Ausgabe: 1/2007, Seite 56   -  Kultur & Gesellschaft

DAS GEHEIMNIS VON NASCA IST ENTHÜLLT

Die Landebahnen für Außerirdische haben ausgedient: Archäologen und Geographen konnten das Rätsel der Nasca-Linien endlich lösen – und stießen dabei auf eine noch unbekannte Kultur.

Michael Zick
 

Ab 600 nach Christus wurde kein Stein mehr umgedreht. Die künstlichen Werke dämmerten in einem Dornröschenschlaf des Vergessens dahin. Die beständige Gluthitze der Wüste bewahrte das Rätsel. Erst im letzten Jahrhundert wurden die „Linien von Nasca“ entdeckt und nach einer wissenschaftlichen Veröffentlichung 1947 weltweit bekannt. Lange rätselten die Forscher über ihre Herkunft – ein Mythos entstand.

Über Jahrhunderte versahen Menschen eine einzige Stelle der südperuanischen Küstenwüste mit geheimnisvollen Bodenzeichnungen. Dafür hatten sie die rotbraun-oxidierten Felsbrocken der wüstenhaften Pampa beiseite geräumt. Der freigelegte helle Untergrund diente als Leinwand für gewaltige Tierfiguren, kilometerlange Linien, Trapeze und Spiralen.

Die Geoglyphen waren so groß, dass sie angeblich nur aus der Luft zu erkennen waren: Zeichen für die Götter? Landebahnen für außerirdische Weltraumbummler? Die Spekulationen waren vielfältig und teilweise grotesk. Die Linien wurden als prähistorischer Kalender oder als Astro-Lehrbuch gedeutet. Manche sahen in ihnen auch Wünschelruten-Pfade für unterirdische Wasserstöme.

Aber niemand kartierte und dokumentierte die rätselhaften Zeichen in ihrer Gesamtheit. Keiner forschte nach den Menschen, die sie angelegt hatten. Und niemand untersuchte wissenschaftlich Entstehung und Umfeld der Bodenzeichnungen und die Entwicklung von Landschaft und Klima.

In einem Paradebeispiel für interdisziplinäre Zusammenarbeit quer durch die wissenschaftlichen Fächer legt Markus Reindel von der „Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen“ (KAAK) jetzt erstmals eine umfassende Kulturgeschichte der Region und ihrer geheimnisvollen Zeichen vor.

In den letzten beiden Jahren hat der Prähistoriker der in Bonn ansässigen KAAK, einer Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Berlin, zudem noch eine unbekannte prähistorische Kultur entdeckt – und damit das Wissen über die Kulturentwicklung im südlichen Peru revolutioniert.

Reindel untersucht seit 1997 mit finanzieller Unterstützung der Schweizerisch-Liechtensteinischen Stiftung für archäologische Forschungen im Ausland (SLSA) die Geoglyphen und die Siedlungen der Nasca-Kultur (200 vor bis 600 nach Christus) in der Region um den Ort Palpa, 40 Kilometer nördlich von Nasca. Die Gegend bot sich an, weil hier, anders als in Nasca, die Bodenbilder und prähistorischen Siedlungen eng beieinander liegen. Und Reindel ist überzeugt: „Wenn wir etwas über die Geoglyphen erfahren wollen, müssen wir nach den Menschen schauen, die sie gefertigt haben“ – und nach ihrer Umwelt. Ein logischer Ansatz, den aber bisher niemand verfolgt hat.

Reindel fand direkt an den esoterisch anmutenden Erdzeichnungen tiefe Pfostenlöcher, die auf bis zu zehn Meter hohe Masten schließen lassen, und etwa 100 kleine Steinhaufen. Ein Dutzend davon untersuchte er nach allen Regeln der archäologischen Kunst. Dabei förderte er Reste von Textilien, Meerschweinchen, Pflanzen, Krebsen und Spondylusmuscheln zutage, vermutlich einstige Opfergaben. Der Archäologe interpretiert die Steinstapel als Altäre oder Mini- Tempel für einen Fruchtbarkeits- und Wasserkult. Bestärkt wird er darin durch Spondylusmuscheln, die es in Nordperu und Ecuador, nicht aber an der südperuanischen Pazifik-Küste gibt. Diese Muscheln waren im gesamten Andenraum schon immer Symbol für Fruchtbarkeit und Wasser und wurden offenbar über weite Strecken importiert, um dem Kult Kraft zu geben („Die Regenmachermuschel“, bild der wissenschaft 2/2001).

Bei der Untersuchung prähistorischer Siedlungen im Palpatal stieß Reindel zudem auf steinerne Wohnhäuser und kultivierte Grabstätten, die – auch wenn sie ausgeraubt waren – von einer sozial differenzierten Nasca-Gesellschaft kündeten. Feine Keramik und goldene Ketten aus Fisch- und Wal-Figürchen als Grabbeigaben widerlegten die gängige Lehrmeinung vom rein bäuerlichen Charakter der Nasca-Kultur: Es gab offensichtlich eine Elite. Anlage und Instandhaltung der Geoglyphen sind sowieso nur als Gemeinschaftsvorhaben mit einem Koordinator und Spezialisten zu bewerkstelligen. Und: Wie bei den Geoglyphen wurden auch in den Siedlungen Darstellungen von Fischen und anderem Meeresgetier gefunden – ein eindeutiger Bezug zum Ozean mitten im Nordausläufer der Atacama, einer der trockensten Wüsten der Welt.

Bei seinen Recherchen in der Nasca-Zeit stießen Reindel und sein peruanischer Kollege, Johny Isla vom Instituto Andino de Estudios Archeologicos in Lima, immer wieder und massenhaft auf Zeugnisse der „Paracas-Kultur“. Die wurde 1927 bekannt, als der peruanische Archäologe Julio C. Tello auf der Halbinsel Paracas 423 Mumienbündel mit bis dahin unbekannten wunderschönen Textilien fand, die sich im Wüstenklima hervorragend erhalten hatten.

Die Paracas-Kultur wird in die Zeit zwischen 800 und 200 vor Christus angesetzt und sollte, so die bisherige These, im Nasca-Gebiet nur mit ihrer späten Phase vertreten sein. Das entpuppte sich als weiterer Irrtum. „Wir haben im Nasca-Gebiet alle Paracas-Phasen mit Siedlungen und Gräbern nachweisen können“, rückt Reindel die wissenschaftliche Welt für Südperu zurecht. Mehr noch: Siedlungen, Gräber und identische Motive auf Keramiken und Textilien der beiden Epochen belegen eindeutig, dass sich die Nasca-Kultur aus der Paracas-Welt entwickelt hat. Insgesamt ist die Geschichte Südperus um einige Jahrhunderte älter geworden. Die Region Palpa könnte darin das pulsierende Zentrum gewesen sein.

Für den hartnäckigen Archäologen kam es noch besser: Am Fundplatz Pernil Alto am Ufer des Rio Grande fand Reindel abermals „frühes Paracas“ – zugleich aber Keramik, „die wir noch gar nicht einordnen konnten“. Er war mit seiner archäologischen Zeitmaschine in der „Initialzeit“ gelandet und konnte mit der Grabung eine nahezu unbekannte Kultur umfassend dokumentieren.

In der Initialzeit, bislang ziemlich willkürlich von 1800 bis 800 vor Christus angesetzt, wurde im Andenraum die erste Keramik gebrannt. Reindel: „In Wirklichkeit reicht diese Epoche wahrscheinlich nur bis maximal 1500 vor Christus zurück.“ Diese Epoche wird zwar nicht zur Paracas-Kultur gezählt, schuf aber eindeutig die Grundlagen dafür: Katzen-Darstellungen auf Tuch und Ton zum Beispiel belegen eine durchgängige Tradition von der Initialzeit bis in die Nasca-Kultur.

Markus Reindel kann seine Funde – ganz aktuell – über die C14-Skala in die Initialzeit zwischen 1400 und 860 vor Christus einreihen. So weit in der Zeit ist im Palpa-Nasca-Gebiet noch niemand zurückgereist. Die neue Kultur des Archäologen ist noch namenlos, aber nicht ohne Belang. Denn einiges deutet darauf hin, dass hier die Wurzeln der mythischen Geoglyphen liegen.

Um das Geheimnis der „Nasca-Linien“ endlich zu lösen, schmiedete Markus Reindel mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) eine interdisziplinäre Projektgruppe von seltener Eintracht. Im BMBF-Förderprogramm „Neue naturwissenschaftliche Methoden und Technologien in den Geisteswissenschaften“ (NTG)

  • rekonstruieren Geographen um Bernhard Eitel von der Universität Heidelberg die Klima- und Siedlungsgeschichte der Region,
  • erforscht Geophysiker Jörg Fassbinder vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege den Untergrund,
  • vermessen, dokumentieren und modellieren Mitarbeiter von Armin Grün vom Institut für Geodäsie und Photogrammetrie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ) Geoglyphen und Gegend,
  • kümmern sich Anthropologen der Universität Göttingen um die menschlichen Überbleibsel und die Umwelt der prähistorischen Peruaner,
  • erprobt Günther Wagner für die Forschungsstelle Archäometrie der Heidelberger Akademie der Wissenschaften neue Methoden zur direkten Datierung von Steinen und Sedimenten,
  • sucht das Curt-Engelhorn-Zentrum für Archäometrie unter Leitung von Ernst Pernicka nach der Herkunft des Nasca-Goldes und bergmännischen Aktivitäten der Palpa-Menschen.

Die Landschaftsgeschichte der Region, die in diesem Nasca-Palpa-Forschungsprojekt erstmals untersucht wurde, erklärt einleuchtend, warum die Erdzeichnungen hier in dieser Massierung auftraten: Zwischen der Westflanke der Anden und dem Meer liegt, im Gegensatz zu den anderen pazifischen Uferbereichen, noch eine Küstenkordillere. Das etwa 40 Kilometer breite Becken dazwischen wurde im Pleistozän durch Geröll und Sediment von den Bergen gefüllt (Grafik unten). Diese kilometerweite topfebene Pampa gab die Leinwand für die Erdzeichnungen ab. Das extrem trockene Wüstenklima bewahrte die künstlichen Werke für die Nachwelt.

Doch die Wüste ist ständig im Wandel. Die Palpa-Nasca-Pampa hatte am östlichen Gebirgsfuß bis vor 6000 Jahren grüne Ränder mit festem Pflanzenbewuchs. Um 1800 vor Christus wurde es trockener, wie die Wissenschaftler des Geographischen Instituts der Heidelberger Universität herausfanden. Das Zusammentreffen von Klimaveränderung und Initialzeit mit der ersten Keramik ab 1500 vor Christus ist sicher kein Zufall. „Vielmehr ist davon auszugehen“, so der Heidelberger Geographie-Professor Bernhard Eitel, „dass die einsetzende Trockenheit und das Verschwinden der offenen Graslandschaft die Menschen zu einer Konzentration entlang der Flussoasen zwangen“ (Grafik oben). Die bäuerlichen Paracas-Leute, so weisen es auch die archäologischen Funde aus, siedelten deshalb direkt an den Flüssen.

In der folgenden Nasca-Zeit wurde die Gegend abermals trockener, der Wüstenrand verschob sich um rund 20 Kilometer nach Osten in die Anden hinein. Die Menschen mussten folgen und verlegten ihre Siedlungen in die so genannten Mittleren Täler in 400 bis 800 Meter Höhe. Nach einem abermaligen Klimaschub in Richtung Trockenheit um 600 nach Christus verschwand die Nasca-Kultur. Danach wurde kein Stein mehr umgedreht.

Die Landschafts- und Siedlungsgeschichte der Palpa-Nasca-Region zeigt, wie labil geographische Extremregionen, speziell Wüstenrandgebiete, reagieren: Klimaschwankungen, die in gemäßigten Zonen kaum auffallen, so Bernhard Eitel, „führen in solchen Gegenden zu tief greifenden Veränderungen des Ökosystems, die auch die Lebensbedingungen des Menschen beeinflussen“ (siehe Interview „Trockenheit fördert die Entwicklung“, Seite 64). Die Nasca-Kultur wurde nicht von einer abrupten Klima-Katastrophe hinweggerafft, sondern ging – ähnlich wie die Maya-Kultur in Mittelamerika – ab 600 nach Christus schleichend unter.

Aus der Gesamtschau von Klima- Landschafts- und Siedlungsgeschichte, verbunden mit den archäologischen Befunden, können die Wissenschaftler nun eine stichhaltige Interpretation der geheimnisvollen Geoglyphen angehen: In allen drei Epochen – Initialzeit, Paracas- und Nasca-Kultur – haben die Menschen in der Palpa-Region ihre Bilder verewigt – auf Textilien, Keramik, Felsen und in der Landschaft.

Die Galerie der Initialzeit ist noch mager bestückt – hier stehen die Archäologen allerdings auch erst am Anfang der Forschung. Eine Erkenntnis: Auf den ganz frühen Keramikscherben taucht schon die Katze als offenbar wichtiges Tier auf. Sie schleicht prominent auch durch die Paracas-Zeit. Bei den Nasca-Leuten war sie Teil der wichtigsten Gottheit, des „Katzenwesens“.

Die ersten Open-Air-Bilder pickelten die prähistorischen Südperuaner in Felsbrocken: In die rotbraune Oberfläche ritzten und meißelten sie geometrische Muster, Tiere, Misch- und mythische Figuren wie das immer wiederkehrende „Augenwesen“. Tausende solcher Felszeichnungen haben die Archäologen in der Palpa-Region gefunden – eine einzigartige Massierung. Die Dokumentation der Urzeichnungen hat mit Reindels Arbeiten erst begonnen. Einige der wenige Zentimeter bis zu mehreren Meter großen Petroglyphen, also Felszeichnungen, „stammen sicher aus der Initialzeit“, meint Reindel, „doch das können wir noch nicht genau sagen“.

Irgendwann in der frühen Paracas-Zeit – Reindel wagt sich bis 700 vor Christus zurück – übertrugen die Bildkünstler die Petroglyphen-Idee ins Gelände: Durch Wegnehmen oder Anhäufen der Oberflächensteine schufen sie nun 10 bis 30 Meter große Figuren an den Hängen der Flusstäler. Diese stellten hauptsächlich Tier- und Menschengestalten dar, vereinzelt auch Sterne. An die 100 Hangbilder, die bislang unter „Nasca“ liefen, rechnet Reindel eindeutig der Paracas-Zeit zu. Vermutlich um 200 vor Christus kam mit der Nasca-Kultur ein neuer „Kunststil“ auf – die Zeichnungen wurden auf die Hochflächen der Pampa verlagert. Statt der figürlichen Darstellungen bevorzugten die Künstler nun Linien und Flächen. Die Geoglyphen wuchsen ins Gigantische. Nun wurden hauptsächlich geometrische Formen geschaffen. Die bekannten Tierdarstellungen (Affe, Wal, Spinne) sind spektakulär, aber marginal.

Insgesamt, so konnte Reindel mit der peniblen Dokumentation der Erdzeichnungen erstmals nachweisen, mühten sich die frühen Südperuaner über ein Jahrtausend lang mit der Kunst am Boden – von mindestens 500, eventuell sogar 700 vor Christus bis etwa 600 nach Christus.

„Überall, auch in der archäologischen Literatur, steht immer wieder, dass die Geoglyphen nur aus der Luft zu sehen sind“, ärgert sich Karsten Lambers. Denn der Archäologe der KAAK weiß: „Das stimmt einfach nicht! Wenn man im Gelände herumläuft, ist jede Glyphe am Boden sichtbar.“ Sichtbar schon, aber nicht immer als Ganzes erkennbar. Doch darauf kam es vermutlich gar nicht an, meint Reindel: „Die Geoglyphen waren nicht dazu da, angeschaut zu werden.“ Sie wurden vielmehr genutzt, Lambers nennt sie schlichtweg „Aktionsflächen“. Bei den archäologischen Feldarbeiten kamen neben den Altar-Plattformen mit ihren Opfergaben entlang der Linien unzählige, offenbar rituell deponierte Gefäße zu Tage. Und der Boden in den Linien, so weisen es die geophysikalischen Messungen aus, ist zudem extrem verdichtet – durch unzählige Fußtritte? An den hohen Masten könnten Wimpel und Fahnen geweht haben. „Das spricht für Prozessionen, vielleicht mit Musik und Tanz, wie das ja auf den Keramiken dargestellt ist“, meint Reindel.

Schon die Herstellung der riesigen Bodenzeichnungen erforderte die Anstrengung vieler Menschen. Darüber hinaus konnten die Archäologen nachweisen, dass die Geoglyphen ständig verändert, erweitert und umgestaltet wurden. „So was findet ja nicht im Verborgenen oder Unsichtbaren statt“, meint Lambers.

Unschätzbare Unterstützung bekommen die Archäologen durch die präzise digitale Dokumentation der Linien durch das Institut für Geodäsie und Photogrammetrie der ETHZ unter Armin Grün. Der professorale Vorreiter für den Einsatz photogrammetrischer Methoden bei archäologisch-kulturhistorischen Untersuchungen hat die gesamte Palpa-Region dokumentiert und dabei alle Glyphen und Siedlungen erfasst – technisch aufwendig mit Laserscanning, Luftbildern und terrestrischen Vermessungen („Das Nasca-Rätsel – unlösbar?“, bild der wissenschaft 4/2000). Daraus ist ein virtuelles 3D-Geländemodell entstanden, über das man im Computer hinwegfliegen kann (siehe Community). Den Archäologen verschaffen die Computersimulationen ungeahnte Einblicke, denn die Landschaft kann gedreht, gekippt oder gezoomt werden – das schafft Überblick, der am Boden unmöglich ist.

Mit Hilfe dieser Dokumentation überprüfte Karsten Lambers in seiner Dissertation, 2004 von der ETHZ als beste Arbeit ausgezeichnet, die Sichtbarkeit einzelner Punkte und ganzer Flächen im Computer – Rechenaufwand: eine Woche. Das Ergebnis widerlegt die Esoteriker: Zwei Drittel aller Geoglyphen sind von allen anderen Punkten des Gebietes sehr gut sichtbar (siehe Computer-Grafik oben). „Auf die sollte also besonders geachtet werden“, resümiert Lambers. Nach dem naturwissenschaftlichen Befund beschäftigt ihn aber auch der soziale Hintergrund der Menschen, die in großer Zahl die Riesenzeichen schufen. Die Zeremonien dazu waren, davon ist Lambers überzeugt, ein wichtiges kulturelles Symbol: „Wenn da ein Clan Geoglyphen anlegte oder veränderte, dann war das eine weithin sichtbare Machtdemonstration: Hier sind wir!“

Eine religiöse Bedeutung hatte ein solches Spektakel auf jeden Fall, wurde doch so die unbelebte Natur in die Lebenswelt der Palpa-Leute einbezogen. Auch die Altar-Plattformen an den Glyphen mit ihren wasserbezogenen Opfergaben lassen einen kultischen Zusammenhang vermuten. Markus Reindel ist sicher: „Deshalb haben wir in den Siedlungen auch keine Tempel gefunden – die ganze Landschaft war Kultbereich.“

Über die Religion, den gesellschaftlichen Aufbau und die politische Organisation der Leute von Nasca streiten die Wissenschaftler mangels exakten Wissens. Noch weniger wissen sie über die soziale Struktur der Paracas-Menschen, von der neu entdeckten Kultur aus der Inititalzeit ganz zu schweigen. Rätsel genug also in Südperu – immer noch. ■


Michael Zick, langjähriger bdw-Redakteur, ist von den peruanischen Geoglyphen fasziniert, seit er das erste Mal mitten in den Bodenzeichnungen stand.

Vor Etwa 3800 Jahren (Initial-Zeit) tauchten um Palpa die ersten Siedler auf – und die ersten Petroglyphen. Dann wurde es trockener: In der Paracas-Zeit wuchsen die ersten Siedlungen in den Flusstälern und die ersten Geoglyphen an den Hängen. In der Nasca-Zeit, in der die Siedlungsdichte am größten war, breitete sich die Wüste weiter ins Gebirge aus. Jetzt entstanden auch auf den Hochebenen Felszeichnungen. In der Wari-Zeit wurde das Wasser so knapp, dass schließlich keine Besiedlung mehr möglich war.



COMMUNITY FERNSEHEN

Wie das interdisziplinäre Forschungsteam hinter das Geheimnis von Nasca gekommen ist, hat auch die Kollegen vom TV-Wissensmagazin nano fasziniert. In Zusammenarbeit mit bild der wissenschaft haben sie einen Fernsehfilm dazu produziert. Er wird am Freitag, den 5. Januar um 18.30 Uhr das erste Mal in 3Sat ausgestrahlt. Weitere Informationen und Sendetermine finden Sie bei: www.3sat.de/nano

LESEN

Claudio Cavatrunci, Fabio Bourbon

PERU – DIE INKA UND IHRE VORLÄUFER

Hirmer, München 2005, € 75,–

Claudius C. Müller, Inés de Castro (Hrsg.)

DIE WÜSTE

Primus, Darmstadt 2006, € 29,90

Dietrich Schulze, Viola Zetsche

BILDERBUCH DER WÜSTE – MARIA REICHE UND DIE BODENZEICHNUNGEN VON NASCA

Mitteldeutscher Verlag Halle 2005, € 19,–

INTERNET

Anschauliche 3D-Rekonstruktionen der Geoglyphen und drei kurze Filme, die einen virtuellen Flug über das Nasca-Palpa-Gebiet zeigen, finden Sie unter „Aktuell“ auf der bdw-Seite www.wissenschaft.de

Dr. Markus Reindel und seine Arbeiten in Palpa:

www.dainst.org/index.php?id=593

Dissertation THE GEOGLYPHS OF PALPA (Zürich 2004) von Karsten Lambers: www.dissertationen.unizh.ch/2005/ lambers/abstract.html



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