Ausgabe: 9/2010, Seite 16   -  Leben & Umwelt

FREMDGEHEN IST DIE REGEL

Verhaltensforscher sind überrascht: Immer mehr Tierarten stellen sich als polygam heraus. Ist auch der Mensch zum Seitensprung geboren?

von Klaus Wilhelm
 

Die feucht-heiSSe Luft des thailändischen Regenwaldes legt sich auf das Gesicht von Ulrich Reichard, als er um 6 Uhr morgens über die Ehe zu dritt doziert– unter Gibbons. Die kleinen Menschenaffen galten lange als sexuell monogam, „bis wir das Gegenteil bewiesen“. Gerade will der Primatologe groß ausholen, als lauter Gesang von links das Geräusch der von den Blättern fallenden Regentropfen übertönt. „Das ist Hima, ein Weibchen“, sagt er noch rasch und scheint dann stumm in Himas Arie zu versinken. Bizarr, wie der Forscher da steht im Nationalpark Khao Yai 150 Kilometer östlich von Bangkok, den Körper in kompletter „Kampf-Montur“ samt Tarnfarben und Stulpen über den Stiefeln. Wie er sich in der Melodie wiegt und mit geschlossenen Augen die Arme hebt und senkt, als würde er die wilde Kreatur wie ein Maestro dirigieren. Sekunden später kehrt Reichard zurück ins reale Geschehen: „Hima pflegt eine Ménage-à-trois.“ Ein Weibchen, zwei männliche Partner?

So ungewöhnlich ist das nicht. „Sexuelle Monogamie finden wir im Tierreich kaum“, erklärt der Wissenschaftler, derzeit angestellt an der amerikanischen „Southern Illinois University“. Ob Männlein, ob Weiblein: Meist nehmen es die Tiere mit der Treue nicht so genau – selbst wenn sie in sozial monogamen Zweierkisten leben, also über längere Zeit mit einem festen Partner wie die meisten Vogelarten. Ganz zu schweigen davon, wenn sie polygam durchs Leben ziehen wie die meisten Säuger- Spezies inklusive der Primaten. Auch beim Ober-Primaten, dem Menschen, scheint sexuelle Monogamie eher Ausnahme als Regel zu sein. „In unserem Genom stecken tiefe Spuren der Polygamie“, resümiert der Genetiker Michael Hammer von der University of Tucson (USA) nach seinen jüngsten Studien. Trotzdem kann Monogamie große Vorteile bringen, findet US-Evolutionspsychologe David Barash von der University of Wisconsin – und bringt es salomonisch auf den Punkt: „Unsere Biologie schließt Monogamie nicht aus. Wir haben die Wahl!“ Dass sich der kleine Menschenaffe Gibbon aus dem überschaubaren Kreis der lebenslänglich Treuen verabschiedet hat, verstört allerdings jene Zeitgenossen, die nach Vorbildern für menschliche Tugenden im Tierreich suchen. „Die Gibbons mussten wie die Schwäne als Paradebeispiel für soziale und sexuelle Monogamie herhalten“, moniert Reichard. Aus der Not heraus, denn viel lieber hätten sich Moralisten auf das Verhalten von Schimpanse oder Gorilla gestützt. Doch gerade diese beiden großen Menschenaffen-Arten halten es nicht einmal mit der sozialen Monogamie, geschweige denn mit der sexuellen.

MAL MIT nIDHART, MEIST MIT CLAUDE

Viele Weißhandgibbon-Weibchen in Khao Yai lassen sich von zwei Männchen in fester Bindung bezirzen – und schauen, wenn es sie drängt, auch im Nachbarrevier nach passablen Gibbon-Herren. „Die haben ständig was am Laufen“, weiß Reichard. Die Ménage-à-trois plus Seitensprung bezeugt in krasser Weise einen Trend, der sich immer klarer aus weltweit Hunderttausenden Stunden Feldforschung herauskristallisiert: Auch tierische Damen tun „es“ nebenbei, und zwar nicht zu knapp. Nehmen wir Hima, die Gibbon-Blondine, die inzwischen etwa 30 Meter über uns in den Wipfeln mit Claude, ihrem primären Partner, duettiert. Ihr Hinterleib ist dick geschwollen: Damit zeigt sie interessierten Kandidaten selbst auf große Entfernungen, dass sie Sex nicht abgeneigt wäre. Während ihres gesamten Zyklus kopuliert sie häufig mit ihrem Zweit-Partner Nidhart, allerdings weitaus öfter mit ihrer ersten Wahl Claude. Derlei Beobachtungen fordern lieb gewonnene Theorien von Evolutionsbiologen heraus, wie diese: Soziale (inklusive sexueller) Monogamie lohnt sich für Weibchen, weil die ausschließliche Hingabe sichert, dass sich der Vater um die Jungen kümmern wird. Und darauf kommt es aus evolutionsbiologischer Sicht an: Der Erfolg eines Tiers bemisst sich an der Zahl seiner lebenstüchtigen Nachkommen. Für einen Vater hingegen gleicht soziale Monogamie eher einem Reproduktions-Gefängnis, weil sie ihn daran hindert, mehrere Weibchen mit geringem Aufwand zu besamen.

Im Lichte all dessen geht Hima ein Risiko ein, wenn sie sich von verschiedenen Männern begatten lässt. Aber im Liebesspiel der Weißhand-Gibbons „geben eher die Weibchen die Regeln vor“, sagt Ulrich Reichard. Durch Bevorzugung des Primär-Männchens wecken sie dessen Interesse, sich für das Junge einzusetzen und es zu schützen. Denn Kindesmord, begangen durch andere männliche Konkurrenten, ist in den rauen tierischen Gesellschaften weit verbreitet. Weil die Gibbon-Damen aber Sex mit mehreren Männern haben, kann sich keiner davon sicher sein, ob er nicht aus Versehen sein eigenes Kind tötet. „Die Weibchen“, glaubt Reichard, „stiften Unsicherheit. Zu ihrem Vorteil.“

Das allein von den Kräften der Evolution angezettelte Schauspiel glückt, weil sich die Gibbon-Männer arrangieren. Aber, meint Reichard: „Sie gucken immer sehr genau, was die Geschlechtsgenossen machen.“ Drängt sich ein Männchen in eine vermeintlich monogame Zweierbeziehung, kämpfen die Konkurrenten teilweise brutal um die Dominanz. Obwohl daraus ein Sieger hervorgeht, verlässt der Verlierer das Paar häufig nicht – was der Chef im Ring toleriert, vermutlich weil das Risiko fortwährender Aggression größer ist als das Risiko, eine Vaterschaft an einen Nebenbuhler zu verlieren. So treiben es die Gibbons bunt, ohne jegliche Heimlichkeit.

DISKRETE BLAUMEISEN-WEIBCHEN

Anders bei Vögeln: Bart Kempenaers kennt sich aus beim Spiel der Blaumeisen. „Die Weibchen tun alles, um einen Seitensprung zu verbergen“, sagt der Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie im oberbayerischen Seewiesen. Noch bevor die Sonne aufgeht und der Partner aufgewacht ist, flattern sie zu einem Quickie in ein fernes Revier. Ohne lange zu fackeln, suchen sie nach einem singenden Männchen, kopulieren und eilen zurück zum noch immer schlafenden Partner. Ein paar Minuten – und der Sex-Trip samt Hin- und Rückflug ist vorbei. Wer dabei als Männchen früh aus dem Nest kommt und das lockende Lied anstimmt, erhöht seine Chancen auf schnellen Sex.

Rund 90 Prozent aller Vogelarten sind sozial monogam. Für die Aufzucht der winzigen Jungen sind beide Partner weitaus nötiger als bei Säugetieren, wo die Mutter den Nachwuchs stillt. Sexuell monogam gebärden sich höchstens fünf bis zehn Prozent der fliegenden Spezies. Nicht einmal die Schwäne sind so rein wie ihr Ruf. Es gibt Vogelgelege, in denen nicht ein einziges Junges vom sozialen Partner stammt. Trotz des Risikos, bei einem Fehltritt entdeckt zu werden und der durchaus möglichen Scheidung mit schlimmstenfalls dem Verlust der Brut, können es auch viele Vogel-Damen nicht lassen. Die Verlockung fremder männlicher Federn ist zu groß. Warum – das ist bis heute Gegenstand intensiver Forschung. Diverse Thesen kursieren. Eine besagt: Die Weibchen wollen sicher gehen, dass alle ihre Eier befruchtet werden – auch dann, wenn sie einen Brut-Partner mit minderer Spermien-Qualität erwählt haben. Nach einer anderen wollen sie weitere Nahrungsressourcen erschließen. Indem sie mit einem Nachbarn kopulieren, können sie stressfrei in dessen Territorium eindringen und dort jagen oder anderweitig Futter oder Nestmaterial sammeln. Vielleicht testen sie aber auch künftige Partner, meint eine dritte Forscherfraktion. Das Problem: Alle diese Theorien sind nur bedingt belegt.

Die bislang besten Indizien für einen indirekten Nutzen hat Bart Kempenaers vorgelegt. Jahrelang haben der Forscher und seine Mitstreiter in einer Blaumeisen-Population die Vaterschaftsverhältnisse und die genetische Vielfalt der Jungvögel beleuchtet. Aus Seitensprüngen hervorgegangener Nachwuchs wies tatsächlich eine höhere genetische Vielfalt auf als die Halb-Geschwister aus partnerschaftlichem Sex. Der Grund ist offenkundig: Die Liebhaber aus weiter entfernten Revieren sind weniger verwandt mit den Weibchen als die Männchen des eigenen Reviers und unmittelbar benachbarter Reviere. Einen ähnlichen Mechanismus hat die französische Biologin Aurélie Choas sogar bei einem Säuger nachgewiesen, dem Alpen-Murmeltier. Mehr noch: Von fremden Vätern gezeugte Junge aus Seitensprüngen sind fitter. „Sie überleben öfter“, sagt Kempenaers, „wachsen besser und haben später mehr Nachkommen.“

FRÜHER GELEGT, EHER GESCHLÜPFT

Doch ob derart prächtiges Gedeihen allein an der genetischen Qualität der Liebhaber liegt, daran zweifelt der Seewiesener Ornithologe – auch nach einer jüngst veröffentlichten Studie niederländischer Kollegen. Demnach werden die fremd besamten Eier zumindest bei Blaumeisen früher gelegt, wodurch die Jungen auch früher schlüpfen. Das verschafft ihnen gegenüber den Halbbrüdern und -schwestern einen entscheidenden Vorteil, einen Kick-Start ins Leben – denn die Eltern beginnen sofort zu füttern. Wie die Weibchen abhängig von der Vaterschaft die Legefolge beeinflussen, ist jedoch rätselhaft. Vielleicht sind die Weibchen, rein evolutionsbiologisch gesehen, aber auch nur Opfer männlicher Promiskuität, deren Nutzen (für die Männchen) über jeden Zweifel erhaben ist.

„Triebtest“ im Keller des Seewiesener MPIs: Wolfgang Forstmeier steckt zwei Zebrafinken in einen Käfig. Nicht einmal fünf Sekunden verstreichen – und schon singt das Männchen das Weibchen an. „Ein echter Don Juan“, meint der Ornithologe. Der gefiederte Zwerg lässt nicht locker, bis die fünf Minuten des Tests vorbei sind. Andere Artgenossen brauchen Tage, ehe sie zu balzen beginnen. Solche langsamen Vögel bleiben ihrer Partnerin später sexuell treu, während die Draufgänger zu Seitensprüngen neigen. Hinter derlei männlicher Promiskuität stecken höchstwahrscheinlich die Gene, auch wenn die noch nicht näher bekannt sind.

„Diese Gene geben die Männchen an die Töchter weiter“, erklärt Forstmeier. Genau das könnte auch die Weibchen zu Seitenspringern machen und ihre Treue schmälern. Tatsächlich sind manche Vogel-Damen treuer veranlagt als andere. Rund 1000 Zebrafinken hat der Biologe inzwischen auf Monogamie und Polygamie untersucht und Regionen auf den Vogel-Chromosomen eingegrenzt, wo Treue- und Promiskuitäts-Gene liegen könnten. Die will er jetzt finden – und auch weitere Hinweise auf die evolutionären Prozesse, die Tiere polygam machen oder nicht.

VORTEIL FÜR DEN DON JUAN

In eigens für die Zebrafinken gebauten Volieren haben Forstmeier und seine Kollegen in den vergangenen Jahren systematisch untersucht, wie sich die sexuellen Präferenzen der Tiere verändern lassen. Dabei zeigte sich: Nicht nur die Gene, auch die äußeren Faktoren bestimmen das sexuelle Verhalten. Um Monogamie zu begünstigen, bevölkerten die Biologen das Vogelhaus mit der gleichen Zahl Männchen und Weibchen, kreierten geschützte Nist-Nischen und fütterten jedes Paar separat. Unter solchen Bedingungen heißt es: Vorteil für die braven Väter! Sie kümmern sich intensiv um den Nachwuchs, bleiben ihren Partnerinnen treu und zeugen die meisten Jungen. Verändert sich jedoch die Volieren-Welt und die Geschlechterverteilung, produzieren die Machos und Draufgänger plötzlich mehr Junge – selbst wenn die Weibchen die Brut allein bemuttern müssen. „Weibchen-Überschuss verschafft den Don Juans Vorteile, bei Weibchen-Mangel beherrschen aggressive Individuen das Feld“, sagt Forstmeier.

Aus mit ROMANTIK

Wie rasant sich Sexualsysteme verschieben können, haben dessen Kollegen vom MPI für Ornithologie in Radolfzell und von der Universität Freiburg erstmals in der Wildnis Australiens beobachtet: bei den Staffelschwänzen, einer Gattung von Singvogel-Arten, die für ihre überbordende sexuelle Untreue berüchtigt sind. Den Männchen kann man die Fremdgeherei regelrecht ansehen: In der Brutzeit hüllen sie sich in ein komplett buntes Federkleid, die Tracht des Playboys, zudem sind ihre Fortpflanzungsorgane vergrößert. Und: Sie geben den Charmeur, indem sie ihre potenziellen Geliebten mit Blütenblättern bezirzen.

Ganz verblüfft waren Sjouke Anne Kingma und seine Kollegen, als sie beobachteten, dass Purpurkopf-Staffelschwänze mit den gängigen Sitten gebrochen haben, obwohl sich ihre Lebensweise ansonsten kaum von den anderen Staffelschwanz-Arten unterscheidet. In Westaustralien hatten die Biologen 227 Nachkommen aus über 100 Nestern auf genetische Vaterschaft überprüft. Fast immer hatten die sozialen Partner der Weibchen die Brut gezeugt. Noch erstaunlicher: Den Männchen fehlen alle Merkmale der promisken Verwandten. Mit Blütenblättern charmiert wurde nicht mehr – keine Blumen für die Angebetete. Die Botschaften aus all dem: Erstens geht anscheinend auch bei Tieren der romantische Aspekt in der rein monogamen Zweierkiste verloren. Zweitens liegt zwischen extremer Untreue und fast absoluter Treue nur ein kleiner Schritt. „Paarungssysteme können sich in der Entwicklungsgeschichte offenbar schneller ändern als angenommen“, staunt Anne Kingma.

So haben es zumindest einige wenige Arten wohl zu einer Art Fast-Monogamie gebracht. Die Weibchen des Krabbentauchers wehren Fremdbegattungs-Versuche weitgehend ab. Die Männchen der Dik-Diks, einer kleinen afrikanischen Antilopen-Art, bewachen ihre Partnerinnen derart strikt, dass ein Seitensprung kaum drin ist: für „sie" wegen des Big-Brother-Effekts, für „ihn“ aus Zeitmangel.

RAUS AUS MEINEM NEST!

Und vergessen wir nicht die Eifersucht – oder wie immer man es bei Tieren nennen will. Weißbüschelaffen aus Südamerika etwa leben in sozialer Monogamie – einer sehr festen Bindung –, weil die Weibchen Zwillinge gebären, deren Aufzucht väterliche Präsenz unbedingt erfordert. Die kleinen Primaten bilden Familien, bei denen sich nur das an der Spitze der Rangordnung stehende Paar aus Alpha-Männchen und Alpha-Weibchen fortpflanzt. Biologe Gustl Anzenberger von der Universität Zürich nahm die Treue der Tiere unter die Lupe und brachte je ein Männchen und Weibchen aus fremden Familien zusammen. Ergebnis: Die Alpha-Weibchen widerstanden jedem fremden Männchen. Alpha-Männchen hingegen trieben es mit niederrangigen Weibchen – aber nicht im Käfig der eigenen Familie. Das traute Heim blieb unbefleckt, „weil das Alpha-Weibchen unmissverständlich aggressiv gegenüber dem neuen Paar wird“, betont Anzenberger. Die als selbst auferlegt gedeutete Zweisamkeit dieser Affen beruht wohl eher auf aggressiv-eifersüchtigem Verhalten.

Analogien zum Menschen sieht der Wissenschaftler nicht. Dass „unsere Forschungen zu Paarungssystemen gesellschaftlich relevant sind“, findet hingegen Bart Kempenaers: „Untreue und Eifersucht sind Realität beim Menschen, und es ist offensichtlich, woran das liegt: an unserer evolutionären Geschichte.“ Auch neue Analysen des Erbguts von 90 Menschen unterschiedlicher Volksgruppen – Melanesiern, Basken, Chinesen sowie dreier afrikanischer Stämme – liefern nach Aussage des US- Genetikers Michael Hammer ein klares Bild. Demnach hatten in den vergangenen Zehntausenden Jahren „relativ wenige Männer mit relativ vielen Frauen Sex“.

WAS CHROMOSOMEN VERRATEN

Hammers Team hat sich die Vielfalt der genetischen Unterschiede auf dem weiblichen Geschlechts-Chromosom, dem X-Chromosom, und auf den restlichen Chromosomen angeschaut. Frauen haben zwei X-Chromosomen in ihren Zellen, Männer nur eines. Offenbar sind die genetischen Unterschiede auf dem X-Chromosom der heutigen Menschen viel größer als auf „normalen“ Chromosomen. In einer Population mit etwa gleich vielen fortpflanzungsfähigen Frauen und Männern müsste es aber umgekehrt sein, denn jedes Kind erbt von Vater und Mutter gleich viele „normale“ Chromosomen, ein Junge aber nur ein X-Chromosom von der Mutter. Das Ungleichgewicht ist für die Forscher nur dadurch erklärbar, dass in der menschlichen Evolution viel mehr Frauen als Männer zum „Gen-Pool“ beigetragen haben. Sprich: Männliche Polygamie war allgegenwärtig. Was andererseits bedeutet, dass viele Männer nicht zum Zuge kamen. Nicht eine Spur von sexueller Monogamie habe er im Genom erkennen können, sagt Hammer. Bevor die westliche Kultur weite Teile des Planeten überzogen hat, favorisierten 85 Prozent aller menschlichen Gesellschaften eine Form der Polygamie. Selbst in abendländischen Kulturen ist der Gleichklang von sozialer und sexueller Monogamie von der Jugend bis zum Tod oder zumindest von der (ersten) Partner-Findung an die Ausnahme.

„NATÜRLICH“ IST NICHT ZWINGEND GUT

„Meist pflegen wir eine serielle Monogamie“, erklärt Evolutionsbiologe David Barash von der University of Wisconsin, der auch Frauen, rein evolutionär gesehen, einen Hang zum gelegentlichen Seitensprung attestiert. Man könne nicht ernsthaft darüber diskutieren, ob Monogamie „natürlich“ für den Menschen ist: „Sie ist es nicht.“ Das müsse man den Leuten klipp und klar sagen. Aber das Prädikat „natürlich“ sei weder zwingend gut, meint Barash, noch liege ein „unnatürliches“ Verhalten jenseits des menschlichen Potenzials. Anders als Tiere treibe der Homo sapiens Dinge, die alles andere als natürlich erscheinen – und das oft mit großer Hingabe. Das gelte auch für ein (weitgehend) monogames oder zumindest seriell monogames Leben – sexuelle Treue inbegriffen. Barash und seine Frau, die Psychiaterin Judith Lipton, proklamieren gar eine „neuronale und hormonale Infrastruktur“, die Monogamie biologisch stützt, basierend auf jüngsten neurowissenschaftlichen und psychologischen Erkenntnissen. Menschen brauchen demnach starke Bindungen – ein Prozess, der durch Glücksgefühle gefördert wird.

Auch die sogenannten Spiegelneuronen könnten Monogamie begünstigen, indem sie Empathie für den Partner erzeugen. Gute langjährige Erfahrungen mit einem Partner festigen sich in neuen Nervenverbindungen im Gehirn. Liebeshormone wie Oxytocin oder Vasopressin verbinden sexuelle Zufriedenheit mit Paarbindung. Beides also schlummert im Menschen: der natürliche Hang zu sexueller Untreue – und die Kraft dessen, was wir schlicht „Liebe“ nennen. Bis zur nächsten Versuchung. ■


KLAUS WILHELM, der schon viele Primatenforschungs-Projekte besucht hat, staunt, wie Tier und Mensch sich beim Thema Nummer 1 ähneln.

„EIFERSUCHT IST FORMBAR“

Silvio Werth, 39, aus Belzig in Brandenburg lebt polyamor (mit vielen Lieben) und steht öffentlich dazu.

Herr Wirth, wie geht es Ihnen mit Ihren polyamoren Beziehungen?
Relativ gut! Manchmal ist es wie ein erotisches und emotionales Schlaraffenland. Aber es gibt auch schwierige Phasen.

Klingt nach reichlich „Beziehungsarbeit“?
Stimmt, manchmal mehr als in einer monogamen Beziehung. Aber man bekommt auch mehr zurück.

Was bedeutet Polyamorie?
Polyamorie heißt, sich für mehrere Liebesbeziehungen zu entscheiden, die auch Erotik und Sex einschließen. Wichtig sind dabei langfristige Verbindlichkeit und emotionales Geben und Nehmen. Man muss sich wirklich einlassen können. Gleichberechtigung ist ein weiteres wichtiges Element: Frauen und Männer dürfen mehrere Beziehungen führen. Und ganz entscheidend ist Offenheit. Es gibt keine Heimlichkeit.

Wie realisieren Sie das im Alltag?
Ich habe eine Frau, sozusagen meine Haupt-Frau. Daneben pflege ich weitere Beziehungen mit Partnerinnen, die ich ungefähr einmal monatlich treffe. Entsprechend pflegt auch meine Frau ihre sexuellen und emotionalen Freundschaften mit anderen Männern.

Und das geht reibungslos? Was ist, wenn einer der anderen Männer Ihre „Haupt-Frau“ monopolisieren will?
Die Gefahr besteht. Um das zu verhindern, ist das Umfeld entscheidend. Bevor ein neuer Partner oder eine neue Partnerin in unser Leben tritt, prüfen wir den Kandidaten oder die Kandidatin ein halbes Jahr lang und entscheiden dann gemeinsam, ob wir ihn oder sie in unser polyamores Netzwerk aufnehmen.

Und das läuft alles ohne Eifersucht ab?
Ich bin schon eifersüchtig. Aber der Grad von Eifersucht ist formbar. Man kann trainieren, nicht mehr so eifersüchtig zu sein. Heute bleibt da nur noch, sagen wir, ein kleiner unangenehmer Kitzel.



MEHR ZUM THEMA

Hörfunk

Klaus Wilhelm hat auch ein Radio-Feature zum Thema produziert. Die Sendung „Von Monogamie, Treue und Seitensprung“ läuft am 18.10.2010 um 8.30 Uhr in SWR2 Wissen: www.swr2.de/wissen

Lesen

David P. Barash, Judith Eve Lipton STRANGE BEDFELLOWS The Surprising Connection Between Sex, Evolution and Monogamy Bellevue Literary Press, New York 2009, ca. € 22,–

Internet

Über Polyamorie: www.polyamorie.de



BILDER-QUIZ VON SEITE 16/17 – DIE AUFLÖSUNG

Sexuell (weitgehend) monogam sind: Dik-Dik (Bild Nummer 3), Mandarinente (6) und Krabbentaucher (12). Hier noch die Namen der übrigen Tiere: Schwan (1), Weißhand-Gibbon (2), Zebrafink (4), Orca (5), Rotfuchs (7), Alpen-Murmeltier (8), Blaumeise (9), Afrikanischer Elefant (10), Löwe (11). Sie alle gehen fremd.



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