Ausgabe: 1/2011, Seite 18   -  Leben & Umwelt

FAULPELZE, ANGSTHASEN UND SCHRÄGE VÖGEL

Gene, Hormone und Erfahrungen prägen auch bei Tieren den Charakter. Sie sind Individuen wie wir – auch die Wissenschaft sieht das mittlerweile ein.

von Ina Schicker
 

Kaninchen, Katzen, Kohlmeisen, Stichlinge, Einsiedlerkrebse ... Die Liste der Tiere, für deren persönliche Eigenarten sich Forscher in neuerer Zeit interessieren, ist lang und bunt. Bislang tummelten sich „Tierpersönlichkeiten“ eher in Kinderbüchern und Disneyfilmen als in wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Denn unter Forschern war die Frage, ob Tiere Persönlichkeit besitzen, lange als unwissenschaftliche Vermenschlichung verpönt. Doch das hat sich geändert. Inzwischen treibt Forscher nicht mehr die grundsätzliche Frage um, ob Tiere eine Persönlichkeit haben, sondern ganz konkret, welche Persönlichkeit ein individuelles Wesen auszeichnet und wie sie entsteht.

„Unter Persönlichkeit verstehen wir die Tatsache, dass ein Lebewesen in verschiedenen Situationen und über längere Zeit immer wieder ähnliche Verhaltensgrundmuster zeigt, obwohl es auch andere Möglichkeiten hätte“, erklärt der Biologe Fritz Trillmich von der Universität Bielefeld. Nun will er wissen: „Wie kommt es zu dieser Festlegung auf ein bestimmtes Verhaltensrepertoire, das sich von Tier zu Tier erheblich unterscheiden kann?“ Zusammen mit Wissenschaftlern an den Universitäten Münster und Potsdam untersucht seine Arbeitsgruppe bei einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt, in welchen Lebensphasen sich individuelle Erfahrungen bei verschiedenen Tierarten prägend auf Verhaltenseigenheiten auswirken und welchen Nutzen eine solche „Einengung der Verhaltensweisen“ für die Anpassung an die Umwelt hat.

KEINE MAUS IST WIE DIE ANDERE

Hier treffen sich seine Interessen mit denen von Robyn Hudson, Psychobiologin an der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko. Sie beobachtet vor allem Katzen und Kaninchen. Und auch sie interessiert sich dafür, „warum sich selbst Tiere aus ein und demselben Wurf oft sehr unterschiedlich verhalten. Sie erkunden unbekannte Situationen neugierig oder vorsichtig, sind ängstlich oder mutig, gesellig oder einzelgängerisch, und treten aggressiv, sozial verträglich oder dominant auf.“

„Keine Maus ist wie die andere“ bestätigt Lars Lewejohann von der Universität Münster. Nicht einmal unter Labormäusen herrscht Gleichheit, obwohl sie unter gleichförmigen Bedingungen aufwachsen und sich auch genetisch kaum unterscheiden. Denn schließlich erwartet man von ihnen ausdrücklich, dass sie – etwa in medizinischen Experimenten – möglichst gleichartig reagieren. Individuelle Persönlichkeitszüge sind hier ein lästiges Ärgernis, das auch jene Forscher nicht mehr ignorieren können, die bisher individuelle Verhaltensbesonderheiten als unbedeutende zufällige Temperamentsausbrüche abgetan haben. Wissenschaftler wie Lars Lewejohann und seine Kollegen fragen sich: Woher rühren solche individuellen Unterschiede? Warum bilden sich im Lauf der Evolution nicht eindeutige optimale Verhaltensmuster heraus, die sich für alle Lebewesen einer Art bewährt haben? Was sind die Vorteile von unterschiedlichen Charakteren, und auf welche Weise entstehen diese?

Der Biologe Lewejohann arbeitet mit einem Mäusestamm, der sich von anderen Labormäusen genetisch nur dadurch unterscheidet, dass den Tieren der Erbcode für einen bestimmten Serotonin-Transporter fehlt. Diese Veränderung hat zur Folge, dass die Tiere dieses Stammes weniger aggressiv und aktiv sind, sich untereinander sozialer verhalten und mehr Zeit mit gegenseitiger Fellpflege verbringen als Labormäuse mit Serotonin-Transporter. Über das Molekül weiß man, dass es die Wirkung des Nervenüberträgerstoffs Serotonin nach der Ausschüttung wieder beendet. Ein Beleg also für die genetischen Ursachen von Persönlichkeit? „Nur bedingt“, meint der Forscher, „denn bei genauerer Betrachtung verhalten sich die genetisch identischen Tiere doch sehr individuell.“ Zum Beispiel erkunden einige von ihnen in einer abwechslungsreichen Umgebung neugierig und lebhaft das Umfeld, während andere nur geringes Interesse dafür zeigen.

EIn EINZIGES GEN ENTSCHEIDET

Lewejohann zieht deshalb einen ähnlichen Schluss wie sein Kollege Kees van Oers vom niederländischen Institut für Ökologie. Der fand kürzlich bei Kohlmeisen heraus, dass schon ein einziges verändertes Gen die Vögel unterschiedlich neugierig machen kann. Kann, aber nicht muss. Beide Forscher sind sich also einig: Genetische Fak- toren sind nur ein Teil des Puzzlespiels. In dasselbe Horn stößt Norbert Sachser, Leiter der Abteilung für Neuro- und Verhaltensbiologie an der Universität Münster. Er forscht bevorzugt an Meerschweinchen und hat bei den Nagern beobachtet, dass auch Faktoren, die eindeutig nicht in den Genen verankert sind, unterschiedliche Verhaltensmuster bewirken können. Abhängig davon, ob trächtige Meerschweinchen-Mütter in einem Umfeld mit vertrauten oder fremden Artgenossen gehalten wurden, verhielt sich der Nachwuchs sehr unterschiedlich. Lebte die Mutter während der Trächtigkeit in einem sozial bedrohlichen Umfeld mit fremden Meerschweinchen, benahmen sich ihre Töchter eher wie Männchen und hatten deutlich erhöhte Testosteron-Werte im Blut. Offenbar hatte der soziale Stress der Mutter während der Trächtigkeit eine hormonell gesteuerte „Umprogrammierung“ der Persönlichkeit des ungeborenen Nachwuchses bewirkt (siehe auch Titelgeschichte „Geschlechtsorgan Gehirn“, bild der wissenschaft 8/ 2010). „In der Natur könnte dies eine sinnvolle Anpassungsstrategie an eine hohe Populationsdichte sein“, vermutet Sachser. „Weibchen mit einem männlicheren Verhaltensmuster können sich dann vermutlich besser behaupten.“

PRÄGUNG VOR DER GEBURT

Wird die Persönlichkeit also bereits vor der Geburt geprägt? Robyn Hudson ist davon überzeugt. Sowohl bei frei lebenden Hauskatzen als auch bei Kaninchen hat sie festgestellt, dass sich schon unmittelbar nach der Geburt Verhaltensunterschiede zwischen den Geschwistern in einem Wurf nachweisen lassen. „Und viele dieser frühen Unterschiede sind stabil. Das heißt, wir finden sie auch noch, wenn wir die Jungtiere nach einigen Wochen oder Monaten erneut miteinander vergleichen. Wer gleich nach der Geburt besonders aktiv oder mutig war, ist dies auch später. Kleine Faulpelze wachsen meist zu gemütlichen Charakteren heran, und ängstliche Tiere sind auch später besonders vorsichtig.“ Individuelle Unterschiede innerhalb ein und desselben Wurfes – die übrigens sogar bei genetisch identischen Mäusen beobachtet werden, wie Lars Lewejohann bestätigt –, könnten durch individuelle Versorgungsunterschiede mit Nährstoffen und Hormonen mitbedingt sein, vermutet die Psychobiologin. „Jedes Tier ist im Uterus über eine eigene Plazenta mit der Mutter verbunden, und es ist gut möglich, dass diese Organe recht unterschied- lich arbeiten.“

Vorgeburtliche nichtgenetische Einflüsse auf die Persönlichkeit finden sich nicht nur bei Säugetieren. Sie sind auch von Vögeln bekannt, sagt Nikolaus von Engelhardt von der Universität Bielefeld. Höhere Testosteronwerte im Ei führen hier meist dazu, dass die Männchen, die aus diesen Eiern schlüpfen, attraktiver aussehen, außerdem dominanter und aggressiver sind und mehr Melodien auf Lager haben.

Bei Fischen ist von Stichlingen bekannt, dass sich der Nachwuchs vorsichtiger verhält und in engeren „Schulen“ zusammen schwimmt, wenn die Mutter beim Laichen gestresst war und die Jungfische bereits im Ei verstärkt Stresshormonen ausgesetzt waren. „Im Augenblick fragen wir uns, ob solche Effekte durch ein besonders fürsorgliches Verhalten des Vaters, der bei Stichlingen für die Brutpflege zuständig ist, zum Teil wieder ausgeglichen werden können“, berichtet Alison Bell von der University of Illinois. Denn auch Stichlingsväter zeigen bei der Kinderbetreuung stabile individuelle Persönlichkeitsunterschiede.

Dass – ganz nach Freud – grundsätzlich die Zuwendung der Eltern auch bei Tieren großen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder nimmt, zeigen schon die frühen, heute als grausam empfundenen Versuche Harry Harlows mit jungen Rhesusaffen aus den 1950er-Jahren. Der amerikanische Psychologe zog Äffchen getrennt von ihrer Mutter auf und bot ihnen als „Ersatzmutter“ Drahtgestelle mit Milchspender an. Diese Vorrichtungen boten den Jungtieren zwar ausreichend Nahrung, aber keine soziale Zuwendung. Alle so aufgezogenen Tiere entwickelten starke Verhaltensstörungen oder starben. Hatten sie die Wahl zwischen einem futterspendenden, nackten Drahtgestell und einer mit weichem Plüsch bezogenen Attrappe, zogen sie Letztere dem Futterspender vor. Kuscheln zählte für sie offenbar mehr als Nahrung. Die Bedeutung der Elternliebe bestätigen auch neuere Experimente des Neurobiologen Michael J. Meaney von der McGill University in Montreal, Kanada. Er konnte nachweisen, dass junge Ratten, die regelmäßig intensiv von ihrer Mutter geleckt werden, sich emotional stabiler entwickeln als solche, denen diese Art der Zuwendung fehlt. Sie sind auch als erwachsene Tiere weniger stressanfällig und ängstlich als andere, die weniger mütterliche Zuwendung erhalten haben.

WENN GESCHWISTER KONKURRIEREN

Auch Tiergeschwister können sich nachhaltig in ihrer Persönlichkeitsentwicklung beeinflussen. Solche Effekte untersucht Heiko Rödel an der Universität Bayreuth bei Kaninchen. Kaninchen bekommen von Natur aus nur sehr wenig mütterliche Aufmerksamkeit, da die Mutter ihre Jungen nur einmal am Tag wenige Minuten lang säugt. Die übrige Zeit verbringen die Kleinen alleine im Nest, wo sich die Geschwister eng zusammenkuscheln, um sich gegenseitig zu wärmen. Weil Kaninchen sich bei der Geburt in Größe und Gewicht oft stark unterscheiden, haben es die größeren Tiere leichter als die kleineren, eine günstige Position im Nest zu erlangen oder beim Säugen rasch zur Zitze der Mutter zu finden. Die kleineren müssen dagegen hart kämpfen, um auf ihre Kosten zu kommen, und stehen deshalb stärker unter Stress. Auch das hinterlässt nachhaltige Spuren: Selbst wenn die Kleinen nach einiger Zeit körperlich aufgeholt haben, ziehen sie im direkten Wettstreit weiterhin den Kürzeren und sind auch als erwachsene Tiere weniger aggressiv als ihre ehemals kräftigeren Geschwister.

Die Weichen für die Grundzüge der Persönlichkeit werden also früh gestellt und halten sich oft lebenslang. Doch einschneidende Erfahrungen später im Leben können die Persönlichkeit ebenfalls prägen. Eine besonders wichtige Phase scheint auch bei Tieren die Pubertät zu sein, also der Übergang zur Geschlechtsreife. „In dieser Phase der hormonellen Umstellung ist das Gehirn noch einmal besonders formbar und kann bei Bedarf ,nachjustiert‘ werden“, sagt Norbert Sachser.

FRIEDLICH ODER AGGRESSIV?

Meerschweinchen, die in dieser kritischen Phase in einem unterschiedlichen sozialen Umfeld leben, entwickeln sich zu sehr unterschiedlichen Charakteren. Leben sie in dieser Zeit in großen Gruppen mit vielen Sozialkontakten, so lernen sie, kämpferische Auseinandersetzungen mit anderen Männchen weitgehend zu vermeiden. Dabei pegelt sich ein hormoneller Zustand ein, der die Männchen friedlich mit den anderen Männchen auskommen lässt. Leben die Tiere dagegen alleine mit einem Weibchen, ändert sich ihr hormonelles Profil so, dass sie fremde Männchen angreifen und ihren Alleinanspruch auf das Weibchen geltend machen. „Zu einem gewissen Grad können also äußere Einflüsse die Persönlichkeit modulieren und an die Gegebenheiten anpassen“, folgert Norbert Sachser. „Doch diese Möglichkeiten sind begrenzt. Außerhalb der kritischen Phasen können fixe Persönlichkeitszüge auch zu einem Hindernis für eine Anpassung an die Umstände werden.“

Das hat Volker Stefanski von der Universität Hohenheim bei Ratten beobachtet: Kämpfen Männchen um ein Weibchen, so gibt es zwei Verlierertypen, die sich in der Reaktion ihres Immunsystems auf den Verliererstress unterscheiden. Bei der einen Gruppe, die Stefanski als „submissiv“ (sich unterwerfend) bezeichnet, hinterlässt der verlorene Kampf keine schlimmen Spuren. Das Immunsystem dieser Tiere zeigt anschließend eine erhöhte Aktivität. Bei einer zweiten, der „subdominanten“ Gruppe ist die Abwehr dagegen deutlich lädiert: Die Tiere sind nach dem Kampf gegenüber Krankheitskeimen erheblich empfindlicher als vorher.

Ob Persönlichkeitseigenschaften sich als Vor- oder Nachteil für ein Individuum erweisen, hängt in erster Linie von den Anforderungen der Umgebung ab. „Tiere, die sich eher draufgängerisch, mutig und aggressiv verhalten und in neuen Situationen mehr auf ihre Erfahrung bauen als auf die Signale der Umgebung, haben Vorteile, wenn sich ihr Umfeld nur wenig verändert“, erklärt Jaap Koolhaas von der Universität Groningen in den Niederlanden. „Andere, die eher vorsichtig, zurückhaltend und scheu sind, aber dabei mehr auf die Umwelt achten, kommen in veränderlichen, schwer vorhersehbaren Situationen besser zurecht, weil sie sich weniger in Gefahr begeben.“

Für das Überleben der Individuen ist demnach mal der eine, mal der andere Persönlichkeitstyp von Vorteil. „Auf diese Weise können verschiedenste ökologische Nischen genutzt werden, und die Individuen müssen sich nicht alle um dieselben Ressourcen streiten“, erklärt Jana Uher von der Freien Universität Berlin. „In Zeiten einer sich verändernden Umwelt können besonders erkundungsfreudige Tiere neue Lebensräume erschließen und dadurch vielleicht sogar die Entstehung neuer Arten anregen.“ Persönlichkeit wäre demnach eine wichtige Voraussetzung für die Verbreitung des Lebens. ■


INA SCHICKER, Humanbiologin und Wissenschaftsjournalistin, stieß bei einer Tagung in Bielefeld auf das Thema „Tierpersönlichkeiten“.

PERSÖNLICHKEIT ODER REAKTIONSTYP?

„Persönlichkeit“ ist ein attraktiver Name für ein Phänomen, das Tierforscher bislang eher wissenschaftlich trocken als „Verhaltenssyndrom“ oder „Reaktionstyp“ bezeichnet haben. Doch seit Biologen sich an den Begriff Persönlichkeit wagen, wächst das Interesse an dieser Forschungsrichtung lebhaft. Jana Uher, Psychologin an der FU Berlin, die Persönlichkeitsunterschiede bei Menschenaffen erforscht, bezweifelt allerdings, ob der Begriff immer zurecht verwendet wird. „Ich fürchte, dass das Pendel nun in die Gegenrichtung ausschlägt und manche Tierforscher dazu neigen, jede Art von individuellem Unterschied im Verhalten voreilig als ‚Persönlichkeit‘ zu bezeichnen.“ Dies führe jedoch in die Irre, denn viele Unterschiede sind ihrer Meinung nach „nur zufällig und nicht bedeutsam“. Es sei nur dann sinnvoll, von Persönlichkeit zu sprechen, „wenn sich ein Tier mit seinen individuellen Verhaltensmustern dauerhaft von seinen Artgenossen unterscheidet“.

Anders als in der Psychologie, wo Persönlichkeitseigenschaften vor allem mit Fragebögen ermittelt werden, müssen sich Forscher bei Tieren darauf beschränken, Verhalten zu beobachten. „Bei der Interpretation dieser Beobachtungen müssen wir uns davor hüten, die Dinge durch die menschliche Brille zu sehen“, warnt Jana Uher. „Es ist möglich, dass Tiere ganz andere Persönlichkeitseigenschaften haben als Menschen, weil das Leben an sie ganz andere Anforderungen stellt.“ Als Beispiel nennt sie etwa die Jagdneigung – eine Persönlichkeitseigenschaft, die bei Hunden unterschiedlich stark ausgeprägt ist.

„Unterscheiden sich in einer Tierpopulation zwei Gruppen beispielsweise in ihrer Aggressivität, ist dies noch kein ausreichender Hinweis auf Persönlichkeitsunterschiede“, sagt Uher. „Als Psychologin verstehe ich unter Persönlichkeit komplexe Verhaltensmuster mit mehreren Facetten.“



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