85 Prozent aller Jungen und Mädchen zu den robusten Löwenzahnkindern gehören. „Das macht verständlich, warum erzieherische Maßnahmen im Elternhaus oder in der Schule bei den meisten Kindern nur recht kleine Erfolge bringen“, erklärt van IJzendoorn. „Bei den Kindern, die offener sind für äußere Einflüsse, bewirken sie jedoch viel.“

In Zusammenarbeit mit Adriana Bus und anderen Kollegen testete van IJzendoorn vor Kurzem, wie sehr Kinder von einem Computerprogramm profitieren, das die Lesefähigkeit fördert. Dafür verglichen sie Kindergartenkinder, die etwas zu früh beziehungsweise etwas untergewichtig geboren worden waren – also vor oder bei der Geburt Stress erlebt hatten –, mit solchen, bei denen das nicht der Fall war. Kinder mit Geburtsschwierigkeiten hatten später in der Schule ohne Computertraining im Durchschnitt mehr Leseprobleme als die Kinder der Vergleichsgruppe. Wenn sie jedoch ein Jahr zuvor mit dem Programm geübt hatten, wiesen sie weniger Leseprobleme auf als die anderen Kinder. Tom Boyce hält vorgeburtlichen Stress für stark prägend, was die spätere Empfänglichkeit für Umgebungseinflüsse betrifft.

Jay Belsky meint, dass es aus evolutionärer Sicht von Vorteil sein könnte, wenn in einer Gruppe oder Familie einige Individuen in höherem Maße beeinflussbar sind als die meisten anderen. Auf diese Weise könne sich eine Art schnell an unterschiedliche Bedingungen anpassen. Das glaubt auch der Psychologe Stephen J. Suomi vom National Institute of Child Health and Human Development, der mit Rhesusaffen arbeitet. Diese Affen und der Mensch sind die einzigen Primaten, die sich in verschiedenen ökologischen Nischen wohlfühlen – und sie sind die Einzigen, bei denen man eine kurze Ausprägungsform (Allel) des 5-HTTLPR-Gens findet, die Ängstlichkeit, aber anscheinend auch eine größere Formbarkeit begünstigt.

Gerüstet für schwere zeiten

Dass empfindliche Kinder sich in einer stressreichen, lieblosen Umgebung schlecht entwickeln, ist aus evolutionärer Sicht nicht unbedingt von Nachteil. In einer aktuellen Übersichtsarbeit konstatieren Ellis, Boyce, Belsky, Bakermans-Kranenburg und van IJzendoorn, dass eine unsichere Bindung zu den Eltern, Verhaltensauffälligkeiten oder eine frühe Schwangerschaft vielleicht nur Wege seien, „das Beste aus einer schlechten Situation zu machen“. Möglicherweise, so spekulieren die fünf Forscher, bereiten vernachlässigende Eltern ihre formbaren Kinder unbeabsichtigt auf schwere Zeiten und ein schwieriges Umfeld vor, indem sie bei ihnen ein Verhalten auslösen, das unter diesen Bedingungen vorteilhaft ist. Die Psychologen betonen, dass man deshalb Vernachlässigung natürlich nicht hinnehmen dürfe. Ein unterstützendes Umfeld sei selbstverständlich besser für ein Kind.

Wenn aber einzelne Maßnahmen nur bei bestimmten Kindern wirken – sollte man dann gezielt auch nur diese fördern? Die fünf Wissenschaftler widersprechen entschieden: „Das Modell der unterschiedlichen Empfänglichkeit stützt nicht die Ansicht, dass Interventionen ausschließlich auf empfängliche Kinder, Eltern oder Betreuer abzielen sollten.“ Denn es sei noch völlig unklar, wer wie stark auf welche Maßnahmen anspricht. „Vielleicht existieren ja nicht nur die zwei Kategorien der Löwenzahn- und Orchideenkinder“, meint Marinus van IJzendoorn. „Ich vermute eher einen kontinuierlichen Übergang von schwacher zu starker Beeinflussbarkeit.“ Zudem sei die unterschiedliche Beeinflussbarkeit wohl nicht auf die Kindheit beschränkt. „Wie sie sich im Laufe des Lebens entwickelt, wissen wir noch nicht.“ ■


INGRID GLOMP ist promovierte Biologin und arbeitet als freie Journalistin und Schreibdozentin in Heidelberg.

WAS ELTERN TUN KÖNNEN

Manche Kinder sind besonders unruhig, schlafen nicht durch, weinen schnell oder sind auf andere Weise schwierig. „Es besteht aber die Möglichkeit, dass sich gerade jene Kinder besser entwickeln als andere“, sagt der Erziehungswissenschaftler Marinus van IJzendoorn, „vielleicht zu überragenden Sportlern, Wissenschaftlern oder anderen Menschen, die Großes für die Gemeinschaft leisten.“ Letztlich sei dies eine Frage des Umfelds, meint der Experte für kindliche Entwicklung, und rät Eltern Folgendes:

  • Stempeln Sie Ihr Kind nicht als schwierig, verletzlich oder genetisch gefährdet ab. Denn Kinder nehmen sehr genau wahr, was ihre Eltern denken und fühlen.
  • Positives Feedback wie Lob und Ermunterung wirkt besser als Schimpfen und Strafen, weil man sonst schnell in eine negative Spirale von Tadeln und noch mehr schlechtem Benehmen gerät.
  • Grenzen zu setzen und Struktur zu bieten, ist für schwierige Kinder besonders wichtig. Hilfreich sind ein fester Tagesablauf sowie Rituale wie das Vorlesen vorm Einschlafen.
  • Die Betreuung in einer Krippe in den ersten 12 bis 18 Monaten ist möglicherweise nicht für alle Kinder gut, da manche in einer unruhigen, ungeordneten Umgebung schlecht gedeihen.
  • Das Leben mit besonders sensiblen Kindern ist anstrengend, aber die Mühe lohnt sich. Seien Sie deshalb optimistisch und sehen Sie das Potenzial in Ihrem Kind.



MEHR ZUM THEMA

INTERNET

Übersichtsartikel von Jay Belsky und Michael Pluess: „The Nature (and Nurture?) of Plasticity in Early Human Development“ www.psychologicalscience.org/journals/pps/4_4_pdfs/belsky.pdf



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