Ausgabe: 1/2011, Seite 106 -  Nachgehakt

AUFGESCHOBENER UNTERGANG

Die Geographen Paul Kench (Bild) und Arthur Webb haben Luftaufnahmen von Südsee-Inseln ausgewertet und entdeckt: Die Fläche der meisten nimmt zu.

EINER DER KLEINSTEN STAATEN der Erde schien zum Schauplatz einer großen Tragödie zu werden: Tuvalu. Die Inselgruppe im Pazifik ragt mit ihren höchsten Erhebungen nur knapp fünf Meter aus dem Meer. Deswegen wurde der Tropen-Idylle prophezeit, eines der ersten Länder zu sein, das durch den Klimawandel und den damit verbundenen Meeresspiegelanstieg (bild der wissenschaft 3/2007, „Meeresspiegel steigt rasant“) von der Landkarte getilgt wird. Die Administration der Inseln trug sich bereits mit dem Gedanken, von den rund 12 000 Tuvalesen Jahr für Jahr 300 nach Australien und Neuseeland zu evakuieren. Auch den benachbarten Inselstaaten Kiribati und Mikronesien stünde das Wasser am Hals, verlautbarten deren Präsidenten und UN-Botschafter.

Dann waren die Inseln verschwunden – aus den Medien. Jetzt haben Paul Kench von der University of Auckland in Neuseeland und Arthur Webb von der South Pacific Applied Geoscience Commission in Fidschi sie wieder auftauchen lassen. In einer Studie verglichen die Geographen mithilfe von historischen Satellitenbildern und Luftaufnahmen die einstigen Flächen von 27 Inseln in Tuvalu, Kiribati und Mikronesien mit dem Flächenstand im letzten Jahrzehnt. Der Untersuchungszeitraum umfasste zwischen 19 und 62 Jahre. „Die Bilder bieten die beste Möglichkeit, die Muster der Veränderungen zu bestimmen“, schreiben Webb und Kench in der Fachzeitschrift „Global and Planetary Change“.

Der Meeresspiegel im Zentralpazifik steigt derzeit im Schnitt um etwa 20 Millimeter pro Jahrzehnt – aber der Vergleich der Bilder beweist: Die Mehrzahl der Inseln schrumpft nicht, sondern wächst. Vier der Eilande sind pro Jahrzehnt um bis zu 1000 Quadratmeter kleiner geworden, drei Inseln um 1000 bis 2400 Quadratmeter. Sechs Inseln hingegen sind um bis zu 1000 Quadratmeter größer geworden, 14 Inseln sogar um 1000 bis 58 200 Quadratmeter.

Der Prozess, der die Inseln wachsen lässt, fußt auf der Erosion der Korallenriffe. „Durch Wind, Wellen, Strömungen und Stürme werden Teilstücke herausgebrochen und an die Ränder der Inseln gespült“, erklärt Sebastian Ferse vom Leibniz Institut für Marine Tropenökologie in Bremen. „Auch Korallenskelette und zermahlene Muscheln werden mit der Zeit als Sedimente und Schutt an die Küsten angelagert.“ Korallen produzieren stetig Kalk-Nachschub. Davon profitieren wiederum die Inseln, die auf den höchsten Teilen der Riffe liegen.

Den größten Zuwachs haben Kench und Webb beim Tarawa-Atoll in Kiribati verzeichnet: Die Teilinsel Betio ist in 61 Jahren um 30 Prozent gewachsen – um 360 000 Quadratmeter. An den 27 Inseln der Studie entstanden insgesamt 630 000 Quadratmeter Neuland, was mehr als 10 Prozent der Ausgangsfläche sind. Bemerkenswert ist, wie sehr sämtliche Atolle im Untersuchungszeitraum ihr Aussehen verändert haben. Neben der Größe der Inseln variierten beispielsweise die Küstenlinie und der Grundriss. Manche Insel veränderte sogar ihre Lage im Riff.

Laut Kench müssen die Bewohner ihre Heimat in naher Zukunft womöglich nicht verlassen: „Wir haben Hinweise darauf, dass das Fundament der Inseln noch in 100 Jahren existieren wird“, zitierte ihn BBC News. Sebastian Ferse sieht das kritischer: „Der Inselwuchs kann nur weitergehen, solange Korallen nachwachsen und neuen Schutt liefern. Wie lange die Eilande dem Meeresspiegel-Anstieg und der Ozeanversauerung standhalten können, ist fraglich.“ Mit den Ergebnissen von Kench und Webb stimmt er aber grundsätzlich überein, da sie sich mit seinen Beobachtungen in Indonesien decken: „Inseln sind dynamische Systeme, die sich an neue Randbedingungen anpassen können“, sagt Ferse. Und sie sind immer wieder für eine Überraschung gut. Theresa Klüber ■



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