Ausgabe: 7/2008, Seite 18   -  Leben & Umwelt

REPARATUR AM PARADIES

Umweltgruppen und Konzerne entdecken das artenreichste Ökosystem Südamerikas: den Küstenregenwald. Sie versuchen zu retten, was zu retten ist.

von Bernhard Epping
 

Nach einer Viertelstunde schweißtreibenden Aufstiegs wird der Wald dichter. 40 Meter hohe Baumriesen mit mächtigen Brettwurzeln tauchen auf, Lianen baumeln herab, ab und an ist der Pfiff eines exotischen Vogels zu hören. „Bacupari-Früchte – probieren Sie, eine Delikatesse“, sagt Kevin Flesher plötzlich und deutet auf den Boden. Doch andere waren schon vorher da. Die goldgelben Früchte sind fast alle angenagt oder von Hufen zertrampelt. „Trösten Sie sich“, sagt der Ökologe lachend. „Das ist Pech für Sie, aber eigentlich eine fantastische Nachricht: Die Tiere sind zurück.“

Groß, schlank, Pferdeschwanz: 1997 kam der US-Ökologe erstmals nach Bahia – und blieb. „Das hier ist eine der artenreichsten Regionen der Welt. Wir müssen retten, was zu retten ist“, nennt er sein Hauptmotiv. Flesher ist Berater für Michelin. Der Reifenhersteller unterhält ein rund 30 Quadratkilometer großes Schutzgebiet hier im Süden des brasilianischen Bundesstaats Bahia – und tut etwas für den Wald. Seit wenigen Jahren greift ein Jagdverbot. Wie zum Beweis wetzt wenig später eine Rotte Nabelschweine (Pecaris) durch das Unterholz. Bei den vermehrungsfreudigen Wasserschweinen (Capivaras) ist die Population geradezu explodiert. Auch mehrere Reharten tummeln sich wieder in der Region, ebenso wie drei kleine Raubkatzenspezies.

Andere Probleme bleiben. Wald steht noch auf der Hälfte des Schutzgebiets, verteilt auf drei jeweils vier bis fünf Quadratkilometer große Parzellen, umgeben von Plantagen und Siedlungen. Diese Flecken sind zu klein, um ihre überbordende Artenvielfalt auf Dauer zu bewahren. Über 450 Baumarten sind auf einem Hektar Waldrest hier in der Nähe gezählt worden – ein Weltrekord. Doch die Isolation gefährdet den Bestand. „Wir müssen leider davon ausgehen, dass manche Bäume bereits lebende Fossilien sind, weil sie zu weit auseinander stehen und es keine Bestäubungspartner mehr gibt“, befürchtet Flesher. Der Waldrest ist ein Fall von vielen. Das Schicksal eines der artenreichsten Ökosysteme der Welt steht auf Messers Schneide. Sieben Prozent der einstigen Mata Atlântica, des brasilianischen Küstenregenwalds, sind noch da. Vor 500 Jahren waren es 1,3 Millionen Quadratkilometer Wald. Als teils rund 500 Kilometer breiter Saum durchzog er die Küstenregion Brasiliens vom Nordosten bis in den Süden. Dabei ist „Atlantischer Küstenregenwald“ ein Kunstbegriff, denn nicht nur Regenwald, auch Sümpfe, Mangroven, Dünentrockenwälder oder Steppengebiete findet man in diesem Lebensraum. Und obwohl er als artenreicher gilt als der vergleichsweise besser erhaltene Amazonas-Regenwald (siehe bdw 1/2008, „Holzen mit Samthandschuhen“), hat er nie dessen Publicity erreicht. Sein Pech: Er lag den Eroberern, die sich von der Küste aus ihren Weg ins Landesinnere bahnten, als Erstes im Weg. Doch sie waren nicht die schlimmsten Zerstörer. Die größten Verluste gab es vielerorts erst in den letzten 50 Jahren. Im Süden des Bundesstaates Bahia schieben sich seit 1970 vor allem Eukalyptus- und Kiefernplantagen vor. In Paraná und São Paulo zerstörten Zuckerrohr- und Kaffee-Anbau nebst einer schonungslosen Holzwirtschaft nach 1950 weite Teile der Wälder. Heute wohnen mit 120 Millionen zwei Drittel aller Brasilianer in der Großregion, Megacitys wie São Paulo und Rio de Janeiro liegen in der Mata Atlântica. Ein Zurück gibt es nicht, nur einen Hoffnungsschimmer für das, was noch da ist.

SETZLINGE AUS URWALDFRÜCHTEN

Ende 2006 verabschiedete der Kongress in Brasilia nach 14 Jahren Diskussion endlich das Gesetz der Mata Atlântica. Die Reste der natürlichen Vegetation sind damit als nationales Erbe geschützt, der Staat hat sich verpflichtet, um sie herum Pufferzonen aufzubauen. An die 24 000 Quadratkilometer sind derzeit als Nationalpark oder „Biologische Reserve“ geschützt. Allein für den Bundesstaat Bahia liegen im brasilianischen Umweltministerium (MMA) Pläne in der Schublade, 14 neue Großschutzgebiete einzurichten und 3 bestehende zu erweitern. Selbst wenn das alles realisiert wird, bleibt ein Hauptproblem: Viele Restflächen sind für effektiven Artenschutz zu klein. „Korridor“ ist daher zum Schlagwort geworden: Isolierte Reste an Wildnis sollen durch neue Waldstege wieder miteinander verbunden werden.

Mehrere Bundesstaaten, allen voran Paraná und São Paulo, haben Programme aufgelegt, um Galeriewälder neben Flüssen wieder nachzupflanzen. Allerdings befindet sich der Löwenanteil der gesamten Region heute in privater Hand. „Mehr Umweltschutz gibt es nur, wenn wir Konzerne und Privatbesitzer dafür gewinnen können“, meint Militão de Morais Ricardo, der im Umweltministerium in Brasilia, MMA, ein Ökokorridorprojekt (Corredores Ecológicos) koordiniert.

Hilfreich ist, dass die Konzerne immer stärker unter Druck stehen, etwas für ein grünes Image zu tun. Auf dem Michelin-Schutzgebiet in Bahia zum Beispiel wird die Gruppe um Flesher 15 Quadratkilometer Wald nachpflanzen. Schon stehen im einfachen Gewächshaus erste Setzlinge – gezogen aus Früchten, die Projektmitarbeiter im restlichen Urwald gesammelt haben. Auch der brasilianische Papierriese Aracruz Cellulose, weltgrößter Produzent von Zellstoff aus Eukalyptus und wegen seiner stetig ausgebauten Plantagen seit Jahren im Clinch mit Umweltgruppen, müht sich um ein Öko-Image: Die Niederlassung „Veracel“, die Aracruz zusammen mit dem Konzern Stora-Enso als Joint Venture betreibt, unterhält nahe der Stadt Porto Seguro 60 Quadratkilometer Regenwald als Schutzgebiet „Estação Veracel“, an die 20 wurden neu bepflanzt. Auch Coca Cola will im Bundesstaat São Paulo auf 30 Quadratkilometern neuen Regenwald pflanzen.

Vor allem aber sind an die 700 Umweltorganisationen zugange. Das Geld für sie stammt unter anderem aus Töpfen des Pilotprogramms zur Bewahrung der Tropischen Regenwälder PPG7. Ein Beispiel: Just dort, wo im Süden von Bahia am 23. April 1500 die Portugiesen erstmals landeten, leitet heute Paulo Dimas Menezes vom Instituto Cidade ein Korridorprojekt. Zwölf Quadratkilometer an Vegetation sollen regeneriert werden, zwei Nationalparks – Monte Pascoal und Pau Brasil – will man wieder miteinander verbinden. Der Wald wächst oft von selbst, wenn man ihn nur lässt, berichtet Menezes. „Nachpflanzen müssen wir nur an Problemstellen, wo das zu lange dauern würde.“ Dafür kommen Setzlinge von 80 Arten zum Einsatz.

DAS GROSSEXPERIMENT HAT BEGONNEN

Viel weiter südlich, am Ostrand des Bundesstaats Rio de Janeiro, gibt es ein weiteres Modellprojekt. Dort verweist die Associacão Mico Leão Dourado (AMLD) auf rund 20 Hektar neu gepflanzte Waldkorridore. Die 1992 gegründete Organisation spielte eine Schlüsselrolle bei der Rettung des Goldgelben Löwenäffchens (Leontopithecus rosalia). Der Bestand der Art, die einst große Waldgebiete in diesem Bundesstaat besiedelte, lag Anfang der Siebzigerjahre bei gerade noch 200 Tieren. Dank eines Auswilderungsprogramms sind es inzwischen wieder 1500 Tiere. Voraussetzung war, dass einige Waldgebiete unter Schutz gestellt wurden. Mindestens 250 Quadratkilometer zusammenhängende Urwaldfläche sollen es durch neue Korridore werden. „Wir pflanzen 74 Baumarten“, berichtet Ana Maria de Godoy Teixeira von der AMLD. Private Landbesitzer müssen auch hier mitmachen und ihr Land freigeben. Und, ein Dämpfer für zu großen Optimismus: Oft wachsen zunächst nur einige Pionierbäume an. Sie erlauben es zwar den Äffchen, sich wieder zwischen Urwaldinseln fortzubewegen. „Eine Weiterentwicklung zu einem echten Urwald ist aber schwierig“, stellt de Godoy Teixeira fest.

Keine Frage, es ist ein Großexperiment, das da begonnen hat. „Sie haben es mit Ihrem Wald in Deutschland leicht“, scherzt Militão de Morais Ricardo. „Ein Dutzend Baumarten reichen Ihnen. Bei uns sind es Tausende – kein Mensch kann das nachpflanzen.“ Es geht um einen Anfang. Jahr um Jahr sorgen dann vielleicht Wind und Wetter, Vögel und Insekten, Löwenäffchen oder Capivara dafür, dass die Artendichte wieder steigt. ■


BERNHARD EPPING, promovierter Biologe und freier Journalist, hofft, dass in Brasilien möglichst viel Urwald erhalten bleibt.

WAS VOM REGENWALD ÜBRIG BLIEB

Der einst dicht bewaldete Küstenlandstrich im Süden Brasiliens ist heute dicht besiedelt: 120 Millionen Brasilianer leben hier. Nun sollen die kleinen Reste (grün) der ehemaligen Mata Atlântica geschützt und durch Korridore vernetzt werden.



« zurück