Ausgabe: 9/2010, Seite 106 -  Nachgehakt

HEILSTROM MIT HINDERNISSEN

Der Hautarzt Armin Philipp hat die heilenden Effekte von elektrischem Strom bei Psoriasis-Patienten erforscht. Doch an den Geräten verdienen heute andere.

RUND 1,7 MILLIONEN MENSCHEN in Deutschland leiden unter juckenden und schuppenden Hautstellen oder an brennenden und schmerzhaften Schrunden vor allem an Kopf, Ellbogen und Knien. Schon im Alten Testament findet die chronische Hautkrankheit Erwähnung, die heute als Schuppenflechte oder Psoriasis bekannt ist. Ein Heilmittel gibt es jedoch bis heute nicht. Daher horchte die Öffentlichkeit auf, als im Jahr 2000 deutsche Forscher berichteten, sie könnten der Plage mit elektrischem Strom beikommen (bild der wissenschaft 5/2000, „Mit Strom gegen den Fluch“). Die Arbeitsgruppe um den Biophysiker Hermann Dertinger vom Forschungszentrum Karlsruhe und den Dermatologen Armin Philipp von der Universitäts-Hautklinik Mannheim hatte Schuppenflechte-Patienten mit pulsierenden Wechselströmen aus Therapiegeräten behandelt. Bei den meisten Probanden heilte der Befall durch die „Interferenzstromtherapie“ oder reduzierte sich zumindest deutlich.

Allerdings misslang der Patentierungsversuch: Die verwendeten Interferenzströme waren nichts hinreichend Neues. Andere Hersteller witterten ihre Chance und drängten mit ähnlichen Geräten auf den Markt. Die Forscher suchten jetzt eilig den Kontakt zur Presse, erklärt Armin Philipp: „Die Firma Nemectron in Karlsruhe, die die Geräte herstellte und jahrelang die Studien unterstützt hatte, war klein und finanzschwach – sie drohte am Ende die Letzte zu sein, die entsprechende Geräte für zu Hause auf den Markt brachte.“ Indes: „Der Medienrummel führte zu einer Ablehnung der Methode in Fachkreisen“, bedauert der Mediziner.

Obwohl die Forscher mit plausiblen Erklärungsansätzen für die Effekte der Interferenzstromtherapie aufwarten konnten, stellte man sie auf Fachkongressen in die Ecke der Alternativmediziner, statt sie ernst zu nehmen. Eine angedachte große Studie scheiterte an der Finanzierung. Als dann auch noch die geistigen Väter der Interferenzstromtherapie – Hermann Dertinger und Ernst Jung, damals Philipps Chef in Mannheim – in den Ruhestand gingen, kam das Projekt zum Stillstand. Desillusioniert verabschiedete Philipp sich aus der Forschung, um sich als Hautarzt niederzulassen.

2006 grub das Unternehmen Software+Systeme Erfurt GmbH die alten Forschungsergebnisse aus und brachte seinerseits ein Therapiegerät auf den Markt. Anders als bei den für die ersten Studien hergestellten Geräten handelt es sich laut Firmenangaben bei „CellVAS Psoriasis“ um ein System für den Heimgebrauch, das auch von den Patienten selbst erworben oder angemietet werden kann: 95 Euro kostet das Therapiegerät inklusive Wasserschalen und Versand pro Monat. Wer es kaufen möchte, ist mit 785 Euro dabei. „Mehrfach haben Krankenkassen als Einzelfallentscheidung die Kosten für das Gerät übernommen“, berichtet Dietrich Mandler von Software+Systeme Erfurt.

Allerdings sieht er die Zukunft der Interferenzstromtherapie in größeren Dimensionen: Für Hände und Füße sei die Therapie sehr gut, denn die könnten problemlos in die kleinen wassergefüllten Therapiewännchen gelegt werden. Doch um Befälle anderswo am Körper therapieren zu können, sollten die Patienten künftig mit einer Ganzkörpertherapie in einer großen Wanne – bei viel geringerer Stromdichte pro Quadratzentimeter Haut – behandelt werden. Armin Philipp rät definitiv ab: „Das wird nicht funktionieren!“ Ein schwaches oberflächliches Stromfeld, das sich in einer Wanne um den Körper legt, könne keine Wirkung haben. Trotzdem sollen noch 2010 die ersten Versuche in einer Kärntner Klinik starten. Doch auch Dietrich Mandler ist vorsichtig: Selbst wenn die niedrigere Stromdichte einen therapeutischen Effekt haben sollte, „wird der Preis solch einer Wanne dem Verfahren Grenzen setzen“. Nadine Eckert ■



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