Ausgabe: 10/2007, Seite 26   -  Leben & Umwelt

„MIT 50 WEISS MAN EINFACH MEHR“

Anders als populäre TV-Shows gibt der Bochumer Wissenstest einen tiefen Einblick in das Wissensprofil von Kandidaten. Maßgeblich entwickelt vom Psychologen Dr. Rüdiger Hossiep kommt der Test jetzt auf den Markt.

bild der wissenschaft: Wissens- und IQ-Tests im Fernsehen stehen seit Jahren hoch im Kurs. „Wer wird Millionär“ mit Günther Jauch oder „Das Quiz mit Jörg Pilawa“ ziehen tagtäglich ein Millionenpublikum an. Was ist der Grund für das große Interesse, Herr Dr. Hossiep?

Hossiep: Der Mensch hat ein natürliches Bedürfnis nach sozialen Vergleichen – auch beim Wissen. Wer früher als Kind raus zum Spielen ging, traf auf Kinder mit ähnlichen Interessen. Nach kürzester Zeit wusste man, wie man in seinen Fähigkeiten eingeordnet wird. Heute blicken wir dank der Medien zwar auf die Welt, doch wir selber können uns angesichts der großen Konkurrenz kaum noch einordnen.

bdw: Stellenbewerber sollen nun ihr Allgemeinwissen durch einen neu entwickelten Test unter Beweis stellen.

Hossiep: Der von uns über mehrere Jahre entwickelte Bochumer Wissenstest – kurz BOWIT – ist seit vielen Jahren der erste standardisierte Wissenstest, den man in Deutschland zur Bewerberauswahl heranziehen wird.

bdw: Wodurch unterscheiden sich die Fragen von BOWIT von jenen in TV-Shows?

Hossiep: Kein Mensch weiß, was man wirklich wissen muss: Es gibt keinen verbindlichen Wissenskanon. Deshalb haben wir erst einmal darauf geschaut, wie viele Prozent einer Untersuchungspopulation eine Frage richtig beantworten. Weiterhin müssen bestimmte Störvariablen richtig verteilt sein. Das heißt, dass bei einem Multiple-Choice-Verfahren alle Antworten vernünftig erscheinen müssen und keine dabei sein darf, die sofort als unmöglich ausgesondert werden kann. Das bedeutet: Die Frage muss in einer Stichprobe positiv getestet sein. Für unseren Test haben wir Tausende von Fragen erprobt und die meisten dann verworfen.

bdw: Können Sie an einem Beispiel deutlich machen, warum?

Hossiep: Eine Frage lautete: Von wem ist das Bild von der brennenden Giraffe? Als potenzielle Antwort gaben wir – wie immer – vier Namen vor, ergänzt durch eine fünfte Option „keine davon“. Die richtige Antwort lautet: Salvador Dalí. Wie wir bei unseren umfangreichen Tests feststellten, wird sie auch von Leuten gegeben, die kaum über Kunst Bescheid wissen. Das Bild ist einfach zu bekannt, um Kenntnisse in bildender Kunst abzufragen. Deshalb entpuppte sich die Frage als ungeeignet, zu überprüfen, ob jemand in diesem Fachgebiet zu Hause ist.

bdw: Das heißt, Fragen, die Wissen nur oberflächlich prüfen, fallen bei Ihrem Test durch?

Hossiep: Ja. Kenntnisse in Latein können nicht dadurch unter Beweis gestellt werden, dass man weiß, was „carpe diem“ bedeutet. Den Ausspruch „nutze den Tag“ kennen auch Nicht-Lateiner. Um 20 objektiv sinnvolle Fragen in einem Fachgebiet für unseren Test herauszufiltern, haben wir oft Hunderte erprobt.

bdw: Wer hat sich die Fragen ausgedacht?

Hossiep: Wir kamen in vielen Seminaren immer wieder darauf zu sprechen, haben uns meterweise Lexika besorgt, in die Lehrpläne der Schulen geschaut und mindestens ein halbes Dutzend Diplomarbeiten vergeben. Insgesamt haben wir mehr als 10 000 Personen befragt, aus denen rund 2500 für unsere Normierungsstichprobe übrig geblieben sind.

bdw: Sie können jetzt Alt und Jung, Nord und Süd, Männer und Frauen hinsichtlich ihres Wissensprofils unterscheiden?

Hossiep: In gewisser Weise schon.

bdw: Gibt es denn einen Unterschied zwischen Männern und Frauen?

Hossiep: Er ist hoch signifikant.

bdw: Was heißt das?

Hossiep: Bei einer Normalverteilung in einem statistischen psychologischen Test pendelt das Ergebnis um einen Mittelwert. Um diesen Mittelwert zu erreichen, mussten Männer 109 Aufgaben richtig lösen, Frauen aber nur 86. Daraus folgt: Frauen wissen im Durchschnitt weniger als Männer.

bdw: Kennen Sie die Gründe?

Hossiep: Natürlich haben wir uns diese Frage gestellt. Woran es liegt, wissen wir nicht. Aber wir wissen, woran es nicht liegt: an einer unterschiedlichen Intelligenz. Es liegt auch nicht an einer unterschiedlichen Motivation von Männern und Frauen, bei unserem Test mitzumachen. Möglicherweise hat dieser Unterschied damit zu tun, dass Frauen potenziell etwas ängstlicher sind, dadurch auch weniger neugierig sind und deshalb weniger Wissen sammeln. Möglicherweise spielen auch die Wissensquellen eine Rolle: Männer beziehen ihr aktuelles Wissen vorzugsweise aus Tageszeitungen und Zeitschriften, Frauen mehr aus Büchern.

bdw: Worin liegt der Unterschied zwischen Alt und Jung?

Hossiep: Vereinfacht gesagt, kann man Wissen als investierte Intelligenz bezeichnen. Mit der mentalen Leistungsfähigkeit – Fachleute sprechen von fluider Intelligenz – geht es ab Mitte Zwanzig bergab. Das merkt man beispielsweise, wenn man Vokabeln lernt. Im Gegensatz dazu konnten wir feststellen, dass bei den über Fünfzigjährigen das Wissen – die kristalline Intelligenz – nicht nachlässt. Im Gegenteil: Sie schnitten bei unseren Tests besser ab als Untervierzigjährige.

bdw: Was sagt Allgemeinwissen über einen Menschen aus?

Hossiep: Mit Aufkommen des Internet verbreitete sich die Auffassung, profundes Allgemeinwissen sei nicht mehr nötig, schließlich könne man es ja überall elektronisch erschließen. Doch diese Auffassung ist falsch. Wer über breites Allgemeinwissen verfügt, kann neues Wissen sehr viel schneller in das bestehende Netz einweben.

bdw: Was nützt das in einer Zeit, in der sich das Wissen nach Angabe von Experten in zwei, drei Jahren verdoppelt?

Hossiep: Diese Aussage gilt nur für Fachwissen. Grundlegende physikalische oder geografische Sachverhalte oder wichtige geschichtliche Zusammenhänge verändern sich oft sehr langsam und dann auch nur marginal.

bdw: Wie kommt man an Ihren Test?

Hossiep: Zunächst einmal gar nicht. Denn er wird von den Testzentralen in Deutschland, Österreich und der Schweiz vertrieben. Das heißt gleichzeitig, dass er ist nicht im Buchhandel und nicht über Amazon erhältlich ist. Den Test beziehen können nur speziell gelistete Personalverantwortliche. Schließlich soll unser Instrument ja der Personalentscheidung und der Personalentwicklung dienen.

bdw: Ihr Test wird in der Verkaufsversion 154 Fragen enthalten. Haben Sie keine Angst, dass sich Kandidaten irgendwie die Fragen doch besorgen – und die richtigen Antworten auswendig lernen?

Hossiep: Wir haben pro Frage fünf Wahlalternativen und dann noch einen alternativen Fragebogen. Wer sich all das im Vorfeld aneignet, hat eine Leistung erbracht, die bei einer Bewerberauswahl positiv zu Buche schlagen sollte.

Die Fragen stellte Wolfgang Hess ■


TESTEN SIE IHR WISSEN!

Als bdw-Leser sind Sie es gewohnt, manches besser zu wissen als andere. Hier können Sie die Probe aufs Exempel machen. Ein paar Fragen aus dem neuen BOWIT-Test, der profundes Allgemeinwissen prüft.

1. Welcher Künstler zählt nicht zur Pop Art?

A. Jasper Jones

B. Roy Lichtenstein

C. Salvador Dalí

D. Andy Warhol

E. Keiner dieser Künstler

2. Aus welchem Tier gewinnt man einen scharlachroten Farbstoff?

A. Raupe

B. Schnecke

C. Laus

D. Schmetterling

E. Aus keinem dieser Tiere

3. Was erhebt der BMI?

A. Körpermassen-Index

B. Blutzuckerspiegel

C. Cholesterinkonzentration

D. Dopamingehalt

E. Keine dieser Möglichkeiten

4. Der Große Sklavensee befindet sich in welchem Land?

A. Russland

B. Brasilien

C. Kanada

D. China

E. In keinem dieser Länder

5. In welchem Jahr wurde der Warschauer Pakt gegründet?

A. 1880

B. 1942

C. 1955

D. 1968

E. In keinem der aufgeführten Jahre

6. Was behandelt der 1. Artikel des Grundgesetzes?

A. Versammlungsfreiheit

B. Gleichheit vor dem Gesetz

C. Menschenwürde

D. Meinungsfreiheit

E. Nichts davon

7. Wie viele Hektar gehen in einen Quadratkilometer?

A. 5

B. 10

C. 50

D. 100

E. Alle diese Zahlen sind falsch

8. Welcher Philosoph entwickelte das „Höhlengleichnis“?

A. Aristoteles

B. Descartes

C. Platon

D. Euklid

E. Keiner dieser Namen stimmt

9. Welcher Film ist nicht von Wim Wenders?

A. Paris, Texas

B. Alice in den Städten

C. Der Himmel über Berlin

D. In weiter Ferne so nah

E. Keine der Antworten trifft zu

10. Was bedeutet in der Kraftfahr- zeugtechnik der umgangssprachliche Ausdruck „Kolbenfresser“?

A. Unerklärlich hoher Spritverbrauch

B. Rostschädigung der Ventildeckel

C. Einklemmen des Kolbens im Zylinder

D. Ölverschmierter Kolben

E. Das Wort hat eine andere Bedeutung

11. Was wird als Jurisdiktion bezeichnet?

A. Die juristische Ausbildung

B. Die Abstimmung über Gesetze

C. Die Formulierung von Gesetzestexten

D. Die Rechtsprechung

E. Keine der genannten Antworten ist richtig

12. Wer malte das Bild „Der Kuss“?

A. Gustav Klimt

B. Christian Rohlfs

C. Emil Nolde

D. Alfred Kubin

E. Keiner der Genannten

13. Wie groß ist der Anteil von Sauerstoff in der Luft?

A. Zirka 21 Prozent

B. Zirka 48 Prozent

C. Zirka 65 Prozent

D. Zirka 78 Prozent

E. Ein völlig anderer Prozentsatz

14. Welche Kinderkrankheit wird durch eine Form des Herpes-Virus ausgelöst?

A. Masern

B. Mumps

C. Röteln

D. Windpocken

E. Keine davon

15. Wo liegt die Insel Alcatraz?

A. Vor der Küste New Yorks

B. In der San Francisco Bay

C. Im Golf von Mexiko

D. Nordöstlich von Kuba

E. Ganz woanders

16. In welcher Stadt wurde das tödliche Attentat auf John F. Kennedy verübt?

A. Houston

B. Dallas

C. El Paso

D. Austin

E. In keiner dieser Städte

17. Wer entwickelte den ersten standardisierten Test zur Messung der menschlichen Intelligenz?

A. Alfred Binet

B. Erik Erikson

C. Jean Piaget

D. Sigmund Freud

E. Keiner der Genannten

18. In welcher Einheit wird in der Physik die Spannung gemessen?

A. Ampere

B. Ohm

C. Volt

D. Hertz

E. Keine dieser Einheiten stimmt

19. Wie bezeichnen sich die Mormonen selbst?

A. Die Erwählten

B. Die Gesandten Christi

C. Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage

D. Apostelamt Jesu Christi

E. Keine der Antworten trifft zu

20. Wer schrieb das Gedicht „Die Bürgschaft“?

A. Heinrich Heine

B. Friedrich Hölderlin

C. Friedrich Schiller

D. Heinrich von Kleist

E. Ein anderer Dichter

21. Wie nennt man die Vertiefungen in einer CD-ROM?

A. Bit

B. Hole

C. Dip

D. Pit

E. Nichts davon ist richtig

22. Wie nennt man längere Zeit anhaltende starke Kursrückgänge an der Börse?

A. Hausse

B. Deflation

C. Baisse

D. Inflation

E. Das ist alles falsch

Die Fragen wurden vom Projektteam Testentwicklung an der Ruhr-Universität Bochum entwickelt. Die Auflösungen finden Sie auf Seite 107.

Haben Sie Lust bekommen, eine Forschungsversion des vollständigen Bochumer Wissenstests online im Internet auszuprobieren und eine persönliche Auswertung Ihres Wissensprofils zu bekommen? Dann schreiben Sie bitte eine E-Mail an die Adresse bip@rub.de oder rufen Sie die Telefonnummer 0234/322 4623 an. Nennen Sie das Stichwort „bild der wissenschaft“, dann kostet Ihre Teilnahme statt € 15,– nur € 12,50. Infos unter: www.testentwicklung.de/bowit.htm



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