Ausgabe: 8/2006, Seite 52   -  Kultur & Gesellschaft

WENN FRAUEN ZUSCHLAGEN

Nicht nur Frauen leiden unter brutaler Gewalt. Auch Männer sind Opfer – von Frauen. Studien belegen, dass Frauen sogar immer häufiger handgreiflich werden.

Jochen Paulus
 

Gegen seine Frau hat Holger keine Chance. Die Kampfsportlerin wiegt 40 Kilo mehr als er selbst und stemmt Hanteln, die Holger nicht einmal anheben kann. „Sie demütigt und verprügelt mich täglich“, klagte der 31-jährige Frührentner in einer E-Mail an die Männerberatung in Berlin. Und: „Sie drückt mich fast täglich zu Boden, setzt sich mit ihren 110 Kilo auf mein Gesicht und bewegt sich anschließend hin und her.“ Holger fühlt sich vergewaltigt.

Sein Schicksal ist kein Einzelfall. Andere Männer berichteten der Männerberatung, sie seien von ihren Partnerinnen die Treppe hinuntergestoßen oder mit der Faust derart brutal geschlagen worden, dass die Lippen geplatzt seien.

Nachprüfbar sind solche anonymen Leidensberichte zwar nicht, aber glaubwürdig schon. Denn zahlreiche Studien belegen, dass Männer keineswegs selten Opfer häuslicher Gewalt werden. Eine Untersuchung des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2004 nennt konkrete Zahlen: Von knapp 200 befragten Männern war fast jeder Vierte nach eigenen Angaben schon mindestens einmal von seiner momentanen oder einer früheren Partnerin in irgendeiner Form angegriffen worden – durch wütendes Wegschubsen (19 Prozent), Ohrfeigen (9 Prozent), Beißen und Kratzen (7 Prozent), schmerzhafte Tritte (5 Prozent) oder das Schleudern gefährlicher Wurfgeschosse (5 Prozent).

Von der Kriminalstatistik werden die geschlagenen Vertreter des „starken Geschlechts“ allerdings selten erfasst. Welcher Kerl gibt schon gerne auf der Wache zu Protokoll, dass die Angetraute ihn verdrischt? Von den Männern, die sich bei der Untersuchung des Familienministeriums als Prügelknaben outeten, war kein Einziger zur Polizei gegangen. So gehen Misshandlungen in der Polizeistatistik nach wie vor zum größten Teil auf das Konto der Männer.

Diese Zahlen entsprechen dem gängigen Bild, wonach Frauen mit Gewalt höchstens auf eine Attacke von Männern reagieren, indem sie beispielsweise zurückschlagen, wenn sie angegriffen werden. John Archer von der britischen University of Central Lancashire ist der These von der angeblich vernachlässigbaren weiblichen Gewalt nachgegangen. Er wertete 58 Studien aus, in denen Gewaltakte nach der Art der Angriffe analysiert wurden.

Insgesamt hatten 20 000 Männer und Frauen einen Fragebogen – die so genannte Konflikttaktiken-Skala – ausgefüllt, der verschiedene Möglichkeiten auflistete, mit Meinungsverschiedenheiten unter Partnern umzugehen – friedliche und weniger friedliche. Das erstaunliche Ergebnis (siehe Tabelle unten „Durchschlagende Gleichberechtigung“): Frauen werfen häufiger als Männer Gegenstände nach ihrem Partner, sie verpassen ihm öfter eine Ohrfeige, treten und beißen eher und schlagen öfter mit Dingen zu. Relativ ausgeglichen ist der Geschlechterkampf auf dieser Eskalations-Ebene beim Herumstoßen. Steigert sich die Gewalt allerdings bis zum Zusammenschlagen, holen die Männer auf. Wenn einer dem anderen im wahrsten Sinne des Wortes an die Gurgel geht, dann sind die Männer „unschlagbar“. Und: Sie drohen etwa gleich häufig mit Messer und Schusswaffe wie Frauen und setzen diese auch genauso oft ein.

Die meisten der von Archer ausgewerteten Studien stammen aus Nordamerika. Doch Deutschlands weibliche Hälfte agiert auch nicht immer friedfertig. Professor Siegfried Lamnek und sein Mitarbeiter Jens Luedtke vom Lehrstuhl für Soziologie der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt ließen vor vier Jahren über 1200 bayerische Männer und Frauen per Telefon befragen. Aus jeder 17. Familie wurde von tätlichen Auseinandersetzungen berichtet. Meist ging es um Ohrfeigen und Schläge mit der flachen Hand, doch manchmal flogen auch Fäuste oder Hausrat. Die bayrischen Mannsbilder sahen sich recht häufig in der Opferrolle: Etwa sechs Prozent hatten nach eigenen Angaben schon Gewalt in der Familie erlitten, während die Frauen mit knapp drei Prozent nicht einmal halb so oft von Übergriffen berichteten.

In der Berliner Männerberatung – die nicht nur ein offenes Ohr hat, sondern auch ein Männerhaus für Misshandelte – gehen keineswegs nur Hilferufe von Männern ein. Manche Frau beobachtet ihre Gewaltausbrüche auch selbst mit Sorge. „Ich bemerke immer häufiger, dass ich bei Streitereien mit meinem Freund immer stärker ausraste und ihn am liebsten richtig verprügeln würde“, mailte eine Betroffene. „Ich habe Angst, dass es schlimmer wird.“

Wie aber kommt es zur Eskalation der Gefühlsausbrüche? Welche Rolle spielt dabei die Vorgeschichte der Täterinnen und Täter? Solche Fragen kann die so genannte Dunedin-Studie beantworten. Seit mehr als 30 Jahren werden in der neuseeländischen Stadt Dunedin über 1000 Menschen des Jahrgangs 1972 regelmäßig medizinisch untersucht und psychologisch befragt – Ausgewanderte werden notfalls für die Tests eingeflogen. Weitere Informationen holen die Wissenschaftler bei Eltern, Lehrern und Freunden ein – und durchmustern sogar Strafregister. Die Teilnehmer der Dunedin-Studie gehören zu den am besten erforschten Menschen der Welt.

22 Prozent von ihnen gaben im Laufe der Untersuchung an, dass es in ihrer aktuellen oder in einer vorigen Beziehung mindestens einmal zu körperlicher Gewalt gekommen sei. Bei 14 Prozent kam es zu leichten Verletzungen, bei etwa 8 Prozent ging es so brutal zu, dass Arzt oder Polizei gerufen werden mussten. Die weiblichen Opfer waren in 24 Prozent der Fälle so schwer zugerichtet, dass sie medizinisch betreut werden mussten. Bei den geprügelten Männern war das nur bei 3 Prozent der Fall. Überraschend ist der Blick in die Vorgeschichte der Brutalos:

  • Frauen, die in schwere Gewalttaten verwickelt sind, waren oft bereits als Teenager durch hohe Aggressivität aufgefallen.
  • Brutale Männer waren häufig schon als Kinder aggressiv. Überdies besitzen sie – im Gegensatz zu den meisten brutalen Frauen – stark gestörte Persönlichkeiten: Sie können sich beispielsweise schlecht kontrollieren, reagieren extrem auf Stress und fühlen sich entfremdet.

Die Psychologin Miriam Ehrensaft von der Columbia University in New York, Autorin der Dunedin-Gewaltstudie, erklärt: „Wenn aggressive Frauen auf einen Partner mit einer psychopathischen Vorgeschichte treffen, kann die Gewaltbereitschaft der Frauen so stark eskalieren, dass es zu Verletzungen kommt oder staatliche Stellen eingreifen müssen.“

Solch explosive Verbindungen gibt es immer wieder. Frühere Auswertungen der Studie haben gezeigt: Sehr junge Frauen, die gerade erste Aggressionsprobleme zeigen, und Männer, die schon lange als Rabauken bekannt sind, fühlen sich wie magisch voneinander angezogen. „Eine der Fallen für Mädchen, die Verhaltensprobleme entwickeln“, meint Miriam Ehrensaft, „ist offenbar die Versuchung, sich mit misshandelnden, antisozialen Männern einzulassen.“ Am Ende prügeln dann beide.

Solche Befunde belegen, dass die bisherigen Therapieprogramme gegen Gewalt in Beziehungen zu kurz greifen, denn sie zielen im Allgemeinen nur auf Männer ab. „Vorbeugungsmaßnahmen und Behandlungen müssen bei den Aggressionen von Männern und Frauen ansetzen“, fordert Miriam Ehrensaft. Zusätzlich empfiehlt sie, solche Initiativen in Zukunft nicht – wie bisher üblich – strikt von der Kriminalitätsvorbeugung zu trennen. Denn die Klientel ist dieselbe. Vor allem aggressive und rücksichtslose Jugendliche müssen ins Visier genommen werden, fordert Ehrensaft – und zwar Mädchen genauso wie Jungen.

Solche präventiven Maßnahmen gegen gewaltbereite junge Frauen tun Not, denn die Lage dürfte sich in Zukunft noch verschärfen, meint der britische Gewaltforscher Archer. Auch in Deutschland mehren sich in letzter Zeit Berichte in den Medien über brutal zuschlagende Schülerinnen und junge Frauen.

Dass Männer umgekehrt anscheinend weniger häufig ihre Partnerin prügeln als früher erklärt Archer so: Früher war es durchaus normal und akzeptiert, dass Männer ihre Frauen schlugen, um sie zum Gehorsam zu zwingen. In vielen Ländern hat sich daran bis heute nichts geändert. In der westlichen Welt aber herrscht zunehmend eine neue Norm, die es Männern verbietet, Frauen zu attackieren. Beide Geschlechter verurteilen schlagende Männer deutlich stärker als schlagende Frauen, wie mehrere Umfragen zeigen. Die erfreulicherweise bessere Selbstbeherrschung der Männer hat aber eine unerwünschte Nebenwirkung: „Der Abschreckungseffekt männlicher Gewalt fällt weg“, meint Aggressionsforscher Archer. „Die starke Norm, die Männern das Schlagen von Frauen verbietet, könnte andererseits Frauen zu Gewaltakten ermutigen, die sie aus Angst vor einer brutalen Reaktion des Mannes sonst nicht gewagt hätten.“ ■


JOCHEN PAULUS arbeitet als Wissenschaftsjournalist in Frankfurt am Main. Seine Schwerpunkte: Psyche und Verhalten des Menschen.

Männer und Frauen haben ihren Partner schon einmal ...

(Angaben in Prozent)

Männer Frauen

mit etwas beworfen 7 13

10 12

gestoßen 21 22

23 19

geschlagen 9 18

12 18

getreten und gebissen 7 13

10 13

mit einem Gegenstand geschlagen 5 9

7 9

zusammengeschlagen 2 2

4 2

gewürgt 4 2

5 3

mit Messer oder Schusswaffe bedroht 1 1

2 2

mit Messer oder Schusswaffe angegriffen 1 1

2 2



Juristisch gesehen war es bis vor neun Jahren unmöglich, einen deutschen Mann zu vergewaltigen: Das Strafgesetzbuch sah als Opfer nur Frauen vor – erst 1997 wurde das geändert.

Viel früher als die deutsche Rechtsprechung wusste der amerikanische Altmeister der Sexualforschung William H. Masters, dass auch Männer missbraucht werden können. Bereits 1982 wies er nach, dass sie gegen ihren Willen zu Erektion und Ejakulation gebracht werden können – nicht nur durch sexuelle Reize, sondern auch aufgrund von Wut und starker Angst.

Wie viele Männer von Frauen zum Geschlechtsverkehr genötigt wurden, darauf weist – indirekt – eine Studie der Potsdamer Psychologie-Professorin Barbara Krahé hin. Sie befragte in Berliner und Brandenburger Schulen, Jugendclubs und Einkaufszentren 248 junge Frauen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren anonym zu ihren sexuellen Erlebnissen. 9,3 Prozent der Befragten bekannten sich zu erotischen Erfahrungen mit einem Mann gegen dessen Willen. Fast drei Prozent hatten laut eigenen Angaben einen Mann schon einmal zu Sex gezwungen. Dabei setzten sie Drohungen oder körperliche Gewalt ein oder nutzten die alkoholbedingte Hilflosigkeit des Mannes aus – auch das gilt nach deutschem Recht als Vergewaltigung. Die Opfer waren nur selten Fremde, sondern oft Freunde und Bekannte, vor allem aber der aktuelle oder ein früherer Partner.



COMMUNITY LESEN

Miriam Ehrensaft

Clinically Abusive Relationships in an Unselected Birth Cohort

In: Journal of Abnormal Psychology,

Vol. 113, Mai 2004

Barbara Krahé

Women’s Sexual Aggression Against Men – Prevalence and Predictors

In: Sex Roles, Vol. 49, September 2003

John Archer

Sex differences in physically aggressive acts between heterosexual partners

In: Aggression and Violent Behavior,

Vol. 7, Juli/August 2002

Internet

Informationen zur Berliner Männerberatung:

www.maennerberatung.de/frauengewalt-gegen-maenner.htm

Kurzfassung der Studie „Gewalt gegen Männer – personale Gewaltwiderfahrnisse von Männern in Deutschland“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend:

www.bmfsfj.de/Kategorien/Publikationen/Publikationen,did=20526.html

Die von Jens Luedtke und Siegfried Lamnek durchgeführte Studie zur Gewalt in bayerischen Familien „Schläge in jeder dritten Familie“ finden Sie in „Agora“ 2002:

www.ku-eichstaett.de/presse/agora



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