Ausgabe: 1/2011, Seite 72   -  Kultur & Gesellschaft

EIN ARCHÄOLOGE UNTER OBDACHLOSEN

Archäologen gelten als Experten für die Vergangenheit. Doch einige wenden ihre Methoden jetzt auf die moderne Gesellschaft an – mit erstaunlichen Ergebnissen.

von Angelika Franz
 

Was haben ein Billy-Regal des schwedischen Möbelkonzerns Ikea und eine römische Münze gemeinsam? Viel mehr als man glaubt. Eine römische Münze des Kaisers Claudius, die ein Archäologe im Fundament eines Hauses findet, eignet sich hervorragend zur Datierung. Denn das Gebäude kann erst nach dem Jahr 41 errichtet worden sein, dem Jahr von Claudius’ Regierungsantritt. Die Münzen des Kaisers waren sowohl in Rom als auch in den Provinzen so weit verbreitet, dass sie ein Fixpunkt für Archäologen sind: ein sogenannter Leit-Artefakt. Wo immer ein Ausgräber auf eine solche Münze trifft, kann er sicher sein: Kultur – römisch, Zeit – nach 41 n.Chr. Ähnlich ist auch das Billy-Regal für Archäologen Gold wert. Wo immer ein Ausgräber eines findet, kann er die Einrichtung datieren und ihre Bewohner in einen soziokulturellen Kontext einordnen. Und das weltweit. Billy gibt es in 285 Ikea-Einrichtungshäusern in 36 Ländern zu kaufen – nicht nur in Europa, sondern auch in Russland, China und den USA. Seit seiner Einführung 1979 ging das Regal zum Selbstaufbauen mehr als 41 Millionen Mal über den Ladentisch – damit gibt es heute wesentlich mehr Billy-Regale, als jemals Claudius-Münzen geprägt wurden.

Die Datierung eines Regals ergibt sich aus verschiedenen Faktoren. Zum Beispiel weiß ein Archäologe, der in den USA ein Billy-Regal findet, dass die zugehörige Wohnung auf jeden Fall nach 1985 bewohnt war – das Jahr, in dem in Philadelphia die erste US-amerikanische Ikea-Filiale eröffnet wurde. Und ein Billy-Regal mit durchgehender Rückwand ist älter als ein Regal in der heute erhältlichen Version, bei der die Rückwand aus drei Teilen besteht. So wie eine Münze mit dem Konterfei von Claudius und dem seiner dritten Ehefrau Valeria Messalina sicher älter ist als eine Münze, die er sich mit Ehefrau Nr. 4, Agrippina Minor, teilt.

FLAIR DES EXOTISCHEN

Als ähnlich praktikabel erweist sich Billy für die Bestimmung des soziokulturellen Kontextes eines Fundorts. Der Eigentümer eines Billy-Regals wird mit großer Wahrscheinlichkeit zur breiten Mittelschicht gehören und noch nicht allzu fortgeschrittenen Alters sein. Doch Vorsicht: Das gilt nur für Nordeuropa! In anderen Kulturkreisen sind Ikea-Möbel umweht vom Flair des Exotischen und nicht jedermanns Geschmack. So wie die gute alte Münze des Claudius auch je nach Fundort unterschiedliche Bedeutungen hatte: In Rom bezahlte man damit alltägliche Güter, und ein Römer des ersten Jahrhunderts schenkte ihr wahrscheinlich nicht mehr Beachtung als dem Hahn im Hinterhof. An den Rändern des Imperiums aber, beispielsweise im gerade eroberten Britannien, war eine solche Münze eine Seltenheit – deren Besitz bedeutete, dass man mit den neuen fremden Herren in einer Art von (Handels-)Beziehung stand.

Rein archäologisch betrachtet sind sich also ein Billy-Regal und eine römische Münze sehr ähnlich. Der gravierende Unterschied der beiden sind rund 2000 Jahre, die zwischen der Produktion dieser Artefakte liegen. Ist denn ein Billy-Regal überhaupt ein lohnender Untersuchungsgegenstand für die Archäologie? „Aber natürlich“, sagt John Schofield von der University of York, ein führender Forscher im Bereich der Gegenwarts-Archäologie. „Die Archäologen untersuchen die materiellen Hinterlassenschaften von Menschen und interpretieren daraus deren Verhalten.“ Das können die Reste eines Lagerfeuers aus dem Neolithikum sein, ein Münzfund in Rom – oder eben ein Billy-Regal.

STRASSENMÜLL UNTER DER LUPE

Schofield hat schon so manch ungewöhnlichen Gegenstand und Ort unter die archäologische Lupe genommen, zum Beispiel einen Obdachlosen-Treffpunkt in Bristol. Können denn Menschen ohne festen Wohnsitz überhaupt archäologische Spuren hinterlassen, die sich von ganz normalem Straßenmüll unterscheiden? Für die Suche nach der Antwort arbeiteten Schofield und seine Kollegin Rachael Kiddey mit den Obdachlosen eng zusammen. Seite an Seite gruben die Wissenschaftler mit Studenten und Obdachlosen zwei Tage lang eine kleine Grünfläche namens „Turbo Island“ um, die für Alkohol- und Drogenkonsum bekannt ist. Eine anhaltende Regenperiode hätte dem Projekt fast einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der Boden war aufgeweicht und schlammig. „Viele Obdachlose haben wegen des Regens nicht mitgemacht – sie wären zu dreckig geworden“, erklärt Schofield. „Wenn man auf der Straße lebt und keine Gelegenheit hat, sich und seine Kleidung zu waschen, muss man versuchen, so sauber wie möglich zu bleiben.“

Nach Beendigung der Feldarbeit kamen die Hilfsarchäologen von der Straße mit in die Universität. Obwohl das Gebäude nur wenige Kilometer von Turbo Island entfernt liegt, war es für viele ein Ausflug in eine andere Welt. Jetzt begann der zweite Teil der archäologische Arbeit: das Reinigen, Dokumentieren und Interpretieren der gefundenen Artefakte. Hier erwiesen sich die Obdachlosen als Experten. Nur sie konnten den Ausgräbern erklären, worum es sich bei einigen der gefundenen Gegenstände handelte. So ließ beispielsweise ein etwa drei Zentimeter großes Aluminium-Pfännchen die Wissenschaftler rätseln. Die Bewohner von Turbo Island wussten, was es damit auf sich hat: Solche Pfännchen teilen manche Drogenberater an Süchtige aus, damit diese darin das Heroin aufkochen können, bevor sie es sich spritzen. Viele Süchtige nehmen dazu die Böden von Bierdosen, die jedoch oft verunreinigt sind. Mit der Droge spritzen die Abhängigen sich dann den Schmutz in die Adern. Das archäologisch Relevante an dem Fund ist, dass ausgerechnet die Drogenberater in Bristol solche Pfännchen nicht aushändigen – das Artefakt ist also, in der Sprache der Archäologie, ein „Importgut“.

TRADITION DES BIERKONSUMS

Als Leit-Artefakt für die Datierung der materiellen Hinterlassenschaften von Obdachlosen eignen sich Bierdosen hervorragend. Zum einen hat sich deren Design über die Jahre hinweg immer wieder geändert. Zum anderen sind die Öffnungsringe ein entscheidendes Datierungsmerkmal: Während es vor den frühen 1980er-Jahren „Pull Tabs“ gab, die man beim Öffnen entfernte, wurden diese später von „Stay on Tabs“ verdrängt, die man ins Innere der Dose drückt. Der Bierkonsum auf Turbo Island hat aber offenbar eine noch viel längere Tradition. Die Ausgräber siebten ein etwa daumennagelgroßes Stückchen Keramik aus der Erde, dekoriert mit einem Muster, das an die Äste eines Baums erinnert: Mocha-Ware – ein Standard-Bierkrug aus dem 18. Jahrhundert.

Langsam schält sich aus den Funden ein archäologisches Porträt von Turbo Island heraus. Die Fragen sind dieselben, wie man sie an einem neolithischen Feuerplatz stellen würde: Wer (eine Gruppe Hirten/eine Gruppe Obdachlose) ging an diesem Ort (Feuerstelle/Turbo Island) welchen Tätigkeiten (Essen/Alkohol- und Drogenkonsum) nach? Das Besondere an Turbo Island ist, dass die Funde meist aus der allerjüngsten Vergangenheit stammen. In der Archäologie – vor allem in der deutschen – fallen sie damit aus dem herkömmlichen Raster:

  • Die Urgeschichte beleuchtet die Menschheit vor Einführung der Schrift,
  • Klassische Archäologen begeistern sich für Griechen und Römer,
  • die Mittelalterarchäologie untersucht das Leben in der Zeit nach der Antike.

Dazu kommt eine Spezialisierung der Archäologen auf bestimmte Regionen wie Amerika, Ägypten oder Vorderasien. Und es gibt Spezialisten wie die Schlachtfeldarchäologen, die sich um Kampfplätze aller Kulturen aus allen Zeiten kümmern. Entsprechend sind die Lehrstühle ausgeschrieben, und so würde ein Altamerikanist oder ein Ur- und Frühgeschichtler kaum auf die Idee kommen, über Billy-Regale oder Obdachlose nachzudenken. Dass die Postmoderne ebenso eine Epoche ist wie das Neolithikum oder die griechische Klassik und damit auch individuelle Artefakte hervorbringt, die mit archäologischen Methoden untersucht werden können, ist ins Bewusstsein vieler deutscher Archäologen noch nicht vorgedrungen.

Menschen statt Skulpturen

Das sieht im anglo-amerikanischen Raum anders aus. Hier verschwimmen sogar die Grenzen zwischen Archäologie und Anthropologie – in Deutschland undenkbar. „Es ist immer eine Frage der Wissenschaftstradition im jeweiligen Land“, erklärt Schofield. Die Wurzeln für diese unterschiedliche Herangehensweise an unsere Vergangenheit liegen in den 1960er-Jahren. Da wurde in Großbritannien und teilweise auch in den USA die „New Archaeology“ populär. Sie kritisierte den herkömmlichen Ansatz der Archäologie mit seiner Fokussierung auf Objekte wie Skulpturen, Vasen, Münzen oder Tempel und forderte, den Blick stattdessen auf den Menschen und sein Verhalten zu und in der Umwelt zu richten. Mit dieser Verschiebung lösten sich die alten innerdisziplinären Grenzen auf. Der Cambridger Archäologe David L. Clarke, einer der Mitbegründer der New Archaeology, prägte den bezeichnenden Satz: „Archäologie ist, was Archäologen machen.“

Einer der wenigen deutschen Wissenschaftler, die sich mit Gegenwarts-Archäologie befassen, ist Leo Schmidt. Er brachte es zu medialer Berühmtheit durch einen Auftrag, den ihm der Berliner Senat erteilte: die archäologische Erfassung der Berliner Mauer. Schmidt hat den Lehrstuhl Denkmalpflege an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus inne und setzt sich seit Jahren im Internationalen Rat für Denkmalpflege (ICOMOS) weltweit für die Aufarbeitung der Epoche des Kalten Krieges ein. „Wir kämpfen dabei mit der bildungsbürgerlichen Auffassung, dass etwas zeitlich weit weg sein muss, um Geschichte genannt zu werden“, erklärt er seinen oft schweren Stand in Deutschland. „Doch dann ist es häufig zu spät, genügend Material für eine archäologische Untersuchung zu finden.“ Gerade das Beispiel Berliner Mauer macht das deutlich. Als Schmidt mit seiner Untersuchung begann, waren die Spuren des einst stadtprägenden Monuments kaum noch auszumachen. Über 28 Jahre hatte es die Stadt geteilt. Nach dem Mauerfall hatte sich die gewaltige Schneise rasch wieder gefüllt – mit Stadtbebauung, die von der restlichen Berliner Architektur nicht zu unterscheiden ist. „Narben“ sind nicht geblieben.

MAUERRESTE LÜGEN NICHT

Der Sinn der wissenschaftlichen Untersuchung eines Objekts, an das sich noch viele erinnern können, aber an das sich viele gar nicht mehr erinnern wollen, erschließt sich nicht jedem. „Doch die Archäologie ist unsere Chance für einen unparteiischen Zugang zur eigenen Geschichte“, erklärt Schmidt. Die persönlichen Erinnerungen entsprechen oft nicht der Realität. Die Darstellung der Mauer in den Medien oder in der Kunst zurzeit ihrer Existenz war gefärbt – je nach Ansichtsseite. „Die archäologischen Reste aber lügen nicht“, sagt Schmidt. Wir brauchen sozusagen die Gegenwarts-Archäologie zum Realitäts-Check.

Aus diesem veränderten Blickwinkel auf Mensch und Umwelt statt auf Objektgruppen hat die Archäologie – vor allem die Gegenwarts-Archäologie – nicht zwangsläufig etwas mit dem Ausgraben von materiellen Hinterlassenschaften zu tun. Ein gutes Beispiel dafür ist ein weiteres Projekt von Schofield: die Musik-Archäologie in Liverpool. „Gemeinsam mit meinen Kollegen Sara Cohen und Brett Lashua habe ich mich auf die Suche nach jenen ‚Landschaften‘ in der Stadt gemacht, in denen sich ein Rock- und ein Hip-Hop-Musiker bewegen – die Beziehung der Musiker zu ihrer Umwelt und die Effekte, die diese Umwelt auf die Musik der Künstler hat“, erläutert Schofield das Projekt, über das die Wissenschaftler in der renommierten Zeitschrift „British Archaeology“ berichtet haben.

Das Ergebnis war verblüffend: „Obwohl die beiden Musiker, die wir für diese Untersuchung rekrutiert haben, in derselben Stadt aufwuchsen und leben, sehen ihre Stadtpläne von Liverpool ganz unterschiedlich aus“, erklärt Schofield. Die Orte, die der Rock-Musiker für wichtig erachtet und in seinen Stadtplan einzeichnete, sind vor allem Clubs und Tonstudios. Sie bilden die Referenzpunkte, zwischen denen sich seine Bahnen durch die Stadt ziehen. Alle Orte sind öffentlich zugänglich und auch Menschen außerhalb seines Freundeskreises bekannt. Der Hip-Hoper dagegen konzentriert sich vornehmlich auf die Wohnungen seiner Freunde oder anderer Hip-Hop- Musiker sowie lokale Treffpunkte seines Freundes- und Bekanntenkreises wie das Fußballfeld oder den kleinen Laden an der Ecke. Die Orte sind persönlich geprägt und haben keine große öffentliche Bedeutung. Das Verhältnis des Musikers zur Umwelt spiegelt sich auch klar in der Hip-Hop-Musik wieder: In den Texten geht es oft um „hood“ (von englisch „neighborhood“, Nachbarschaft), also um die unmittelbare Umgebung mit ihren unterschiedlichen sozialen Verflechtungen.

Schofields Arbeit zeigt: Archäologie ist überall. Er hat schon Friedensaktivisten-Camps archäologisch untersucht, die Hauptstraße des verlassenen Rotlichtviertels von Valletta auf Malta erforscht und nach Spuren der Straßenschlachten von Brixton in den 1980er-Jahren gesucht. Was er gerne noch in Angriff nehmen würde? Schofield lächelt verschmitzt: „Ich würde gerne einen Bus archäologisch auswerten – den Tourbus einer großen Rockband.“ ■


ANGELIKA FRANZ, Wissenschaftsjournalistin und Archäologin in Hamburg, traf John Schofield in einem urigen Pub in Dartmoor.

MEHR ZUM THEMA

INTERNET

Seite einer britischen Radiosendung, in der John Schofield mit anderen über Archäologie und Musik diskutiert: www.varmintshow.net

Film über die Ausgrabung auf „Turbo Island“: www.youtube.com/watch?v=8GbiQrbp33s

Film über die archäologische Untersuchung eines Ford Transit: www.archaeologychannel.org/content/ video/intransit.html

LESEN

John Schofield, Rodney Harrison AFTER MODERNITY Archaeological Approaches to the Contemporary Past Oxford University Press, Oxford 2010, € 34,99

John Schofield (Hrsg.) DEFINING MOMENTS Dramatic Archaeologies of the Twentieth Century Archaeopress, Oxford 2009, € 75,99

Anke Kuhrmann DIE BERLINER MAUER Vom Sperrwall zum Denkmal Deutsches Nationalkomitee für Denkmalschutz, Schriftenreihe Bd. 72/1, Bonn 2009, erhältlich am Lehrstuhl für Denkmalpflege der BTU Cottbus: trenkman@tu-cottbus.de



JOHN SCHOFIELD

Er bürstet die Archäologie immer wieder kräftig gegen den Strich. 21 Jahre lang war John Schofield Leiter der Forschung über militärische Hinterlassenschaften bei der britischen Denkmalpflege-Organisation „English Heritage“. „Ich mag es, wenn Menschen anderer Meinung sind und meine Motive anzweifeln – oder meinen Geisteszustand!“, scherzt er. Zu Beginn seiner Karriere als Prähistoriker arbeitete er am liebsten in Landschaften, über die noch nichts bekannt war, anders als viele Kollegen, die bedeutende Monumente bevorzugten.

Schofield ist nicht nur Archäologe. Er präsentiert gelegentlich auch eine Musik-Sendung auf einem lokalen Radiosender in Somerset, die „Varmint Show“. Die „Varmints“ – was auf Deutsch so viel wie „Racker“ bedeutet – haben eine eigene Kolumne auf der Internetseite des Council for British Archaeology, in der sie über die Zusammenhänge zwischen Archäologie, Denkmalpflege und Musik schreiben. Diesen Sommer hat Schofield zudem die Leitung des Programms für Management der kulturellen Denkmalpflege an der University of York übernommen.



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