Ausgabe: 1/1997, Seite 68  

FÜNF VORURTEILE ÜBERS ESSEN

Helmut L. Karcher
 

Wohl nirgendwo kursieren so viele Vorurteile und Irrtümer wie bei der Ernährung. Nicht alle haben sich schon als Legende herumgesprochen - wie die Mär vom eisenhaltigen Spinat, die auf nichts als einem schlichten Kommafehler beruht. Hier fünf weitere Vorurteile, die niemandem das Festessen an den Feiertagen verderben sollten:

Salz erhöht den Blutdruck. Die Meinung, daß zuviel Salz im Essen eine Hauptursache der Volkskrankheit Bluthochdruck sei, galt den Ärzten lange Zeit als Dogma. Jetzt nicht mehr: Zumindest in Deutschland herrscht Einigkeit darüber, daß man mit salzarmer Diät den Blutdruck bei Hochdruckpatienten um höchstens drei Prozent senken kann - viel zu wenig für eine wirksame Therapie. Das bestätigte gerade erst die gemeinsame Auswertung von 56 Untersuchungen in den USA. Viele Ärzte dort beharren allerdings nach wie vor auf der Aussage älterer Studien, die einen hohen Blutdruck mit dem Verbrauch von zuviel Salz in Verbindung bringen ("Kontroverse um Kochsalz", bild der wissenschaft 11/1996).

Weißer Zucker macht krank. Der weiße Haushaltszucker (Saccharose) ist ein ebenso unverändertes Naturprodukt wie der oft als Alternative angepriesene Fruchtzucker (Fruktose). Daß alle Raffinade-Zucker von Begleitstoffen befreit sind, ist so lange kein Problem, wie genügend Vitamine und Mineralstoffe auf anderem Wege zugeführt werden. Richtig an der Zucker-Verteufelung ist nur, daß die meisten Menschen zuviel davon essen - mit Karies, Übergewicht, Arteriosklerose und Diabetes als Folgen.

Olivenöl ist das gesündeste Speisefett. Unbestritten ist, daß die Mittelmeerküche auf der Basis von Olivenöl vor Arteriosklerose und Herzinfarkt besser schützt als die Verwendung tierischer Fette. Verantwortlich dafür ist der hohe Anteil einfach ungesättigter Fettsäuren im Olivenöl. Noch gesünder für Herz und Kreislauf sind aber Distel-, Sonnenblumen- und Sojaöl mit ihrem hohen Gehalt an mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Sie senken den Cholesterinspiegel am wirksamsten. Außerdem sind mehrfach ungesättigte Fettsäuren wichtige Ausgangsprodukte zur Stärkung des Immunsystems. Aber auch tierische Fette können hohe Anteile ungesättigter Fettsäuren enthalten: So ist das vielgeschmähte Gänseschmalz dem Olivenöl in diesem Punkt fast ebenbürtig - die Ehrenrettung der Weihnachtsgans.

Entschlackungskuren räumen den Darm auf. Fasten bis zur vollständigen Darmentleerung ist medizinisch unsinnig. Vor allem ältere Menschen werden von der Roßkur nur unnötig geschwächt. Besser als gar nichts zu essen, ist eine ballaststoff- und faserreiche Nahrung mit Rohkost und viel Gemüse, die die Verdauung anregt und die Darmfalten ausputzt.

Vitamin-C-Hochdosis schützt vor Krankheiten. Obwohl die Autorität des Nobelpreisträgers Linus Pauling hinter der Megadosis-Theorie steht, spricht bis heute nichts dafür, daß Vitamin-C-Gaben über die Tagesdosis von 50 bis 150 Milligramm hinaus zusätzlichen Nutzen bringen - soviel wie in drei Orangen oder einer Portion Broccoli enthalten ist. Überschüssiges Vitamin C wird gleich wieder ausgeschieden.

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