Ausgabe: 8/2011, Seite 16   -  Leben & Umwelt

TSUNAMI IM KOPF

Elektrische Erregungswellen können ganze Hirnregionen ausschalten. Oft sind sie Vorboten von Migräne-Attacken. Eine Reportage von der Wellenfront.

von Susanne Donner
 

Mit einem blinkenden Zickzack-Muster bohre ich mich ins Bewusstsein von Paul van Valkenburgh. Der 70-Jährige springt vom Sofa. Er drückt seine Stoppuhr am Handgelenk, greift nach einem Stapel Papier und einem Stift. Er will mich, das Muster vor seinen Augen, kartieren. Das stört mich nicht im Geringsten. Nichts und niemand hindert mich jetzt noch daran, mich in der nächsten halben Stunde vor Pauls Augen flimmernd auszubreiten.

Der Vollständigkeit halber sollte ich mich Ihnen, liebe bild der wissenschaft-Leser, aber noch vorstellen: Ich bin eine elektrische Erregungswelle, die sich auf der Großhirnrinde ausbreitet. Dieses Mal befinde ich mich auf Pauls Sehrinde, am Hinterhaupt, direkt über seinem Halsende. Forscher tauften mich „Spreading Depolarization“ („sich ausbreitende Entladung“, kurz: SD), weil ich die Nervenzellen entlade und vorübergehend völlig funktionsuntauglich mache. „Sie ist ein Tsunami im Kopf“, sagt der Physiker Markus Dahlem von der Technischen Universität Berlin über mich. Jede Nervenzellregion, die ich durchfege, fällt für Minuten aus. Kein Wahrnehmen, kein Denken. Stille ist im Geist, wo ich bin. Manchmal projiziere ich – wie gerade bei Paul – Lichtblitze oder flackernde gezackte Muster vor die Augen, die sich vom Zentrum des Gesichtsfeldes langsam nach außen bewegen.

JEDE MINUTE EINE ZEICHNUNG

Paul malt auf, wie ich allmählich vom gefransten Fleck zum gezackten Kringel und dann zum halb geöffneten zackigen Oval wachse und dabei an den Rand des Gesichtsfeldes gleite. Jede Minute hält er mich auf Papier fest. Seine Zeichnungen erinnern an die Höhenlinien einer Landkarte. Es ist nicht einfach, mich zu verewigen: Paul, der pensionierte Ingenieur aus Kalifornien, braucht dazu einen Fixpunkt im Raum. Das Papier darf nicht verrutschen. Mehr als 15 Jahre hat er an mir geübt und die Kunst perfektioniert. Rund 800 meiner Wanderrouten hat er im PC in einer Datenbank gespeichert. Ich wäre Paul egal, wenn ich nur eine halbe Stunde seinen Blick verwirren würde. Aber ich war oft der Vorbote einer grausamen Migräne-Attacke: Seit er 14 war, hatten Paul immer wieder Schmerzen gepeinigt, als würde eine riesige Schraube in seinen Schädel gedreht. Medikamente halfen ihm nie. Im tiefsten Elend versuchte er zu schlafen. Dämmernd wachte er nur kurz auf, um zu prüfen, ob der Schmerz endlich gegangen war.

Mit meinen Sehstörungen künde ich also von nahendem Unheil. Manchmal sind es auch Missempfindungen oder Sprachbeeinträchtigungen, die ich als Vorboten schicke. All diese Frühwarnzeichen werden unter dem Namen „Migräne-Aura“ zusammengefasst.

Umrisse einer Festung

Mehr als acht Millionen Menschen leiden in Deutschland unter Migräne. Jede vierte Frau quält sich damit und jeder zwölfte Mann. Bei einem Fünftel eilt der Attacke eine Aura voraus. Urheber bin immer ich, die Welle, die über die Großhirnrinde, den Cortex, schwappt. Bei Schlaganfallpatienten treibe ich ebenfalls mein Unwesen im Kopf. Ich umrunde die Schädigung im Nervengewebe manchmal so lange, dass am Ende die Neuronen in meinem Einzugsgebiet untergehen.

Jahrelang regierte ich im Schutz der Schädeldecke. Aber groteskerweise haben die menschlichen Gehirne, die ja zugleich mein Zuhause sind, mein Treiben aufgedeckt. Fast vollständig. Den Anfang machten gleich zwei kluge Köpfe in den 1940er-Jahren: der Brasilianer Aristides Leão und der Amerikaner Karl Lashley. Lashley litt unter Migräne mit Aura. Es lag also nahe, dass sich der Psychologe von der Harvard University intensiv mit mir beschäftigte.

Wie Paul zeichnete er mich auf Papier. Das Muster erinnerte Lashley an die Umrisse einer Festung, weshalb er von „Fortifikationsspektren“ sprach – ein noch heute geläufiger Begriff. Seine Zeichnungen werden nach wie vor in Lehrbüchern abgedruckt. Lashley wusste, dass das Pendant des Gesichtsfeldes, die Sehrinde im Hirn, etwa spielkartengroß ist. Messerscharf schloss er daraus, dass die Geschwindigkeit, mit der ich vor seinen Augen nach außen drifte, zu einem Phänomen auf der Sehrinde passen muss, das sich mit drei Millimetern je Minute fortbewegt. So hat er meine Geschwindigkeit auf den Millimeter genau ausgerechnet, obwohl damals noch niemand von mir wusste.

Ruhe vor dem Tsunami

Das änderte sich 1944, drei Jahre später. Aristides Leão experimentierte, ebenfalls an der Harvard University, am Gehirn betäubter Kaninchen. Um das Krankheitsbild der Epilepsie zu verstehen, testete er, wie sich ein elektrischer Puls im Gehirn fortpflanzt. Er verkabelte das Nervengewebe mit einer Stimulationselektrode und in zunehmendem Abstand mit sieben Ableitungselektroden, um die Spannung der Nervenzellen an exakt dieser Stelle zu messen.

Zur Überraschung des Neurophysiologen setzte sich der ausgesandte elektrische Puls nicht gleichmäßig fort. Zunächst verstummten die stimulierten Neuronen. Die Ruhe vor dem Tsunami. Es ist eine trügerische Ruhe, denn ich braue mich unaufhaltsam zusammen. Und da bin ich: Leãos Schreiber zittert. Ich erfasse die erste Elektrode, rege die zweite an, die dritte, die vierte und so fort. Mit drei Millimetern pro Minute wälze ich mich durchs Nervengewebe und entferne mich immer weiter vom Ort der Stimulation.

Leão und viele kluge Köpfe nach ihm zerbrachen sich den ihren darüber, wie ich mich zu einer derart mächtigen Welle im Tosen der Nervenzellen erheben kann und mit solcher Wucht über sie rolle, dass sie verstummen. Man muss wissen: Nervenzellen sind elektrisch geladen. An der Innenseite der Zellmembran herrscht eine andere elektrische Spannung als außen. Im Normalzustand misst dieses Membranpotenzial minus 70 Millivolt. Diese Ladung ermöglicht es den Neuronen zu „feuern“ – und dem Menschen zu denken, also Informationen mithilfe elektrischer Signale zu übertragen. Dabei werden die Zellen minimal entladen und kehren binnen einer Millisekunde wieder in den geladenen Urzustand zurück. Ich kann mich nur formieren, wenn diese feine Balance im Spannungshaushalt der Zellen in einer Hirnregion kippt. Das Membranpotenzial bricht dann auf minus 10 Millivolt ein und verharrt für eine gute Minute in diesem fast ungeladenen Zustand. „Das ist wie die Entladung einer Batterie“, verdeutlicht Jens Dreier, Neurologe am Centrum für Schlaganfall-Forschung an der Berliner Charité.

Parallel zur massiven Entladung der Nervenzellen gerät die Verteilung der elektrisch geladenen Teilchen, der Ionen, aus dem Gleichgewicht. Kalium-Ionen strömen aus den Zellen. Natrium-, Kalzium- und Chlorid-Ionen drängen hinein. Das lässt die Zellen versalzen. Sie lechzen nach Wasser und schwellen auf 170 Prozent ihres ursprünglichen Volumens an. Indem ich mich in die umliegenden Nervenzellen ausbreite, stürze ich auch sie aus dem Ionengleichgewicht und entlade sie fast auf Null. Mit einer Kalium-Injektion kann man mich künstlich anstoßen: im Gehirn aller Tiere – ob Katze, Hund, Kaninchen, Frosch oder Grashüpfer. Ich folge immer der Kaliumschwemme und laufe kreisförmig um die erste ausgefallene Nervenzellregion. Sie ist das Auge meines Wirbelsturms.

Nach einer Minute oder zwei erholt sich das entladene Gewebe wieder von mir. Die Membranpumpen der Zellen springen an, der Blutfluss steigt für zwei bis drei Minuten rapide, um die ausgefallenen Neuronen mit Energie zu versorgen. Damit wird eine Art Sofortrettungsmaßnahme nach der Katastrophe eingeleitet. Die Zellen laden sich wieder auf, der Ionenhaushalt wird normalisiert. Unzweifelhaft verschlingt diese Regeneration sehr viel Energie, was auch erklären könnte, weshalb sich Migräne-Patienten während eines Anfalls zermartert fühlen.

NUR FÜR FREAKS INTERESSANT?

Warum ich so abrupt ende wie ich entstehe, ist nicht geklärt. Man versteht meinen Verlauf, aber weder meine Geburt noch meinen Tod im Detail. Die Forscher wissen nur: Elektrische Reize und Störungen des Ionenhaushalts, aber auch defekte Ionenkanäle ebnen mir den Weg. Besonders leicht braue ich mich in schlecht durchblutetem oder verwundetem Gewebe zusammen.

Bis in die 1990er-Jahre wurden alle Details über mich ausschließlich an Tieren recherchiert. Beim Menschen bekam man mich experimentell nicht zu fassen. Die Mehrheit der Wissenschaftler hielt mich deshalb bis zur Jahrtausendwende für ein rein tierisches Phänomen, das mit Migräne oder Schlaganfall nichts zu tun habe. Dreier und sein Berliner Kollege Markus Dahlem wurden meinetwegen oft belächelt. „Man musste aufpassen, nicht als Freak betrachtet zu werden“, entsinnt sich Dreier.

Das Blatt wendete sich dank der Schweizer Neurologin Nouchine Hadjikhani, die mit bildgebenden Verfahren Migräne und Autismus an der Polytechnischen Hochschule in Lausanne und der Harvard Medical School in Boston sichtbar macht. Einer ihrer Mitarbeiter am US-amerikanischen Institut war Migräniker. Nach zu eifrigem Basketballspiel flimmerte es vor seinen Augen, dann packte ihn der Schmerz. Er spürte die Sehstörungen, ehe sie einsetzten. Hadjikhani brachte das auf eine unkonventionelle Idee: „Wir gingen zu einem Basketballplatz nahe am Institut und spielten so lange, bis der Mann die Vorboten wahrnahm. Dann rannten wir alle zum MRT und scannten ihn.“ Hadjikhani maß den Sauerstoffgehalt des Blutes in seinem Gehirn mit der funktionellen Kernspintomographie. Und sie hatte Glück: Am Monitor tauchte ich auf. Genauso wie in Tieren wälzte ich mich mit meinen drei Millimetern je Minute kreisförmig über die Großhirnrinde. „Alles passte“, erinnert sich Hadjikhani, die mich seither noch häufiger in MRT-Scans einfangen konnte und dadurch international bekannt wurde. 2001 schilderte sie ihr Ergebnis im angesehenen Fachjournal PNAS.

Doch warum bin ich eine kreisförmige Welle – und zum Beispiel keine Spirale? Diese Frage fasziniert Markus Dahlem, seit er zum ersten Mal von mir gehört hat. Für die Physik der Migräne schlug er Experimente an Schleimpilzen aus. Nicht, dass ich mir darauf etwas einbilden würde, ich wollte es nur erwähnt haben. Dahlem wusste, dass ich auch auf der Netzhaut auftreten kann. So kam es, dass er als wohl weltweit einziger Physiker damals am Max-Planck- Institut für Molekulare Physiologie Küken großzog. Später präparierte er aus den getöteten Hühnern die daumennagelgroße durchsichtige Netzhaut mit der darunter liegenden schwarzen Epithelschicht aus den Augen. Ebenso wie die Hirnrinde besteht sie aus grauer Substanz.

MILCHIGE SPUR DER VERWÜSTUNG

Mit einer feinen Glasnadel sticht Dahlem in die drei Millimeter dicke Netzhaut. Eine Wunde, da fange ich an: Ich winde mich um die gepikte Stelle. Dahlem sieht mit bloßen Augen, wie ich eine milchige Spur der Verwüstung auf schwarzem Grund ziehe. Jede Nervenzelle, die ich erfasse, bläht sich mit Wasser auf, sodass sie nicht mehr durchscheinend ist. Ich bin kein Phänomen der Hirnrinde im Speziellen, sondern der grauen Substanz im Allgemeinen. Ich trete in jedem System auf, in dem Reaktion und Diffusion zusammenspielen – einfacher formuliert: in dem es erregbare Nervenzellen und die Ausbreitung von Kalium-Ionen gibt. Dahlem beobachtet an der Hühnernetzhaut aber auch, dass ich umso rascher verschwinde, je schwächer erregbar die Neuronen sind. Als er ihre Reaktionsfähigkeit künstlich mit Kokain dämpft, zerfalle ich spontan in zwei Wellensegmente, die bald verebben. Dahlem ahnt, dass ich es in bestimmten Gehirnen leichter habe als in anderen, je nach Empfindsamkeit der grauen Zellen.

In modernen Lehrbüchern sieht Dahlem Grafiken, in denen ich den gesamten hinteren Schädelbereich einnehme. Man glaubt, dass ich vor dem Frontallappen Halt mache, weil dort der Sitz der Motorik ist und kein Migräniker bei einer Aura die Bewegungskontrolle verliert und beispielsweise zappelnd am Boden liegt. Dahlem hegt dennoch Zweifel: „Wenn die Darstellung wahr wäre, dass die hintere Hälfte der Hirnrinde vollständig von dieser Welle erfasst wird, müsste auch das Hören und Sehen ausfallen. Wir denken deshalb, dass dieses Bild falsch ist.“ Meine Lichtmuster dauern nämlich allenfalls eine halbe Stunde. Dahlem rechnet aus, dass ich mit meinen drei Millimetern pro Minute in dieser Zeit nur sechs Zentimeter weit kommen kann. Als er die Furchen und Wölbungen der Großhirnrinde berücksichtigt, die Berge und Täler, die ich erklimmen muss, sind es sogar nur noch drei Zentimeter Luftlinie.

DIE VIRTUELLE WELLE

Inzwischen hat Dahlem mein zweites Ich aus mathematischen Gleichungen am PC erschaffen. Der Physiker mit den freundlichen blauen Augen drückt eine Taste. Da bin ich, genau genommen mein virtuelles Abbild, auf seinem 19-Zoll-Monitor: Ein roter Punkt auf grauer Fläche. Ich breite mich auf dem Bildschirm aus, wachse zum Oval. Das Oval bekommt ein Loch und schrumpft zur Sichel. All das passiert, während ich durch den Cortex drifte. Die Sichel bricht in zwei Teile. „Jetzt sind es zwei Wellensegmente“, erklärt Dahlem. Eines verschwindet sofort. Das andere schrumpft zu einem ein bis zwei Zentimeter langen Reiskorn. Es gleitet noch einige Sekunden über den Bildschirm, ehe es verblasst.

Bin ich so? In Dahlems PC und in seiner Vorstellung jedenfalls. Aber, ehrlich gesagt, die Forscher müssen das noch unter sich klären. Wenn Markus Dahlem recht hat, müssen die Lehrbücher korrigiert werden. Ich nähme dann nicht mehr das gesamte Hinterhaupt ein, sondern nur noch einen kleinen Flecken von drei Zentimetern. Und ich wäre eine Welle, die alsbald in zwei Wellensegmente zerfällt. Wie lange ich überdauere, hängt nur davon ab, wie erregbar die Nervenzellen im Cortex sind, schildert Dahlem ein wichtiges Ergebnis seiner Simulationen. Je leichter reizbar sie sind, desto ausdauernder wüte ich. In einem schwach erregbaren Gehirn komme ich nicht vom Fleck. Dazu passt, was die Mediziner seit Langem wissen: Menschen mit Migräne sind neuronal leichter erregbar als andere.

Vielen Neurologen würde es jedoch schwerfallen, einem Physiker zu glauben, der seine Erkenntnisse nur am Computer gewinnt. Deshalb hat Dahlem sein Bild von mir an einem Patienten überprüft. An Paul! Das ist eine derart kuriose Geschichte, dass ich sie ausführlich erzählen muss:

Paul, der Ingenieur, beschäftigt sich so intensiv mit mir, dass ihm Begriffe wie „Spreading Depolarization“ genauso leicht über die Lippen gehen wie die Namen seiner Kinder. Er schreckt vor Fachveröffentlichungen nicht zurück. Bei seinen Recherchen im Internet stößt er bald auf Nouchine Hadjikhani an der Harvard Medical School. Er nimmt Kontakt zu ihr auf. Sie bietet ihm eine funktionelle Kernspintomographie (fMRT) an und hofft, mich während der Messung einzufangen. Aber ich lasse mich einfach nicht blicken, als Paul im wummernden Scanner liegt.

Bunte Tropfsteinhöhle

Trotzdem sind die Scans „ein großer Deal“, erzählt Paul. Ein großer Deal für Markus Dahlem. Denn der umtriebige Paul schreibt auch ihn an und erwähnt dabei seine 800 Zeichnungen der Aura. Als Dahlem dann noch erfährt, dass Paul ein fMRT bei Hadji- khani durchführen ließ, wittert er seine große Chance: Er will versuchen, Pauls Zeichnungen am Computer mit den Scans in Einklang zu bringen. Aus Hadjikhanis Scans erstellt er ein Negativ der Lichtmuster auf Pauls Sehrinde, eine sogenannte retinotope Karte. Auf seinem Computer sieht sie aus wie eine bunt gefärbte Tropfsteinhöhle. Als Dahlem mein virtuelles Ich durch diese Höhle schickt, erkennt er, dass jene Muster, die Paul sieht, eins zu eins dem Pfad entsprechen, den ich auf seiner Sehrinde nehme. Zwei Höcker auf seiner linken Sehrinde erscheinen zum Beispiel als zwei Dellen vor seinem rechten Auge. „Er sieht, wie die Welle auf seiner Hirnrinde entlangläuft“, begeistert sich Dahlem.

Noch etwas verblüfft: Pauls Sehrinde liegt wie bei allen Menschen eingekesselt in einer tiefen Furche am Schädelhinterhaupt, dem Sulcus calcarinus. Mein virtuelles Abbild schwappt nie über die senkrechten Steilwände hinaus. Dort ist die neuronale Erregbarkeit leicht herabgesetzt, sodass ich dem bequemsten Weg in der Talsohle folge, wie Dahlems Computerberechnungen zeigen. Die Topographie der Hirnrinde begrenzt, so gesehen, meine Ausbreitung.

DOCH KEIN HIRNGESPINST

Das erste Mal beweist ein Forscher, dass die Zickzack-Muster, die Migräniker vor den Augen sehen, nichts weiter als meinen Pfad im Gehirn abbilden! Nachzulesen ist das 2009 im renommierten Journal Plos One. Für Migräniker wie Paul ist diese Nachricht eine echte Befreiung. Früher hielt man ihre Schilderungen der Aura für Hirngespinste. Man glaubte, sie litten unter Visionen. Vielleicht würden sie bald ihren Verstand verlieren, munkelte man. Was für eine tragische Fehlinterpretation! Ich bin keine Einbildung und schon gar nicht bedeutungslos.

Dass ich endlich ins rechte Licht gerückt werde, verdanke ich auch den Schlaganfallforschern. Insbesondere Jens Dreier, Rudolf Graf am Max-Planck-Institut für neurologische Forschung in Köln und Anthony Strong am King’s College in London. 2002 konnte Strong mich erstmals auf der Großhirnrinde von Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma beobachten. Dreier entdeckte mich 2006 in Patienten nach einem Schlaganfall mit Subarachnoidalblutung. Seither verfolgt er mich live in deren Gehirnen. „Subarachnoidalblutung“ beschreibt eine Blutung im Gehirn, bei der sich das Blut zwischen zwei Hirnhäute ergießt: die Spinnenhaut (Arachnoidea) und die weiche Hirnhaut (Pia mater). Die Abbauprodukte provozieren oft nach rund sieben Tagen Schlaganfälle. Etliche Patienten sterben. Andere überleben mit schweren Beeinträchtigungen.

„Wir wollen wissen, welche Menschen gefährdet sind und ob man die Welle zur Vorhersage von Schlaganfällen nutzen kann“, nennt Dreier sein Ziel. Bei den Patienten muss die Blutung sofort durch einen chirurgischen Eingriff unterbunden werden. Dabei platziert ein Neurochirurg an der Berliner Charité Ableitungselektroden auf die Hirnoberfläche. Sie spüren meine Entladungsfronten auf und zeigen sie in einem Elektrokortikogramm an. Bei über 100 Patienten hat man mir auf diese Weise in der COSBID-Studie (Co-Operative Study on Brain Injury Depolarizations) nachgestellt. Bis zu zehn Tage waren die Schlaganfallopfer jeweils mit den Elektroden verbunden.

Trete ich innerhalb kurzer Zeitabstände auf den Plan und kreise mehrfach um die Läsion, ist Dreier alarmiert. Nach einem solchen Cluster an Tsunamis steht ein erneuter Schlaganfall bevor, hat er beobachtet. Dreier erinnert sich an eine Patientin, mit der er sich angeregt unterhielt. Kurz nachdem er das Zimmer verlassen hatte, stürmte die Schwester hinter ihm her. Die Patientin sei nicht mehr ansprechbar. Eben noch munter, lag sie reglos und stumm in den weißen Laken. Das Elektrokortikogramm verriet Dreier, dass ich zu diesem Zeitpunkt meine Wellenfronten durch ihren Kopf schickte.

Rudolf Graf vom Kölner Max-Planck-Institut erwischte mich im Kopf eines 59-Jährigen nach einem bösartigen Schlaganfall. Das Gehirn schwoll dabei so stark an, dass der Schädel geöffnet werden musste, um den Druck abzubauen. Graf nutzte die Gelegenheit und platzierte Ableitungselektroden um den Infarktherd. Und siehe da, die Elektroden registrierten, wie ich die Läsion mehrfach umkreiste. Mit jedem Durchgang erhöht sich das Risiko des Gewebeuntergangs. Die Entladung der Zellen dauert immer länger. Ihre Erholung wird immer schwächer. In sechs Tagen zeichneten die Elektroden mich 91 Mal im Kopf des Patienten auf! 72 Mal lief ich im Uhrzeigersinn, 19 Mal gegen den Uhrzeigersinn. Je häufiger ich in einer Hirnregion wüte, desto schlechter kann sie sich erholen. Graf und Dreier beschrieben diesen spektakulären Befund im Mai 2010 im Fachjournal Brain. In der Randzone um den Infarkt habe ich leichtes Spiel, weil hier die Kalium-Konzentration aufgrund der Läsion erhöht ist, erklärt Graf. Welle und Wunde gehören zusammen, resümiert er. Dreier, Graf und weitere Autoren der Cosbid-Gruppe konnten bei sechs Patienten sogar vorhersagen, wie bedroht das Nervengewebe war, indem sie auswerteten, wie häufig ich darin tobte. Zurzeit kümmert sich die Cosbid-Gruppe um eine klinische Studie mit dem Titel „Discharge“ („Entladung“), bei der an über 200 Schlaganfallpatienten geprüft wird, ob ich als Orakel für ihr weiteres Befinden tauge. Es sieht ganz danach aus.

Ein kleiner Schritt bis zum Hirntod

Das Fatale ist: In der Großhirnrinde eines Schlaganfallopfers walze ich immer um denselben Herd und beutele damit immer wieder dieselben Nervenzellen. „Von da bis zum Hirntod ist es nur ein kleiner Schritt“, mahnt Dreier. Im Gegensatz dazu überrolle ich im Kopf eines Migränikers jede Gegend in der Regel nur einmal. Mit viel Energie können sich die touchierten Neuronen in diesem Fall wieder erholen. Trotzdem trennt beide Erkrankungen wohl nur ein schmaler Grat. So erleiden Migräniker etwas häufiger Schlaganfälle als Gesunde. „Das Risiko ist vor allem dann erhöht, wenn eine Migräne-Patientin raucht und zugleich die Anti-Baby-Pille einnimmt“, warnt Dreier.

Der Forscher hat – wie so viele seiner Kollegen – ein ganz persönliches Interesse an meiner Erforschung. Er selbst hat ab und an eine Migräne-Aura, ein Flimmern vor den Augen – allerdings ohne Kopfschmerzen. Frappierenderweise hat auch Paul seit vielen Jahren nur noch die Aura. Die Schmerzen sind verschwunden. Er vermutet uneitel, dass das Schrumpfen seines alternden Gehirns die Ursache dafür ist. Beide haben, so gesehen, Glück – und sind doch Ausnahmen. Etliche Migräniker bemerken nie eine Aura, aber schmerzfreie Personen mit Aura sind rar. Ich verwirre die Forscher damit. Bin ich nun mit dem Schmerz verbandelt, verursache ich ihn vielleicht sogar? Oder bin ich vollkommen eigenständig und habe mit der eigentlichen Pein gar nichts zu tun? Die Fachleute streiten sich darüber.

WAS lösT DEN KOPfSCHMERZ AUS?

Das Gehirn selbst empfindet keinen Schmerz. Möglicherweise löse ich aber durch die massive Schieflage des Ionen-Haushaltes und die anormale Freisetzung von Botenstoffen eine Entzündungsreaktion in den Hirnhäuten aus, die dann auf den Trigeminusnerv ausstrahlt und den Brummschädel veranlasst. So oder so sehen die meisten Fachleute in mir nichts Gutes. US-Neurologe Constantino Iadecola von der Cornell University in New York beschimpfte mich sogar als „Killerwelle“. Mit Physik und Arzneien will man mir den Garaus machen. Dahlem stoppt mein virtuelles Ich mit einem bloßen elektrischen Rauschen am PC. Er glaubt, dass er mich als mutmaßliche Ursache der Migräne in Patienten ebenfalls mit elektrischen Reizen zu Fall bringen kann.

HILFT DIE WELLE HEILEN?

Nur Rudolf Graf stellt sich vor mich: „Schlaganfallpatienten haben eine Wunde im Gehirn. Die Prozesse, die nötig sind, um diese zu schließen, könnten durch die Welle angeregt werden. Dann wäre es absolut falsch, gegen sie vorzugehen.“ Graf weiß, dass ich Stammzellen aktiviere. Womöglich leite ich die Gewebereparatur ein.

Es klingt widersinnig: Einerseits bin ich der Vorbote für den Zelltod bei Schlaganfall und die Ursache eines lokalen, kurzzeitigen Blackouts vor einer Migräne. Andererseits soll ich ein Retter der Zellen in Not sein? Beides passt wohl nur zusammen, wenn mein Charakter weitaus vielschichtiger ist, als man derzeit glaubt. Verschiedene Wellentypen könnten mein komplexes Ich erklären, deutet Graf an und appelliert an seine Kollegen: „Lasst uns vorsichtig sein, lasst uns die Welle erst einmal wirklich aufklären.“ Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat jetzt einen Sonderforschungsbereich eingerichtet: Zwölf Jahre lang wollen die Wissenschaftler mir nun kooperativ auf den Grund gehen.

Aufmerksamkeit ist mir also gewiss. Nie wurde mehr über mich geforscht und geschrieben. Jetzt sogar in bild der wissenschaft. Ich würde staunen – wenn ich das könnte. ■


Susanne Donner bekommt oft Migräne, wenn sie in heiße Länder fliegt – aber ohne Aura. Sie ist auch Autorin von „Im Therapie-Dschungel“ ab S. 66.

MEHR ZUM THEMA

INTERNET

Markus Dahlems Web-Seite über die Migräne-Aura: www.migraine-aura.org

Web-Seiten des gemeinnützigen Vereins MigräneLiga Deutschland: www.migraeneliga-deutschland.de

Wissenswertes von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft: www.dgmk.de

LESEN

Oliver Sacks Migräne Rowohlt TB, Hamburg 2007 (8. überarbeitete und erweiterte Auflage), € 12,–

Hans-Christoph Diener Migräne Ein Buch mit sieben Siegeln? 100 Fragen und 100 Antworten Thieme, Stuttgart 2002 (3. überarbeitete Auflage), € 17,95

Tilman Wetterling Organische psychische Störungen Hirnorganische Psychosyndrome Steinkopff, Darmstadt 2002, € 39,95

Hans-Christoph Diener, Werner Hacke, Michael Forsting (Hrsg.) Schlaganfall Thieme, Stuttgart 2004 (vergriffen, nur noch antiquarisch erhältlich)

Bildband, in dem viele der Kunstwerke enthalten sind, die diesen Artikel illustrieren: Klaus Podoll, Derek Robinson Migraine Art The Migraine Experience from Within North Atlantic Books New York 2009, ca. € 25,–

Wissenschaftlicher Übersichtsartikel: Jens P. Dreier The role of spreading depression, spreading depolarization and spreading ischemia in neurological disease Nature Medicine Vol. 17 (4), April 2011, S. 439–447



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