Ausgabe: 12/2010, Seite 19   -  Leben & Umwelt

SIE RUFEN SICH BEIM NAMEN

Delfine sind intelligente Tiere. Neue Forschungen zeigen, dass ihr Gehirn das vieler anderer Säuger übertrifft. Nun fragen Wissenschaftler sogar: Sind Delfine Personen?

von Tanja Krämer
 

Wenn Diana Reiss vom Hunter College in New York auf einem ihrer vielen Vorträge ein Beispiel für die Intelligenz von Delfinen bringen will, zeigt sie oft ein kurzes Video. Zu sehen ist darauf ein junger Delfin am Boden eines Wasserbeckens, der aus seinem Atemloch eine Luftblase in Form eines Rings ausstößt. Er wartet kurz, beobachtet sein Werk, pustet dann einen zweiten Luftring in den ersten – und schwimmt mitten hindurch. Beigebracht hat ihm das niemand. „Das ist der erste Fall eines Tiers, das sich sein eigenes Spielzeug erschafft“, sagt Reiss, „und es ist zugleich ein Beispiel für kreatives und planvolles Verhalten.“ Das Publikum ist jedesmal begeistert. Delfine, so scheint es, sind kluge Gesellen. Doch erst seit wenigen Jahren werden die Fähigkeiten der Tiere systematisch untersucht. Das ist nicht einfach, denn die Intelligenz eines Lebewesens ist immer von dessen Lebensumgebung abhängig, und diese unterscheidet sich bei Delfinen deutlich von der menschlichen. Dennoch können Wissenschaftler aus dem Verhalten, der Lernfähigkeit und auch der Anatomie des Gehirns Rückschlüsse auf die kognitiven Fähigkeiten ziehen.

Die Resultate sind so verblüffend, dass Luis Herman, Professor an der University of Hawaii in Manoa, der über Jahrzehnte mit Delfinen gearbeitet hat, sie als „Cousins der Menschenaffen“ bezeichnet. Andere Forscher wie Diana Reiss und der Philosoph Thomas White, Direktor des Center for Ethics and Business an der Loyola Marymount University in Los Angeles, sind von der hohen Intelligenz der Meeresbewohner so überzeugt, dass sie sogar darüber nachdenken, ihnen den Status von Personen zuzuschreiben – und sie damit in gewissem Sinne auf eine Stufe mit dem Menschen zu heben. Doch wie kommen die Forscher dazu?

VON DER MUTTER LERNEN

Delfine, die in allen Meeren dieser Welt zu Hause sind, leben in sozialen Gruppen, die auf Schulen von mehreren Hundert Tieren anwachsen können. Sie jagen mal einzeln, mal in Gemeinschaft und verfolgen dabei oft komplexe Strategien. Da müssen sie sich merken können, mit wem sie kooperieren. „Delfine haben ein sehr gutes Gedächtnis“, sagt Diana Reiss. „Sie haben lange eine enge Mutter-Kind-Beziehung und lernen durch Beobachtung und Imitation. Ihr Lernen ist mit dem von kleinen Kindern vergleichbar.“

Eine Eigenschaft, die auch die Trainer in Delfinarien oder Forschungsstationen nutzen: In Gefangenschaft können die Tiere Zeichensprache sowie künstliche Codes erlernen und dabei auch neue Kombinationen bekannter Zeichen richtig deuten – alles Indizien für eine ausgeprägte Intelligenz. Auch die natürliche Sprache der Delfine wirkt ausgereift. So entdeckte Elizabeth Hawkins von der australischen Southern Cross University bei knapp 5700 Delfin-Pfiffen 68 verschiedene Pfiff-Typen, die sie zum Teil spezifischen Aktivitäten wie der Jagd oder sozialen Kontakten zuordnen konnte. Ob Delfine aber eine eigene Sprache haben, ist in der Fachwelt nach wie vor umstritten. Einige Studien legen nahe, dass die Struktur der Tonfolgen in der Delfin-Kommunikation eine Bedeutung haben könnte. Delfine beherrschen also möglicherweise eine bislang unverstandene Art von Grammatik.

Sicher ist: Delfine geben sich selbst mit einem individuellen Namen zu erkennen und rufen auch Artgenossen mit unterschiedlichen Namenspfiffen. Schon in den Kindertagen entwickeln Große Tümmler – eine von rund 30 Delfin-Arten – einen speziellen Pfeifton, den sie bis ins hohe Alter beibehalten und mit dem sie ihre Artgenossen auf sich aufmerksam machen. Kein anderes Tier auf dieser Erde tauscht in ähnlicher Weise Informationen über die eigene Identität aus – mit Ausnahme des Menschen.

MENGENLEHRE – KEIN PROBLEM

Sogar in Mathematik können Delfine punkten: Die Psychologin Annette Kilian von der Ruhr-Universität Bochum wies nach, dass Große Tümmler Mengenverhältnisse richtig einschätzen können. Delfin Noah, mit dem sie experimentierte, konnte aus zwei Tafeln mit Symbolen jeweils diejenige auswählen, die weniger Elemente anzeigte – egal welche Form oder Größe die jeweiligen Symbole aufwiesen. Die Forscherin glaubt, dass diese Fähigkeit den Tieren bei der Erfassung ihrer Umwelt zugute kommt, etwa bei der Jagd nach Beute.

Das Jagdverhalten der Delfine deutet ebenfalls auf hohe kognitive Leistungen hin. Bestes Beispiel hierfür ist der Ostpazifische Delfin, der mit Vorliebe Sprünge macht, bei denen er sich um seine Achse dreht. Gemeinsam mit Artgenossen jagt er nachts Fischschwärme. 2008 wurde eine Delfingruppe dabei mittels Echolot von Wissenschaftlern der Oregon State University beobachtet. Zu Beginn der Jagd schwammen etwa 20 Delfine Seite an Seite und bildeten eine dichte Reihe, bis sie auf einen Fischschwarm trafen. Sie umkreisten den Schwarm und begannen eine Art La-Ola-Welle, bei der sie der Reihe nach auf und ab schwammen. Der Fischschwarm drängte sich daraufhin dichter zusammen. Auch die Delfine rückten nun näher und formten Paare, die abwechselnd in den Fischschwarm stießen und sich an den gefangenen Tieren gütlich taten. Nach wenigen Minuten zogen die Delfine gemeinsam ab und stiegen an die Oberfläche, um zu atmen. Dann begannen sie von Neuem mit ihrer raffinierten Jagd.

MUNDSCHUTZ ERFUNDEN

Eine noch erstaunlichere Entdeckung machten Wissenschaftler der University of New South Wales in Sydney. Sie entdeckten bei einer Gruppe von über 850 Großen Tümmlern in einer Bucht vor Westaustralien nicht nur 11 verschiedene Arten des Fischfangs, sondern auch rund 20 Delfine, die einer besonderen Methode nachgingen: Sie rissen Meeresschwämme vom Untergrund, stülpten sich diese über die Schnauze und wühlten anschließend, sozusagen mit Mundschutz versehen, im sandigen Meeresboden nach Fischen. Die Forscher vermuten, dass die Tiere ihr Verhalten von einem Muttertier abgeschaut hatten – ein Hinweis auf Werkzeuggebrauch und kulturelles Lernen.

Ein Blick auf die Anatomie des Delfingehirns scheint die hohe Intelligenz auf neurologischer Ebene zu bestätigen. Das Gehirn eines Delfins wiegt 1600 Gramm und ist fünfmal so groß wie man es, gemessen an seinem Körpervolumen, vermuten würde. „Delfine haben im Vergleich zu ihrer Körpergröße nach dem Menschen das größte Gehirn“, sagt Lori Marino. „Sie stehen damit noch vor den Menschenaffen.“ Zudem weist das Gehirn des Delfins einen großen, stark gefalteten Neocortex auf. Dieser Teil der Großhirnrinde kommt nur bei Säugetieren vor und wird beim Menschen gemeinhin mit dem Lösen von Problemen, mit Emotionen und Selbstbewusstsein in Verbindung gebracht.

„Delfine weisen viele neuroanatomische Züge auf, die wir im Menschengehirn mit Intelligenz in Verbindung bringen“, sagt Lori Marino. Gemeinsam mit Diana Reiss unterwarf sie darum 2001 mehrere Delfine einem Test, der klären sollte, ob Delfine auch über die wohl bedeutsamste Eigenschaft intelligenter Lebewesen verfügen: Selbsterkenntnis. Den Tieren wurden hierzu an verschiedenen Körperstellen mit einem Filzstift Punkte aufgemalt. An einer Seite des Beckens war ein Spiegel angebracht, in dem die Delfine sich betrachten konnten. Tatsächlich schwammen die Tiere nach der Anmal-Prozedur schnurstracks zum Spiegel, wo sie sich drehten und wendeten, bis sie den aufgemalten Punkt sehen konnten. Sie hatten also sowohl das Konzept des Spiegels verstanden als auch erkannt, dass sie sich darin sehen konnten – ein eindeutiger Beweis für Selbsterkenntnis. Den sogenannten Spiegeltest haben außer den Delfinen bislang nur Affen, Elefanten und Elstern bestanden. Ihnen allen gemeinsam ist eine weitere Eigenschaft: die Empathie, für die gerade Delfine seit Langem bekannt sind.

„Delfine haben eine hohe Intelligenz, sie können ihr Verhalten kontrollieren, sie haben Emotionen, ein Schmerzempfinden, eine Persönlichkeit und eine Form von Selbstbewusstsein“, fasst der Philosoph Thomas White von der Loyola Marymount University in Los Angeles zusammen. „Außerdem behandeln sie andere Lebewesen nicht als Dinge, sondern als Personen, indem sie ihnen helfen.“ In der Konsequenz bedeute das, dass Delfine alle Bedingungen erfüllen, um sie, philosophisch gesehen, als „nicht-menschliche Personen“ zu betrachten. Und weil der Status einer Person in der Ethik auch immer verknüpft ist mit ihrem Schutz, fordert White: „Wir brauchen gesetzlich geregelte Rechte für solche Tiere.“ ■


Ob Delfine Personen sind, war auch Thema der renommierten AAAS-Tagung in den USA, an der bdw-Autorin TANJA KRÄMER teilnahm.

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Thomas White IN DEFENSE OF DOLPHINS The New Moral Frontier John Wiley & Sons, Hoboken 2007, ca. € 21,–



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