Ausgabe: 1/2003, Seite 42  

NICHT GEIMPFT – BESSER DRAN?

Sogar manche Ärzte wettern in Büchern und im Internet gegen das Impfen und machen jungen Eltern Angst. Gibt es wissenschaftlich haltbare Gründe, Kinder nicht zu impfen?

Michael Brendler
 

Coburg im Frühjahr 2002: Seit November 2001 haben sich die Masern in der Stadt ausgebreitet – zunächst nur in der Waldorfschule, dann erkrankten immer mehr Kinder in der Stadt an Masern. Insgesamt mehr als 1000 Kinder sind es am Ende der Epidemie, von denen 45 mit eitrigen Lungen- oder Mittelohrentzündungen stationär in der örtlichen Kinderklinik behandelt werden müssen. Hintergrund der Masern-Epidemie: Während bundesweit etwa 90 Prozent der Kinder gegen Masern geimpft sind, gibt es in Coburg nur 65 Prozent Geimpfte.

Süditalien im Sommer 2002: Mehr als 20000 Menschen sind in den letzten Wochen an Masern erkrankt, 3 davon sterben, 13 leiden an der gefürchteten Masern-Gehirnhautentzündung. Fast alle Erkrankten waren nicht gegen Masern geimpft, die Durchimpfungsrate lag bei 50 Prozent.

Was sind die Gründe, warum viele Eltern Impfungen verweigern, die doch einen wirksamen Schutz gegen Kinderkrankheiten darstellen? „Die Kinderkrankheiten habe ich auch gehabt und problemlos überstanden. Warum also sollen meine Kinder sie nicht ebenfalls überstehen?“, ist die häufigste Antwort.

Kinderkrankheiten gelten als harmlos. Der Begriff hat sich sogar in der Umgangssprache eingebürgert: Kleine Pannen und Unzulänglichkeiten bei neuen technischen Produkten werden gerne als „Kinderkrankheiten“ bezeichnet. Dabei heißen diese Erkrankungen nur so, weil man wegen ihrer hohen Infektiosität meist schon im Kindesalter daran erkrankt. Zu den Kinderkrankheiten gehören neben den Masern die Kinderlähmung (Polio), Diphtherie, Röteln, Mumps, Windpocken und Keuchhusten.

Einige von ihnen sind schwere Erkrankungen, die teilweise tödlich enden oder zu starken Behinderungen führen können. Trotzdem haben Impfgegner, darunter sogar Ärzte, Einwände gegen das Impfen. Ihre Argumente und Vorwürfe sind schwerwiegend:

  • Kinder brauchen ihre Kinderkrankheiten, sonst drohen Allergien.
  • Impfen ist gefährlicher als die Krankheit selbst.
  • Das kindliche Immunsystem ist noch unreif. Es wird durch die Impfungen überlastet.

Wie kommen die Impfgegner zu diesen Behauptungen, und gibt es wissenschaftlich haltbare Beweise oder Gegenbeweise? Die Ansicht, dass Kinder Krankheiten bräuchten, ist so alt wie das Impfen, das der britische Landarzt Edward Jenner 1796 gegen die Pocken einführte. „Obwohl allein in Deutschland damals etwa 60000 Menschen jährlich an den Pocken starben, wollten sich viele nicht impfen lassen“, sagt Dr. Eberhard Wolff vom medizinhistorischen Institut der Universität Zürich. „Sie sahen die Krankheiten gerade bei Kindern als ein notwendiges Übel an – als einen Reinigungsvorgang des Körpers von schädlichen Säften oder sogar als gottgewolltes Schicksal.“

Diese Grundeinstellung hat bis heute Bestand. „Offenbar haben frühkindliche Infektionen einen Sinn. Das kindliche Immunsystem braucht sie, um zu reifen“, sagt Dr. Stefan Schmidt-Troschke, Kinderarzt am anthroposophisch orientierten Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke. Sein zentrales Argument für diese These ist die steigende Zahl allergischer Erkrankungen bei Kindern in den letzten 30 Jahren. Allergien werden durch ein fehlgeleitetes Immunsystem ausgelöst, so die übereinstimmende Meinung aller Forscher auf diesem Gebiet. Dr. Schmidt-Troschke: „Es ist kein Zufall, dass Allergien gerade in der Zeit zugenommen haben, als die meisten Impfungen eingeführt wurden.“

Dr. Erika von Mutius von der Universitätskinderklinik München ist dieser statistischen Übereinstimmung auf den Grund gegangen. Sie verglich nach der Wende den Prozentsatz allergiekranker Kinder in BRD und DDR. Der Vergleich lag nahe, denn in der DDR bestand im Gegensatz zur Bundesrepublik eine Impfpflicht, weshalb die Durchimpfungsraten dort bei annähernd 100 Prozent lagen. Doch das Ergebnis überraschte: Nicht der durchgeimpfte Nachwuchs aus der DDR hatte am häufigsten Allergien, sondern die nur mäßig geimpften Kinder aus der Bundesrepublik.

Inzwischen haben mehrere Studien diese Beobachtung bestätigt. Hinzu kommt, dass die Zahl der Allergiekranken in Ostdeutschland seit dem Ende der DDR langsam, aber stetig ansteigt, obwohl dort nach dem Wegfall der Impfpflicht die Zahl der Impfungen zurückgegangen ist. Die meisten Wissenschaftler sind sich deshalb weitestgehend einig: Nicht bestimmte Krankheiten wie Masern schützen Kinder vor Allergien, sondern die generelle Auseinandersetzung mit Umweltbakterien und Krankheitserregern.

Wie sieht es mit einer weiteren Behauptung von Impfgegnern aus, dass das kindliche Immunsystem in den ersten Lebensmonaten noch zu unreif sei, um es mit einer Vielzahl von Impfstoffen zu belasten? „Eigentlich ist keinem richtig klar, was in der Abwehr der Kinder bei einer Impfung passiert“, argumentiert Kinderarzt Dr. Schmidt-Troschke. „Trotzdem impft man schon ab dem dritten Lebensmonat gegen Kinderlähmung, Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten sowie gegen Hepatitis B und Haemophilus influenzae. Das macht mir Angst.“ Das Problem bei dieser Argumentation: Es gibt keine Belege für die Unreife des kindlichen Immunsystems. Dies sei vor allem eine weltanschauliche Sicht, räumt Schmidt-Troschke ein.

„Das kindliche Immunsystem ist alles andere als unreif“, sagt Heinz-Josef Schmitt, Professor an der Universitätskinderklinik in Mainz und Vorsitzender der bundesdeutschen Ständigen Impfkommission (STIKO). „Schon im Mutterleib beginnen die Immunzellen des Ungeborenen, Antikörper zu produzieren. Auch die T-Zellen des Immunsystems stehen bereit, um mögliche Eindringlinge abzuwehren. Dies ist sogar eine lebenswichtige Notwendigkeit, denn ab dem Zeitpunkt der Geburt wird das Neugeborene mit einer unüberschaubaren Anzahl von unbekannten Bakterien, Schmutzstoffen und anderen Antigenen konfrontiert. Deshalb können die wenigen Antigene bei den Impfungen kaum ins Gewicht fallen.“

Damit sich das Kind dem Kampf nicht alleine stellen muss, wird der Körper des Babys von der Mutter unterstützt. Sie gibt dem Ungeborenen einen Vorrat ihrer eigenen Antikörper mit und versorgt ihn später mit weiteren Antikörpern über die Muttermilch. Dieser so genannte Nestschutz stärkt die kindliche Abwehr für sechs bis zwölf Monate.

Ein anderes wichtiges Argument der Impfgegner sind die Nebenwirkungen des Impfens. „Stimmt“, sagt Prof. Heinz-Josef Schmitt, „Impfungen haben Nebenwirkungen. Man muss mit einer geröteten und eventuell schmerzenden Impfstelle rechnen. Auch erhöhte Temperatur oder Fieber können in den ersten Tagen nach der Impfung auftreten. Das aber gehört zur normalen Reaktion des Körpers, nicht nur bei einer Impfung, sondern bei der Mehrzahl der Infektionserkrankungen.“

Wirklich schwere Folgen von Impfungen sind jedoch extrem selten. So wurden 2001 in der Zeit vom 1. Januar bis zum 19. Oktober dem Paul-Ehrlich-Institut, das in der Bundesrepublik für die Zulassung von Impfstoffen und deren Überwachung zuständig ist, 236 Verdachtsfälle auf Impfkomplikationen gemeldet. In keinem Fall war ein Impfstoff dabei Ursache eines bleibenden Schadens – und das bei zirka 30 Millionen Impfungen, die jährlich in Deutschland durchgeführt werden. „Leider sprechen viele Impfgegner immer nur von den Nebenwirkungen und angeblichen Schäden der Impfungen, aber von den Nebenwirkungen und Schäden der Kinderkrankheiten reden sie nicht“, sagt Dr. Gernot Rasch, Leiter des Sekretariats der STIKO. „Vor allem die Gefährlichkeit der Masern wird häufig unterschätzt. Jedes dritte Kind hat Komplikationen. Am häufigsten sind bakterielle Infektionen wie Lungen- oder Mittelohrentzündung. Und ein Kind von 2000 Masern-Erkrankten bekommt die gefürchtetste Komplikation, eine Gehirnentzündung, die so genannte Masern-Enzephalitis.“

Dies belegen Zahlen des staatlichen finnischen National Board of Health and Public Health. Mehr als 14 Jahre lang hat eine Forschungsgruppe um den Kinderarzt und Impfexperten Heikki Peltola vom Universitätskrankenhaus in Helsinki die Nebenwirkungen von über drei Millionen kombinierten Masern-Mumps-Röteln Impfungen (MMR) an 1,8 Millionen Impflingen protokolliert. Das Team stellte dabei folgende Komplikationen fest: 3 Gehirnentzündungen, 30 Fieberkrämpfe und 46 allergische Reaktionen.

Das sind auf den ersten Blick erschreckende Zahlen, die sich aber beim Vergleich mit den Risiken von Kinderkrankheiten relativieren. So hat in der finnischen Erhebung ein Kind von 600000 Impflingen eine Gehirnentzündung erlitten. Dagegen bekommt ein Kind von 2000 Masern-Erkrankten eine Gehirnentzündung, bei Mumps ein Kind von 5000 Erkrankten. Weiterhin führt Mumps bei etwa jedem 2000. erkrankten Kind zu lebenslanger Schwerhörigkeit. „Diese Zahlen wirken sehr abstrakt. Aber würden Sie Ihr Kind auf einen Abenteuertrip schicken, bei dem es mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 10000 nicht zurückkommt?“, fragt Schmitt.

Auch andere Vorwürfe konnten die finnischen Forscher ausräumen. So bekam ein Kind von 60000 Impflingen einen Fieberkrampf gegenüber einem Kind von 14 an Masern erkrankten. Und für den Verdacht, die Masern-Mumps-Röteln-Impfung könnte zu Autismus, chronischen Darmkrankheiten oder Diabetes führen, fanden die Forscher in Helsinki, wie schon viele Kollegen vor ihnen, keinen einzigen Beleg. Diese Krankheiten traten entweder gar nicht oder deutlich seltener auf, als dies statistisch zu erwarten wäre.

Die Zahlen sind eindeutig: Impfen ist eine effektive Methode, die Gesundheit von Kindern zu schützen. „Aber von nackten Zahlen allein haben sich die Menschen noch nie gut überzeugen lassen“, sagt der Medizinhistoriker Wolff. Drei Mechanismen der menschlichen Psyche macht Wolff dafür verantwortlich, dass es, unabhängig von gesellschaftlichen Trends, eine latente Skepsis von Eltern gegenüber dem Impfen gibt:

  • Die verschiedene Risikoperspektive von Arzt und Patient: Für den Arzt erleidet nur etwa jedes 600000. Kind bei der Impfung gegen MMR eine Gehirnentzündung. Für die Eltern kann dieses Kind aber das eigene sein.
  • Es liegt nicht nur an der Größe einer Gefahr, ob Menschen sich vor ihr fürchten: Zwar halten nach einer Studie des Münchner Toxikologen Wolfgang Forth 84 Prozent der Deutschen Infektionskrankheiten für eines der höchsten Gesundheitsrisiken, aber persönlich bedroht fühlen sie sich eher von abstrakteren Dingen wie Luftverschmutzung, Kohlendioxid und Dioxin.
  • Menschen schätzen die Verantwortung für eine eigene Handlung stets höher ein als die Verantwortung für das Unterlassen einer Handlung – wie den Verzicht auf eine Impfung.

„Erst wenn Zahlen mit persönlich bekannten Schicksalen kombiniert werden können, sind sie für die Menschen real“, sagt Dr. Michael Mühlschlegel, Kinderarzt in Lauffen am Neckar. „So muss man, um ein Kind mit einer Masern-Gehirnentzündung zu kennen, rein statistisch mindestens 2000 Masern-Erkrankte kennen.“

So viele Kranke gab es nicht einmal bei der Masern-Epidemie in Coburg. Entsprechend kam es auch nach den Presseberichten über diese Epidemie außerhalb der unmittelbaren Umgebung von Coburg zu keiner nennenswerten Zunahme der MMR-Impfungen in Deutschland. Dagegen führten die erschreckenden Reportagen und Zeitungsartikel nach der Masern-Epidemie in Süditalien mit 3 Toten und 13 an Gehirnentzündung Erkrankten kurz vor Beginn der Ferienzeit zu einem solch sprunghaften Anstieg der MMR-Impfungen, dass es im Spätsommer in Deutschland vorübergehend keinen Impfstoff mehr gab.


Wenn der Schutz der Gruppe fehlt


Empörung machte sich 1974 unter den Eltern in Deutschland breit: Plötzlich sollten beide Geschlechter gegen Röteln geimpft werden. Doch viele Eltern wollten nicht, dass ihre Jungs gegen die für sie harmlose Krankheit immunisiert werden. Denn gefährlich ist nur die so genannte Röteln-Embryopathie:

Infiziert sich eine Schwangere im ersten Monat mit dem Virus, drohen der Hälfte der Embryos Taubheit, Herzmissbildungen, Trübungen der Augenlinse oder im Extremfall eine geistige Behinderung.

„Die Embryos sind aber nur geschützt, wenn auch Jungen und Männer geimpft sind“, sagt Prof. Heinz-Josef Schmitt von der Ständigen Impfkommission der Bundesrepublik. Schwangere Frauen und ihre ungeborenen Kinder sind auf die so genannte Herdenimmunität angewiesen. Das bedeutet: Wenn es keine empfänglichen Überträger gibt, findet das Virus keine neuen Opfer, und die Krankheit verläuft sich.

Eindrucksvoll zeigte sich das 2002 in Coburg: Da in den umliegenden Bezirken der Stadt die Durchimpfungsrate bei 90 Prozent lag, konnte eine
Masern-Epidemie die Stadtgrenzen kaum überschreiten.

In Deutschland sind nach einer Untersuchung des Robert-Koch-Instituts nur 80 Prozent der Jugendlichen gegen Masern, Mumps und Röteln immun. In einer so lückenhaft geschützten Bevölkerung sind neben Ungeborenen zwei Altersgruppen besonders gefährdet: ungeimpfte Erwachsene und Säuglinge. Für sie kann die Situation sogar gefährlicher sein, als wenn man nie geimpft hätte. Die Hintergründe:

  • Wenn Erwachsene ungeimpft in einer geimpften Gesellschaft aufgewachsen sind, hatten sie in ihrer Kindheit nicht die Gelegenheit, die Krankheit durchzumachen. Ihr Immunsystem steht dem Erreger deshalb bei einer plötzlich auftauchenden Epidemie hilflos gegenüber. Dazu kommt, dass Kinderkrankheiten für Erwachsene manchmal gefährlicher sind als für Kinder.
  • Der immunologische „Nestschutz“ des Säuglings durch mütterliche Antikörper ist bei einer geimpften Mutter mit sechs bis acht Monaten rund drei Monate kürzer, als der eines Babys, dessen Mutter die Krankheit durchgemacht hat. Erst mit zwölf Monaten erhält der Säugling aber die erste Impfung gegen Masern. Damit ist er fast ein halbes Jahr auf die „Herdenimmunität“ der Gesellschaft angewiesen. „Wenn sich ein Säugling infiziert, dann in der Regel bei seinen Geschwistern“, sagt Gernot Rasch von der Ständigen Impfkommission des Bundes. „Sind die geimpft, besteht für das Baby keine Gefahr. Dieser familiären Herdenimmunität ist es zu verdanken, dass weniger Säuglinge an den Masern erkranken als vor der Impfung.“ Doch diese Situation könnte kippen, wenn die Impfmüdigkeit in der Bevölkerung weiter anhält.


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