Ausgabe: 1/2010, Seite 54   -  Kultur & Gesellschaft

GLÄUBIGE GEHIRNE

Neurowissenschaftler haben entdeckt, was in den Köpfen religiöser und abergläubischer Menschen vor sich geht.

von Rüdiger Vaas
 

„Das Wort Zufall ist Gotteslästerung“, heißt es in Gotthold Ephraim Lessings 1772 uraufgeführtem Drama „Emilia Galotti“. Denn der Zufall ist nach Ansicht der meisten Religionen nur eine Illusion der menschlichen Wahrnehmung, die die alles durchwaltenden kosmischen Gesetzmäßigkeiten nicht erfassen kann. Tatsächlich ist das menschliche Gehirn ein effektives Organ zur Mustererkennung und Regelsuche. Deren Kenntnis, auch wenn sie nur statistisch ist, schafft nämlich Orientierung und somit Vorteile in der Evolution. Doch die Suche nach Sinn in der Welt birgt die Gefahr der Selbsttäuschung. Religionen mögen den schmerzlichen Zustand der Zufälligkeit, Erklärungsnot und Zwecklosigkeit lindern oder überwinden (siehe Beitrag „Weltangst schürt die Gottesfurcht“). Sie sind aber gerade deshalb auch in den Verdacht geraten, aus der Not eine Tugend zu machen und bloße Illusionen zu erzeugen. Dafür haben Kognitionspsychologen und Hirnforscher inzwischen Indizien gefunden: Wie leicht jemand außer- oder übernatürliche Erklärungen glaubt, hängt vor allem von der Konzentration bestimmter Botenstoffe in seinem Gehirn ab.

Wie skeptisch jemand ist, gehört zu einem stabilen Charaktermerkmal. Etwa die Hälfte der Menschen, zumindest in der westlichen Welt, favorisiert Paranormales oder eine Vorsehung. Bei Frauen ist der Anteil etwas größer als bei Männern. Die anderen zirka 50 Prozent stehen dem kritisch gegenüber. Manche Psychologen teilen Menschen entsprechend in „Schafe“ und „Böcke“ ein. Diese Begriffe hatte die Psychologin Gertrude Schmeidler bereits 1945 in die Psychologie eingeführt, als sie den Glauben an parapsychologische Phänomene untersuchte. Sie bezog sich dabei auf eine Bibel-Stelle.

VON SCHAFEN UND BÖCKEN

Nach Matthäus 25, 32 wird Christus am Jüngsten Tag die Gläubigen von den Ungläubigen trennen „wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet“. Heute wissen Hirnforscher: Bei „Schafen“, die Übernatürlichem aufgeschlossen sind, ist oft die rechte Großhirnhälfte aktiver bei der Wortverarbeitung, was zum vermehrten Suchen nach oder Erfinden von Zusammenhängen führt. Die rationalere linke Hirnhälfte übt dagegen eine „Zensur“ aus. Eine wichtige Rolle spielt hier wohl auch der vordere Gyrus cinguli. Bei Anhängern von Religionen und Ideologien reagiert diese Großhirnregion nämlich schwächer auf Fehler als bei Nichtgläubigen. Das zeigte jüngst ein Team um Michael Inzlicht von der University of Toronto Scarboroug mit Elektroenzephalographie-Messungen. Die Minderfunktion des neuronalen Warnsystems könnte erklären, warum Glauben beruhigend wirkt und Irrationales leichter durchgehen lässt.

Die Unterschiede zwischen „Schafen“ und „Böcken“ wies Peter Brugger von der Neurologischen Klinik des Universitätsspitals Zürich auch im Experiment nach: Werden Zufallsmuster und „verrauschte“ Gesichter am Bildschirm gezeigt, meinen die „Schafe“ häufiger Nichtvorhandenes – etwa Gesichter – in den Zufallsmustern zu erblicken als die „Böcke“. Der umgekehrte Fehler, Objekte im Rauschen zu übersehen, kommt bei beiden Gruppen selten vor. Eine Einnahme der Dopamin-Vorstufe L-Dopa führt erstaunlicherweise jedoch dazu, dass aus „Böcken“ „Schafe“ werden: Plötzlich glauben die Skeptiker, mehr fiktive Gesichter im Rauschen zu erkennen als vorher. Der Überschuss des Botenstoffs Dopamin regt demnach das wilde Assoziieren der rechten Hirnhälfte an. Das geschieht möglicherweise durch Aktivitäten im Hippocampus, einer für Lernen und Gedächtnis wichtigen Struktur im Inneren der Schläfenlappen.

Dopamin fördert Aufmerksamkeit, Neu-gier und Lernen. Der Botenstoff kann aber auch zu Zwangsstörungen, Schläfenlappen-Epilepsien und Wahnvorstellungen führen – „Stimmen hören“ oder überall „versteckte Botschaften sehen“ – wie sie immer wieder mit Hyperreligiosität einhergehen (bild der wissenschaft 7/2005, „Hotlinie zum Himmel“). Ursachen und Sinn werden durch den linken unteren Scheitellappen, Teile des vorderen Stirnhirns, insbesondere links, und deren Verbindungen vermittelt, vermuten Hirnforscher. Diese neuronale Voraussetzung rationaler Erklärungen ist wichtig für die Orientierung in der Welt, weil sie Verständnis und Voraussagen von natürlichen und sozialen Zusammenhängen ermöglicht. Sie kann freilich in Form von Rationalisierungen überschießen und kausale Zusammenhänge dort konstruieren, wo gar keine existieren. Das ist eine Grundlage für die Erschaffung der Mythen von Göttern, Geistern und Lebenskräften zur Welterklärung, nehmen Anthropologen und Kognitionspsychologen an.

Magisch-abergläubisches Verhalten ist aus psychologischer Sicht ein gutes Beispiel für falsche Rationalisierung oder Verallgemeinerung. Selbst in einer von Wissenschaft und Technik geprägten Zeit hat der Aber- und Wunderglaube nicht an Gefolgschaft verloren – im Gegenteil. Nach 2005 und 2006 veröffentlichten Allensbach-Umfragen hat er in den letzten 25 Jahren in Deutschland sogar zugenommen. Wie Aberglaube entsteht, zeigten bereits die Experimente des amerikanischen Lernforschers und Behaviorismus-Mitbegründers Burrhus F. Skinner Ende der 1940er-Jahre. Er „belohnte“ Tauben in zufälliger Zeitfolge mit Futter. Das führte schließlich dazu, dass die Vögel das Futter mit einer gerade von ihnen vollzogenen Bewegung assoziierten und bald ein ganz bizarres Verhalten an den Tag legten (Flügelputzen oder -spreizen, Drehungen, Halsverrenkungen und so weiter), weil sie gleichsam wahllos konditioniert waren. Ähnliches wurde bei Ratten beobachtet, die eine gewisse Zeit verstreichen lassen mussten, bis sie Futter bekamen. Sie überbrückten die Wartezeit zum Beispiel, indem sie sich hinter einem Ohr kratzten oder sich um ihre Körperachse drehten.

Die Käsefalle

Auch Kinder und Erwachsene entwickelten in vergleichbaren Situationen ein „abergläubisches“ Verhalten. Diese sogenannte Verhaltensformung ist nur schwer zu verlernen. Skinner vermutete, dass menschliche Formen des Aberglaubens, etwa der Regentanz, auf solchen Mechanismen basieren. Bis es regnet, dauert es eben einige Zeit – egal freilich, ob währenddessen getanzt wird oder nicht. Diese Hypothese haben Experimente von Peter Brugger mit einfachen Computerspielen bestätigt: Auf einem Spielbrett mit drei mal drei Feldern sollten Versuchspersonen mittels Tasten eine Maus von einer Ecke auf eine Mausefalle mit Käse in einer anderen Ecke bewegen. Die Falle schnappte zu, wenn die Maus in weniger als fünf Sekunden zum Käse geschoben wurde. Wenn es länger dauerte, wurde sie mit der virtuellen Nahrung belohnt.

Alle 40 Versuchspersonen lernten dies im Lauf von 100 Durchgängen erfolgreich, aber nur zwei durchschauten das Spiel: Sie bemerkten, dass allein die Wartezeit entscheidend war. Die anderen ließen in den fünf Sekunden die Maus allerlei Bewegungsmuster ausführen, etwa bestimmte Routen oder eine vorübergehende Rückkehr zum Startfeld. Sie hielten dies für belohnungsentscheidend – und zwar umso mehr, je stärker sie an außersinnliche Wahrnehmung und magische Phänomene glaubten. Gemessen wurde das mit einem Fragebogen-Test.

Brugger ist überzeugt davon, dass sogar ein tieferer Zusammenhang existiert zwischen konditioniertem abergläubischen Verhalten in den Skinner-Experimenten, dem Alltagsaberglauben und gewissen Wahnvorstellungen, wie sie bei Schizophrenen häufig vorkommen: Die Hauptrolle spielt eine Funktionsstörung in den mittleren Schläfenlappen, besonders dem Hippocampus. Dafür spricht Brugger zufolge dreierlei:

  • Chirurgisch herbeigeführte Hippocampus-Schäden im Tierversuch machen die Ausbildung abergläubischer Verhaltensmuster, wie sie Skinner in seinen Experimenten ausgelöst hat, wahrscheinlicher.
  • Menschen mit Schläfenlappen-Epilepsie neigen verstärkt zu abergläubischen, durch Tatsachen nicht gestützte Assoziationen – und zwar besonders mit religiösen, parapsychologischen oder aberwitzigen kosmologischen Inhalten.
  • Schizophrene Störungen, die mit Beeinträchtigungen im mittleren Schläfenlappenbereich zusammenhängen könnten, gehen oft damit einher, dass die Patienten zufällige Ereignisse irrational miteinander verknüpfen. Diese Wahrnehmung beherrscht häufig ihre Selbst- und Weltsicht und wird zur kosmischen Bedeutsamkeit erhöht.

Das heißt aber noch nicht, dass religiöser Glaube eine Form höheren Wahnsinns wäre. Allerdings gibt es eine lange Tradition unter Psychiatern und Psychologen, die wahnhaften Züge der Religiosität – die scheinbare Sicherheit überweltlicher Behauptungen und das kompromisslose Sendungsbewusstsein – zu erforschen. So versuchte bereits Sigmund Freud in seiner Schrift „Das Unbehagen der Kultur“ 1929/30 aus psychoanalytischer Sicht nachzuweisen, dass die Religion dazu führe, „den Wert des Lebens herabzudrücken und das Bild der realen Welt wahnhaft zu entstellen, was die Einschüchterung der Intelligenz zur Voraussetzung hat. Um diesen Preis, durch gewaltsame Fixierung eines psychischen Infantilismus und Einbeziehung in einen Massenwahn, gelingt es der Religion, vielen Menschen die individuelle Neurose zu ersparen.“

Vor Kurzem hat der britische Biologe Richard Dawkins in seinem Bestseller „Der Gotteswahn“ den religiösen Glauben wieder mit Wahnvorstellungen in Verbindung gebracht – als Resultat davon, dass mehrere im Normalfall nützliche kognitive Mechanismen gleichsam durchdrehen, vor allem wenn sie in früher Kindheit durch permanente Indoktrination falsch geprägt wurden. Dawkins definierte Wahn als „dauerhaft falsche Vorstellung, die trotz starker entgegengesetzter Belege aufrechterhalten wird“. Allerdings ist die klinische Wahn-Definition nicht eindeutig. Immerhin gibt es eine Reihe von Merkmalen, die zusammen eine klare Diagnose ergeben: Wahnhaft sind Überzeugungen, die unbeirrt verfochten und propagiert werden, obwohl sie einer kritischen Prüfung nicht standhalten. Sie beherrschen das Denken und Fühlen der Betroffenen stark und prägen ihren Alltag. Diese Menschen leisten keinen Widerstand dagegen, im Unterschied zu solchen, die unter Zwangsstörungen leiden.

Martin Brüne zufolge gibt es keine scharfe Grenze, sondern einen fließenden Übergang zwischen starken subjektiven Gewissheiten und Wahnvorstellungen, auch religiösem Wahn. „Am einen Ende stehen Auffassungen, bei deren Bewertung die Fähigkeit erhalten bleibt, auch andere Erklärungen in Betracht zu ziehen. Am anderen Ende ist der extreme Wahn mit nicht korrigierbaren Überzeugungen vom göttlichen Einfluss auf nahezu alle Aspekte des täglichen Lebens“, sagt der Psychiatrie-Professor an der Universität Bochum. Insofern haben fanatisch religiöse Menschen aus psychiatrischer Sicht durchaus Gemeinsamkeiten mit Wahnkranken. Und diese drücken sich umgekehrt häufig auf religiöse Weise aus.

Telepathische Geheimbotschaften

So ergab eine Studie, die kürzlich am Universitätsklinikum Genf erarbeitet wurde, dass 57 Prozent der Schizophrenie-Patienten ihre Krankheit auf ihre religiösen Überzeugungen bezogen. 26 Prozent glaubten an einen negativen Einfluss – beispielsweise: „Meine Krankheit ist eine göttliche Strafe für meine Sünden“. 31 Prozent waren von einem positiven Einfluss überzeugt – etwa: „Das ist ein Test, mit dem Gott mich auf den rechten Weg führen will“. Solche Interpretationen stellen den verzweifelten Versuch dar, mit der Schizophrenie umzugehen.

Diese Erkrankung scheint darauf zu beruhen, dass der Betroffene seine Gedanken nicht als seine eigenen erkennt und daher andere Interpretationen herbeifantasiert. Diese sind abhängig vom biografischen und gesellschaftlichen Umfeld, religiöse Deutungen sind nur eine Möglichkeit. Andere Kranke führen die Stimmen, die sie hören, und die Befehle in ihrem Kopf zum Beispiel auf Einflüsse des CIA zurück, auf Manipulationen von Satelliten aus dem All oder auf telepathische Kontaktaufnahmen durch Außerirdische. Früher, als solche Erklärungsversuche noch nicht möglich waren, dominierten religiöse – göttliche oder dämonische – „Eingebungen“ bei Weitem. Doch außergewöhnliche Erlebnisse und eine verzerrte Wahrnehmung sind keineswegs die Regel, weder bei der Schizophrenie noch bei der Religion. „Die Extreme des Wahns machen sich häufig anders bemerkbar“, sagt Martin Brüne, „besonders als die krankhafte Überzeugung, von anderen Personen verfolgt oder betrogen oder aber geliebt zu werden oder an einer unheilbaren Krankheit zu leiden.“

Aus kognitionspsychologischer Sicht können verschiedene Störungen zu Wahnvorstellungen führen – auch religiösen. Die Ursachen sind Unter- oder Überfunktionen normaler psychischer Vorgänge, etwa:

  • Störung der Selbstreflexion.
  • Starke Beeinträchtigung, sich selbst als Handelnden zu begreifen – und nicht etwa als Marionette Gottes.
  • Wahnhafte Zuschreibung von Ursachen und Störungen des logischen Denkens: Fast alles, was geschieht, wird einer fixen Idee untergeordnet. Überall werden Beweise dafür erblickt, und Widersprüche werden einfach ausgeblendet.
  • Einseitige Zuschreibung von Absichten: Die Kranken denken, andere Menschen seien ihnen böse gesonnen, oder sie würden ihre Auffassungen vorbehaltlos teilen.

„All diese Aspekte gehören zur kognitiven Architektur der Religiosität“, vermutet Brüne. „Sind die normalen psychischen Prozesse nicht mehr der eigenen Kritik- und Urteilsfähigkeit zugänglich, kommt es zu psychiatrischen Erkrankungen – religiöse Wahnformen eingeschlossen.“

Religiosität kann durch einen gestörten Hirnstoffwechsel aber nicht nur überschießen, sondern auch schwinden. Eine verminderte Religiosität wird beispielsweise durch einen Mangel an Dopamin verursacht – ein weiteres Indiz dafür, dass der Botenstoff die Religiosität beeinflusst. Das ist also gleichsam die „Gegenprobe“ zu Peter Bruggers Ergebnissen. So sterben bei Parkinson-Patienten die Dopamin produzierenden Nervenzellen in zwei Strukturen im Mittelhirn ab: in der Substantia nigra und im ventralen Tegmentum. Die Folge ist neben dem charakteristischen Zittern und der zunehmenden Bewegungsunfähigkeit auch die Dopamin-Unterversorgung des Stirnhirns. Das beeinträchtigt die Planungsfähigkeit und soziale Kognition. Die Patienten sind jedoch nicht dement oder psychotisch und können ihre Gedanken weiter reflektieren. Allerdings: Ihre Religiosität ist stark vermindert – was untypisch für schwere Krankheitsverläufe ist. Das haben Erica Harris und Patrick McNamara, zwei Neurologen an der Boston University, nachgewiesen. Nach Selbsteinschätzungen von Parkinson-Erkrankten hat ihre Gläubigkeit nachgelassen. Und sie können sich schlechter an religiöse Erlebnisse erinnern – aber auch an andere emotionale Erfahrungen, etwa Liebesglück. Zudem haben sie Probleme, sich religiöse Rituale vorzustellen.

ÜBERIRDISCHE PROJEKTIONEN

Die Gehirne „normaler“ Gläubiger „ticken“ nicht anders als die nichtreligiöser Menschen. Und religiöse Überzeugungen haben auch keine Sonderstellung im Gehirn. Das ist das Ergebnis zweier im Oktober publizierter Studien. Beide Forschergruppen haben mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRI) untersucht, welche Hirnregionen aktiv sind, wenn religiöse Aussagen im Vergleich zu nichtreligiösen beurteilt werden. Die fMRI-Hirnscans messen millimeter- und sekundengenau die mit dem Blutfluss verbundene Sauerstoff-Zufuhr im Gehirn: Kurzzeitig stärker versorgte Hirnareale sind im Allgemeinen aktiver.

Die erste Studie stammt von Jordan Grafman und Dimitrios Kapogiannis vom National Institute of Neurological Disorders and Stroke in Bethesda, Maryland, und ihren Kollegen. Die Neurowissenschaftler registrierten die Hirnvorgänge von gläubigen Menschen bei der Akzeptanz und Nichtakzeptanz dreier Arten von Aussagen: religiöse Verbundenheit, Gefühle und Fakten.

  • Bei der eigenen religiösen Verbundenheit mussten Sätze bewertet werden wie: „Gott ist außerhalb der Welt“, „Das Leben hat keinen höheren Sinn“, „Gott wird meine Handlungen leiten“, „Gott bestraft meine Sünden“. Dabei wurden Hirnreale aktiver, die unter gewöhnlichen Umständen die Interpretation der emotionalen Mimik des Gegenübers verarbeiten, sowie das Erkennen und Verständnis von Handlungen und Absichten anderer und deren Auswirkungen auf einen selbst. Besonders aktiv waren zum Beispiel Regionen im Stirnhirn.
  • Bei den religiösen Emotionen ging es um Sätze wie: „Gott vergibt“, „Gott beschützt alle Menschen“ oder „Das Leben nach dem Tod ist eine ewige Strafe“. Dabei waren Areale im linken mittleren Schläfenlappen und im rechten Stirnlappen aktiv, die normalerweise bei der Regulierung eigener Gefühle und bei der Einschätzung der Emotionen anderer mitwirken.
  • Bei den religiösen Fakten wurden Aussagen beurteilt wie „Gott ist allgegenwärtig“ oder „Religion gibt moralische Anleitungen“. Dabei sprangen Teile des linken Schläfenlappens an, die für die Decodierung metaphorischer und abstrakter Sprache zuständig sind. Waren die Versuchspersonen mit bestimmten religiösen Aussagen nicht einverstanden, wurden in ihrem Großhirn auch die vorderen Inselregionen sowie der mittlere Gyrus cinguli aktiv, die negative Gefühle wie Aversion, Schuld und Verlustangst verarbeiten und bei der Integration von Fühlen und Denken mitwirken.

Fazit: Im religiösen Kontext geschieht nichts Ungewöhnliches im Gehirn, sondern es sind dieselben bekannten neuronalen Verarbeitungswege aktiv wie im normalen zwischenmenschlichen Bereich, bei der emotionalen Verarbeitung und dem abstraktem Denken und Vorstellungsvermögen. „Religiosität ist ein integrierter kognitiver Prozess und verwendet Gehirn-Netzwerke, die auch bei der sozialen Kognition genutzt werden. Sie sind wahrscheinlich entstanden aufgrund ihrer Bedeutung für das Gemeinschaftsleben, die Sprache und das logische Denken“, schreibt Grafman. „Unabhängig davon, ob Gott existiert oder nicht, gibt es religiöse Überzeugungen, die sich experimentell erforschen lassen.“

Die andere fMRI-Studie stammt von Sam Harris und Jonas T. Kaplan von der University of California in Los Angeles und ihren Mitarbeitern. Sie hatten nicht nur überzeugte Christen in den Hirnscanner gelegt, sondern auch Atheisten. Beide Gruppen sollten dieselben religiösen und nichtreligiösen Aussagen mit „wahr“ oder „falsch“ beurteilen. Es zeigte sich, dass bei beiden Gruppen dieselben Hirnregionen aktiv waren, wenn die Probanden etwas für wahr hielten, unabhängig vom Inhalt. Hier war also die persönliche Überzeugung entscheidend. Es gab somit eine Übereinstimmung zwischen den neuronalen Aktivitäten von Gläubigen, die Aussagen wie „Die Bibel ist wörtlich wahr“ akzeptieren, und von Skeptikern, die „Gott ist ein Mythos“ als richtig anerkennen. Auch die Ablehnung von Aussagen wie „Es gibt einen Weihnachtsmann“ wird im Hirn von religiösen wie nichtreligiösen Menschen gleich verarbeitet. Aktiv bei Zustimmungen waren besonders Teile des mittleren vorderen Stirnhirns, das wichtig für die Selbstrepräsentation, für emotionale Assoziationen, gute Gefühle und zielgerichtetes Verhalten ist. Doch bei religiösen Aussagen waren außerdem Hirnregionen aktiv, die mit Emotionen zu tun haben – und zwar egal, ob die Aussagen geglaubt oder zurückgewiesen wurden. Diese Areale sind die vordere Insel in der Großhirnrinde, in der Ekel und Schmerz verarbeitet werden, und der Nucleus accumbens, ein Teil der Basalganglien unter der Großhirnrinde, der zum internen „Belohnungssystem“ gehört und beim Planen eine Rolle spielt. Auch der vordere Gyrus cinguli war aktiver – was typisch für innere Konflikte ist. Religiöse Aussagen wie „Engel existieren“ führen also, egal ob man sie glaubt oder nicht, zu emotionalen Reaktionen. Sie werden, auch von Gläubigen, anscheinend als Werturteile verarbeitet und nicht als Tatsachen. Nichtreligiöse Aussagen wie „Adler existieren“ ließen hingegen alle Personen „kalt“. Sie wurden rationaler und auch schneller beurteilt – vor allem, wenn der Befragte sie für wahr hielt. Sie aktivierten hauptsächlich Hirnsysteme, die mit dem Abruf von Gedächtnisinhalten zu tun haben: Hippocampus, parahippocampaler Gyrus und verschiedene Bereiche des Schläfenlappens.

Evolutionsvorteil Religion?

Dass sich die Hirnprozesse von religiösen und nichtreligiösen Menschen qualitativ nicht stark voneinander unterscheiden, spricht gegen einen Selektionsvorteil in der Evolution. Religiosität wäre demnach eher ein Nebenprodukt von Hirnleistungen, die als evolutionäre Anpassung entstanden sind, vor allem im sozialen Mit- und Gegeneinander. Handelt es sich bei religiösen Überzeugungen also gar nicht um Aussagen über die Welt, sondern nur über die eigene Befindlichkeit? Oder haben Gläubige und Skeptiker bloß verschiedene Perspektiven? Hier schließt sich der Kreis zum Aberglauben. Wie der französische Schriftsteller Max O’Rell schrieb: „Ob eine schwarze Katze Unglück bringt oder nicht, hängt davon ab, ob man ein Mensch ist oder eine Maus.“ ■



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