Ausgabe: 7/2008, Seite 65   -  Kultur & Gesellschaft

MUMBAI BAUEN UND WOHNEN – KOSTENLOS

Eine Stadt umzugestalten, in der drei von fünf Menschen kein Dach über dem Kopf haben, ist ein riskantes Projekt.

von Sujata Anandan
 

Im Januar bereiste Vilasrao Deshmukh Berlin, Hannover und Wolfsburg. Der Chief Minister des indischen Bundesstaats Maharashtra war auf der Suche nach Interessenten, die in Mumbai investieren wollen. Aber er sah sich auch mit großem Interesse die Verkehrsmanagement-Zentrale von Siemens in Berlin an. Denn Deshmukh ist der Mann, der für den großen Umbau verantwortlich ist – der Stadt, die seit 1996 nicht mehr den Namen der britischen Kolonisatoren (Bombay) tragen will, sondern sich wie ursprünglich in der lokalen Landessprache Marathi „Mumbai“ nennt.

Doch während Deshmukh in Deutschland überall freundlich empfangen wurde, brach bei ihm zu Hause eine Krise aus: T. Chandrashekar drohte zurückzutreten. Chandrashekar – der wie viele Südinder keinen Familiennamen hat, das T. steht für seinen Geburtsort – ist der Chef der Maharashtra Housing and Area Development Authority (MHADA). Die Behörde ist federführend bei dem riesigen Wohnungsbauprojekt, das in den nächsten Jahren den Slumbewohnern von Mumbai ein Dach über dem Kopf verschaffen soll. Und das geschieht nicht aus humanitären Gründen: Diese Menschen sind das größte Hindernis für Mumbais Aufstieg zu den Qualitätsstandards anderer Megacitys dieser Welt.

Man sieht die Armen überall in der Stadt, obwohl sie nur auf acht Prozent des Bodens „wohnen“. Zahlenmäßig machen sie unglaubliche 60 Prozent der über 13 Millionen Einwohner aus. Sie haben fast jeden freien Zipfel Land in Besitz genommen. Sie schlagen ihre Lager aber auch an Straßenrändern auf, was die Verbreiterung der städtischen Straßen – ein weiteres Muss für Mumbai auf dem Weg ins 21. Jahrhundert – nahezu unmöglich macht. Doch die Regierung von Maharashtra ist fest entschlossen, im globalen Wettbewerb mitzuhalten. Mit der Zerstörung der Slums hat sie bereits begonnen. Den Bewohnern werden alternative Behausungen in verschiedenen Teilen der Stadt angeboten.

Hier kommt die MHADA ins Spiel – und ihr Chef T. Chandrashekar mit seiner fast unmöglichen Mission. Denn der Chef der Baubehörde kämpft nicht nur gegen ein Übermaß von Bürokratie – 12 Behörden reden beim Umbau von Mumbai mit –, sondern auch gegen die Zwänge der Geographie: Die Stadt, die an drei Seiten vom Meer umgeben ist, kann nur in eine Richtung wachsen – nach Norden.

TRAUMHAFTE SOZIALWOHNUNGEN

Dort beginnen bereits die Nachbardistrikte Thane und Raigad. Chief Minister Deshmukh und seine Beamten haben beschlossen, diese Distrikte in die Metropolregion Mumbai einzugliedern und ein modernes Schnellbahnsystem zu bauen, das die Pendler ins Zentrum befördert – das sich in Mumbai an der Südspitze der Stadt befindet. Häuser, Schulen und Krankenhäuser sollen an der nördlichen Peripherie entstehen – aber auch neue Arbeitsplätze in dafür vorgesehenen Sonderwirtschaftszonen.

Das Wohnungsbauprojekt ist ein wahrer Traum für Bauunternehmer, und das liegt an einem System, das es so nur in Mumbai gibt. Es heißt TDR (Transfer of Development Rights) und funktioniert so: Weil die meisten Slumbewohner arm sind und keine Miete zahlen können, stellt ihnen die Regierung kostenlosen Wohnraum zur Verfügung.

Diese Sozialwohnungen baut die Regierung nicht selbst, sie hat die Aufgabe an Bauunternehmen delegiert. Als Ausgleich dafür, dass sie diese Wohnungen gratis bauen, stellt ihnen die Regierung anderswo kostenlosen Baugrund zur Verfügung – zumeist in den vornehmeren Gegenden Mumbais. Die Häuser dort können die Unternehmen hinterher zu hohen Marktpreisen verkaufen. Die Wohnungspreise in Mumbai rangieren zwischen umgerechnet 2800 und 3700 Euro pro Quadratmeter im zentralen Süd-Mumbai und 560 Euro pro Quadratmeter in den mittleren Lagen. Für die Bauunternehmer sind selbst die Wohnungen am unteren Ende der Preisskala noch profitabel. Denn müssten sie den Baugrund kaufen, wären die Kosten doppelt so hoch. Außerdem gibt es so gut wie keine Freiflächen mehr in der Stadt, die letzten Flecken sind im Besitz des Bundesstaats Maharashtra.

ALS DIE GROSSE FLUT KAM

Chandrashekar ist ein alter Hase. Vor Mumbai hat er andere Städte umgebaut: Thane beispielsweise und das ehemals verschlafene Nagpur, das jetzt ein internationaler Verkehrsknotenpunkt ist. Dabei hat er gezeigt, dass selbst ein Provinznest zu internationalen Standards aufschließen kann – mit breiten Straßen, sauberen Wohnungen und gesetzestreuen Bewohnern.

Doch als Deshmukh ihn vor vier Jahren nach Mumbai holte, machte Chandrashekar wohl einen großen Fehler: Es heißt, er habe in seinem Enthusiasmus, die Straßen zu erweitern, die Abflussrohre und Rinnsteine fürs Regenwasser verkleinert. Daraufhin wurde Mumbai geradezu überspült, als am 26. Juli 2005 in zwei Stunden 900 Millimeter Regen niedergingen – ein Weltrekord. Das Wasser konnte nicht richtig abfließen, und die Stadt hatte riesige Sachschäden zu beklagen – und 447 Tote. Deshmukh nahm das Unglück zum Anlass, seine Pläne für den großen Umbau zu beschleunigen. Neben dem Wohnungsbauprojekt gibt es jetzt die Idee, eine Autobahn von Mumbai nach Navi Mumbai (Neu-Bombay) zu bauen, einen Stadtteil gegenüber vom städtischen Hafen. Statt in 2 Stunden soll man dann in 20 Minuten von Navi Mumbai aus das Zentrum erreichen. Eine neue Fährverbindung zwischen Bandra, einer noblen Vorstadt, und Worli, einem Fischerdorf mitten in der City, soll ebenfalls den Verkehr auf der nordsüdlichen Hauptachse entlasten. Und eine Reihe von neuen Autobahnbrücken soll gebaut werden, um Staus zu vermeiden. Alles zusammen wird an die 700 Millionen Euro kosten.

EINE HOCHBAHN FÜR ALLE

Um der Kritik zuvorzukommen, seine grandiosen Projekte würden nur den Reichen nutzen, plant Deshmukh auch eine Hochbahn. Diese Metro soll Stadtteile miteinander verbinden, die bisher nicht ans Schienennetz angeschlossen sind. Die Kosten werden mit 350 Millionen Euro veranschlagt. Doch wieder sind die Slumbewohner im Weg. Chandrashekar hat schon angedeutet, er werde von Bauunternehmern unter Druck gesetzt, bei den Aufräumungsaktionen ein Auge zuzudrücken. Beim großen Umbau von Mumbai in eine Megacity sind Mega-Summen im Spiel. Die sozialen Probleme, die daraus entstehen, könnten ebenfalls ins Riesenhafte wachsen.

Immerhin eine Schwierigkeit konnte Deshmukh mit einem raffinierten Schachzug beseitigen: Er verlieh Chandrashekar kurzerhand die Auszeichnung als „Bester Administrator des Landes“. Chandrashekar will nun nicht mehr zurücktreten. ■


SUJATA ANANDAN leitet das Ressort Politik der Hindustan Times in Mumbai. Sie war 1991/ 1992 Stipendiatin von „Journalistes en Europe“ in Paris.

MUMBAI FÜR TOURISTEN

Hilton-Hotel (DZ): 226 Euro

1 Liter Benzin: 0,86 Euro

1 Bier (Restaurant): 2,50 Euro

1 Souvenir-T-Shirt: 0,52 Euro

10 km Taxifahrt: 2,40 Euro

Kino: 1,70 bis 4,20 Euro

Alle Angaben: Stand Mai 2008



MUMBAI IN ZAHLEN

Einwohnerzahl: 13 Millionen (laut Zensus 2001), jüngste Schätzung: 20,8 Millionen

Bevölkerungsdichte: im Schnitt 22 000 Einwohner pro Quadratkilometer

Durchschnittsalter: 35 Jahre

Universitäten: 3

Zuzug: rund 365 Menschen pro Tag

Busverkehr: 3400 Busse transportieren täglich 4,5 Millionen Menschen

Müllproduktion: 8000 Tonnen pro Tag

Luftverschmutzung: Äquivalent von 2 Schachteln Zigaretten pro Tag und Person (2004)

Filmproduktion in Bollywood: über 1000 Filme pro Jahr, Umsatz 2,1 Milliarden Dollar



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