Ausgabe: 8/2011, Seite 54   -  Erde & Weltall

REICHE ERNTE IM SAHEL

Bäume helfen im Kampf gegen Bodenerosion und Hunger.

von Katrin Burger
 

Chris Reij hört man gerne zu. Er versprüht eine gehörige Portion Optimismus – und das obwohl sein Forschungsgebiet die afrikanische Sahelzone ist. Dieser Streifen, der sich von Senegal im Westen bis nach Äthiopien im Osten zieht und die Sahara im Norden von der Feuchtsavanne im Süden abgrenzt, ist für Hiobsbotschaften bekannt. Die Gegend steht für fortschreitende Desertifikation, das heißt: unfruchtbare Böden, ausgetrocknete Brunnen, verendetes Vieh und hungernde Kinder. In seinen Vorträgen zeigt der umtriebige Geograph Reij – emeritierter Professor für Internationale Zusammenarbeit der Universität Amsterdam – gerne zwei Satellitenaufnahmen von einem Dorf im Niger. Auf einer sieht man viel Gelb und Braun, auf der anderen sind dagegen große Flächen grün. Dann sollen die Zuhörer raten, welches Bild 1975 entstand und welches 2003. Tatsächlich ist die Sahelzone heute fruchtbarer als noch in den 1970er-Jahren – ein kleines, ökologisches Wunder.

Und dieses Wunder kam nicht mithilfe von Geld aus den Industrienationen zustande, auch nicht durch Grüne Gentechnik. Dass heute im Niger fünf Millionen Hektar verdorrter Fläche begrünt sind, ist ein paar Bauern zu verdanken, die sich auf ihre Traditionen besonnen haben. In der Sahelzone herrschte zwischen 1968 und 1973 eine erbarmungslose Dürre. Die durchschnittliche jährliche Regenmenge schrumpfte um 20 Prozent. Vielerorts wurden damals Bäume gefällt, um das Holz zu verkaufen – 90 Prozent der Energie in der Region stammt aus Feuerholz. Aber die Bäume auf den Feldern waren Teil einer jahrhundertealten Ackerbaumethode. Und mit den letzten Bäumen ging auch das Wissen darüber verloren. „Die Böden wurden hart und wertlos, das Hungerproblem verschärfte sich“, berichtet Reij, der Afrika erstmals 1978 zu Forschungszwecken bereiste. Hunderttausende Menschen starben während der Dürre.

Vom Zufall zum Selbstläufer

Das Wiederbegrünen begann Mitte der 1980er-Jahre – an Stellen, wo man einzelne Bäume vergessen hatte oder wo aus den Baumstümpfen neue Zweige sprossen. Dort gediehen plötzlich Hirse und andere Nahrungspflanzen wesentlich schneller als auf ungeschützten Feldern. In Burkina Faso half der Bauer Yacouba Sawadogo dem Zufall nach. Er grub, wie viele Generationen vor ihm, flache Kuhlen um die Ackerpflanzen herum, damit Regenwasser gezielt zu den Wurzeln fließen konnte. Zudem gab er während der Trockenzeit Viehdung quasi als Kühlaggregat in die Vertiefungen. Ergebnis: Er hatte höhere Erträge als andere Bauern. Damit hatte unbeabsichtigt ein Prozess begonnen, den Forstwissenschaftler „Agroforstwirtschaft“ oder „Farmed Managed Natural Regeneration“ (FMNR) nennen. Denn im Viehdung steckten Samen von Bäumen, die heute mannshoch auf Sawadogos Acker stehen. Die Erfolge wurden durch Mund-zu-Mund-Propaganda zum Selbstläufer. In Niger wachsen heute laut Studien von Gray Tappan vom amerikanischen Wissenschaftsinstitut US Geological Survey in vielen Dörfern 10 bis 20 Mal so viele Bäume wie vor 20 Jahren. Und auch in anderen Gegenden Afrikas gibt es ähnliche Erfolge: So lassen eine halbe Million Bauern im ostafrikanischen Malawi und in den südlichen Hochlandregionen des Nachbarlands Tansania die Baumart namens Faidherbia albida (Anabaum) auf ihren Maisfeldern wachsen. In der Sahelzone hilft FMNR mittlerweile gut drei Millionen Bauern, auch in Dürrejahren wie 2005 über die Runden zu kommen.

Chris Reij und viele Partner von Entwicklungshilfe-Organisationen haben die Bauern in ihrem Tun bestärkt. Vor Ort quantifizieren die Forscher, welche Auswirkungen die Agroforstwirtschaft auf die Böden und damit auch auf die Menschen hat. Dennis Garrity ist überzeugt: „Immergrüne Landwirtschaft kann die Ernteerträge in Afrika verdreifachen.“ Derzeit liegt der Ertrag an Getreide im Schnitt bei etwa einer Tonne pro Hektar und Jahr. Das ist ein Zehntel der Erntemenge in den USA. Aber: Bei Versuchen in Sambia betrug die jährliche Maisernte 4,1 Tonnen pro Hektar Land, wenn der „Düngebaum“ Faidherbia albida gemeinsam mit den Ackerpflanzen wuchs. Das Erstaunliche an Faidherbia: Der Baum, der zu den Akazien gehört, trägt nur in der Trockenzeit Blätter, die den Ackerpflanzen Schatten spenden. Wenn die Blätter in der Regenzeit abfallen, dienen sie als Dünger für Hirse, Mais, Sorghum und Erdnüsse. Denn der buschartige Baum lebt in Symbiose mit Bakterien, die Stickstoff aus der Luft binden und diesen im Tausch gegen andere Nährstoffe an die Pflanze abgeben. So zeigt eine Studie aus Äthiopien von 2009: Auf Feldern, wo Gerste zwischen Anabäumen wächst, sind Feuchtigkeit sowie Stickstoff- und Phosphor-Gehalt der Böden umso höher, je näher man dem Baum kommt.

Malawi und Sambia geben Bauern mittlerweile den Rat, 100 Akazien pro Hektar Maisfeld zu pflanzen. Im Niger sind es bereits jetzt 20 bis 160 Bäume pro Hektar Ackerfläche. Damit ist das Land das einzige weltweit, das mehr Bäume kultiviert als abholzt. Doch nicht nur Akazien wachsen wieder in der Sahelzone. Dort gedeihen auch Eukalyptusbäume, Afrikanische Affenbrotbäume, Neem- und Jujubebäume, Mahagonis, Tamarindenbäume und Bauhinien.

Schatten, Brennholz und Medizin

Die meisten Bauern haben mehr als drei verschiedene Baumarten auf ihrem Grund, manche bis zu zehn. „Die erhöhte Biodiversität verschafft vielen Tieren einen Lebensraum“, sagt Tony Rinaudovon von der Entwicklungshilfeorganisation World Vision Australia. Die Methode bietet viele Vorteile: Bäume fungieren als Schattenspender für das Vieh, liefern Brennholz für den eigenen Herd oder zum Verkauf. Zweige und Blätter sind Viehfutter. Von manchen Bäumen kann die bäuerliche Familie auch Früchte essen oder Blätter und Rinde als Medizin nutzen. „Die Methode ist billig und denkbar einfach“, sagt der Agronom Rinaudo. Im Niger werden so Nahrungspflanzen, Brennholz und Futter im Wert von rund 200 Millionen Euro pro Jahr erzeugt. Zudem können die ansässigen Bauern etwa eine halbe Million Tonnen mehr Getreide pro Jahr einfahren als früher, was 2,5 Millionen Menschen Nahrungssicherheit bietet. Die Bäume halten nicht zuletzt das Wasser in der Erde. Normalerweise fließt das Regenwasser in der ariden Sahelzone einfach in kleinen Bächen und natürlichen Gullys ab – und überflutet dabei häufig Äcker oder Dörfer. Bäume und Büsche bilden außerdem Hindernisse, sodass Samen und Sprösslinge nicht einfach verweht werden.

Um die Sahelzone gegen den Klimawandel zu wappnen, braucht es jedoch mehr als Agroforstwirtschaft. An vielen Orten frisst sich die Wüste weiter in den Süden. UNO-Experten haben gezeigt, dass 24 Prozent der Böden in der afrikanischen Region schlechter wurden und nur 16 Prozent fruchtbarer. Ein großes Problem: Die Region hat die höchste Geburtenrate der Welt. Nach aktuellen Schätzungen wird sich die Bevölkerungszahl in der Sahelzone bis 2030 verdoppeln. „Da Brennholz in Afrika das Öl ersetzt, sind Projekte wie FMNR nur kurzfristig hilfreich“, befürchtet Hannelore Kußerow, Biogeographin an der FU Berlin. Um die Bodenerosion zu bremsen und die Lebensbedingungen im Sahel nachhaltig zu verbessern, müsste es gelingen, das Bevölkerungswachstum zu stoppen. ■


MEHR ZUM THEMA

Internet

„Developing another green revolution in Africa“ – Präsentation von Chris Reij (als pdf): arts.monash.edu.au/ges/pgrad/midea/pdf/chris-reij-sahel.pdf

Text von Tony Rinaudo zu FNMR: permaculture.org.au/2008/09/ 24/the-development-of-farmer-managed-natural-regeneration



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