Ausgabe: 8/2009, Seite 26   -  Leben & Umwelt

CHINA-MEDIZIN – JETZT AUF DEM PRÜFSTAND

Akupunktur, Qigong, Gua Sha – die Traditionelle Chinesische Medizin wird immer beliebter. Doch was kann die exotische Heilkunst wirklich?

von Lisa Duncan
 

„Was macht der Nerv heute?“, fragt Thomas Rudolph, Oberarzt in der Abteilung Naturheilkunde und Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) im Krankenhaus Stadtoldendorf, seinen Patienten Ralf Kiehne. Seit zwei Jahren leidet der 53-Jährige an einem überempfindlichen Nerv am rechten Bein. „Jede Berührung löst brennende Schmerzen aus“, erklärt der IT-Fachmann. Keiner der vier Neurologen, die er zuvor konsultiert hatte, konnte ihm helfen. Ein Arzt schlug vor, den Nerv operativ zu durchtrennen – doch Kiehne entschied sich dagegen, weil er Komplikationen befürchtete. Stattdessen setzt er nun auf die schmerzlindernde Wirkung von Akupunktur und Heilkräutern. Ralf Kiehne ist einer von vielen: Laut einer Allensbach-Umfrage haben 31 Prozent der Deutschen Erfahrung mit Traditioneller Chinesischer Medizin, 61 Prozent wünschen sich eine ergänzende TCM-Behandlung. Auch die Krankenkassen reagieren auf die Nachfrage – und tragen seit 2007 die Kosten für eine Akupunktur bei Kniegelenk- und Rückenschmerzen. Der grundlegend andere Therapieansatz der TCM (siehe Kasten „Gut zu wissen: Traditionelle Chinesische Medizin“) macht möglicherweise einen Teil ihrer Popularität aus. Laut Gustav Dobos, der als Professor am Klinikum Essen Schulmedizin und TCM kombiniert, wirkt sie „vor allem in Situationen, in denen die konventionelle Therapie an Grenzen angelangt ist“ – sprich: bei chronischen Schmerzen und sogenannten funktionellen Erkrankungen, bei denen keine organische Ursache nachweisbar ist. Doch ist diese Wirkung wissenschaftlich belegt?

Seit ein paar Jahren gibt es randomisierte kontrollierte Studien zu TCM, bei denen Testpersonen nach dem Zufallsprinzip einer Versuchs- und einer Kontrollgruppe zugeteilt werden. Ihre Ergebnisse decken sich selten mit dem erlebten Behandlungserfolg. Gustav Dobos, Professor für Innere Medizin und Inhaber des Stiftungslehrstuhls für Naturheilkunde der Alfried-Krupp-von-Bohlen-und-Halbach-Stiftung an der Universität Duisburg-Essen, arbeitet mit seinem Team daran, die positiven Effekte der TCM wissenschaftlich nachzuweisen.

NADELN FÜRS SCHMERZENDE KNIE

Hitzige Debatten lösten besonders die bis heute größten von den Krankenkassen finanzierten Akupunktur-Studien ART („German Acupuncture Randomized Trials“) und GERAC („German Acupuncture Trials“) aus. Dabei wurde die Wirkung der chinesischen Nadeln bei jeweils vier Krankheiten untersucht: Kniegelenksarthrose, Migräne, Spannungskopfschmerz und chronische Lendenwirbelsäulen-Schmerzen. Nach dem Zufallsprinzip bestimmte man drei Gruppen: Gruppe A erhielt die Nadeltherapie, Gruppe B eine Scheinakupunktur (eine oberflächliche Nadelung abseits der traditionellen Akupunkturpunkte). Gruppe C bekam bei GERAC die schulmedizinische Standardtherapie und bei ART gar keine Behandlung. Gegenüber der Nichtbehandlung bewirkte die Akupunktur bei allen untersuchten Beschwerden eine deutliche Besserung. Bei Knie- und Rückenschmerzen war sie der Standardbehandlung überlegen, bei Migräne wirkten beide Therapien immerhin gleich gut. Ernüchternd fiel jedoch der Vergleich mit der Scheinakupunktur aus: Bei drei der vier Beschwerden war kein Unterschied festzustellen. Nur bei Kniegelenksarthrose wirkte Akupunktur in einer der beiden Studien besser als die Minimal-Nadelung. Beruht also die Wirkung der Akupunktur lediglich auf einem Placebo-Effekt? Ist es im Allgemeinen egal, wohin man sticht?

MEHR ALS EIN PLACEBO

„Statt eine spezifische Wirkung nachzuweisen, haben ART und GERAC neue Fragen aufgeworfen“, kommentiert Claudia Witt, Professorin für Komplementärmedizin an der Charité, die Ergebnisse der Studien, an deren Durchführung sie selbst beteiligt war. Die Forscherin und Ärztin, die keine Akupunkturausbildung hat und daher „auch kein Heilungserlebnis vorweisen“ kann, mahnt zur Differenzierung. Scheinakupunktur sei keineswegs mit einem Placebo gleichzusetzen, denn anders als die Zuckerpillen erziele sie durchaus eine physiologische Wirkung – auch wenn sich noch nicht sagen ließe, wie spezifisch diese sei.

Den Sinologen und TCM-Mediziner Iven Tao, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Essener Lehrstuhl, brachten die Studien auf eine neue Frage: Wie exakt sind die traditionellen Akupunkturpunkte eigentlich definiert? Dazu verglich er in seiner Doktorarbeit klassische chinesische Abhandlungen mit aktuellen Akupunkturlehrbüchern – mit dem Ergebnis, dass die Punkte in den alten Texten nur ungenau angegeben sind. Seine Schlussfolgerung: Wenn „klassische“ Punkte nicht genau definier- und lokalisierbar sind, verschwimmt auch die Idee der Scheinakupunktur-Punkte. Daher sei die Scheinakupunktur keine valide Kontrollbedingung. In der Praxis sei die Nadelung genau definierter Punkte offenbar nicht zwingend notwendig, sondern die Reizung nicht so exakt bestimmter „reaktiver Areale“ reiche für den therapeutischen Erfolg aus. Ist also die Idee von den Meridianen hinfällig? Und gibt es gar kein „Qi“, das durch Akupunktur wieder zum Fließen gebracht werden muss (siehe Kasten „Gut zu wissen: Traditionelle Chinesische Medizin“)? „In der klinischen Praxis würde ich diese Begriffe nach wie vor weiter verwenden“, sagt Gustav Dobos, der Taos Doktorarbeit betreut hat. Bisher wisse man zudem nicht genau, ob bei manchen Erkrankungen nicht doch die genaue Lage der Punkte beachtet werden müsse.

„SCHMERZ HEMMT SCHMERZ“

Hinter der Frage nach den richtigen Punkten steht eine grundlegendere Frage: die nach den genauen Wirkmechanismen der Akupunktur. Forschungen dazu beschränken sich bisher weitgehend auf die Schmerzbekämpfung. So zeigte der kanadische Neurowissenschaftler Bruce Pomeranz in den 1970er-Jahren im Tierexperiment, dass bei der Akupunktur an drei Stellen des zentralen Nervensystems schmerzhemmende Endorphine ausgeschüttet werden. Um die gleiche Zeit stellte der Pariser Arzt Daniel Le Bars die Hypothese der „diffuse noxious inhibitory control“ (DNIC) auf. Sie geht von dem Prinzip „Schmerz hemmt Schmerz“ aus: Schmerz an einem Teil des Körpers hemme die Empfindung von Schmerzen an allen anderen Teilen des Körpers. Demnach seien die akuten Schmerzreize der Akupunktur in der Lage, krankhafte, chronische Schmerzen zu „löschen“.

Heute wird Akupunktur nicht mehr als rein mechanisches Ereignis betrachtet, das bei Mensch und Tier zu den gleichen Effekten führt, sondern als ein komplexes Therapieverfahren. So sieht Dobos die Akupunkturwirkung als Zusammenspiel physiologischer und psychologischer Faktoren an. Auf die Psyche wirken die Zuwendung des Arztes und die Erwartungshaltung des Patienten. Physiologisch gesehen hält Dobos den DNIC-Mechanismus für plausibel, denn er wirke unabhängig davon, an welcher Körperstelle man akupunktiere. Den Einwand, dass eine Schmerzlöschung nur eine kurzfristige Reaktion des Organismus darstelle, lässt er nicht gelten. „Dies trifft nach Expertenmeinung nicht zu“, sagt Dobos. Er vermutet, dass das Endorphinsystem durch wiederholte Akupunktur-Sitzungen langfristig verändert wird. Dies könnte die oft Wochen oder Monate anhaltende Schmerzlinderung durch Akupunktur erklären. Einen Beweis für diese Hypothese gibt es bislang nicht. Doch Marcus Bäcker leitet am Lehrstuhl für Naturheilverfahren der Universität Duisburg-Essen zurzeit eine Studie zur Bedeutung der Wiederholung von Akupunkturreizen.

GEGEN ALLERGIE UND AUSSCHLAG

Claudia Witt hält den DNIC-Ansatz „in Bezug auf Schmerzdiagnosen für diskutierbar“. Er erkläre jedoch nicht, weshalb die Nadeltherapie bei Heuschnupfen, Asthma oder Hauterkrankungen wirke. Diese Wissenslücke will man jetzt an der Charité schließen: mit einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Studie zu Akupunktur bei Heuschnupfen (ACUSAR). Dabei sollen die Therapieeffekte zusätzlich durch die Analyse von Entzündungszellen im Blut und Nasensekret geprüft werden. „Von der Auswertung versprechen wir uns Erkenntnisse über die mögliche Wirkung der Akupunktur auf das Immunsystem“, sagt Benno Brinkhaus, Privatdozent und Leiter der ACUSAR-Studie. Gleichzeitig bemühen sich internationale Forschergruppen, mittels bildgebender Verfahren akupunkturrelevante Netzwerke im Gehirn zu verorten. Bäcker zufolge besteht bereits Einigkeit darüber, „dass Akupunktur im Gehirn das schmerzverarbeitende System moduliert und so möglicherweise zu einer Veränderung der zentralen Schmerzverarbeitung führt“.

Defizite bestehen noch in der Erforschung der chinesischen Phytotherapie. Dabei ist diese wesentlich ältere Heilkräuterlehre in ihrem Herkunftsland die Schlüsseldisziplin der TCM. Doch nur ein Bruchteil der zahlreichen chinesischen Studien findet in der westlichen Welt Beachtung – „wegen methodischer Schwächen oder schlicht wegen Sprachbarrieren“, sagt Dobos. In Deutschland ist die Akupunktur insgesamt beliebter als die chinesische Heilkräuterlehre: So gibt es etwa 40 000 Akupunkteure, aber nur 2000 Phytotherapeuten. Zudem ist die Kräuterforschung sehr aufwendig. Das Problem: Eine typische Arzneimischung besteht aus 10 bis 15 unterschiedlichen Zutaten (Pflanzenteilen, Tierprodukten und Mineralien), die als „Dekokt“ – wässriger Auszug – verabreicht werden. Pharmafirmen wollen in der Regel einen einzelnen Wirkstoff isolieren, um ihn als eigene Erfindung patentieren zu lassen. Aber nur wenige chinesische Heilkräuter sind auch als Einzelsubstanzen wirksam – wie ein Extrakt aus Artemisia annua (Beifuß), der gegen Malaria hilft.

GINKGO? LIEBER NICHT!

Der chinesischen Pflanze Ginkgo biloba wurde lange eine positive Wirkung gegen Alzheimer nachgesagt. Entsprechende Tabletten und Kapseln sind bei uns frei erhältlich. Eine 2008 veröffentlichte Studie der University of Pittsburgh (USA) gibt nun Anlass, vor der Einnahme zu warnen. Der Ginkgo Evaluation of Memory Study (GEM) zufolge scheint die regelmäßige Gabe von Ginkgo-Extrakt eine Demenz sogar zu begünstigen.

Zwei deutsche Projekte leisten zurzeit Pionierarbeit in der Phytotherapieforschung: Unter der Leitung des Agrarwissenschaftlers Ulrich Bomme läuft an der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft in Freising ein Versuch zum hiesigen Feldanbau chinesischer Heilkräuter. Das zweite Projekt leitet Dieter Melchart, Privatdozent am Zentrum für Naturheilkundliche Forschung der TU München, in Kooperation mit der Universität Peking. Mithilfe chinesischer Ärzte sollen mehr als 100 aus China importierte Substanzen analysiert und die Pflanzen, von denen sie stammen, bestimmt werden. „Die Pflanzen genau zu beschreiben und ihre Wirkung zu kennen, ist unabdingbar, um Verwechslungen zu vermeiden“, betont Melchart.

Aktuell wird auch zu den Bewegungs- und Entspannungstherapien Qigong und Tai Chi (neuerdings auch Taiji geschrieben) geforscht. „Gerade weil in Deutschland Tai Chi und Qigong vielfach als Präventionsmaßnahmen angeboten werden, halte ich eine Evaluation für wichtig“, betont Claudia Witt, die gerade eine Studie zu Qigong bei Nackenschmerzen durchgeführt hat. Zahlreiche Studien haben bereits gezeigt, dass Tai Chi die Sturzhäufigkeit bei älteren Menschen reduziert. Zudem gibt es erste Hinweise auf eine positive Wirkung bei Spannungskopfschmerz.

MASSIEREN MIT MÜNZEN

Ein Team an der Universität Duisburg-Essen untersucht die bislang wenig erforschte Gua-Sha-Münzmassage. Bei dieser in Asien verbreiteten Massagetechnik schabt der Arzt mit einer Münze oder einem anderen abgerundeten Instrument über den Rücken. Massiert wird so lange, bis kleine Hauteinblutungen entstehen, die erst nach zwei bis drei Tagen wieder verschwinden. Mithilfe präziser Messinstrumente möchte TCM-Experte Dobos nachweisen, dass Gua Sha chronische Schmerzen lindert, indem es die Schmerzschwelle heraufsetzt – ähnlich wie bei Kneipp-Güssen, die das autonome Nervensystem und das Immunsystem durch gezielte Kälteeinwirkung stärken. Zur chinesischen Ernährungslehre gibt es bislang keine Forschungen. Die Frage nach dem Stellenwert der chinesischen Medizin in unseren Breiten muss also differenziert beantwortet werden. Offenbar haben weder übertriebene Skepsis noch die naive Annahme, die TCM könnte die konventionelle Medizin ersetzen, ihre Berechtigung. Gustav Dobos ist überzeugt, dass weitere Forschungen dafür sorgen werden, „diese Verfahren aus dem Altertum sowohl sprachlich als auch methodisch sinnvoll in die Neuzeit zu integrieren“. ■


Die Ethnologin LISA DUNCAN arbeitet in Bremen. Sie interessiert sich besonders für transkulturelle Aspekte traditioneller Heilverfahren.

GUT ZU WISSEN: TRADITIONELLE CHINESISCHE MEDIZIN

Im Mittelpunkt der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) stehen die polaren Kräfte „Yin“ und „Yang“ sowie das Prinzip „Qi“ (wörtlich: „aufsteigender Dampf“) – eine Art Lebensenergie, die den Körper entlang Leitbahnen (Meridianen) durchströmen soll. Bei Krankheit ist nach diesem Modell der natürliche Qi-Fluss gestört. Durch Akupunktur an genau definierten Punkten, die auf den Meridianen sitzen, wird das Qi angeblich wieder zum Fließen gebracht.

Das Behandlungssystem umfasst fünf Säulen: neben der Akupunktur auch Heilkräutertherapie, Entspannungstechniken (Qigong und Tai Chi), Massagetechniken (Akupressur, Tuina, Gua Sha) und Ernährungslehre. Auch die Diagnose – basierend auf Zungen- und Pulsbeobachtung – folgt anderen Prinzipien als die westliche Medizin: So kann eine „Leber-Qi-Stagnation“ völlig unterschiedliche schulmedizinische Entsprechungen haben – von Migräne bis zu Schlafstörungen.

Die TCM geht auf die über 2000 Jahre alte chinesische Heilkunde zurück, ist in ihrer heutigen Form jedoch sehr stark durch Neuerungen geprägt. In den 1950er-Jahren modernisierte Mao Zedong die TCM. Der Journalist James Reston berichtete 1971 in der „New York Times“ über seine Akupunktur gegen Wundschmerz und machte damit die TCM im Westen populär.



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Gustav Dobos DIE KRÄFTE DER SELBSTHEILUNG AKTIVIEREN! Zabert Sandmann München 2008, € 24,80

Paul Ulrich Unschuld CHINESISCHE MEDIZIN C.H. Beck, München 2003 (2. Aufl.), € 7,90

INTERNET

TCM-Forschungsinstitute in Deutschland: www.uni-due.de/naturheilkunde/de/tcm/ www.charite.de/epidemiologie/german/pkomplement.html www.lfl.bayern.de/ipz/heilpflanzen/ www.lrz-muenchen.de/ ~ZentrumfuerNaturheilkunde/

Akupunkturforschung in den USA: www.acupunctureresearch.org/Board.html

TCM-Ambulanzen: www.tcmambulanz-uni-essen.de/ www.charlottenstift.de/ index.php?id=naturheilkunde-und-tcm



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