Ausgabe: 7/2011, Seite 104

ELF IN DER ERSTEN LIGA

2006, im Jahr der Fußball-WM, kürte bild der wissenschaft in Zusammenarbeit mit den wichtigsten deutschen Forschungseinrichtungen die „Elf der Wissenschaft“. Was ist aus der Mannschaft geworden?

SIE IST ZWEIFELLOS auf der Karriereleiter weit nach oben gestürmt. Vor fünf Jahren hatten die Juroren Claudia Kemfert und zehn andere Nachwuchsforscher unter 40 Jahren in die „Elf der Wissenschaft“ aufgenommen – nachzulesen in bild der wissenschaft 7/2006 („Das Dream-Team der Forschung“). Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und ist Professorin an der Hertie School of Governance. „Wir simulieren die internationalen Energie- und Strommärkte“, erklärt die Volkswirtin. „Beispielsweise untersuchen wir, wie sich die Energiepolitik auf das Klima auswirkt.“

Mit den Ergebnissen ihrer Analysen ist die heute 42-Jährige häufig in den Medien präsent. Ihre Meinung ist gefragt, und wer immer wieder auf TV-Bildschirmen zu sehen ist, wird unweigerlich zu einem Star seiner Zunft. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit geht die Wirtschaftswissenschaftlerin einer nicht minder spannenden Aufgabe nach: Sie berät Politiker in Fragen der Energiepolitik und des Klimawandels – beispielsweise den EU-Kommissionspräsidenten Manuel Barroso. Nebenher hat sie zwei Bücher geschrieben. „Meine Karriere ist so verlaufen, wie ich das nie zu träumen gewagt habe“, freut sich Kemfert.

Hat die Aufnahme ins Dream-Team der Forschung 2006 dazu ein Quäntchen beigetragen? „Es hat viel gebracht, in die Elf der Wissenschaft aufgenommen worden zu sein“, urteilt sie. Der Wissenschaft den Rücken zu kehren, kam für Kemfert nie infrage: „Zwar hatte ich einige Angebote aus der Wirtschaft, aber mein Antrieb kommt aus dem Wissensdurst. Ich habe das große Glück, genau an dem Thema forschen zu können, das mich antreibt.“

Dieses Glück genießt auch Florian Mayer, 41: Der Lebensmittelchemiker arbeitet – wie vor fünf Jahren – am Fraunhofer-Institut für Bauphysik in Holzkirchen. Mittlerweile ist er Abteilungsleiter der Bauchemie, 35 Mitarbeiter spornt er zu Höchstleistungen an. Eine seiner Forschungsarbeiten, die viel durch die Presse ging, klärte die Frage: Warum mundet Tomatensaft in der Luft so viel besser als am Boden? „Durch den geringeren Luftdruck in der Fahrgastkabine eines Flugzeugs schmecken Lebensmittel anders. Das Geschmacksprofil von Tomatensaft verschiebt sich “, erläutert Mayer. „Er wird weniger muffig und erdig wahrgenommen, dafür fruchtiger und runder.“

Andreas Lendlein, 42, hat seiner alten Forschungseinrichtung – dem Helmholtz-Zentrum Geesthacht – ebenfalls die Treue gehalten. Dort leitet der Familienvater nach wie vor den Standort Teltow des Instituts für Polymerforschung. Zusätzlich zu seiner Professur an der Universität Potsdam hat der Chemiker seit drei Jahren eine Honorarprofessur an der Freien Universität Berlin. Doch damit nicht genug: Gemeinsam mit Kollegen der Charité gründete Lendlein das Berlin-Brandenburger Zentrum für Regenerative Therapien.

Einen Weg in die Erste Liga hat sich auch Immanuel Bloch gebahnt: Der 38-jährige Physik-Professor leitet seit zwei Jahren das Max-Planck-Institut für Quantenoptik in München, gemeinsam mit vier weiteren Direktoren. Zudem hat er einen Lehrstuhl an der Ludwig-Maximilians-Universität. Angebote von Stanford und Harvard lehnte er ab. Nicht aus privaten Gründen – er hätte sich gut vorstellen können, nach Amerika zu gehen. Er gab den renommierten US-Universitäten allein deshalb einen Korb, weil die Forschungsbedingungen in Deutschland so hervorragend seien.

Oliver Schultz-Wittmann hingegen hat aus Überzeugung den Sprung über den großen Teich gemacht. Der Solarforscher entschied sich für einen Weg, der zum Abenteuer wurde. Nach acht erfolgreichen Jahren am Freiburger Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE, in denen er am Ende eine Gruppe von 25 Wissenschaftlern leitete, zog es den damals frisch verheirateten Wissenschaftler nach Kalifornien. Es lockte das attraktive Angebot eines Start-up-Unternehmens. Doch die damals gehegten Erwartungen seien für ihn nicht in Erfüllung gegangen, bekennt der heute 36-Jährige.

Er verließ das Unternehmen und hielt sich zunächst mit der Beratung von Solarfirmen im Silicon Valley über Wasser. Der Abenteuergeist verließ ihn jedoch nicht: 2009 gründete er mit vier Freunden die Start-up-Firma TetraSun. „Ich bin also jetzt in der Vorstandsetage“, schmunzelt der Physiker. Das Unternehmensziel: verbesserte kristalline Silizium-Solarzellen zu einem günstigen Preis. Die erste Hürde hat das neu entwickelte Fertigungsverfahren genommen – die Wissenschaftler haben gezeigt, dass es prinzipiell funktioniert. „Um im Markt eine Chance zu haben, brauchen wir eine Massenproduktion. In 12 bis 18 Monaten könnte die Fertigung stehen“, hofft Schultz-Wittmann. „Der Preisdruck ist allerdings sehr hoch. Der Markteinstieg ist schwieriger als noch vor drei Jahren.“

Auch Kirsten Zickfeld fühlt sich an der Pazifikküste Nordamerikas wohl. Bereits vor fünf Jahren lebte die Klimaforscherin mit Mann und Tochter in Kanada. Seit Herbst 2010 forscht sie als Professorin an der Simon Fraser University in Vancouver. Hier geht sie unter anderem der Frage nach: Wie viel Kohlendioxid dürfen wir ausstoßen, um ein bestimmtes Klimaziel zu erreichen? Dass die 39-Jährige in Kanada geblieben ist, war nicht geplant – es „hat sich gefügt“, sagt die naturbegeisterte Forscherin. Und außerdem: Im kanadischen Tenure-Track-System – Zeitverträge mit festen Laufbahnzusagen im Bewährungsfall – werde man automatisch weitergeleitet.

In Deutschland ist das oft schwieriger – das musste Robert Arlinghaus, 40, erfahren. Der Fischereiforscher ist seit 2006 Junior-Professor an der Humboldt-Universität Berlin und leitet außerdem eine Nachwuchsgruppe am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB). Ab 2012 wird er eine unbefristete Stelle am IGB erhalten. Ein Selbstläufer war das jedoch nicht: „Es war recht mühsam, eine feste Stelle auszuhandeln. Außer hoher Publikationsaktivität und sonstigen wissenschaftlichen Leistungen wie Drittmittelakquise haben einige Angebote aus dem Ausland bei den Verhandlungen geholfen“, verrät er.

Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) führt Igor Gornyi einen ähnlichen Kampf: In den letzten fünf Jahren finanzierte der Physiker seine Arbeitsgruppe über ein Stipendium, das nun jedoch ausgelaufen ist. „Es ist noch nicht klar, ob ich eine Dauerstelle am KIT bekomme“, sagt der 38-Jährige. Angebote aus anderen Ländern gab es bereits. Doch der Forscher lehnte ab: „Die Forschungsbedingungen hier sind perfekt, und meine Familie fühlt sich in Karlsruhe wohl.“

Frank Lyko, 40, hat bereits eine der begehrten Dauerstellen ergattert – am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). Seit fünf Jahren lehrt der Biologie-Professor auch an der Universität Heidelberg. Für die praktische Arbeit im Labor bleibt ihm dabei oft zu wenig Zeit. „Es hat mir gefehlt, mir die Hände schmutzig zu machen“, gesteht er. Daher hat er sich kleine Praxisinseln geschaffen: So ging er vier Wochen bei einem Imker in die Lehre – und erforschte später die Unterschiede in den Genen von Arbeiter- und Königinbienen.

Eine Auszeit gönnt sich auch Ina Bornkessel-Schlesewsky hin und wieder. In diesem Frühjahr verlegte sie ihren Arbeitsplatz für zwei Monate nach Australien. Seit 2005 leitete die junge Wissenschaftlerin, die in Tasmanien aufwuchs, eine Nachwuchsgruppe in der Neurotypologie am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. 2009 erhielt sie eine Professur an der Philipps-Universität Marburg: Mit nur 29 Jahren dürfte sie eine der jüngsten Professorinnen Deutschlands gewesen sein, wenn nicht gar die jüngste überhaupt. „Der Sprung von der Nachwuchsförderung auf eine Professur ist sehr hart, man braucht Durchhaltevermögen“, sagt Bornkessel. Dass sie eine Professur in Marburg bekommen hat, freut die heute 31-Jährige auch aus familiären Gründen: „Mein Mann arbeitet in Mainz, so kann ich endlich untertags pendeln.“ Durchhaltevermögen beweist sie auch hier: Für eine Strecke braucht sie mit der Bahn zwei Stunden.

Doch was genau macht eine Forscherin in der Neurotypologie? „Wir untersuchen, wie unterschiedliche Sprachen im Gehirn verarbeitet werden“, erklärt Bornkessel. „Beispielsweise haben wir herausgefunden, dass das Deutsche im Gehirn ein ähnliches Verarbeitungsmuster zeigt wie das Chinesische und das Türkische.“ Für ihre Ergebnisse erhielt sie 2009 den Heinz Maier-Leibnitz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der mit der Summe von 16 000 Euro dotiert ist.

Mit eindrucksvollen Auszeichnungen kann auch Volker Springel, 40, aufwarten. 2009 erhielt er als vorläufigen Höhepunkt den Klung-Wilhelmy-Weberbank-Preis der Physik, mit 100 000 Euro die höchstdotierte Auszeichnung für Wissenschaftler unter 40 in Deutschland. Im neu aufgebauten Heidelberg Institute for Theoretical Studies widmet sich der Physik-Professor seinen Simulationen, die die Entwicklung des Universums von 300 000 Jahren nach dem Urknall bis heute beschreiben. Er komplettiert die „Elf der Wissenschaft“. Und demonstriert so überzeugend wie seine Mitstreiter: Das Dream-Team der Forschung macht seinen Weg. ■


janine van Ackeren ist freie Wissenschaftsjournalistin in Duisburg. Die promovierte Biophysikerin porträtierte in Heft 7/2006 das Dream-Team.


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