Ausgabe: 2/2010, Seite 64   -  Kultur & Gesellschaft

WAS WIRD AUS UNSERER SPRACHE?

Über den Verfall der deutschen Hochsprache wird lamentiert, seit es sie gibt. Aber: Jede Sprache verändert sich. Linguisten wagen Prognosen, wie Deutsch in 100 Jahren klingen wird.

von Cornelia Varwig
 

„Wo kompstu her?“ – Was meinen Sie: Kanaksprach oder Lutherdeutsch? Tatsächlich wählte Martin Luther diese Schreibweise, als er vor fast 500 Jahren die Bibel ins Deutsche übersetzte. Wir verstehen zwar die Frage, doch schreiben würden wir sie so nicht – zumindest derzeit nicht. Denn was heute noch als falsch gilt, könnte schon in wenigen Jahrzehnten Standarddeutsch sein. Nur, wie verändert sich die deutsche Sprache? Wird sie in 100 Jahren überhaupt noch existieren? Ja, sagen die Sprachwissenschaftler einstimmig. Zwar sind am Ende dieses Jahrhunderts nach Einschätzung des britischen Linguisten David Crystal von den heutigen rund 6000 Sprachen nur noch 600 übrig. Deutsch wird aber auf jeden Fall dabei sein – wenn auch mit weniger Sprechern. Heute kommunizieren 102 Millionen Menschen auf Deutsch als Muttersprache. Damit rangiert es gerade noch unter den Top Ten der meistgesprochenen Sprachen (siehe Grafik Seite 66). Mit dem demographischen Wandel wird freilich auch die Sprachgemeinschaft schrumpfen.

Die Entwicklung des Englischen gibt uns Hinweise auf das Deutsch von morgen, ist Gerhard Jäger, Professor für Linguistik an der Universität Tübingen, überzeugt: „Die beiden Sprachen germanischen Ursprungs sind sich sehr ähnlich, das Englische verändert sich lediglich schneller. Das liegt wohl daran, dass es von jeher stärker von außen beeinflusst war.“ Während die Engländer mitunter Probleme haben, 400 Jahre alte Shakespeare-Texte im Original zu lesen, versteht man das Lutherdeutsch auch heute noch recht gut.

USA – DAS FENSTER ZUr ZUKUNFT

„Seit es die Medien gibt und mit ihnen phonographische Aufzeichnungen, ist nicht mehr nur die geschriebene, sondern auch die gesprochene Sprache weitgehend festgelegt“, meint der Sprachexperte Jürgen Trabant. Trotzdem wird sich einiges ändern, prophezeit Gerhard Jäger, denn: Deutschland ist ein Einwanderungsland geworden. Man braucht nur einen Blick in die USA werfen, um in die eigene Zukunft zu schauen. „Es findet eine sogenannte Kreolisierung, eine Durchmischung von Sprachen statt“, erklärt Jäger.

Generell ist der Sprachwandel vergleichbar mit der Evolution in der Biologie – eine Ähnlichkeit, die bereits Charles Darwin erkannt hatte. „In der Biologie besteht eine Population aus einzelnen Individuen, die unterschiedlich gut an die Umgebung angepasst sind – je besser, desto erfolgreicher pflanzen sie sich fort. So ähnlich ist das mit der Sprache auch“, sagt Jäger. Was sich bewährt, wird weitergegeben, der Rest stirbt aus. Kleine Änderungen etwa in der Aussprache wirken nach Ansicht von Jäger wie Mutationen in der Biologie. Durch Modeerscheinungen entstünden Selektionsvorteile. Man sagt zum Beispiel heute Kino statt Lichtspieltheater, ein Wort, das laut Duden mittlerweile als veraltet gilt. „Das Ganze ist ein ungerichteter Prozess“, betont Jäger. Niemand gibt die Veränderungen vor.

Mithilfe der Evolutionären Spieltheorie, die erfolgreiche Verhaltensmuster erklären kann, lässt sich herausfinden, welche sprachlichen Strukturen sinnvoll sind und sich künftig vermutlich durchsetzen werden. Ein Beispiel: In fast allen Sprachen gibt es die Vokale a, i und u. Sie gehören quasi zur Grundausstattung. Warum das so ist – und es nicht etwa i, ü und e sind – zeigt eine Simulation am Computer. Während i, ü und e bei der Verständigung leicht zu verwechseln sind, bieten a, i und u den größtmöglichen Kontrast und damit ein stabiles Vokalsystem, das Missverständnisse weitgehend ausschließt. „Die deutschen Umlaute ä, ö und ü sind relativ selten. Womöglich werden sie in 500 Jahren ausgestorben sein“, spekuliert Jäger – der dann vielleicht Jeger oder Jager heißen würde.

Weitgehend verschwinden werden in den nächsten 100 Jahren auch die starken beziehungsweise unregelmäßigen Verben, sagt der Linguist voraus. Heute gibt es nur noch etwa 170 Verben, bei denen die Vergangenheitsformen unregelmäßig gebildet werden – wie etwa „reiten, ritt, geritten“ oder „erschrecken, erschrak, erschrocken“. Von den schwachen, also regelmäßigen Verben – etwa „lieben, liebte, geliebt“ – gibt es mindestens zehnmal so viele. Wie sich starke in schwache Verben verwandeln, kann man täglich beobachten. „Vor 50 Jahren verwendete man für das Imperfekt von backen noch buk, aus stecken machte man stak. Heute sagt man backte und steckte“, erklärt Jäger. Im Englischen ist diese Entwicklung schon weiter vorangeschritten. Die Zeitenform Past tense wird regulär mit der Endung -ed gebildet. Unregelmäßige Verben sind die große Ausnahme, etwa „do, did, done“.

Da rennte er weg

Eine mögliche Ursache für diese Entwicklung sieht Jäger beim Spracherwerb: „Kinder lernen erst einzelne Vergangenheitsformen. Dann merken sie, dass eine Regel dahintersteckt und wenden diese durchgängig an, sagen dann etwa ‚rennte‘ statt ‚rannte‘. Erst in einem dritten Schritt lernen sie, dass es Ausnahmen gibt. Möglicherweise wird dieser dritte Schritt nicht immer vollzogen, etwa wenn die Kinder nicht verbessert werden.“ Den Verlust der starken Verben kann man bedauern – oder dagegen vorgehen. So haben Studenten eine „Gesellschaft zur Stärkung der Verben“ gegründet. Nicht ganz ernst gemeint bilden sie auf ihrer Internetseite (siehe Kasten „Mehr zum Thema“) starke Vergangenheiten von schwachen Verben. Zum Beispiel: Ich magere ab, ich mirg ab und ich bin abgemorgen. Diese Formen werden sicher nicht in den deutschen Sprachgebrauch übergehen. Stattdessen werden Linguisten wohl spätestens in 300 Jahren eine neue Gruppe von Wortendungen feststellen. Fragen wie „Kennstese?“ statt „Kennst du sie?“ oder „Willers?“ statt „Will er es?“ werden völlig geläufig sein, meint Jäger. Subjekt und Objekt würden künftig einfach als Suffixe an das Verb angehängt – eine Verkürzung, die heute umgangssprachlich schon geläufig ist. „Die Schriftsprache ist zwar konservativer als die gesprochene Sprache, trotzdem wird sie irgendwann nachfolgen“, ist Jäger überzeugt. Da ist man schon fast wieder bei Luthers Frage „Wo kompstu her?“

Dass der „Dativ dem Genitiv sein Tod“ ist, hat Bastian Sick in seinem gleichnamigen Bestseller pfiffig kommentiert. Auch Gerhard Jäger glaubt, dass das Deutsche die Kasusunterscheidung von Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ teilweise verlieren wird. Bei der Verwendung des Genitivs ist dieser Verlust schon weit vorangeschritten. Wer wegen dem schlechten Wetter zu Hause bleibt – und nicht wegen des schlechten Wetters –, erntet bisweilen böse Blicke. Doch Jäger meint: „In 50 Jahren wird sich kaum jemand an die Unterscheidung erinnern.“

Ebenso wird man wohl erzählen können, wie dem Freund sein Auto kaputt gegangen ist, oder wie der Schwester ihre Feier war, ohne Stirnrunzeln zu ernten. Auch wer den Akkusativ für eine stabile Größe in der deutschen Grammatik hält, wird von Jäger eines Besseren belehrt. Wenn Goethe schreibt „Werthern liebt Lotte“ – Wer liebt dann wen? „Das Akkusativ-n zeigt an, dass es Lotte ist, die Werther liebt, doch das versteht heute kaum jemand mehr“, stellt Jäger fest. Und prophezeit: „Wenn ein Wort seine Stellung im Satz nicht mehr anzeigt, hat das zur Folge, dass die Wortstellung im Satz fixiert wird“ – so wie im Englischen. Mit der Reihenfolge der Wörter – nicht mehr mit der Endung – legt man fest, um welchen Kasus es sich handelt.

Ein noch größerer Aufreger als dem Genitiv und dem Akkusativ ihr Ende ist ein Nebensatz, der mit „weil“ beginnt und als Hauptsatz endet. Zum Beispiel: Ich gehe heute nicht zur Arbeit, weil mir geht’s nicht gut. Gerhard Jäger klärt auf: „Diese Form gibt es schon im Althochdeutschen, also seit dem 8. Jahrhundert.“ Sie ist keineswegs eine neumodische Verfallserscheinung. Wie es kommt, dass sich eine Wendung hartnäckig hält, selbst wenn sie nicht zur normativen Grammatik zählt, kann der Linguist nicht erklären. Grammatik lasse sich ohnehin nicht reglementieren. Das sei beim Wortschatz schon eher möglich.

ABSCHIED VON DER FEDERBÜCHSE

Wie der sich verändert, zeigt ein Blick in den Duden. Zwar wird hier nicht reglementiert, aber immerhin dokumentiert. Jährlich kommen dort im Schnitt 800 Wörter hinzu. „Das sind nicht alles Neuschöpfungen“, erklärt Werner Scholze-Stubenrecht, stellvertretender Leiter der Dudenredaktion in Mannheim. Viele Wörter gibt es schon länger, doch sie werden erst mit einer neuen Dudenauflage erfasst. Die Zahl der echten Neuzugänge siedelt Scholze-Stubenrecht in einem niedrigen dreistelligen Bereich an. Im aktuellen Duden zählen dazu: Abwrackprämie (Wort des Jahres 2009), fremdschämen, Hybridauto, twittern und Zwergplanet. Die Zahl der Anglizismen unter den Neuaufnahmen schätzt der Dudenredakteur auf drei bis fünf Prozent. Wörter, die nicht mehr im Sprachgebrauch vorkommen, werden mit der Zeit aussortiert. Aus der Dudenauflage 2009 sind unter anderem verschwunden: Auskehricht, ehegestern, Federbüchse, Genüssling, Magdtum, scharmieren und Weißsucht. Und so stellt sich der Dudenredakteur die Zukunft des Deutschen vor: „An der Grammatik wird sich wenig ändern, doch der Wortschatz wird zahlreiche Wörter enthalten, die wir heute noch nicht kennen.“

Der Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant ist indessen den Neuerungen der Aussprache auf der Spur. Ein Beispiel: „Bei den meisten Leuten hört man keinen Unterschied mehr, wenn sie Emulsion und Diskussion sagen.“ Das Doppel-s geht verloren, und klanglich bleibt die „Diskusion“, obwohl sich das Wort vom lateinischen „discussi“ ableitet. Wo man die Abstammung dagegen seit Kurzem deutlicher hört, ist bei alten englischen Fremdwörtern wie Code und Baby, meint Trabant. „Jahrzehntelang wurde ‚Kood‘ und ‚Bebi‘ gesagt, doch neuerdings sind die Diphtonge, also ou und ei, wieder zu hören.“

SEX UND CENT

„Viele geben ‚New York‘ jetzt ein amerikanisches Gaumen-r, nur um zu signalisieren, dass sie schon einmal dort gewesen sind“, amüsiert sich der Linguist über die aktuelle Anglisierungswelle. Auch die Wörter Sex und Cent hätten keine Chance auf eine deutsche Aussprache. Sex mit einem weichen stimmhaften S – das klänge doch irgendwie anrüchig. Was den Deutschen in Trabants Augen fehlt, ist die Fähigkeit oder der Wille, englische Wörter zu assimilieren. „Die Deutschen haben eine regelrechte Freude am fremden Klang.“ Das gelte allerdings hauptsächlich für das Englische, denn „Pari“ statt „Paris“ zu sagen, würden die meisten wohl albern finden. Trabant zieht den Schluss: Künftig werden immer mehr englische Phoneme in unserer Sprache zu hören sein – egal, ob das Sinn macht oder nicht.

„Sinn machen“ – Pfui, werden Sie jetzt vielleicht sagen. Doch vermutlich ist es zu spät, die englische Wendung „make sense“ aus dem Deutschen zu verbannen. „Mit dem Ausdruck ‚Das macht Spaß‘ gibt es bereits eine analoge Struktur, deshalb wird die Neuerung von vielen widerstandslos übernommen“, erklärt Trabant. Er selbst verspürt einen Widerstand in sich, wenn er sieht, wie speziell in Wirtschaft und Wissenschaft das englische Vokabular Einzug hält. „Häufig werden gar keine deutschen Wörter mehr gesucht und ausprobiert“, beklagt Trabant, der als Professor für Europäische Mehrsprachigkeit an der Jacobs University selbst zum täglichen Englisch verdonnert ist. „Das ist besonders ungünstig, wenn man versucht, Kindern die Wissenschaft näher zu bringen“, so Trabant. Galileo Galilei habe extra vom Lateinischen zum Italienischen gewechselt, um volksnäher zu sein. „Bei uns führt das zum hysterischen Englischlernen in den Kindergärten. Ehrgeizige Eltern plagt die Sorge, ihr Kind werde später nicht im Aufsichtsrat sitzen, wenn es nicht rechtzeitig Englisch lernt.“ Trabant befürchtet, dass sich auf diese Weise eine „Kaste der Anderssprachigen“ bildet und die Oberschicht sprachlich auswandert – während viele Migranten gar nicht erst einwandern.

ISCH Mach DISCH MESSA

Wie das klingt, machen Kreuzberger Jugendliche vor, die eine körperliche Attacke mit den Worten androhen: „Isch mach disch Messa.“ Wer denkt, die Jugend könne es nicht besser, der irrt, behauptet Heike Wiese. Die Leiterin des Instituts für Germanistik an der Universität Potsdam ist Spezialistin für „Kanaksprach“ oder auch „Kiezdeutsch“, einen neuen Dialekt des Deutschen, der ein paar Fremdwörter aus dem Türkischen übernommen hat. „Kiezdeutsch ist Teil der Jugendsprache und wird nur unter Freunden gesprochen, nicht mit Lehrern und Eltern“, erklärt Wiese. Der Slang, den durchaus auch deutschstämmige Jugendliche mit multiethnischem Umfeld benutzen, werde irgendwann wieder ablegt. Insofern schätzt Wiese den Einfluss auf die Majoritätssprache als gering ein. Wenn überhaupt, werden einzelne Begriffe übernommen, etwa das türkische „Lan“ für „junger Mann“ oder das arabische „Wallah“, was soviel heißt wie „bei Gott“. Das hat ebenso wenig religiöse Bedeutung wie das deutsche „Gott sei Dank“ und wird so ähnlich wie „echt, wirklich“ verwendet.

„Meine fünfjährige Tochter, die in Kreuzberg in den Kindergarten geht, sagt jetzt neuerdings ‚Abu‘, wenn sie sich über etwas empört“, berichtet Wiese. Das Wort kommt aus dem Arabischen, heißt Vater und wird oft in Zusammenhang mit entsprechenden Beleidigungen verwendet. „Man benutzt es neuerdings etwa, wenn man in der U-Bahn angerempelt wird“, erklärt Wiese. Solche Anleihen stellen keine Bedrohung für die deutsche Sprache dar, meint sie. Auch Jürgen Trabant glaubt nicht, dass Türkisch oder Arabisch das Deutsche wesentlich beeinflussen werden. „Diese Sprachen haben für die meisten keinen Appeal.“

Ein Wörtchen, das von der Jugendsprache bereits ins Standarddeutsch diffundierte, ist „geil“. Der Sprachforscher Helmut Henne erklärt den Ursprung des Worts: „Er kommt aus dem Mittelalter und wurde für Pflanzen benutzt, die aufrecht stehen. Erst später kam die sexuelle Bedeutung hinzu.“ Die meisten Jugendlichen kennen weder die eine noch die andere, sondern benutzen „geil“ einfach als Ausdruck der Begeisterung. „Im Dienstgespräch würden die meisten Erwachsenen das wohl nicht sagen, abends beim Bierchen hingegen schon“, meint Heike Wiese. Auch sonst ist nichts gegen Jugendsprache einzuwenden. Denn zum Teil ist sie extrem kreativ, amüsant und treffsicher. Der Dudenredaktion ist sie sogar eine Neuauflage ihres Szenewörterbuchs wert. Darin findet man Wortschöpfungen wie „Münzmallorca“ für Solarium, „Dönieren“ für nächtliches Döner-Essen und „Futternarkose“ für die Sättigung nach dem Mahl. Zum Jugendwort 2009 wurde „hartzen“ erkoren, als Begriff für arbeitslos herumhängen.

LINGUISTISCHE KAMMERJÄGER

Wenn schon nicht die Jugend – wird dann das Internet die deutsche Sprache ruinieren? Fehlanzeige, sagen die Experten. Jürgen Trabant vermutet, dass sich – wenn überhaupt – so etwas wie eine Variante der Standardsprache entwickelt: „Wer im Chat-room schnell schreibt und das Deutsche dabei mit Witz abwandelt, muss es erst einmal beherrschen.“ Auch Gerhard Jäger befürchtet keinen sprachlichen Niedergang im Netz. „Doch vielleicht werden wir die konsequente Kleinschreibung, die viele online praktizieren, irgendwann in den Alltag übernehmen“, spekuliert der Linguist und gibt zu, selbst schon ein wenig den orthografischen Blick verloren zu haben. Vielleicht wäre die Kleinschreibung etwas für die nächste Rechtschreibreform, die Jäger spätestens in 20 Jahren kommen sieht. Trabant wünscht sich unabhängig von Reformen mehr Sprachpflege: „Ich rede nicht von einer Sprachpolizei. Aber eine staatliche Institution, die über das Deutsche reflektiert und Vorschläge macht, wäre gut.“ Die Arbeit der französischen Sprachbehörde, die hierzulande oft belächelt wird, findet er vorbildhaft. Von den teils tümelnden deutschen Sprachvereinen hält Trabant hingegen wenig. So geht es auch Jutta Limbach, der ehemaligen Präsidentin des Goethe-Instituts, die im Büchlein „Hat Deutsch eine Zukunft?“ schreibt: „Die Versuche linguistischer Kammerjäger, Fremdwörter einzudeutschen und statt des „Airbags“ das „Prallkissen“, statt des „Chattens“ das „Netzplaudern“ in Umlauf zu bringen, sind mitunter unfreiwillig komisch.“

Heike Wiese betont, dass die Briten immer noch so schreiben, wie sie vor 300 Jahren gesprochen haben, während sich das gesprochene Englisch rasch verändert hat. „Da fehlen mindestens sechs Reformen, und trotzdem funktioniert die Sprache.“ Ob mit oder ohne Reform – das Deutsche wird sich weiterentwickeln. In 100 Jahren heißt es dann vielleicht: „Abu, kannstema uber dem deutsch seine zukunft eine diskusion fuhren, die sinn macht, weil ich hab genug geschreibt, wallah!“ ■


DEUTSCH, EIN STRASSENKÖTER

Es ist kaum möglich, „das Deutsch“ der Zukunft vorauszusagen, weil es in der gesprochenen Sprache viele Varianten gibt, die sich zum Teil stark vom Schriftdeutsch unterscheiden. „Sogar der Bundespräsident würde in einer Ansprache ‚gebm‘ und nicht ‚geben‘ sagen“, stellt die Sprachexpertin Heike Wiese fest. Die Standardisierung einer Sprache ist eine politische Vereinbarung, die in Deutschland im 18. Jahrhundert stattfand und die nirgendwo so stark ist wie hierzulande. Bis die Sprache vereinheitlicht wurde, pflegte in den zersplitterten Fürstentümern jeder seinen eigenen Dialekt. „Verständigen konnten sich die Leute trotzdem“, ist Wiese überzeugt.

Das gesprochene Deutsch bezeichnet der Romanist Jürgen Trabant gerne als „Straßenköter“. Es besteht zum Teil aus Lehnwörtern, die unter anderem aus dem Lateinischen, Englischen und Französischen kommen, zum Teil aus Dialekten. Die meisten deutschen Dialekte werden in 100 Jahren ausgestorben sein, erwartet der Tübinger Linguist Gerhard Jäger. „Wenn es Vereine zur Pflege der Dialekte geben muss, ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass sie bereits verloren sind.“

Das Hochdeutsche hat dagegen einige einzigartige Vokabeln, die sogar Exportschlager sind, weil in vielen Sprachen entsprechende Wörter fehlen – etwa „Schadenfreude“, „Weltschmerz“, „Kindergarten“ und „Katzenjammer“. Auch in einer anderen Disziplin ist Deutschland Weltklasse: im Wortketten bilden. Die meisten Wörter im Duden haben 11 Buchstaben, aber es gibt eins mit 67. Es kommt natürlich aus der Behördensprache und lautet: Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeits- übertragungsverordnung.



SPRACHE ÄNDERT SICH VON „MENSCH“ ZU „MENS“

„Mit jeder Generation kommen neue Begriffe in den Wörterpool, dafür erhalten alte eine andere Bedeutung oder sterben aus“, erklärt die 70-jährige Sprachforscherin Sally Thomason von der University of Michigan Ann Arbor. Die Präsidentin des Verbands der amerikanischen Linguisten untersucht seit Jahren, wie sich Sprachen verändern. Zu ihrer Schulzeit brachte man seine Begeisterung mit „swell“ zum Ausdruck, amerikanische Teenager können damit heute gar nichts mehr anfangen. Sie sagen stattdessen „cool“ oder „dead“. Zudem haben sie jüngst das für Vergleiche benutzte „like“ („She runs like the wind“) zum Betonungsmittel erkoren. Wer etwa garantiert nicht zu einer Feier kommen möchte, sagt neuerdings: „I will so not like go to the party“.

„Sprache ist das einfachste und effektivste Mittel, um sich zu definieren und sich abzugrenzen“, weiß die Linguistin. Das gilt nicht nur für Teenager. Um seine Eigenständigkeit zu demonstrieren, erklärte ein Stamm in Papua-Neuguinea, der immerhin zehn Prozent der Bevölkerung dort ausmacht, alle bisherigen weiblichen Artikel und Adjektivendungen zu männlichen und umgekehrt. Ähnliches hatte die sozialistische Regierung in Schweden in den 1960er-Jahren im Sinn. Sie schaffte mit der Du-Reform die Höflichkeitsform in der Anrede ab und erteilte somit dem konservativen Establishment eine Abfuhr. „Oft wird Sprache einfach nur simpler“, meint Thomason. Japaner sagen heute zu „essen können“ tabereru statt taberareru. Diese Buchstabendiät gilt auch für andere auf -ru endende Verben, die man auf Japanisch „können“ möchte. Die Niederländer haben das Wort „Mensch“ zu „mens“ reduziert und einigten sich, ähnlich wie die Engländer, auf nur einen Artikel.

Zudem gibt es dank des technischen Fortschritts einen Haufen neue Verben im Englischen, wie to google (etwas im Internet suchen), to xerox (etwas fotokopieren) oder to friend (sich mit jemandem in einem sozialen Netzwerk wie „Facebook“ anfreunden). DK



MEHR ZUM THEMA

BÜCHER

Jürgen Trabant WAS IST SPRACHE? C.H. Beck, München 2008, € 14,95

Jutta Limbach HAT DEUTSCH EINE ZUKUNFT? Unsere Sprache in der globalisierten Welt C.H. Beck, München 2008, € 14,90

Helmut Henne JUGEND UND IHRE SPRACHE Darstellung, Materialien, Kritik Olms Verlag, Hildesheim/Zürich/New York 2009, € 39,80

Dirk Bathen, Josefine Sporer, Eva Deinert, Martin Haiss (Hrsg.) DUDEN – Das neue Wörterbuch der Szenesprachen Bibliographisches Institut Mannheim 2009, € 14,95

INTERNET

Seite zur Pflege der deutschen Sprache: www.aktionlebendigesdeutsch.de/

Gesellschaft zur Stärkung der Verben: verben.texthteater.de

Zur Arbeit der Sprachforscherin Heike Wiese: www.kiezdeutsch.de

Neue Wörter entdecken und selbst welche eintragen kann man auf: szenesprachenwiki.de



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