Ausgabe: 12/2010, Seite 86   -  Bücher

OHNE TITEL

DER WETTBEWERB

DIE PREISVERLEIHUNG 2010

Zum 18. Mal zeichnet bild der wissenschaft 6 Bücher aus, die über Themen aus Wissenschaft und Forschung kompetent, verständlich und unterhaltsam berichten.

ÜBERBLICK – das informativste Buch

ZÜNDSTOFF – das brisanteste Buch

ÜBERRASCHUNG – das originellste Buch

UNTERHALTUNG – das spannendste Buch

ÄSTHETIK – das schönste Buch

PERSPEKTIVE – das sachkundigste Jugendbuch

Die Jury aus 11 Journalisten und Presseverantwortlichen war ein Jahr lang auf der Suche nach außergewöhnlich guten Neuerscheinungen. Dabei kamen in den 6 Kategorien schließlich 69 Titel zusammen. Bei der anschließenden Wahl vergab jedes Jury-Mitglied jeweils 10 Punkte pro Kategorie, verteilt auf verschiedene Titel oder geballt auf einen einzigen. Sieger waren die 6 Bücher mit den meisten Punkten.

URS WILLMANN, Die Zeit

Dr. Dr. JENS SIMON, Physikalisch-Technische Bundesanstalt

RETO SCHNEIDER, Neue Zürcher Zeitung

BARBARA RITZERT, freie Wissenschaftsjournalistin

JÜRGEN NAKOTT, National Geographic Deutschland

JOACHIM MÜLLER-JUNG, Frankfurter Allgemeine Zeitung

PETER EHMER, Westdeutscher Rundfunk

Dr. JOACHIM BUBLATH, Wissenschaftspublizist und Fernsehmoderator

Dr. REINHARD BREUER, Spektrum der Wissenschaft

Dr. MARKUS BOHN, Südwestrundfunk

Dr. UTA ALTMANN, bild der wissenschaft

BÜCHER ZUM FEST-LESEN!

Genau das Richtige für die Feiertage: Bücher, die Sie nicht mehr aus der Hand legen wollen. Wir stellen Ihnen die sechs besten Bücher des letzten Jahres über Wissenschaft vor – gesucht und gefunden von der bdw-Jury.



ÜBERBLICK DAS BUCH, DAS DEN HINTERGRUND EINES THEMAS AM BESTEN AUSLEUCHTET

Detlev Ganten, Thilo Spahl, Thomas Deichmann DIE STEINZEIT STECKT UNS IN DEN KNOCHEN Gesundheit als Erbe der Evolution

Piper, München 334 S., € 19,95 ISBN 978–3–492–05271–9

„Wenn schon sitzen, dann lieber hinlümmeln als aufrecht“, rät der Arzt und Vorsitzende des Stiftungsrates der Berliner Charité Professor Detlev Ganten. Viele Schüler, Büromenschen und Couchpotatoes tun also instinktiv das Richtige – und können sich dabei nun auf einen renommierten Wissenschaftler berufen. Der Bequemlichkeit wird in diesem Buch aber keineswegs das Wort geredet, ganz im Gegenteil. Rückenprobleme entstehen meist nicht durch zu hohe, sondern durch zu geringe Belastung und zu schlaffe Muskeln. Eltern sollten ihre Sprösslinge daher lieber zu Fuß in die Schule schicken, als sich zum Chauffeur zu machen. Und der Ranzen darf durchaus mehr wiegen als zehn Prozent des Körpergewichts. Diese vielzitierte Faustregel stammt nämlich noch aus der Kaiserzeit und galt dort für die Tornister der Soldaten. „Die Steinzeit steckt uns in den Knochen“ – und nicht nur dort. Das zeigen die Autoren an zahlreichen Beispielen von der Mimik über Herz und Kreislauf, den Stoffwechsel bis hin zum Immunsystem. Die Evolution, die uns zu dem gemacht hat, was wir heute sind, ist kein gezielter Optimierungsprozess. Sie verläuft nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“. Und vor allem ist sie langsam. Zu langsam, um uns körperlich an unseren eigenen technischen Fortschritt anzupassen. Das müssen wir durch unser Verhalten schon selbst tun. Markus Bohn

2. PLATZ ATLAS DER OZEANE Geographie, Lebewesen, Klima und Naturphänomene

National Geographic, Hamburg 240 Seiten mit zahlr. Abb., € 39,95

ISBN 978–3–86690–167–4

3. PLATZ Darlene T. Crist, Gail Scowcroft, James M. Harding SCHATZKAMMER OZEAN

Volkszählung in den Weltmeeren Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 244 Seiten mit 250 Farbabbildungen, € 39,95

ISBN 978–3–8274–2371–9



ÄSTHETIK

DAS BUCH, DAS AM SCHÖNSTEN GEMACHT IST

Theodore Gray

DIE ELEMENTE

Bausteine unserer Welt

Fackelträger, Köln, 240 S. mit zahlreichen farbigen Abbildungen und einer Ausklapptafel, € 29,95 ISBN 978–3–7716–4435–2

Sammler wirken auf Nicht-Sammler meist sonderbar – wie sie mit unglaublicher Leidenschaft und größtem Aufwand Dinge horten, um den Zustand der Glückseligkeit zu erreichen, der da heißt: Vollständigkeit. Doch manchmal zeitigt die Sammelwut tatsächlich Ergebnisse, die nicht nur den Sammler befriedigen. Eben dies ist dem Amerikaner Theodore Gray gelungen, der die Bausteine unserer Welt gesammelt und das Periodensystem der Elemente unter die Lupe genommen hat – vom Wasserstoff, aus dem 75 Prozent des sichtbaren Universums bestehen, über Bismut, das letzte (quasi)stabile Element bis hinauf zu ein paar radioaktiven Stoffen aus dem Meer der Instabilität. In dem Bildband „Die Elemente“ lässt sich diese Sammelwut auf das Schönste bestaunen. Jedem Element ist eine Doppelseite gewidmet, mit eindrucksvollen Fotos des reinen Stoffs, wo immer dies möglich war, und von typischen Verbindungen und Alltagsprodukten, in denen das Element eine wesentliche Rolle spielt. Dazu kommen Texte, die so gar nicht an dröge Chemiebücher denken lassen, sondern kurzweilig und zugleich informativ Porträts der Elemente entwerfen. Gray ist das Kunststück zusammen mit dem Fotografen Nick Mann gelungen, den Gray in seiner Danksagung lobt, er sei vom „Lakaien“ (der in der Werkstatt das verstreute Gadolinium aufkehren sollte) über den „Handlanger“ zum „Koautor“ aufgestiegen. Jens Simon

2. PLATZ

Dagmar Röhrlich TIEFSEE

Von schwarzen Rauchern und blinkenden Fischen

Mareverlag, Hamburg, 319 illustrierte Seiten, € 26,– ISBN 978–3–86648–122–0

3. PLATZ

Martha Holmes, Michael Gunton

LIFE

Außergewöhnliche Überlebensstrategien von Tieren und Pflanzen

National Geographic, Hamburg 309 Seiten mit 300 Farbfotos, € 39,95 ISBN 978–3–86690–166–7



UNTERHALTUNG

DAS BUCH, DAS EIN THEMA AM SPANNENDSTEN PRÄSENTIERT

Linus Reichlin

DER ASSISTENT DER STERNE

Roman Galiani, Berlin 379 S., € 19,95 ISBN 978–3–86971–003–7

Viele Wissenschaftskrimis kranken daran, dass man ihnen auf jeder Seite das krampfhafte Bemühen anmerkt, Erforschtes mit irgendeiner Handlung zu einem überzeugenden Konstrukt zu verweben. Ganz anders bei Linus Reichlin. Ganz zart, fast beiläufig haucht der Romancier seinem spannenden Plot Elemente aus Kosmologie und Quantenphysik ein und macht das Nachdenken über Universum, Schicksal und Zufall zum tragenden Gerüst seiner Geschichte. So schlägt sich Hannes Jensen, Ex-Inspektor aus Brügge, dank seiner Leidenschaft für Physik nicht nur mit Mord und Totschlag herum, sondern auch mit der Frage, unter welchen quantenphilosophischen Voraussetzungen in der Liebe von Betrug gesprochen werden kann. Äußerer Anlass, quasi Katalysator der spektakulären Ereigniskette, ist ein Seitensprung während eines vermeintlichen Physikseminars in Island. Als Erinnerung an die leidenschaftliche Affäre kehrt Jensen mit einer Bisswunde am Hals zu seiner blinden Freundin zurück. Wird sie etwas merken? Und hat der Wahrsager recht, der behauptet, dass ein Mord geschehen werde – ausgeführt von einem Mann mit einem Mal am Hals? Jensens Wunde entzündet sich. Die Verstrickung nimmt zu. Und die Prophezeiung fängt an, sich zu erfüllen. Urs Willmann

2. PLATZ David Grann DIE VERSUNKENE STADT Z Expedition ohne Wiederkehr – das Geheimnis des Amazonas Kiepenheuer und Witsch, Köln 392 S., € 19,95 ISBN 978–3–462–04199–6

3. PLATZ

Sissel-Jo Gazan

DINOSAURIERFEDERN Roman Hoffmann und Campe, Hamburg 476 S., € 22,–

ISBN 978–3–455–40198–1



ÜBERRASCHUNG

DAS BUCH, DAS EIN THEMA AM ORIGINELLSTEN ANPACKT

Arthur Brehmer (Hrsg.)

DIE WELT IN 100 JAHREN

Der Bestseller aus dem Jahre 1910 Georg Olms, Hildesheim 319 S. mit Illustrationen, € 19,80 ISBN 978–3–487–08304–9

Darf ein Buch, das vor 100 Jahren erstmals publiziert wurde, Wissenschaftsbuch des Jahres 2010 werden? Ausnahmsweise: Ja! 1910 hatte der Journalist Arthur Brehmer Gelehrte – vom Professor bis zur Frauenrechtlerin – gefragt, wie sie sich das Leben im Jahr 2010 vorstellten. Die 23 Aufsätze publizierte er im Buch „Die Welt in 100 Jahren“. Es geht darin unter anderem um Kriege, Religion und die Rolle der Frau. Der Reiz das Buchs liegt natürlich darin, dass die Zukunft inzwischen Gegenwart geworden ist und wir die Treffsicherheit der Experten über-prüfen können. Einer der wenigen Volltreffer ist das „Telephon in der Westentasche“, das unsere Lebensgewohnheiten – wie vorausgesagt – grundlegend verändert hat. Aber natürlich sind es vor allem die Fehlprophezeiungen, die den Unterhaltungswert ausmachen: die Sopranpauke, die Äpfel so groß wie Melonen, die Ballonschlachten oder die Überwindung aller Krankheiten durch die Radiumtherapie. Aber das Buch sorgt nicht nur für Schadenfreude. Es regt auch dazu an, sich ernsthaft mit der Schwierigkeit, die Zukunft zu erkennen, auseinanderzusetzen und heutigen Prognosen mit gesundem Misstrauen zu begegnen – egal von wem sie stammen. Und wen das Lesen der alten Schrift auf die Dauer zu sehr anstrengt, der kann sich beim Betrachten der wunderbaren Illustrationen von Ernst Lübbert ausruhen. Reto Schneider

2. PLATZ Hilmar Schmundt MEKKAS DER MODERNE

Pilgerstätten der Wissensgesellschaft Böhlau, Wien 256 S. mit 50 Abbildungen, € 24,90 ISBN 978–3–412–20529–4

3. PLATZ Christoph Drösser HAST DU TÖNE? Warum wir alle musikalisch sind Rowohlt, Reinbek 315 S. mit Abbildungen, € 19,90 ISBN 978–3–498–01328–8



ZÜNDSTOFF

DAS BUCH, DAS EIN BRISANTES THEMA AM KOMPETENTESTEN DARSTELLT

Alexander Unzicker

VOM URKNALL ZUM DURCHKNALL

Die absurde Jagd nach der Weltformel Springer, Heidelberg 330 S. mit 15 Abbildungen, € 24,95 ISBN 978–3–642–04836–4

Der Aufschrei der Gemeinde kam nach Erscheinen des Buchs so sicher wie das Amen in der Kirche – womit wir beim Thema wären: die Kosmologie als Ersatzreligion. Wunderbar lässt sich glauben, was nicht zu beweisen ist. Doch wer verfolgt, welche Wege Physiker neuerdings auf der Suche nach Antworten auf die großen Fragen unseres Seins gehen, fragt sich: „Was tun die da?“ Alexander Unzicker traut sich, die Dinge beim Namen zu nennen: Er sieht die mysteriöse Dunkle Energie im All als eine Erfindung der Kosmologen an, damit ihre Gleichungen über den Aufbau des Universums passen. Und damit sie sich weiter an Multiversen, Superstrings und aufgerollten Dimensionen begeistern können. Noch toller treiben es die Teilchenphysiker: Wenn ihre Formeln über den Aufbau der Materie nicht aufgehen, mutmaßt Unzicker, erfinden sie flugs eine neue Naturkonstante – frei nach dem Motto: „Da muss noch etwas sein, wenn es stimmen soll, also wird da auch etwas sein.“ Unzicker hat 17 solcher Werte gezählt, die es seiner Überzeugung nach nur gibt, damit die Welt der Quanten-Esoteriker nicht kollabiert. Zu ihrem Verdruss können die Gläubigen der Gemeinde von der Dunklen Energie die Argumente nicht einfach vom Tisch wischen. Denn der Mann ist vom Fach: Alexander Unzicker ist studierter Physiker und unterrichtet Mathematik und Physik an einem Münchner Gymnasium. Jürgen Nakott

2. PLATZ Michael de Ridder

WIE WOLLEN WIR STERBEN?

Ein ärztliches Plädoyer für eine neue Sterbekultur in Zeiten der Hochleistungsmedizin DVA, München, 315 S., € 19,95 ISBN 978–3–421–04419–8

3. PLATZ Carol Tavris, Elliot Aronson ICH HABE RECHT, AUCH WENN ICH MICH IRRE

Warum wir fragwürdige Überzeugungen, schlechte Entscheidungen und verletzendes Handeln rechtfertigen Riemann, München, 382 S., € 17,95 ISBN 978–3–570–50116–0



PERSPEKTIVE

DAS BESTE SACHBUCH FÜR JUNGE LESER

Guillaume Duprat

SEIT WANN IST DIE ERDE RUND?

Wie sich die Völker unseren Planeten vorstellten

Knesebeck, München

ab 7 Jahren, 61 S. mit beweglichen Illustrationen, € 19,95

ISBN 978–3–86873–135–4

Heute wissen wir es genau: Die Erde ist rund, na ja, sagen wir ziemlich rund. Schließlich kann man das aus dem Weltraum sehen. Griechische Philosophen hatten schon vor über 2000 Jahren vermutet, dass die Erde eine Kugel ist – aufgrund von Beobachtungen und Nachdenken. Eine reife Leistung. Menschen, die in anderen Kulturkreisen oder Zeiten lebten, hatten nicht die Möglichkeit, sich mithilfe von Wissenschaft und Technik ein Bild von unserer Erde zu machen. Die auf Sumatra lebenden Minangkabau glaubten beispielsweise, dass die Erde von einer lebenden Säule getragen wird: zuunterst ein Fisch, darauf ein Ei, darauf ein Wasserbüffel und ganz oben die Erde als dicke Scheibe – eine ziemlich wackelige Angelegenheit. Andere Völker dachten, die Erde sei rechteckig, dreieckig oder kreisförmig, eine Schale oder Linse. Das Buch von Guillaume Duprat zeigt all das originell und witzig gezeichnet und mit kurzen informativen Texten. Es hat mir auf den ersten Blick gefallen. (Ich habe mir die nominierten Bücher in der Kategorie „Perspektive“ zusammen mit meiner Tante Barbara angesehen, die Mitglied der Jury ist.) Wir waren uns sofort einig: Dieses Buch ist sehr interessant und besonders schön gestaltet. Es ist nicht nur eine spannende Reise durch die Weltbilder der Menschen, sondern auch eine Tour durch die Forschung von Anthropologen, Historikern und Religionswissenschaftlern. Leon Ritzert (12 Jahre)

2. PLATZ David Macaulay DAS GROSSE BUCH VOM KÖRPER Ravensburger Buchverlag, Ravensburg ab 8 Jahren, 335 S. mit zahlreichen Illustrationen, € 24,95

ISBN 978–3–473–55247–4

3. PLATZ

Dominic Couzens

REKORDE DER VOGELWELT 130 Extreme

Haupt, Bern/Schweiz

ab 12 Jahren, 288 S. mit 134 Farbfotos, € 39,90

ISBN 978–3–258–07549–5



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