Ausgabe: 12/2010, Seite 27   -  Leben & Umwelt

GENIE MIT SCHNAUZE

Kein Tier versteht es wie der Hund, Mimik und Gestik des Menschen treffsicher zu imitieren.

von Simone Einzmann
 

Die Studentin Zsofia Viranyi dreht sich im Kreis, dann ruft sie „Jetzt du, Todor“. Todor lässt sich nicht lange bitten, wirbelt herum, bis er schließlich seine Pirouette mit einem enthusiastischen Bellen beendet. „Wir dachten, für Hunde müsste es sehr schwierig sein, Menschen exakt zu imitieren“, erklärt der ungarische Hundeforscher Vilmos Csanyi von der Eötvös Loránd Universität in Budapest. „Schließlich haben selbst Schimpansen damit große Probleme. Aber tatsächlich lieben die Hunde es.“ Viranyi hebt einen Arm, Todor seine Pfote. Viranyi verbeugt sich, Todor macht es ihr nach.

Kein Tier versteht es wie der Hund, die Mimik und Gestik des Menschen zu deuten und zu imitieren. Noch nicht einmal unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen, gelingt das ähnlich gut. Versteckt man etwa einen Hundekuchen unter einem von zwei Bechern und nickt oder zeigt in die Richtung des Bechers mit der Belohnung, verstehen Hunde den Wink sofort, selbst Welpen. Schimpansen sind damit erst einmal überfordert, und Katzen lecken einfach die ausgestreckte Hand, berichtet die Hundeforscherin Alexandra Horowitz von der amerikanischen Columbia University.

WISSEN, WAS DER ANDERE DENKT

Einem Kopfnicken oder einem Fingerzeig zu folgen, scheint simpel. Doch während Menschen und Hunde das von Natur aus können, versagen andere Tierarten hier kläglich. „Es ist faszinierend, dass ein Hund mit Leichtigkeit versteht, dass ein anderes Lebewesen eigene Gedanken und Intentionen hat und dass es diese mit ihm teilen möchte“, so Horowitz.

Hunde filtern also zielstrebig die kommunikativen Aspekte unseres Verhaltens heraus und nutzen sie zu ihrem Vorteil. Gelernt haben sie dies in ihrer mehr als 15 000 Jahre langen gemeinsamen Evolution mit dem Menschen. Aggressive, unkooperative „Wolfshunde“ waren beim Menschen nicht gefragt, sondern zuverlässige Gefährten, die sich gut ins menschliche Leben einfügen konnten. „Hunde sind mit Sicherheit deshalb evolutionär so erfolgreich, weil sie die sozialen und kommunikativen Signale des Menschen besser lesen können als jedes andere Tier, vielleicht sogar besser als einige Menschen“, bestätigt der Hundeexperte und Anthropologe Brian Hare von der amerikanischen Duke University.

Hunde begreifen aber nicht nur simple Gesten. Mit etwas Übung können sie sogar eine Menge menschlicher Wörter und Befehle verstehen. Das hat zum Beispiel der Border Collie Rico bewiesen. Bekannt wurde der Hütehund vor zehn Jahren durch die TV-Sendung „Wetten, dass ...?“. 77 Wörter konnte Rico dort exakt den jeweiligen Spielzeugen zuordnen. Als Rico vor zwei Jahren starb, beherrschte er sogar 200 Begriffe. Das neue Sprachwunder heißt jetzt Betsy. Ricos Border-Collie-Kollegin beherrscht beachtliche 340 Wörter, berichtet Juliane Kaminski, die Ricos und Betsys kognitive Fähigkeiten am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie erforscht hat. Aber auch ein „normaler“ Hund kann bis zu 165 Wörter lernen, behauptet der Psychologe Stanley Coren von der University of British Columbia. Die meisten Hunde verstehen allerdings nur 40.

SCHARF GESCHLOSSEN

Dass Rico und Co überhaupt so viele Wörter in ihrem Hundehirn abspeichern können, haben sie vermutlich einem Lern-Kniff zu verdanken, von dem man lange glaubte, dass nur der Mensch dazu in der Lage sei: „fast mapping“ (wörtlich: schnelles Kartieren). Das Gehirn arbeitet dabei gewissermaßen nach dem Ausschlussverfahren. Nannte Ricos Besitzerin zum Beispiel einen neuen Begriff, der zu keinem Spielzeug passte, das er kannte, schloss er daraus, dass sie das neue, unbekannte Spielzeug im Zimmer meinen muss. Auch Kinder erweitern ihren Wortschatz auf diese Art und Weise.

Interessant ist dabei, dass sich die Konversation mit Hunden nicht in genormten Phrasen erschöpfen muss. Im Tierreich werden die gleichen Dinge normalerweise mit den gleichen Lautäußerungen kommuniziert. Ricos Frauchen aber konnte das zu suchende Spielzeug in die verschiedensten Fragesätze einbetten: „Bringst Du mir mal den Schneemann?“ oder „Wo ist der Schneemann?“. Rico wusste trotzdem sofort, welches das Schlüsselwort ist. „Mich fasziniert vor allem die Flexibilität, mit der Hunde menschliche Kommunikation nutzen, also ihre Begabung, kommunikative Hinweise zu deuten“, betont Kaminski.

Selbst der Normalhund daheim hat ein flexibles Sprachverständnis. Auch ein spontan formulierter Satz wie „Steh mal auf, wir gehen eine Runde um die Häuser“ lässt ihn sofort die Ohren spitzen und aufgeregt auf und ab springen. Dabei reagieren Hunde natürlich nicht nur auf unsere Worte, erklärt Alexandra Horowitz: „Menschen sind Gewohnheitstiere. Wir verhalten uns meist gleich, ob wir uns anziehen oder ausgehen. Hunde sind unglaublich gut darin, sich solche Ereignisketten zu merken, sodass es uns manchmal vorkommt, als wüssten sie bereits, was wir tun wollen, bevor es uns selbst klar ist.“ Ihre erstaunliche Abstraktionsgabe erstreckt sich aber nicht nur auf Wörter und Handlungsabläufe, das haben die Wissenschaftler am Leipziger Max-Planck-Institut herausgefunden. Hunde können sogar mit Fotos etwas anfangen. Zeigte Juliane Kaminski der Collie-Hündin Betsy ein Foto einer Frisbee-Scheibe, kam diese schnurstracks aus dem Nebenraum mit einem Frisbee zurück. Der Hündin ist damit etwas gelungen, womit selbst kleine Kinder Probleme haben können. Sie hat ohne Weiteres verstanden, dass ein Foto mehr sein kann als nur ein zweidimensionales Stückchen Papier. Es kann ein dreidimensionales Objekt repräsentieren und der Kommunikation dienen.

EINE SPRACHE FÜR UNS?

Kann man aber tatsächlich von richtiger Kommunikation, einem Austausch zwischen Mensch und Hund, sprechen, wenn doch Hunde eigentlich nur die Befehle ihres Herrchens ausführen? Der Hundeforscher Péter Pongrácz von der Eötvös Loránd Universität ist davon überzeugt. Er glaubt, dass Hunde nicht nur Aspekte der menschlichen Sprache verstehen, sondern eine eigene Sprache entwickelt haben, um sich mit dem Menschen zu verständigen. Schließlich bellen nur Haushunde regelmäßig, Wölfe und ausgewachsene wildlebende Hunde dagegen äußerst selten. Dabei scheint sowohl das schrille Kläffen eines Chihuahuas als auch das tiefe Knurren eines Dobermanns spezifische Informationen zu enthalten, die von Menschen ohne Probleme entschlüsselt werden können. „Selbst sechsjährige Kinder und Menschen, die noch nie einen Hund hatten, können diese Muster verstehen“, so Pongrácz. „Sie wissen sofort, ob mit dem Bellen Angst, Glück oder Aggressivität ausgedrückt werden soll.“ Umgekehrt kann der Hund unsere Gefühle am Klang unserer Stimme, an unserer Mimik und vor allem an unserem Geruch erkennen und reagiert entsprechend. „Hunde riechen unsere Emotionen. Sie haben die außergewöhnliche Fähigkeit, den Hormoncocktail, den wir ausschütten, wahrzunehmen und zu deuten“, erklärt Alexandra Horowitz.

UNIVERSALWERKZEUG MENSCH

Diese Fixiertheit auf den Menschen hat auch seine Tücken, zumindest in Versuchslabors. Hunde bestehen dort nicht alle Intelligenz-Tests mit Bravour, denn sie vertrauen dem Menschen blind – vor allem ihrem Besitzer. Gibt dieser mit Absicht falsche Anweisungen, sind sie aufgeschmissen. Auch wenn bei Experimenten etwas Logik mit im Spiel ist, bekleckern sich Hunde meist nicht mit Ruhm. Aber selbst wenn Hunden manchmal die nötige Eigeninitiative und Bauernschläue der Wölfe zu fehlen scheint, so beherrschen sie doch ein unglaublich leistungsstarkes Universalwerkzeug, das selbst die komplexesten Aufgaben im Nu erledigt: den Menschen. „Wir bieten Schutz, Nahrung und Gesellschaft – alles in einem. Wir lösen das Problem verschlossener Türen, verhedderter Leinen und leerer Futternäpfe“, erklärt Horowitz. „Im Volksglauben der Hunde sind Menschen einfach fantastisch.“ Die Vorfahren der Hunde haben vermutlich schnell gelernt, dass es am sinnvollsten ist, sich im Zweifelsfall an den Menschen zu halten – den Herrscher und Erfinder einer Welt, deren Regeln für das Hundegehirn nicht immer nachvollziehbar sind.

Ihre Strategie hat sich bewährt. Schließlich bevölkern Hunde eine luxuriöse ökologische Nische – unsere Sofas. Und daran wird sich vermutlich so schnell nichts ändern, glaubt Britta Osthaus von der britischen Canterbury University: „Der Hund passt genau so, wie er ist, in unser Leben. Und solange er es schafft, uns mit seiner sozialen Intelligenz dazu zu verleiten, ihm immer wieder einen Hundekuchen zuzustecken, wird er so bleiben wie er ist – ziemlich perfekt.“ ■


SIMONE EINZMANN hat (menschliche) Psychologie studiert, interessiert sich aber auch für die Psyche der Tiere.

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Alexandra Horowitz Was denkt der Hund? Wie er die Welt wahrnimmt – und uns Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg 2010, € 24,95

Alwin Schönberger Die einzigartige Intelligenz der Hunde Piper, München 2007, € 9,95



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