Ausgabe: 7/2005, Seite 30   -  Leben & Umwelt

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Neurowissenschaftler suchen danach, wo Gott im Gehirn steckt, machen einen Schnappschuss von mystischen Zuständen und lösen spirituelle Erlebnisse durch magnetische Stimulationen aus.

Rüdiger Vaas
 

„Gottes Gehirn“ heißt ein viel gelesener Science-Fiction-Thriller von Jens Johler und Olaf-Axel Burow. In dem Roman geht es um einen verrückten Forscher, der die Gehirne mehrerer Genies raubte und zusammenzuschalten versuchte, um das Weltgeschehen mit Hilfe der neuroanatomisch konzentrierten Intelligenz in eine andere Richtung zu zwingen. Die Vorstellung, dass ein solches Superhirn göttliche Qualitäten entwickelt oder gar Gott selbst ein Gehirn hat, ist zumindest irritierend. Gleichzeitig glauben viele Menschen, sie nützten nur zehn Prozent ihres Hirnpotenzials. Bizarr mag es auch erscheinen, Gott im Gehirn zu suchen. Doch da alles, was wir wahrnehmen, fühlen, denken, erinnern, wollen und uns vorstellen können, von unserem Gehirn abhängt, fragen Neurowissenschaftler, ob es spezifische neuronale Grundlagen des Glaubens gibt. Kurz: Was geht im Gehirn von Menschen vor, die religiöse Erlebnisse und Überzeugungen haben? Diese Frage gehört zum Forschungsfeld einer neuen inter- und transdisziplinären Wissenschaftsrichtung: der Neurotheologie.

Der Begriff Neurotheologie wurde 1984 von dem amerikanischen Theologen James B. Ashbrook geprägt. Neurotheologie untersucht, wie die Gehirnaktivitäten und deren evolutionäre Grundlagen mit Religiosität und Spiritualität zusammenhängen – das hat also wenig mit Theologie im klassischen Sinn zu tun. Neben neurowissenschaftlichen Aspekten geht es auch um die letztlich philosophische Frage, wie das Verhältnis von Gott und Gehirn zu verstehen ist: ob das „und“ zwischen „Gott“ und „Gehirn“ am besten als „über“, „vor“, „in“ oder „aus dem“ zu lesen ist.

Schon Hippokrates hat die Epilepsie („Fallsucht“) vor 2500 Jahren als „heilige Krankheit“ bezeichnet – denn wer außer Gott könne Menschen aus dem Stand zu Boden werfen und sogar kurzfristig erblinden lassen? – und dem Gehirn zugeschrieben. Psychiater wissen seit Jahrzehnten, dass eine bestimmte Form der Epilepsie häufig mit extremen religiösen Ausrichtungen korreliert ist und sprechen von „Schläfenlappen-Persönlichkeit“. Die Anfälle bleiben im Gegensatz zur Grand-mal-Epilepsie, bei der gleichsam die ganze Großhirnrinde vorübergehend unkontrolliert überaktiv ist, auf relativ kleine Hirnregionen im Schläfenlappen beschränkt, besonders in der linken Hirnhälfte. Man spricht deshalb von fokaler oder Herd-Epilepsie. Diese Anfälle gehen oft, wenn auch nicht immer, einher mit einem Erlebnis göttlicher Gegenwart, dem Eindruck, „in Flammen zu stehen“ oder in direkter Kommunikation mit Gott zu sein. Die Gefühle reichen von der tiefsten Verzweiflung bis zur höchsten Ekstase.

Ein gesteigertes Gefühlsleben ist ein charakteristisches Merkmal der Schläfenlappen-Persönlichkeit. Dabei kommt es zu dauerhaften Charakterveränderungen, die oft mit Humorlosigkeit, extremer Selbsterhöhung, Hypergraphie (zwanghaftem Schreiben) und Hypersexualität einhergehen. Solche Menschen erblicken überall kosmische Bedeutungshaftigkeiten, selbst in scheinbar trivialen Ereignissen. Sie berichten häufig von spirituellen Erfahrungen und beschäftigen sich intensiv mit religiösen und moralischen Themen. Sie konvertieren auch oft zwischen verschiedenen Kirchen oder Religionen. Bis 1994 klassifizierte die American Psychiatric Association starke Religiosität übrigens offiziell als Geisteskrankheit.

Der Neuropsychologe Vilaynur S. Ramachandran von der University of California in San Diego hat sogar die provozierende Frage gestellt, ob Menschen ein „Gott-Modul“ im Kopf hätten – eine spezielle, funktionell und anatomisch identifizierbare Gehirnregion für die Gottes-Erfahrung. Und: „Was würde mit der Persönlichkeit des Patienten – besonders mit seinen religiösen Neigungen – geschehen, wenn ein Teil seines Schläfenlappens entfernt würde?“ Ist eine „Gott-Ektomie“ möglich – ein chirurgisches Herausoperieren von Gott aus dem Gehirn?

Es gibt Hinweise darauf, dass viele historische Persönlichkeiten, die als Religionsstifter wirkten oder sich intensiv mit Glaubensfragen beschäftigt hatten, Epileptiker waren oder unter Schizophrenie litten – soweit sich solche neuropsychologischen Ferndiagnosen aufgrund der spärlichen oder umstrittenen Daten überhaupt treffen lassen: zum Beispiel Moses, Hesekiel, Paulus (der nach eigenem Bekunden bei Damaskus eine Lichterscheinung und die Stimme von Jesus vernommen hat), Mohammed (dem ein Engel den Koran diktiert haben soll), die heilig gesprochene Kloster-Gründerin Theresia von Avila (die „Gespräche mit Engeln“ führte) und Jeanne d’Arc (Johanna von Orleans, die „kämpfende Stimme Gottes“, der eine göttliche Stimme befohlen haben soll, Frankreich von den Engländern zu befreien), der schwedische Theosoph und „Geisterseher“ Emanuel Swedenborg, Ellen G. White (die die Siebenten-Tags-Adventisten gründete) und Fjodor M. Dostojewski (der glaubte, während seiner epileptischen Anfälle Gott zu berühren).

„Für mich liegt eine gewisse Ironie darin, dass dieses Gefühl der Erleuchtung, diese absolute Überzeugung, der letzten Wahrheit teilhaftig zu sein, in den limbischen Strukturen entspringt, die mit dem Gefühl befasst sind, und nicht in den denkenden, vernünftigen Teilen des Gehirns, die sich so viel darauf zugute halten, dass sie die Wahrheit von der Unwahrheit zu unterscheiden vermögen“, sagt Ramachandran.

Gefährlich wird es, wenn die vermeintlichen Wahrheiten die Handlungen leiten und womöglich mörderische Gestalt annehmen: Nach einer Untersuchung bei kanadischen Universitätsstudenten würden sieben Prozent von ihnen im Namen Gottes töten, wenn sie seinen Befehl dazu erhielten – unter den männlichen Studenten, die einmal in der Woche an einem Gottesdienst teilnahmen sowie schon epileptische Anfälle und als Kind religiöse Erlebnisse hatten, waren es sogar über 40 Prozent.

Ramachandran hat bei Schläfenlappen-Epileptikern die galvanischen Hautreaktionen auf verschiedene visuelle Reize gemessen – eine recht zuverlässige Methode zur Bestimmung von Gefühlsintensitäten. „Normalerweise wird ein Objekt von den visuellen Feldern der Schläfenlappen erkannt. Seine emotionale Bedeutsamkeit – ist es ein freundliches Gesicht oder ein grimmiger Löwe – wird von der Amygdala signalisiert“, erklärt der Neuropsychologe. Diese auch Mandelkern genannte Struktur liegt in beiden Hirnhälften im unteren Schläfenlappen und übermittelt ihre Signale an weitere „Gefühlsregionen“ im Gehirn. Feuert sie, so verspürt man emotionale Erregung und fängt mitunter an zu schwitzen.

Einer Hypothese zufolge werden durch die Schläfenlappen-Epilepsie generell Emotionen intensiviert – ein als „kindling“ („Anzünden“) bezeichnetes und von der Amygdala vermitteltes Phänomen. „Jedes Objekt und Ereignis – nicht nur die bedeutsamen – würden mit tiefer Bedeutung erfüllt, sodass der Patient „das Universum in einem Sandkorn“ erblickte und „die Unendlichkeit in der Handfläche“ hielte“, fasst Ramachandran, den britischen Dichter William Blake zitierend, die Kindling-Hypothese zusammen. Danach müsste es bei Schläfenlappen-Epileptikern zu verstärkten Reaktionen auf Reize jeglicher Art kommen. Doch zu ihrer Überraschung stellten Ramachandran und seine Mitarbeiter bei den getesteten Patienten erhöhte Reaktionen vor allem bei religiösen Wörtern und Symbolen fest: „Ihre Reaktionen auf andere Kategorien, einschließlich der sexuellen Wörter und Bilder, die in der Regel eine heftige Reaktion auslösen, fiel ungewöhnlich gedämpft im Vergleich zu den Reaktionen normaler Versuchspersonen aus.“

Bei Schläfenlappen-Persönlichkeiten scheint demnach keine allgemeine Verstärkung von Emotionen vorzuliegen, sondern eine spezifische Fokussierung auf Reize mit religiöser Bedeutung – ein Indiz für eine dauerhafte, tiefgreifende „Umverschaltung“ im Gehirn.

Dass die Vorgänge in den Schläfenlappen mit religiösen Erlebnissen einhergehen, dafür sprechen auch die Experimente von Michael Persinger. Der Neurowissenschaftler an der kanadischen Laurentian University in Sudbury, Ontario, kann mittels transzerebraler Magnetstimulation Gottes-Erlebnisse förmlich induzieren. Mehr als 1000 Versuchspersonen hat er im Verlauf von 20 Jahren in einer reizabgeschirmten Kammer einen umgebauten Motorradhelm auf den Kopf gesetzt. Mittels zwei mal vier darin integrierten Magnetspulen, die um die Schläfen- und Scheitellappen gruppiert waren, wurden künstliche fluktuierende Magnetfelder horizontal durch den Schädel geleitet. Sie waren schwach (1 bis 5 Mikrotesla, vergleichbar mit der Strahlung eines Computerbildschirms), hatten aber komplexe, von EEG-Messungen inspirierte und nach dem Versuch-und-Irrtum-Prinzip als effektiv ermittelte Muster. Die Versuchspersonen waren den Magnetfeldern 30 Minuten und länger – mit Unterbrechungen – ausgesetzt. Rund 80 Prozent berichteten anschließend von spirituellen, als übernatürlich gedeuteten Empfindungen. Ihr Körper schien zu vibrieren oder zu schweben, lebhafte Erinnerungen kamen hoch, sie glaubten innere Stimmen oder Instruktionen zu vernehmen oder jemanden leibhaftig zu spüren, was sie oft als „fremdes Ego“, Gott oder Schutzengel deuteten. Persinger nannte das Phänomen „gefühlte Präsenz“ („sensed presence“). Je nach Magnetfeldmuster konnten auch andere Empfindungen ausgelöst werden, etwa Entspannungs- oder starke Angstzustände.

Als Ursache gelten Überaktivitäten („micro seizures“, „temporal lobe transients“) im Schläfenlappen. Schlaf-, Sauerstoff- und Glukose-Mangel, Angstzustände und Depressionen können zu vergleichbaren Effekten führen – was vielleicht erklärt, dass Gott oft in schwierigen Lebensumständen „gefunden“ wird.

Der Entstehungsmechanismus der Empfindungen ist unklar. Möglicherweise kommt es zu einer vorübergehenden Beeinträchtigung von Amygdala und Hippocampus oder zu einem Ungleichgewicht der beiden Hirnhälften. Der linken Hemisphäre wird häufig zugeschrieben, eher analytisch, sprachlich und optimistisch, der rechten, eher ganzheitlich, mustererkennend, kreativ und pessimistisch zu sein, doch sind solche Klassifikationen nur grob und oft auch irreführend. Dass Frauen etwas häufiger die gefühlte Präsenz und Männer etwas häufiger die fremden Botschaften erleben, könnte mit unterschiedlichen Verschaltungsdichten der Hirnhälften zusammenhängen.

Die spirituelle oder religiöse Deutung der Empfindungen hängt vom biografischen und kulturellen Kontext ab. Die Versuchspersonen wurden in der Regel nicht speziell vorbereitet, sondern nahmen an, es würde sich um einen Entspannungstest handeln. Die Empfindungen selbst hatten auch Skeptiker und Atheisten – und ebenso die Experimentatoren, die um die Wirkungen ja wussten. Möglicherweise kann es zu ähnlichen Erlebnissen auch unter natürlichen Bedingungen kommen, entweder durch entgleiste Gehirnaktivitäten oder durch externe Einflüsse, beispielsweise Änderungen im Erdmagnetfeld, etwa bei Erdbeben. Nach Persingers Studien könnten so UFO-, Geister- und Psi-Erscheinungen erklärt werden – einschließlich religiös gedeuteter Phänomene wie die Erscheinung eines Kreuzes bei der Milvischen Brücke, von der der Kaiser Konstantin im Jahr 312 berichtete, und die von Dutzenden Menschen gesehenen Leuchterscheinungen über einer Kirche im ägyptischen Zeitoun 1968. Die künstliche Laborsituation dürfte also eher einen dämpfenden Einfluss haben – vergleichbare Erlebnisse vor dem Einschlafen, beim Aufwachen oder in der freien Natur wären viel beeindruckender.

Persingers Experimente wurden kürzlich von Pehr Granqvist und seinen Kollegen von der Universität Uppsala aufgegriffen. Ihre Doppelblindstudie mit Studenten in Schweden hat Persingers Ergebnisse nicht bestätigt. Bei 43 Versuchspersonen wurde der Helm mit schwachen Magnetfeldern (2 bis 7 Mikrotesla) eingeschaltet, bei 46 nicht, was weder die Probanden noch die Experimentatoren wussten. Auch zwei Drittel der Kontrollgruppe berichteten anschließend von spirituellen Erfahrungen. Diese wurden, so schlossen die Forscher, nicht vom Magnetfeld, sondern von der Aufgeschlossenheit fürs Experiment hervorgerufen. Wer von vornherein spirituelle Neigungen zeigt oder leichter beeinflussbar ist, glaubt auch eher, übersinnliche Wahrnehmungen zu haben.

Persinger akzeptiert diese Kritik nicht. Viele seiner Experimente, die ebenfalls Doppelblind-Studien waren, hätten auf einem anderen Versuchsaufbau basiert als die von Granqvists Team: Die Testpersonen seien dort den Magnetfeldern zu kurz ausgesetzt worden und diese hätten ein anderes Fluktuationsmuster gehabt. „Meine Versuchsbedingungen wurden nicht repliziert, nicht einmal annähernd“, bemängelt Persinger. Zudem, argumentiert er, hätten auch nichtreligiöse Menschen von „Präsenz-Erlebnissen“ unter seinem Motorradhelm berichtet. Nur würden sie diese anders – eben nichtreligiös – interpretieren.

Neben den neuropsychologischen Befunden zur Epilepsie und den transzerebralen Magnetstimulationen sprechen noch andere Argumente für die zentrale Stellung der Schläfenlappen und des damit assoziierten limbischen Systems (Hypothalamus, Amygdala, Hippocampus) bei spirituellen oder religiösen Erlebnissen. Rhawn Joseph vom Brain Research Laboratory im kalifornischen San Jose bezeichnet diese Strukturen metaphorisch als „Sitz der Seele“ und spricht von einem „Transmitter zu Gott“.

Elektrische Stimulationen der Schläfenlappen und limbischen Strukturen können neben außerkörperlichen Empfindungen auch traumartige Halluzinationen, Déjà-vu-Erlebnisse und diverse Seh- und Hör-Illusionen erzeugen, wie sie auch bei spirituellen Erlebnissen berichtet werden. Manche Versuchspersonen beschreiben ihre Erlebnisse als Kommunikation mit Geistern oder als Botschaften aus der Zukunft. Auch bei den gewöhnlichen Träumen sind die limbischen Strukturen besonders aktiv, während die sensorischen Areale und die am rationalen Denken und Planen beteiligten vorderen Hirnregionen gehemmt werden – was die oft intensiven Gefühle in Träumen erklärt. Musik hat ebenfalls einen starken Einfluss auf das limbische System, was wiederum in religiösen Zusammenhängen von großer Bedeutung ist, besonders bei rituellen Tänzen und Zeremonien. Alzheimer-Patienten hingegen verlieren schon früh religiöse Interessen, was dazu passt, dass das limbische System durch die Erkrankung häufig zuerst massiv geschädigt wird. Nach einer medizinisch notwendigen chirurgischen Entfernung des rechten Schläfenlappens verschwindet oft die Fähigkeit zu träumen; auch Halluzinationen durch LSD können dann kaum mehr ausgelöst werden.

Die Schläfenlappen und limbischen Strukturen spielen eine wichtige Rolle bei der sexuellen Erregung, aber auch bei rasender Furcht und Wut. Alle Religionen setzen sich mit diesen starken Emotionen auseinander – indem sie sich diese nutzbar machen oder sie zu dämpfen oder gar zu unterdrücken versuchen. „Das Religiöse und das Geschlechtliche sind die beiden stärksten Lebensmächte“, schrieb der Philosoph Walter Schubert in seinem 1941 erschienenen Buch „Religion und Eros“. Evolutionsbiologisch sind Spiritualität und Religiosität Rhawn Joseph zufolge auf diese Strukturen wohl gleichsam aufgepfropft worden. Das ist freilich keine ausreichende Erklärung. Denn die sozialen und kulturellen Kontexte – die auch durch andere Hirnstrukturen vermittelt werden – sind ebenfalls von entscheidender religiöser Bedeutung. Außerdem sind auch andere Großhirn-Regionen an der Entstehung von mystischen Zuständen beteiligt.

Andrew Newberg und der inzwischen verstorbene Eugene d’Aquili von der University of Pennsylvania in Philadelphia haben mithilfe der Single Photon Emission Computed Tomography (SPECT) Momentaufnahmen der Hirnaktivitäten von meditierenden tibetanischen Buddhisten und franziskanischen Nonnen gemacht. Das Verfahren misst die Durchblutung und somit indirekt die unterschiedliche Aktivität der Großhirnrinde mithilfe einer radioaktiven Substanz. Sie wurde den Versuchspersonen ins Blut injiziert, sobald sie den Experimentatoren mittels Knopfdruck signalisierten, in ihrer Meditation den angestrebten Zustand der religiösen Einheit und Versenkung erreicht zu haben.

Die SPECT-Daten zeigten zuerst eine Aktivierung des präfrontalen Cortex hinter der Stirn. Darauf folgte eine Deaktivierung des Orientierungs-Assoziations-Areals (OAA). Diese Region liegt im posterioren superioren Parietallappen (PSPL) in der hinteren oberen Großhirnrinde und empfängt Informationen von verschiedenen Sinnesorganen. Das OAA repräsentiert normalerweise die Grenze zwischen dem eigenen Körper und der Umwelt: in der linken Hirnhälfte überwiegend die physische Körpergrenze, in der rechten mehr seine Position in Zeit und Raum. OAA-Schädigungen haben schwere Orientierungsverluste zur Folge – die Patienten können beispielsweise nicht mehr ihr Bett finden oder, wenn es ihnen schließlich gelingt, sich nicht hineinlegen.

Mit der vorübergehenden OAA-Inaktivierung durch Meditation scheint eine Auflösung der Ich-Welt-Grenze und ein Verschwinden des Raum-Zeit-Bezugs einher zu gehen. Daher rührt wohl das Gefühl der Ewigkeit und Endlosigkeit und der Auflösung des Selbst in etwas Größeres, Umfassenderes – ein Einheitsgefühl mit dem Universum, wovon Mystiker aller Kulturen berichtet haben (Unio mystica, Nirwana, Tao, Brahman-atman). Je nach Interpretation wird der Zustand als Eingehen ins Nichts oder ins All beschrieben, als eine Erfahrung der Leere oder Verschmelzung mit dem Universum oder mit einem kosmischen Bewusstsein. Jegliche Angst verschwindet, und Kontrolle oder ein völliges Aufgehobensein wird suggeriert.

Die neuronalen Vorgänge bei der OAA-Deaktivierung sind noch unklar. Newberg und d’Aquili nehmen an: Die extreme Fokussierung der Aufmerksamkeit während der Meditation – entweder auf ein externes Objekt, ein mentales Bild oder auf Worte und Sätze (Mantras) – führt über eine Aktivierung des Stirnhirns und zahlreiche Regionen des Cortex und des limbischen Systems dazu, dass der PSPL erst links, dann rechts deaktiviert wird und somit auch das OAA dort.

Dass die Suche nach neuronalen Korrelaten von Spiritualität und Religiosität erste Ergebnisse vorzuweisen hat, ist ein Fortschritt und eröffnet viele neue Ansätze und Fragestellungen. Doch es gibt sowohl methodische als auch philosophische Probleme und Streitfragen.

Die SPECT-Messungen der meditierenden Mönche und Nonnen verdeutlichen noch andere Schwierigkeiten. Zum einen sind sie relativ schlecht in ihrer räumlichen Auflösung und ermöglichen nur wenige „Schnappschüsse“, keine genaue zeitliche Verfolgung der Aktivitätsmuster. Allerdings hat SPECT den Vorteil, dass die meditierenden Personen nicht in einen engen Hirnscanner gesperrt werden mussten, was eine Meditation schwierig gemacht hätte. Dennoch stellt sich die Frage, inwiefern die „künstlichen Bedingungen“ das Resultat beeinflusst haben.

Und selbst die grobe anatomische Zuordnung ist nicht eindeutig. Zwar spricht einiges für eine prominente Rolle der Schläfenlappen. Doch es sind auch andere Areale von Bedeutung. So fanden Neuropsychologen um Nina Azari und Petra Stoerig von der Universität Düsseldorf mit dem Verfahren der Positronenemissionstomographie (PET) heraus, dass bei religiösen Menschen, die immer wieder den biblischen Psalm 23 rezitierten, die vorderen und oberen Bereiche der Großhirnrinde viel stärker aktiv waren als beim Lesen von Kinderreimen oder Telefonbuch. Diese Areale spielen hauptsächlich bei Denkvorgängen eine Rolle. Das limbische System war dagegen weniger aktiv – im Gegensatz zu Atheisten beim Lesen der Kinderreime. Die religiösen Gefühle der gläubigen Christen stellten sich also wohl hauptsächlich aufgrund des Wissens um den biblischen Kontext ein.

Der eigentliche Streit geht freilich um die Deutung der Daten. Und eine zentrale Frage dabei ist, ob Gott unsere Gehirne geschaffen hat – oder aber sie ihn. Ist Gott ein Hirngespinst? Michael Schröder-Kunhardt zufolge können Gehirnvorgänge religiöses Erleben weder angemessen beschreiben noch einfach (weg)erklären. „Die Neurobiologie muss sich davor hüten, in völliger Selbstüberschätzung zur Welterklärung und zum Religionsersatz zu werden“, warnt der Facharzt für Psychiatrie in Heidelberg.

Helmut A. Müller, Pfarrer und Leiter am Hospitalhof des Evangelischen Bildungswerks in Stuttgart, stellt die Neurotheologie in einen größeren Zusammenhang: „Nach Gott zu suchen ist eine zutiefst menschliche Frage. Die stellt man immer bezogen auf das jeweilige Weltbild. Deshalb ist es nicht überraschend, dass man im Zeitalter der Hirnforschung danach fragt, ob Gott im Gehirn zu finden ist.“ Interessanter sei die Frage nach der Methodologie. Müller behilft sich mit einer Analogie: „Wale fängt man normalerweise mit Harpunen und Heringe mit Netzen. Wenn nun der Walfänger behaupten würde, dass es in den Weltmeeren keine Heringe gibt, weil er ein Leben lang keine Heringe gefangen hat, würde er sein Instrument, seine Methode des Fischfangs, schlicht überschätzen. Deshalb muss man, wenn man nach Gott im Gehirn sucht, zuerst fragen, welchen Gott man mit welchen Versuchsanordnungen im Gehirn zu finden gedenkt. Wenn die Versuchsanordnung so konstruiert ist, dass die Neuronen zu feuern beginnen, wenn von Gott die Rede ist oder wenn Menschen religiöse oder spirituelle Erfahrungen machen, dann hat man im Hirn gefunden, dass spirituelle und religiöse Erfahrungen bestimmte Zentren im Gehirn zum Feuern bringen. Gott hat man damit noch nicht gefunden und über die Existenz oder Nichtexistenz Gottes noch nichts gesagt.“ Müllers Fazit: „Neuronale Forschungen können also allenfalls Hinweise darauf geben, dass Religion grundlegend zum Menschen gehört, und sagen im negativen Fall nichts über die Existenz oder Nichtexistenz Gottes aus. Die Weltbilder wandeln sich, die Frage nach Gott bleibt und geht über das Weltbild der Neurowissenschaften hinaus.“

Auch Andrew Newberg hält Spiritualität und Religiosität für ein Wesensmerkmal des Menschen und sieht die Neurotheologie geradezu als Bestätigung dafür. „Die spirituelle Erfahrung ist aufs engste mit der menschlichen Biologie verwoben. Diese Biologie erzwingt in gewisser Hinsicht die spirituelle Sehnsucht.“ Gott, so Newberg, würde deshalb niemals verschwinden. „Mystische Erlebnisse sind nicht einfach das Ergebnis emotionaler Fehler oder schlichten Wunschdenkens, sondern mit einer Reihe beobachtbarer neuronaler Ereignisse assoziiert. Diese sind zwar ungewöhnlich, liegen aber nicht außerhalb des Bereichs normaler Hirnfunktionen. Mit anderen Worten: Mystische Erlebnisse sind biologisch beobachtbar und wissenschaftlich real.“ Über die Vieldeutigkeit ihrer Interpretation ist sich freilich auch Newberg im Klaren: „Sind die Einheitserlebnisse lediglich das Ergebnis neuronaler Funktionen, oder sind es genuine Erlebnisse, die das Gehirn wahrzunehmen fähig ist?“ Existiert im Gehirn gleichsam „ein Fenster zu Gott?“, fragt er sich. Jedenfalls steht für ihn fest: „Es gibt keinen anderen Weg für Gott, um in unseren Kopf zu gelangen, als durch die neuronalen Schaltkreise des Gehirns.“

„Wo sonst, wenn nicht im Gehirn, sollte denn die Gotteswahrnehmung vonstatten gehen?“, meint auch Gerald Wolf. Der Direktor des Instituts für medizinische Neurobiologie der Universität Magdeburg hält die Erkenntnisse und Fragestellungen der Neurotheologie für so spannend, dass er sich entschlossen hat, sie als Roman zu popularisieren. „Das geht so weit, dass man Gott als Hirnprodukt deklariert, als das, was im Miteinander von Nervenzellen entsteht, und zwar nach Regeln, die sich während der Menschwerdung herausgebildet haben“, heißt es in Wolfs eben erschienenem Buch „Der Hirngott“.

„Menschen sind fest verdrahtet, um an Kräfte zu glauben, die unsere physikalische Realität transzendieren“, ist auch Matthew Alper überzeugt, der das Buch „The God Part of the Brain“ geschrieben hat. Solche Vorstellungen eines Gott-Moduls hält der Leipziger Theologe Matthias Petzold für eine Fehlinterpretation, wenn nicht sogar für eine „Erfindung der Hirnforscher“. Gott so beweisen zu wollen, bedeute „die Schöpfung mit dem Schöpfer zu verwechseln“, mokierte er sich kürzlich auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Arnoldshain. Auch Ulrich Eibach, evangelischer Theologieprofessor an der Universität Bonn, ist davon überzeugt, dass der Glaube keine Frage der Hirnstimulation ist. Schon die Vielfalt der Interpretationen würde dafür sprechen, dass er der kulturellen Vermittlung bedürfe.

Dem stimmt auch Michael Shermer zu, der Herausgeber von „Skeptic magazine“ im kalifornischen Altadena: „Für die Milliarden von Gläubigen, die niemals ein mystisches Erlebnis hatten, ist eine wahrscheinlichere Erklärung ihres Glaubens in Psychologie und Soziologie zu finden“, kritisierte er Newbergs Thesen in der amerikanischen Wissenschaftszeitschrift „Science“. Newbergs Experimente interpretiert er anders: „Ich sehe keinen Unterschied zwischen einer Illusion und einer Abnahme der OAA-Aktivität. Es geschieht alles nur im Gehirn.“

Für Michael Persinger, der mit seinem Magnethelm auch Atheisten eine Art von Gottes-Erfahrung bieten kann, steht hingegen fest: „Gott ist ein Artefakt des Gehirns.“ Damit meint er die Existenz Gottes – die subjektiven Erlebnisse sind durchaus real. „Ich möchte Gott nicht als Phänomen beseitigen. Ich versuche zu verstehen, welche Gehirnareale und elektromagnetischen Muster im Gehirn diese Erfahrung erzeugen.“ Die Frage ist also, wie man diese Erlebnisse interpretiert.

Letztlich bleibt die Frage, wer die Beweislast hat. Eigentlich immer der, der eine Existenz-Behauptung aufstellt. Und außerordentliche Behauptungen erfordern außerordentliche, das heißt besonders starke Indizien. Hinzu kommt, dass sich die Nichtexistenz in der Regel gar nicht beweisen lässt: Wer behauptet, das Ungeheuer von Loch Ness oder Phlogiston oder Engel existierten, muss die Indizien dafür nennen. Sonst könnte man ja immer sagen, dass Nessie scheu ist und sich gut versteckt, dass Phlogiston für die gegenwärtigen Messgeräte zu feinstofflich ist, oder dass Engel sich nur denen zeigen, die an sie glauben.

Andererseits wird oft behauptet, Gott sei weder beweisbar noch widerlegbar – genau deshalb sei er ja eine Sache des Glaubens. Doch auch persönliche Überzeugungen gedeihen nicht im luftleeren Raum oder würden sonst nur als irrationaler Sprung oder gar Geistesverwirrung erscheinen. Daher lässt sich die Frage nach Gründen und Interpretationen nicht umgehen.

Hinzu kommen evolutionspsychologische und soziobiologische Aspekte. Religion kann sich auf Erden als nützlich erweisen, selbst wenn die Himmel leer wären.

„Evolutionsbiologisch betrachtet ist Gott ein imaginäres Alphamännchen, eine Primatenhirn-Konstruktion, die einigen Mitgliedern unserer Spezies deutliche Vorteile im Kampf um die Ressourcen verschaffte“, sagt der Trierer Philosoph Michael Schmidt-Salomon. Er ist Geschäftsführer der Giordano-Bruno-Stiftung, die sich für ein humanistisches Weltbild nach dem Motto „Wissen statt Glauben“ einsetzt. „Das Prinzip ist einfach: Wer es versteht, den Eindruck zu erwecken, einen besonders ‚guten Draht‘ zum ‚jenseitigen Silberrücken‘ zu besitzen, der kann allein dadurch seine Stellung innerhalb der menschlichen Säugetier-Hierarchie aufbessern. Trotz vieler Jahrtausende Zivilisation ist die Wirksamkeit dieser Form von Machterschleichung relativ stabil geblieben.“ ■


Die tiefgreifendsten, häufig religiös interpretierten veränderten Bewusstseinszustände sind Nahtod-Erfahrungen. Charakterisiert sind sie durch ein Gefühl der Stille und des Friedens, eine Loslösung vom Körper und eine Vogelperspektive, von Bewegungen durch Dunkelheit oder einen Tunnel, von der „Wahrnehmung“ von Licht und einem Hineintauchen darin sowie einem Wiedersehen mit nahestehenden Menschen. Allerdings berichten davon weniger als ein Drittel aller sterbenden Menschen.

Nahtod-Erfahrungen scheinen mehr über die Wirkungsweise von Gehirn und Bewusstsein als über Jenseits und Unsterblichkeit zu verraten. Die Tunnel- und Lichtvisionen werden vermutlich von der Architektur der Sehrinde bedingt. Biomathematische Modelle machen verständlich, wie ein Tunneleffekt entstehen kann, weil die Nervenzellen in den Zentren der optischen Felder viel dichter sitzen und stärker miteinander verschaltet sind als am Rand und somit zum Zentrum des Sehfelds orientiert sind. Wenn die Zellen mehr oder weniger zufällig feuern, entsteht die Halluzination eines hellen Lichts in der Mitte, das zu den Rändern hin verblasst, oder es erscheinen Linien und Bänder, die Ringe und Spiralen bilden. Drogen wie LSD oder Meskalin können ebenfalls Halluzinationen wie Gitter, Spinnweben, Spiralen und Tunnel hervorrufen.

Die „außerkörperlichen“ Erfahrungen hängen mit einer Beeinträchtigung des Selbstmodells zusammen. Mit diesem repräsentiert das Gehirn den Körper und konstruiert ein „Ich“. Auch die „Realitätsprüfung“ kann dabei durcheinandergeraten, sodass unklar wird, welche Eindrücke von außen kommen und welche das Gehirn selbst erzeugt. Das kann zur Vogelperspektive führen, die auch beim Träumen häufig ist. Dadurch täuscht sich das Gehirn gleichsam über seine eigenen Täuschungen.

Tatsächlich werden Nahtod-Erfahrungen auch in Situationen ohne Lebensgefahr gemacht, etwa bei eingeschränkter Sauerstoffzufuhr und bestimmten Stoffwechsel-Beeinträchtigungen einschließlich mancher Formen der Anästhesie (Ketanest-Narkosen). Außerdem sind Nahtod-Erfahrungen definitiv keine Nachtod-Erfahrungen. Selbst wenn das Gehirn mit einer unsterblichen Seele verbunden wäre, könnte der Gestorbene nicht von seinen Jenseitserlebnissen berichten, wenn sein Gehirn irreversibel ausgefallen ist – und erst dann wäre es tot. Denn für eine solche sprachliche Beschreibung ist ein hinreichend funktionsfähiges Gehirn schlicht die Voraussetzung.

Elektrische Stimulationen des Schläfenlappens rufen teilweise Empfindungen wie „Lebensfilm“-Bruchstücke, Zeitveränderungen, Glücksgefühle oder den Eindruck hervor, außerhalb des eigenen Körpers zu schweben. Olaf Blanke und seine Kollegen von der Universitätsklinik in Genf fanden heraus, dass Reizungen des rechten Gyrus angularis ebenfalls außerkörperliche Erfahrungen auslösen. Diese Windung im Scheitellappen integriert visuelle Information vom eigenen Körper und dessen Repräsentation im Raum durch die Informationen aus dem Gleichgewichtsorgan und den sensorischen Feedbacks der Gliedmaßen. Stromstöße von 2 bis 3 Milliampere induzieren bereits skurrile Empfindungen, beispielsweise ein Gefühl des Ins-Bett-Sinkens oder Aus-der-Höhe-Fallens. Bei 3,5 Milliampere sieht sich die Person von oben im Bett liegen, bei 4,5 bis 5 scheinen sich Beine oder Arme aufs Gesicht zuzubewegen.

Eine andere Selbsttäuschung des Gehirns ist die Schizophrenie. Sie entsteht, wenn es seine eigenen Gedanken nicht vollständig als seine Gedanken repräsentiert. Dann erscheinen sie als fremde Stimmen und werden je nach Lebensgeschichte interpretiert als von Geheimdiensten, Geistern, Außerirdischen oder Gott „injiziert“ oder als telepathische Verbindung. Selbst medizinische Einsicht hilft den Betroffenen nicht, die Halluzinationen abzustreifen. So berichtete der Anfang des Jahres verstorbene Bonner Neurologe Detlef B. Linke von einem Medizinstudenten, der davon überzeugt war, Gott getroffen zu haben und dennoch gleichzeitig akzeptierte, dass er unter einer schweren Psychose litt, wie er sie in den Lehrbüchern beschrieben fand.



COMMUNITY LESEN

Detlev B. Linke

RELIGION ALS RISIKO

Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2004, € 10,90

Andrew Newberg, Eugene d"Aquili, Vince Rause

DER GEDACHTE GOTT

Piper, München 2003, € 8,90

Vilaynur S. Ramachandran, Sandra Blakeslee

DIE BLINDE FRAU, DIE SEHEN KANN

Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2004, € 9,90

Rüdiger Vaas

GOTT UND GEHIRN

In: Peter R. Sahm u. a. (Hrsg.)

DER MENSCH IM KOSMOS

Discorsi Verlag, Hamburg 2005 (erscheint im Herbst)

Dean Hammer

THE GOD GENE

Doubleday, New York 2004, $ 24,95

Internet

Homepage von Michael Persinger:

www.laurentian.ca/neurosci/_people/Persinger.htm

Evangelisches Bildungswerk Hospitalhof Stuttgart:

www.hospitalhof.de

Homepage der Giordano-Bruno-Stiftung:

www.giordano-bruno-stiftung.de



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