Ausgabe: 9/2009, Seite 56   -  Erde & Weltall

FEUER UNTERM EIS

Unter dem größten Gletscher Islands schlummert ein Vulkan. Der Klimawandel könnte ihn wecken – mit weltweiten Folgen.

von Rüdiger Schacht
 

Die Erderwärmung bringt nicht nur die Gletscher zum Schmelzen. Sie macht auch Vulkanausbrüche in manchen vereisten Regionen immer wahrscheinlicher. Zu diesem Schluss kommen Geophysiker der britischen University of Leeds und der Universität Island. Sie haben jahrelang die Magmabewegungen unter dem größten Gletscher Islands studiert. Wie alle Gletscher der Erde hat auch der Vatnajökull massiv unter der globalen Erwärmung zu leiden. Jedes Jahr verliert er rund fünf Kubikkilometer Eis – und hat so im Lauf des 20. Jahrhunderts bereits rund zehn Prozent seiner ursprünglichen Masse eingebüßt. Dass sich unter dem Eis ein Vulkan verbirgt, macht den Forschern große Sorgen: „Früher war das Gewicht der Eiskappe mit dem Druck des aufsteigenden Magmas im Gleichgewicht. Doch es gerät außer Balance“, schreibt die Geophysikerin Carolina Pagli in der amerikanischen Fachzeitschrift Journal of Geophysical Research.

Das hat weitreichende Folgen, denn das aufsteigende Magma erwärmt den Gletscher. Dadurch schmilzt weiteres Eis, was zu einer verstärkten Gewichtsabnahme des Gletschers führt und den Prozess anheizt. Das Schmelzwasser sammelt sich in Vertiefungen unter dem Gletscher, vor allem im Vulkankrater, der Caldera. Gefährlich wird es, wenn dieser See überläuft, weil sein Rand bricht und das Schmelzwasser schlagartig freigesetzt wird. Dann bahnt sich eine gewaltige Lawine aus Wasser, Eis und Geröll den Weg. Geowissenschaftler sprechen von einem Gletscherlauf. Außerdem droht ein explosiver Ausbruch, wenn das Schmelzwasser in die Magmakammer des Vulkans eindringt. Kommt das Wasser mit der Glut in Berührung, so verdampft es schlagartig, was eine heftige Eruption auslösen kann. In der Erdgeschichte gab es mehrfach solche Katastrophen, erklärt Vulkanologe Hans-Ulrich Schmincke vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften der Universität Kiel (IFM-GEOMAR): „Bohrkerne weisen auf eine gesteigerte vulkanische Aktivität nach dem Abschmelzen der Gletscher nach den Eiszeiten hin.“

Wie verheerend Vulkanausbrüche unter Gletschern sein können, demonstrierte im Herbst 1996 der Ausbruch des Grimsvatn-Vulkans unter dem Vatnajökull. Zunächst kam es unter der 600 Meter dicken Eiskappe zu leichten Erdbeben. Am 29. September 1996 folgte dann die Eruption, bei der rund 700 Millionen Kubikmeter Asche ausgeschleudert wurden. Über einer 4000 Meter langen, 2000 Meter breiten und rund 100 Meter tiefen Spalte schmolz das austretende Magma 5000 Kubikmeter Gletscher-Eis pro Sekunde. Satellitenmessungen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln zeigten, dass sich die Breite der Spalte im Lauf des Ausbruchs auf 5000 Meter vergrößerte. Rund drei Milliarden Kubikmeter Schmelzwasser sammelten sich im Kratersee. Die Gefahr eines Gletscherlaufs wuchs.

Tödliche Trübeströme

Als der Vulkan nach siebentägiger Ruhepause erneut erwachte, brach eine Flanke des Sees. Eine Lawine aus rund 2,5 Kubikkilometern Wasser, Eis und Gestein ergoss sich talwärts. „Um acht Uhr morgens schoss eine Flutwelle unter dem Gletscher hervor, die das tiefer liegende Gebiet drei bis fünf Meter hoch überflutete und die Hochspannungsleitungen und Straßen des Areals zerstörte“, heißt es in einem Bericht des DLR. Auf dem Höhepunkt strömten 45 000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde aus dem Gletscher. Zum Vergleich: Der Rhein führt bei Köln im Jahresmittel nur rund 1000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Während des 52 Stunden dauernden Naturdramas wurden mehr als 200 Tonnen Eis ins Tal gerissen. Die 600 Meter lange Straßenbrücke über dem Gletscherfluss des Vatnajökulls wurde samt der Hochspannungsleitung einfach weggespült.

Unverzüglich warnten Forscher und Behörden die internationalen Hochseefangflotten, die vor der Küste Islands fischten. Sie wurden aufgefordert, umgehend ihre Grundschleppnetze einzuholen. Denn es war zu befürchten, dass der Gletscherlauf auch „Trübeströme“ ins Meer schicken könnte: Diese mit einem hohen Gesteinsanteil bewaffneten Wassermassen rasen mit über 100 Kilometern pro Stunde den untermeerischen Inselabhang hinab und können Fischereischiffe am Schleppnetz in die Tiefe ziehen. Zum Glück kam die Warnung der Behörden rechtzeitig. Einige Tage später beruhigte sich der Vulkan wieder, die Erderschütterungen ließen nach. Der durch den Gletscherlauf angerichtete wirtschaftliche Schaden wurde auf umgerechnet rund 18 Millionen Euro geschätzt.

Ein großer Ausbruch auf Island würde nicht nur die Vulkaninsel im europäischen Nordmeer, sondern auch das Festland bedrohen. Das haben vor rund 200 Jahren die Laki-Eruptionen gezeigt – die größten überlieferten Vulkaneruptionen der Menschheitsgeschichte. Das Laki-Gebiet, das aus zahlreichen kurzen, parallel verlaufenden Erdspalten besteht, zieht sich über 25 Kilometer durch den Südosten Islands. Die Ausbruchserie begann am 8. Juni 1783 und dauerte rund acht Monate. In dieser Zeit wurden schätzungsweise 14,7 Kubikkilometer Basaltlava ausgestoßen, die sich über 565 Quadratkilometer ergossen. Die Gas- und Aschewolken des Ausbruchs verteilten sich rund um die Erde. Über den Britischen Inseln waren sie als „Höhennebel“ sichtbar, der mindestens 10 000 Menschen das Leben kostete. Die meisten waren Feldarbeiter, die die tödliche Mischung aus dem Atemgift Schwefeldioxid und aggressiver Schwefelsäure eingeatmet hatten. In ganz Europa kam es zu Missernten.

HUNGERSNOT AM NIL

Bis zum Nil waren die Folgen des Laki-Ausbruchs zu spüren, wie die Aufzeichnungen des zeitgenössischen französischen Gelehrten Constantin Volnay belegen. Danach gab es 1783 und 1784 eine verheerende Dürre: Der Wasserstand des Nils sank so extrem, dass durch die Hungersnot rund ein Sechstel der Menschen in der Umgebung umkamen. Klimaforscher führen das zurück auf das vulkanische Schwefeldioxid, das sich in der Atmosphäre mit Wasser verband und zu Schwefelsäure umwandelte. Die Schwefelsäure-Tröpfchen blockierten und reflektierten das einfallende Sonnenlicht. Dadurch kühlte sich die Luft ab, was zu einer Umverteilung der Niederschläge führte.

Die Gefahr lauert keineswegs nur auf Island, sondern weltweit, wie die Forscher betonen. Der Klimawandel macht auch die vereisten Vulkane von Alaska, auf der Inselgruppe der Aleuten, auf der ostsibirischen Halbinsel Kamtschatka, in Feuerland und in der Antarktis zu tickenden Bomben. ■



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