Ausgabe: 5/2009, Seite 40   -  Leben & Umwelt

NACH DEM NOBELPREIS

Der nächste große Schritt nach der Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs wird die individuell angepasste Tumorbehandlung sein, sagt DKFZ-Leiter Otmar Wiestler. Otmar Wiestler ist seit 2004 Vorsitzender und wissenschaftliches Mitglied vom Stiftungsvorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg. Der heute 53-Jährige studierte in seiner Heimatstadt Freiburg im Breisgau Medizin, promovierte dort 1984 und forschte anschließend in den USA an der University of California in San Diego. Von dort wechselte er an das Institut für Pathologie der Universität Zürich, wo er sich 1990 für das Fach Pathologie habilitierte. Von 1992 bis 2003 leitete Wiestler das Institut für Neuropathologie der Universität Bonn. Dort war er auch Leiter des Deutschen Hirntumorreferenzzentrums. Sein Forschungsschwerpunkt lag auf der molekulargenetischen Analyse neuronaler Tumore und der neuronalen Stammzellforschung.

bild der wissenschaft: Herr Professor Wiestler, Ihr Vorgänger Harald zur Hausen – und mit ihm in gewisser Weise auch das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg – ist 2008 mit dem Nobelpreis für Medizin geehrt worden. Wie geht es nach dem Nobelpreis mit der Krebsforschung weiter?
Wiestler: Über lange Zeit war es das Ziel der Krebsforschung, zunächst einmal zu verstehen, was Krebs eigentlich ist. Hier hat es große Fortschritte gegeben. Jetzt gilt es, auf der exzellenten Grundlagenforschung der vergangenen Jahrzehnte aufzubauen und stärker in die Anwendung zu gehen. Darin liegt ein wichtiger Auftrag für ein nationales Krebsforschungszentrum.

bdw: Mit bislang nicht gerade durchschlagendem Erfolg ...
Wiestler: Es gibt einen stetigen Fortschritt. In den 1970er-Jahren verstarben noch 75 Prozent aller Krebspatienten, heute nähern wir uns 50 Prozent an. Natürlich bleibt noch viel zu tun. Wir brauchen dringend neue Therapien. Mir erscheinen die Erfolgsaussichten dafür nicht schlecht. Unsere Kenntnisse über Krebs, vor allem auf der Ebene der Zellen und Moleküle, haben die Basis für therapeutische Innovationen geschaffen, die wir nun in die Klinik zu den Patienten bringen müssen.

bdw: Wie wollen Sie das schaffen?
Wiestler: Bereits in den 1990-er Jahren wurden in Heidelberg Klinische Kooperationseinheiten aufgebaut, die eine Brücke zwischen Labor und Krankenhaus schlagen und sich sehr bewährt haben. Eine weitere gemeinsame Plattform wurde 2004 mit der Gründung des „Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen“ geschaffen, dessen Neubau 2010 bezogen werden kann. Krebsforscher und Krebsmediziner kümmern sich hier unter einem Dach um das Wohl der Patienten. Das schnelle Umsetzen von Forschungsergebnissen erfordert auch eine enge Zusammenarbeit mit der Industrie. Dazu arbeiten wir beispielsweise in der Medizintechnik mit der Firma Siemens und in der Medikamentenentwicklung mit Bayer-Schering oder Merck-Serono zusammen.

bdw: Welche neuen wissenschaftlichen Akzente haben Sie im Krebsforschungszentrum gesetzt?
Wiestler: Ein neuer Schwerpunkt ist die Erforschung der Krebsstammzellen. Mit „HI-STEM“ haben wir in Heidelberg ein Zentrum geschaffen, das Stammzellforschung auf höchstem internationalem Niveau betreiben und in enger Kooperation mit Kliniken und Industrie neue Medikamente und Therapien gegen Krebs entwickeln will. Als Leiter konnten wir mit Andreas Trumpp einen international renommierten Stammzellforscher gewinnen. Ein zweites Beispiel für einen aktuellen Schwerpunkt ist das sogenannte Krebsgenomprojekt, ein sehr großes internationales Forschungsvorhaben. Auch das Deutsche Krebsforschungszentrum wird sich daran beteiligen.

bdw: Worum geht es im Krebsgenomprojekt?
Wiestler: In dem Projekt soll das gesamte Erbgut bei den 50 häufigsten Krebsarten erfasst werden. Das ist die Voraussetzung, um eines Tages zelluläre Veränderungen mit neuen Medikamenten gezielt auf Gen- oder Proteinebene behandeln zu können. Bereits kurz- und mittelfristig wird das Krebsgenomprojekt – ähnlich wie das bereits abgeschlossene Projekt zur Entschlüsselung des menschlichen Genoms – mannigfache genetische Informationen bereitstellen. Und es wird mit einer technischen Revolution einhergehen. Bereits in den nächsten drei Jahren werden wir mit den neuen Techniken das gesamte Erbgut eines Menschen für rund 500 Euro entschlüsseln können. Für die Krebsforschung wird sich dieses Projekt als Schrittmacher erweisen. Ich bin zuversichtlich, dass es bereits in naher Zukunft die Diagnose und Therapie von Krebserkrankungen verbessern wird.

bdw: Gibt es weitere Schwerpunkte?
Wiestler: Wir setzen weiterhin auf die Erforschung von Krebs-Risikofaktoren und auf die Prävention. Denn nur so lässt sich verhindern, dass Krebs entsteht. Die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs ist ein – bislang einzigartiges – Beispiel dafür. Und wir wollen die Individualisierung der Krebstherapie vorantreiben.

bdw: Was bedeutet „Individualisierung“ der Krebstherapie?
Wiestler: Jeder Krebspatient bekommt heute eine Standardtherapie – auf die, das wissen Kliniker aus Erfahrung, im Durchschnitt nur ein Drittel der Patienten anspricht. Wir brauchen also Instrumente, um die Behandlung an die individuellen Bedürfnisse der Patienten anzupassen. Das ist das Ziel der sogenannten personalisierten Medizin. Es gibt bereits Medikamente, die auf individuelle molekulare Besonderheiten der einzelnen Patienten zugeschnitten sind, beispielsweise Herceptin zur Therapie bestimmter Formen von Brustkrebs.

bdw: Welche Projekte im Bereich personalisierte Medizin verfolgt das Krebsforschungszentrum?
Wiestler: Zum Beispiel eine Studie, die derzeit in unserem Haus von Stefan Pfister aus der Abteilung von Peter Lichter koordiniert wird. Geprüft wird, inwieweit sich mithilfe eines Gen-Chips die individuell bestmögliche Therapie für Kinder mit Hirntumoren planen lässt. Dazu wird Tumorgewebe mithilfe des Chips auf molekulare Besonderheiten untersucht. Anhand des Ergebnisses lässt sich bestimmen, ob der Tumor so bösartig ist, dass eine intensive Bestrahlung nötig ist, oder ob man dem Kind diese nebenwirkungsreiche Therapie ersparen kann. Solche Projekte gibt es derzeit viele. Ich bin zuversichtlich, dass sie künftig in eine zunehmende Individualisierung einmünden, was eine gezieltere – und damit erfolgversprechendere – Diagnose und Therapie von Krebserkrankungen erlaubt. ■


Das Interview führte Claudia Eberhard-Metzger



HI-STEM – NABEL DER STAMMZELLFORSCHUNG

Im September 2008 unterzeichnete das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg den Vertrag für „HI-STEM“. Das „Heidelberg Institute for Stem Cell Technology and Experimental Medicine“ will ein Zentrum für Stammzellforschung in Europa sein. Geleitet wird es von Andreas Trumpp (siehe Beitrag ab S. 28 „Die Jäger der Krebs-Stammzellen“). Das Zentrum ist eine Gründung des DKFZ, der Dietmar-Hopp- Stiftung, des Universitätsklinikums Heidelberg sowie der Medizinischen Fakultät Heidelberg. Erklärtes Ziel von HI-STEM ist es, Grundlagenforschung, klinische Forschung und Industrie miteinander zu verbinden, um mithilfe der Erkenntnisse aus der Stammzellforschung wirkungsvolle Medikamente gegen Krebs zu entwickeln.



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