Ausgabe: 12/2010, Seite 29   -  Leben & Umwelt

DIE CHARMANTE STRATEGIN

Anmut und Raffinesse, aber auch pfiffige Intelligenz und enorme Anpassungsfähigkeit – das ist das Erfolgskonzept der Katze.

von Martin Vieweg
 

Lucy hat Hunger! Das ist nicht zu überhören, denn die selbstbewusste Katze macht ihre Forderung unmissverständlich klar – durch theatralisches Miauen mit der Botschaft: „Gib mir endlich Futter, sonst verhungere ich augenblicklich!“ Sie weiß, das zieht. Doch Lucy wird bitter enttäuscht, denn Herrchen füllt nur schnödes Trockenfutter in die Schale – die Feinschmeckerin bevorzugt aber feines Nassfutter. So sucht sie wieder bittend Blickkontakt, streicht flehend um die Beine und gibt einen jammervollen Ton von sich. Manchmal lässt sich Herrchen dadurch umstimmen – doch heute nicht. Aber die gewiefte Mieze gibt nicht auf – sie hat noch Plan B auf Lager: Kaum hat Herrchen die Küche verlassen, zieht sie mit den Pfoten an der Tür des Küchenunterschranks und stemmt ihn schließlich auf. Hier hat Herrchen die Tüten mit dem Nassfutter hingelegt. Der Kraftakt lohnt sich: Lucy schleppt einen der Beutel heimlich ins Schlafzimmer, um ihn dort ungestört unter dem Bett aufzubeißen.

Viele Katzenhalter können solche Geschichten erzählen. Die Hintergründe reizen auch die Verhaltensforscher, denn gleich zwei Aspekte der tierischen Intelligenz kommen dabei zum Ausdruck: Katzen besitzen die Fähigkeit zu praktischem Problemlösungsverhalten, aber vor allem verstehen sie es, mit dem Menschen richtig umzugehen. „Das ist das Geheimnis hinter dem enormen Erfolg der Katze“, ist der Verhaltensforscher Dennis Turner überzeugt. „Die Katze ist ein Meister der Manipulation.“ Der bekannte Katzenexperte leitet das Institut für angewandte Ethologie und Tierpsychologie in der Nähe von Zürich, in dem die Tier-Mensch-Beziehung im Mittelpunkt der Forschung steht. Die Wissenschaftler besuchen beispielsweise Tiere bei ihren Haltern und dokumentieren das Verhalten beider Partner: Was macht der Mensch? Wie reagiert die Katze darauf? Und umgekehrt.

MIAUen FÜR DEN MENSCHEN

Dabei wird immer wieder die besondere Begabung der Katze deutlich, die Turner als „soziale Intelligenz“ beschreibt: Die Fähigkeit, das Verhalten des Menschen zu erfassen und daraus Strategien zu entwickeln. Ein Beispiel dafür sei schon das „Miau“ selbst: „Erwachsene Wildkatzen kommunizieren nicht über Miauen – diesen Laut setzt die Hauskatze gezielt für uns Menschen ein“, sagt Turner. Auch der Hund hat erst für die Kommunikation mit dem Menschen das Bellen gelernt.

Im Gegensatz zum Hund ist bei der Katze die komplexe Interaktion mit uns Menschen eine erstaunliche Fähigkeit, meint Turner: „Hunde sind soziale Rudeltiere und dem Menschen damit in ihrem Grundcharakter und Sozialverhalten ähnlich.“ Die Vorfahren der Hauskatze waren dagegen Eigenbrötler. Durch ihre Anpassungsfähigkeit und Intelligenz können ihre Urenkel aber ihr Verhalten auf uns Menschen abstimmen und sich in unsere Herzen schmeicheln, ohne dabei ihren unabhängigen Charakter zu verlieren. Die gezielte Manipulationskraft hinter den Lauten von Katzen konnte eine britische Forschergruppe um Karen McComb von der University of Sussex gut belegen. Im Blickpunkt stand dabei das Schnurren. Das typische rollende R setzen einige Katzen nicht nur ein, um Zufriedenheit auszudrücken. Viele schnurren auch, wenn sie Futter haben wollen. Dieses bettelnde Schnurren klingt allerdings ganz anders: Es enthält einen ungewöhnlich hohen Ton, der in das tiefe R eingebettet ist. Wenn Testpersonen die aufgezeichneten Laute beurteilten, empfanden sie das Bettel-Schnurren durchweg als dringlicher als das normale Schnurren. Die Frequenz des Betteltons liegt im Durchschnitt bei 380 Hertz – und damit im selben Bereich wie das Schreien von kleinen Kindern. Vermutlich ist das kein Zufall, sondern ein Indiz für eine weitere erfolgreiche Strategie der Katze, ihren Wünschen Nachdruck zu verleihen. „Das bettelnde Schnurren setzen Katzen vielleicht ein, um uns morgens nicht zu sehr mit lautem Miauen zu nerven“, vermutet Studienleiterin McComb.

An der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle im österreichischen Grünau und an der Universität Wien kamen Verhaltensforscher zu ähnlichen Ergebnissen. Sie blickten bei ihren Untersuchungen gezielt auf die Persönlichkeit des Katzenhalters und das entsprechende Verhalten der Katze: „Je emotional instabiler ein Mensch ist, desto mehr beansprucht er die Katze als Unterstützer“, sagt Kurt Kotrschal, Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle. Diese emotionale Abhängigkeit nutzt die Katze für ihre Ziele: Die Katzen labiler Menschen waren bei den Untersuchungen die wählerischsten, was das Futter angeht. „Katzen machen soziale Spielchen, um den Menschen zu kontrollieren, damit er ihnen quasi gehorcht“, meint der Verhaltensforscher.

DAS RAUBTIER IN DER WOHNUNG

Intelligenz im Bezug auf konkrete Problemlösungsstrategien in der Umwelt ist dagegen das Forschungsgebiet des Verhaltensforschers Immanuel Birmelin, der schon seit vielen Jahren Kognitionsforschung an Katzen betreibt. Für ein Raubtier ist Intelligenz, die es ermöglicht, bestimmte Abläufe in der Umwelt zu erfassen, ein großer Vorteil bei der Entwicklung von Jagdstrategien. Im Haushalt des Menschen ist diese grundlegende Fähigkeit aber ebenfalls nützlich: „Für manche Katzen ist eine Tür kein unüberwindbares Hindernis: Sie haben die Funktion der Klinke erkannt und springen gezielt auf den Punkt, der die Tür aufschnappen lässt“, weiß Birmelin. Ähnliche Intelligenzleistungen zeigten Versuche der Forscher, bei denen Katzen bewegliche Elemente ziehen oder schieben müssen, um an Futter heranzukommen.

Katzen überraschen aber noch mit einer weiteren erstaunlichen Intelligenzleistung: „Sie können zählen“, sagt Birmelin. Sie sind in der Lage, Futterschalen, die mit Punkten von eins bis vier gekennzeichnet sind, Tönen zuzuordnen. Erklingt beispielsweise eine Glocke zweimal, geht die Katze zur Schale mit den zwei Punkten, hört sie dagegen vier Schläge, ist ihr Ziel die Futterstation mit den vier Punkten. „Eine kognitive Leistung, die Katzen Hunden voraus haben“, betont Birmelin, der auch Hunde studiert. Im Umgang mit uns Menschen haben die beiden beliebtesten Haustiere ihre eigenen Verhaltensweisen entwickelt, die jeweils Intelligenz widerspiegeln. Ein scherzhafter Spruch bringt diesen Unterschied auf den Punkt: „Hunde haben Herrchen – Katzen Personal“.

ÜBER ACHT MILLIONEN MIEZEN

Von den charmanten Samtpfoten lassen sich viele Menschen das offenbar bereitwillig gefallen: Über acht Millionen Miezen bevölkern die deutschen Haushalte. Damit ist die Katze das häufigste Haustier, weit vor den etwa fünf Millionen Hunden. Allerdings: Die genannten Verhaltensstudien scheinen die Einschätzung mancher Menschen zu bestätigen, dass Katzen nutzlos und berechnend sind. Ist der Stubentiger am Ende nur ein Schmarotzer? „Keineswegs“, sagt Dennis Turner. „Die Katze ist für viele Menschen eine wichtige Quelle der Lebensqualität.“ Sie lindert Stress und nützt damit sogar nachweislich der Gesundheit. Aspekte einer uns verwandten Intelligenz in ihr zu entdecken, ist Teil der Faszination, die von diesem erstaunlichen Lebewesen ausgeht. ■


MARTIN VIEWEG, bdw-Online-Redakteur, ist promovierter Genetiker. Zum Katzenfreund wurde er durch „Lucy“, die ihm eine Ex-Freundin vererbt hat.

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Dennis C. Turner Turners Katzenbuch Kosmos, Stuttgart 2010, € 12,95

Martina Braun Clickertraining für Katzen Erziehung macht Spaß Cadmos, Schwarzenbek 2005, € 10,95

INTERNET

Katzen-Informations-Portal „Catplus“: www.catplus.de



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