Ausgabe: 1/2010, Seite 62   -  Kultur & Gesellschaft

WELTANGST SCHÜRT DIE GOTTESFURCHT

Ob Menschen religiös sind, hängt wesentlich von ihrer psychischen Verfassung ab und von der Qualität der Gesellschaft, in der sie leben.

von Rüdiger Vaas
 

Das berühmte Deckenfresko „Die Erschaffung Adams“ in der Sixtinischen Kapelle Roms, gemalt von Michelangelo, zeigt eine menschliche Darstellung Gottes – als weißbärtigen alten Mann im langen Gewand (Seite 64). Dessen ovale Form ähnelt verblüffend einem Längsschnitt mitten durchs menschliche Gehirn. Tatsächlich hatte der Künstler selbst viele anatomische Studien gezeichnet und vermutlich – trotz kirchlicher Verbote – zugesehen, wie Menschen seziert wurden. Hat Michelangelo in seinem Gemälde eine symbolische Botschaft versteckt? Wollte er womöglich zeigen, dass Gott ein Produkt des menschlichen Gehirns ist und eigentlich Adam Gott erschuf – und nicht umgekehrt? Oder handelt es sich nur um einen pittoresken Zufall?

Neuen Forschungen zufolge ist es jedenfalls kein Zufall, warum manche Menschen religiös sind. Dies hängt nicht nur von der Prägung durch das Elternhaus und die Gesellschaft ab, die beide einen starken Einfluss haben. Auch die sozialen, psychischen und genetischen Randbedingungen spielen eine große Rolle, wie eine Fülle neuer Studien zeigt. Ungerechte gesellschaftliche Zustände sowie Ängstlichkeit und Autoritätsgläubigkeit erhöhen die Wahrscheinlichkeit signifikant, dass Menschen jenseitigen Vorstellungen anhängen. Die moderne Wissenschaft hat Michelangelos Symbolik also gleichsam weitergemalt: Nicht nur Gottes „Ort“, sondern auch seine „Verbindung“ zum Menschen – im Bild ausgedrückt durch die ausgestreckten Arme und Finger – sind heute im Fokus der Forschung.

Dass Gott gleichsam im Gehirn „wohnt“, bezweifeln Hirnforscher angesichts der neurowissenschaftlichen Erkenntnisse inzwischen kaum mehr. Denn wenn alles, was wir wahrnehmen, denken, fühlen, planen und tun auf Prozessen im Gehirn beruht, dann muss das auch für religiöse Erfahrungen, Überzeugungen und Handlungen zutreffen. Doch wie kam Gott hinein ins menschliche Gehirn? Oder besser: die vielen tausend Geister und Götter, die Menschen im Lauf der Geschichte verehrt haben und noch verehren? Und wieso bleiben sie so beharrlich darin wohnen, selbst wenn Wissenschaftler und Philosophen sie als Hirngespinste zu entlarven versuchen? Mit den Worten des britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins: „Wir sind alle Atheisten bezogen auf die meisten Götter, an die die Menschheit jemals geglaubt hat. Einige von uns gehen lediglich einen Gott weiter.“

DAS AUTORITÄRE ERBE

In jüngster Zeit haben Wissenschaftler damit begonnen, den Geheimcode des Glaubens zu entziffern und nach irdischen Wurzeln der Religiosität zu graben – mit verblüffenden Resultaten. Fest steht: An welche Religion man glaubt, hängt stark von der Umwelt ab – besonders von der Religionszugehörigkeit der Eltern oder anderer naher Bezugspersonen in der Kindheit beziehungsweise dem sozialen Umfeld im späteren Leben. Die Erbsubstanz ist dabei irrelevant – es gibt kein Islam- oder Buddhismus-Gen. Religiosität hingegen ist ein Persönlichkeitsmerkmal – besser: ein Merkmalsbündel –, das sich wie alle anderen Charakterzüge im Wechselspiel der Gene eines Individuums mit seiner Entwicklung und seiner Umwelt ausprägt.

Den erblichen Einfluss belegen Zwillingsstudien. Dabei wurden erwachsene ein- und zweieiige Zwillinge nach ihren religiösen Einstellungen und Praktiken in Kindheit, Jugend und Gegenwart befragt, oder sogar mehrfach über längere Zeiträume hinweg interviewt. Wesentlich sind zum einen die Unterschiede zwischen gemeinsam und getrennt aufgewachsenen Geschwistern und die Verschiedenheit oder Gleichheit der Milieus. Zum anderen kommt es darauf an, ob die Zwillinge ein- oder zweieiig sind. Eineiige haben nahezu alle Gene gemeinsam, zweieiige wuchsen zwar ebenfalls gleichzeitig im Mutterleib auf, teilen aber nur etwa die Hälfte ihrer Gene, genau wie unterschiedlich alte Geschwister.

An der University of Minnesota in Minneapolis haben Forscher um den Genetiker Thomas Bouchard ein besonders reiches Datenmaterial von Zwillingen zusammengetragen, die kurz nach der Geburt voneinander getrennt wurden und in sehr ähnlichen oder aber völlig verschiedenen Umgebungen aufwuchsen, bis sie sich Jahrzehnte später wieder trafen. Manche wussten nicht einmal von der Existenz des anderen. Persönlichkeitstests ergaben, dass sich alle Charaktermerkmale unabhängig vom Umwelteinfluss ziemlich stark ähnelten. Das gilt auch für eine Facette der Religiosität: die Spiritualität. Für deren Ausprägung haben Wissenschaftler sogar bereits einzelne Gene im Visier (bild der wissenschaft 7/2005, „Das Gottes-Gen“). Doch das bedeutet nicht, dass Religiosität im weiteren Sinn erblich ist. Vielmehr ist sie, so die neuen Erkenntnisse, eine Folge der Autoritätsgläubigkeit – also ein Nebeneffekt.

DIE MACHT DER ORDNUNG

Autoritätsgläubigkeit scheint eine starke genetische Prägung zu besitzen und kann sich in vielen Facetten zeigen. Thomas Bouchard und seine Kollegen sprechen von einer „Traditional Moral Values Triad“. In dieser Triade traditioneller Werte sind Religiosität, Konservatismus und Autoritarismus eng miteinander verbunden:

  • Autoritarismus betrifft die Organisation der Familie und besagt beispielsweise, dass man Autoritäten gehorchen soll und Kinder diesen Respekt als wichtige Tugend zu lernen haben.
  • Konservatismus betrifft die Organisation der Gesellschaft und geht oft einher mit der Ablehnung von Abtreibung und Homosexualität, der Befürwortung der Todesstrafe sowie der Wertschätzung von Institutionen, etwa politischen Parteien, Kirchen, Regierungen und der Familie.
  • Religiosität betrifft das Verständnis von der „Organisation“ der Natur und wird als Sinngebung erfahren. Hier spielen angeborene Denkmuster eine Rolle, darunter das Bestreben nach dem Finden – oder Erfinden – von Ursachen. Das kann in einen „Ordnungszwang“ münden und ist inzwischen auch im Visier von Hirnforschern (siehe Beitrag „Gläubige Gehirne“).

Menschen können mehr oder weniger gut mit Unsicherheit umgehen. Stärker Autoritätsgläubige neigen dazu, sie abzustreiten und in einen übergreifenden Sinn einzuordnen – sei es in die höhere „Ordnung“ von König, Nation, Rasse, Glaubensgemeinschaft oder Gott. Jeder Mensch hat ein bestimmtes Maß an Autoritätsgläubigkeit, das heißt eine mehr oder weniger starke Ausprägung der Triade traditioneller Werte. Das ergaben viele repräsentative Studien, die Gerard Saucier, Professor für Psychologie an der University of Oregon in Eugene, ausgewertet hat. Die Autoritätsgläubigkeit steht auch mit anderen Faktoren in Zusammenhang, wies Bouchard nach. Sie korreliert statistisch mit einer geringeren Intelligenz und geringeren Bildung. Und sie nimmt mit dem Alter oft zu. Wer Kinder hat, wird ebenfalls tendenziell religiöser, konservativer und autoritärer – auch dann, wenn er eine höhere Bildung besitzt. Das hat vermutlich mit dem Streben nach Sicherheit zu tun.

Emotionale Entscheidungen

Die Zwillingsstudien zeigten, dass diese Triade eine beträchtliche erbliche Grundlage hat – einen genetischen Anteil von 40 bis 60 Prozent. „Das ist ein enormer erblicher Einfluss“, betont Bouchard. Außerdem ist das Maß an Autoritätsgläubigkeit ein wichtiges Kriterium bei der Partnerwahl: Man sucht sich bevorzugt einen Partner, der ähnlich stark autoritätsgläubig ist wie man selbst. Intelligenz, Körpergröße und andere Faktoren spielen im Vergleich dazu eine geringere Rolle. Nur das Alter hat einen größeren Stellenwert.

Dass religiöse Menschen sich generell stärker Autoritäten unterordnen, weltlichen wie religiösen, ergab eine Studie von Psychologen der University of Illinois in Chicago, die demnächst in der Fachzeitschrift „Psychological Science“ erscheint. Daniel C. Wisneski und seine Kollegen hatten über 700 US-Amerikaner mit einem moralischen Dilemma konfrontiert – aktive Sterbehilfe – und dabei herausgefunden, dass die Befragten umso wahrscheinlicher dem Urteil einer ausgewiesenen Autorität zustimmten, je religiöser sie waren. Das gilt auch für säkulare Instanzen, etwa den Obersten Gerichtshof. Menschen mit starken moralischen Überzeugungen hingegen urteilten unabhängig von solchen Autoritäten. Beide Gruppen – die nichtreligiösen, aber besonders moralisch eingestellten Menschen genau wie die religiösen – beantworteten die Fragen der Psychologen allerdings wesentlich schneller als nicht oder weniger moralisch eingestellte und/oder religiöse Personen. Daraus schließen die Forscher, dass die besonders harten Urteile weniger rational als emotional gefällt werden. Das steht im Einklang mit Befunden aus der Hirnforschung (bild der wissenschaft 1/2008, „Wie das Gehirn sein Urteil fällt“).

WIE GESUND IST EINE GESELLSCHAFT?

Je religiöser eine Gesellschaft ist, desto schlechter ist es um sie bestellt – zu diesem Ergebnis kam der amerikanische Statistiker Gregory Paul nach sehr aufwendigen Analysen. Er hatte den Zustand verschiedener Gesellschaften aufgrund vieler teils unabhängiger, teils miteinander zusammenhängender Indikatoren ausgewertet. Zu diesen gehören etwa die Zahl der Morde, Suizide, Gefängnis-Insassen, Drogendelikte, Teenager-Schwangerschaften, Abtreibungen und Geschlechtskrankheiten sowie das Ausmaß von Alkoholabhängigkeit, Arbeitslosigkeit, Armut, Übergewicht, psychischen Erkrankungen, schlechter Bildung und verringerter Lebenserwartung. Mit insgesamt 25 solcher Indikatoren hat Paul eine Skala von vergleichsweise „dysfunktionalen“ bis „gesunden“ Gesellschaften definiert und sie dann mit der Stärke der religiösen Überzeugungen und Praktiken in den verschiedenen Ländern korreliert. Das Ausmaß der Einkommensungleichheit erwies sich als besonders guter Gradmesser für diese „Successful Societies Scale“ (siehe Grafik „Wo es den Menschen gut geht“). Mehr noch: Die Ungleichheit scheint sogar eine wesentliche Ursache der Probleme zu sein. Je ungerechter es nun in einer Gesellschaft zugeht, desto stärker ist dort die Rolle der Religion (siehe Grafiken „Ungleich macht religiös“ sowie „Bete und arbeite“). Pauls Ergebnis stimmt gut mit Untersuchungen des britischen Biologen Tom Rees überein, der noch Daten weiterer Länder ausgewertet hatte. Die britischen Epidemiologen Richard Wilkinson und Kate Pickett kamen in ihrem Buch „The Spirit Level“ (2009) ebenfalls zu diesem Resultat. Die jeweilige Bedeutung der Religion wurde etwa durch die Zahl der Gebete der Menschen und somit den persönlichen Glauben ermittelt. Komplementär dazu lässt sich auch die religiöse Vergemeinschaftung erfassen, etwa durch die Häufigkeit der Gottesdienstbesuche. Das Ergebnis ist dasselbe. Das fanden Stijn Ruiter vom Niederländischen Institut für Kriminalität und Strafverfolgung und Frank van Tubergen, Soziologie-Professor in Utrecht, in einer im November publizierten Studie heraus. Sie stützten sich dabei auf den „World Values Survey“, eine groß angelegte, seit den 1980er-Jahren weltweit durchgeführten Umfrage. Auch hier wurde deutlich: In Ländern mit großen Einkommensunterschieden und geringen staatlichen Sozialleistungen waren die Gottesdienstbesuche besonders häufig.

Nun bedeutet eine Korrelation noch keine Kausalität. Vielmehr sind verschiedene Interpretationen möglich: Die Einkommensungerechtigkeit einer Gesellschaft könnte die Bedeutung der Religion erhöhen oder umgekehrt, oder es gibt eine gemeinsame Ursache. Vermutlich schließen sich die komplexen Wechselwirkungen nicht einmal gegenseitig aus, sondern bedingen sich sogar gegenseitig. Soziologen wie Wilkinson und Pickett machen die Religionen, sofern staatlich nicht verfolgt, jedenfalls mitverantwortlich für die Ungerechtigkeiten. So führt etwa die rigide Sexualmoral nachweislich zu mehr Teenager-Schwangerschaften, Abtreibungen und Geschlechtskrankheiten, weil es an Aufklärung mangelt. Und wo gewalttätige Dogmen verbreiteter sind – von göttlichen Strafgerichten, Hölle und Teufel –, herrscht höhere Aggressivität, und es kommt zu mehr Morden.

Außerdem legen religionsfreie Menschen mehr Wert darauf, dass der Staat soziale Wohlfahrtsaufgaben übernimmt und wählen die sie fördernden Parteien. Das zeigte eine Studie von David Stasavage, Politik-Professor an der New York University. Und mehrere Multifaktoren-Analysen von Pri- yanka Palani am Center for Human Rights and Global Justice in New York sowie von Tom Rees wiesen für zahlreiche Länder nach, dass eine starke Rolle der Religion in einer Gesellschaft meist mit Einkommensungleichheit einhergeht. „Das beweist noch nicht, dass Religion eine Ursache ist“, schränkt Rees ein. „Es gibt bislang zu wenige gute Daten, die belegen, dass sich historisch religiöse Einflüsse verändert haben, bevor sich die ökonomischen Ungleichheiten änderten. Aber wahrscheinlich gibt es eine Rückkopplung: Ungleichheit führt zu mehr Religion, und mehr Religion bewirkt eine größere Ungleichheit.“

GLÜCK UND GLAUBE

Fest steht, dass ein gefährliches und allgemein Stress erzeugendes gesellschaftliches Umfeld – auch Kriegszeiten – mit einem größeren Stellenwert der Religion für viele Menschen einhergeht. Das ist auch das Ergebnis einer Untersuchung des amerikanischen Meinungsforschungsinstituts Gallup. Die Studie umfasst 143 Nationen weltweit. Sie erbrachte deutliche Unterschiede zwischen den reichen Ländern (jährliches Durchschnittseinkommen über 25 000 Dollar) und den sehr armen (unter 2000 Dollar). Die Menschen in armen Ländern sind viel religiöser als die in reichen. Im Mittel sagen in den armen Ländern 92 Prozent der Befragten, Religion sei für sie sehr wichtig, in den reichen aber nur 44 Prozent. Überraschender ist: Im Gegensatz zu anderen Studien zeigte sich klar, dass Religiosität in den reichen Ländern nicht glücklicher macht (siehe Grafik „Hatten Sie diese Gefühle gestern häufig?“). Sogar das Gegenteil ist der Fall – religiösere Menschen sind eher traurig oder depressiv. Das lässt sich vielleicht dadurch erklären, meint Tom Rees, dass Menschen, denen es psychisch schlechter geht, eher dazu neigen, sich mit Fluchtreaktionen zu trösten, seien es Drogen, Computerspiele oder eben Religion – eine Art Selbstmedikation. Wem es hingegen ökonomisch schlecht geht, dem suggeriert der Glaube zumindest ein Gefühl der Auserwähltheit im Elend, mit dem er sich als etwas Besseres und somit insgesamt besser fühlen kann, und er gibt Hoffnung. Für diese Deutung spricht auch das Ergebnis einer Analyse der 2009 veröffentlichten neuen Daten der „World Happiness Database“, die von zahlreichen Wissenschaftlern um den Soziologie-Professor Ruut Veenhoven von der Universität Rotterdam seit über 25 Jahren gepflegt wird. Tom Rees wies nach: „Menschen in Ländern mit einer hohen Lebenserwartung sind am glücklichsten und am wenigsten religiös.“ Vor allem Nordeuropa stach hier hervor, aber auch Kanada. Dabei kommt die Einkommensgerechtigkeit ins Spiel: Die Modernisierung erhöht sie und somit die persönliche und soziale Sicherheit und die medizinische Versorgung – und diese gesellschaftlichen Verbesserungen gehen mit einem Bedeutungsverlust der Religion einher.

Somit bestätigen und ergänzen die vielen neuen soziologischen Befunde frühere Vermutungen von Philosophen und Psychologen. Aus unterschiedlichen Denkrichtungen waren etwa Ludwig Feuerbach (1841), Karl Marx (1843) und Sigmund Freud (1927) zur Auffassung gelangt, dass Gott vor allem als eine Art Trostpflaster gegen Schmerz, Leiden und Tod fungiert und die menschlichen Defizite und Beschränkungen kompensieren hilft. Sogar als „Opium des Volks“ (Marx) oder – von den jeweiligen Machthabern gezielt gefördert – als „Opium für das Volk“ (Lenin) wurden Religionen charakterisiert.

DIE ABSURDITÄT DES LEBENS

Einen zweiten Ansatz haben Philosophen, Theologen und Soziologen unter dem Stichwort „Kontingenz“ ausgearbeitet. Darunter verstehen sie alles, was möglich, aber nicht notwendig ist, vor allem Zufälligkeit, Ungewissheit, Unerklärlichkeit und die Sinnlosigkeiten des Daseins: die vielen Facetten von Pech, Unfreiheit, Ungerechtigkeit, Krankheit, Tod oder – mit Albert Camus – die Absurdität im Leben und des Lebens selbst (bild der wissenschaft 10/2006, „Sehnsucht nach dem Nichts“). Sie ist eigentlich unerträglich. Doch Religionen – genau wie Ideologien allgemein – versuchen die Kontingenz einzuordnen, also dem Sinnlosen einen Sinn zu geben. Hier kommt wieder die Autoritätsgläubigkeit ins Spiel: Durch den Glauben an eine höhere Gerechtigkeit oder Erlösung oder an ein ewiges Leben soll die Absurdität überwunden werden.

Umgang mit Grenzen

Anders argumentiert Kurt Wuchterl, Philosophie-Professor an der Universität Stuttgart. Er betont, dass jeder mit Kontingenzerfahrungen konfrontiert wird und sich dazu verhalten muss. „Für religiöse Menschen wird die Kontingenz-Anerkennung zu einer Kontingenz-Begegnung. In ihr ist das Jenseits der Grenze unseres Wissens kein definitives Nichts absoluter Dunkelheit, sondern kann als Ort der Begegnung mit einem ‚Anderen‘ gedeutet werden.“ Ein solcher Mensch versteht sich dann als passiv Empfangender, Angesprochener und Hörender, so Wuchterl. „Agnostiker und Skeptiker dagegen vollziehen diesen Schritt nicht und versuchen, mit den Grenzerfahrungen pragmatisch zurechtzukommen.“ Auch Hermann Lübbe, Philosophie-Professor an der Universität Zürich, hat Religion als eine Form der „Kontingenzbewältigungspraxis“ charakterisiert, als „Kultur der Anerkennung unverfügbarer Daseinskontingenz“.

Dass Religionen bei der Kontingenzbewältigung helfen, passt auch zu psychologischen Studien. So hat Martin Seligman von der University of Pennsylvania mit seinen Mitarbeitern in den vergangenen 20 Jahren immer wieder untersucht, was Menschen glücklich und optimistisch macht. Es gibt keine einzelnen hinreichenden Bedingungen, aber doch gewisse Korrelationen. Beispielsweise fanden die Psychologen bei diversen Befragungen heraus, dass Menschen mit einem fundamentalistischeren Glauben tendenziell optimistischer sind. Je größer ihr Optimismus, desto weniger schrieben sich die Personen die Schuld an negativen Ereignissen zu. Selbstverständlich sagt Optimismus nichts über die wahre Situation aus. Spöttern zufolge ist er eher ein Zeichen von Wirklichkeitsverlust. Tatsächlich sind große Hoffnungen meistens die Kehrseite großer Ängste. Denn wer Probleme verdrängt oder schönredet, wird oft auch weniger von ihnen behelligt, betont der Münchner Psychologe Wolfgang Schmidbauer in seinem „Buch der Ängste“ und in seinem neuen Werk „Warum der Mensch sich Gott erschuf“.

MIT GOTT GEGEN DIE ANGST

Generell sind Menschen mit einer stärker ausgeprägten Autoritätsgläubigkeit ängstlicher. Das zeigen viele Studien. Eine besonders ausgefeilte haben Politikwissenschaftler und Psychologen um Douglas Oxley von der University of Nebraska-Lincoln 2008 im Magazin „Science“ publiziert. Sie maßen physiologische Angst-Indikatoren und stellten fest, dass sie bei Menschen besonders stark ausgeprägt waren, die zum Beispiel Patriotismus, Todesstrafe, höhere Militärausgaben sowie den Irak-Krieg vehement befürworteten. Auch sind Menschen, die Religion für wichtig halten, meist ängstlicher. Das ergaben Untersuchungen von 400 australischen Studenten, die Chris Jackson von der University of Queensland in Brisbane und Leslie Francis von der University of Wales im britischen Bangor bereits 2004 psychologisch getestet hatten. Zu diesem Ergebnis passen Experimente von Thomas Pyszczynski an der University of Colorado und Abdolhossein Abdollahi von der Azad-Universität im iranischen Kerman: Sie brachten Menschen in Situationen, in denen sie sich ängstlicher oder einsamer fühlten – und prompt stieg deren Zustimmung zu religiösen Aussagen bis hin zu Märtyrer-Aktionen. Auch höhere Militärausgaben befürworteten sie nun eher. Die durchschnittlich größere Ängstlichkeit religiöser Menschen widerspricht nicht dem Befund, dass sie hoffnungsvoller sind, sondern erklärt ihn vielmehr: Ein „fester Glaube“ ist eine Art Bollwerk gegen die psychische Unsicherheit. Er kompensiert oder unterdrückt oder überwindet sie.

Außerdem besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Stärke des Gefühls, sein Leben selbst kontrollieren zu können, und der Wertschätzung höherer Autoritäten – etwa einer als wohlwollend empfundenen Regierung, aber auch von Gott. Das wiesen jüngst Kristin Laurin und Aaron C. Kay von der University of Waterloo in Kanada mit einer ganzen Serie von Studien nach: Menschen, die nicht glauben, ihr Leben selbst bestimmen zu können und daher ängstlicher sind als ihre autonomeren Zeitgenossen, suchen äußere Unterstützung, um ihre Angst zu mindern: etwa religiöse oder politische Ideologien. Suggeriert man Versuchspersonen im Experiment einen Kontrollverlust, tendieren sie dazu, gläubiger zu sein – aber nur, wenn sie sich den Gott als sehr mächtig vorstellen, als Lenker der Dinge. Auch widersetzen sie sich stärker der Vorstellung, dass das Universum ein Zufallsprodukt ist. Und eine Auswertung des „World Values Survey“ ergab: Menschen, die das Gefühl haben, ihr Leben schlecht kontrollieren zu können, neigen stärker dazu, von der Regierung zu fordern, dass sie mehr Verantwortung übernehmen soll. Vertrauen sie ihrer Regierung jedoch weniger, glauben sie eher, ihr Leben selbst bestimmen zu können.

Fazit: Ängstlichkeit, Kontrollverlust und Autoritätsgläubigkeit hängen eng miteinander zusammen. Daher verwundert es nicht, dass Menschen in schwierigen oder gefährlichen Situationen häufig zu beten beginnen – selbst wenn sie nicht besonders gläubig sind. Tatsächlich können Gebete Stress reduzieren, wies Janie Wilson von der Georgia Southern University in Statesboro mit psychologischen Tests nach. Doch irdischer Zuspruch hatte dieselbe Wirkung – auch bei religiösen Menschen. ■



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