Ausgabe: 7/2000, Seite 110

EIN MOLEKÜL KILLT DEN GESTANK

Gegen üble Gerüche stinken normale Seifen mit angenehmen Düften an. Doch Mief kann auch chemisch gebunden werden.

Hans Josef Schöneberger
 


Wie ein Geruchskiller funktioniert, wollten Chemiker schon vor 20 Jahren wissen. Damals wurde in den Labors der Essener Chemie-Firma Goldschmidt die desodorierende Wirkung einer aus Rizinusöl isolierten Seife entdeckt. Während eine gewöhnliche Seife durch beigemengte Parfümstoffe unangenehme Gerüche einfach übertüncht, ist diese spezielle Seife in der Lage, Gerüche zu binden – wie, konnte seinerzeit nicht geklärt werden.
Vor kurzem hat ein junger Chemiker an der Gesamthochschule Essen den Geruchskiller wieder aus der Schublade gezogen. Dr. Hubert Kuhn arbeitet nicht mit Reagenzglas und Bunsenbrenner, auch nicht mit Neutronenkanonen und Röntgengeräten – die würden das Geheimnis der öligen Substanz sowieso kaum lösen. Kuhn geht mit dem Computer an das Problem heran: „Moleküldynamik-Simulation“ heißt sein Stein der Weisen. Mit Hilfe teurer, hochspezialisierter Software berechnet er die Positionen und die Wechselwirkungen der Atome eines Moleküls. Sogar die Bewegungen innerhalb eines Moleküls kann er virtuell nachvollziehen – etwa die Rotationen von Atombindungen oder das „Wehen“ langer organischer Seitenketten.
Daraus leitet Kuhn das chemische Verhalten einer Substanz unter Normalbedingungen ab. Er kann vorhersagen, wie sich die Eigenschaften eines Stoffes unter dem Einfluß von Lösungsmitteln verändern – zum Beispiel was passiert, wenn der Geruchskiller in Wasser gelöst wird. Das ist übrigens notwendig, damit er funktioniert. Wie jede Seife hat das Geruchskiller-Molekül ein wasserliebendes (hydrophiles) und ein fettliebendes (lipophiles) Ende. Dieses besteht aus zwei Ricinolsäure-Resten, das hydrophile aus einem Zinkatom, an das die Säuregruppen (COO-) der beiden Seitenketten binden. Die geruchsbindende Seife trägt den Namen Zink(II)-ricinoleat.
Wie die Computer-Analysen gezeigt haben, blockieren bei der Reinsubstanz, einer öligen Flüssigkeit, die Säurereste das zentrale Zink-Atom. Beim Lösen in Wasser verändert sich die Raumstruktur des Moleküls jedoch so, daß das Zink-Atom freiliegt. Es kann jetzt kleine organische Moleküle wie Schwefelwasserstoff oder Ammoniak binden und so diese stinkenden Sustanzen der Atemluft entziehen. Aufbauend auf Zink(II)-ricinoleat hat die Firma Henkel ein geruchsbindendes Spray auf den Markt gebracht. Es wird einfach auf das Sofa oder den Teppich gesprüht, und schon riecht man die Folgen der letzten Party nicht mehr.
Inzwischen gibt es ein Konkurrenzprodukt aus den USA, das auf der Basis von Zyklodextrinen arbeitet, helixartig angeordneten Stärkemolekülen, die die Stinkestoffe einlagern. Doch das dauert länger, als sie chemisch zu binden. Und so macht man sich in Essen keine große Sorgen wegen der Konkurrenz.



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